Aufruf zur Gründung einer ökologischen Stadt in der Mark Brandenburg

Berlin, im November 1991

Bedingt durch die neue Funktion Berlins als Oberzentrum für die neuen Bundesländer, als Hauptstadt für die Bundesrepublik Deutschland, als europäisches Zentrum mit Ausstrahlung nach Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn, Baltikum, Westrußland prognostiziert man für diesen Raum ein Wachstum von jetzt 4,5 Mio auf 8 Mio Einwohner bis zum Jahre 2010.
Schon heute fehlen Wohnungen, Arbeitsstätten, Versorgungseinrichtungen, Freiräume, bedrängen Verkehr, Larm, Emissionen.
Viele drängen nach Berlin, um neue Arbeitsmöglichkeiten zu finden oder zu entwickeln, viele drängen aus Berlin in das Umland Brandenburg, um dem Gedränge zu entgehen, aber doch in Kontakt mit Berlin zu bleiben.

Ein Teil dieser Menschen hat sich daher entschlossen, in der Mark Brändenburg eine neue Heimat zu finden und eine Stadt zu gründen, die an ökologischen Prinzipien des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens orientiert ist. Die dem Zusammenleben in dieser Stadt zugrunde liegenden ökologischen Prinzipien zielen nicht nur auf die Begrenzung des Raubbaus an unserer Umwelt, sondern vielmehr auf die Förderung und Heilung unserer Lebensgrundlagen, um damit die Schönheit, Fülle, Vielfalt und Qualität menschlichen Zusammenlebens im Einklang mit der Natur möglich zu machen und einen Beitrag zur Heilung von Mensch und Erde zu teisten; biese Gwndsätze sind die rahmengebende Vereinbarung, unter der die Menschen in dieser Stadt zusammenleben, um sie mit ihrer individuellen Vielfalt und Kreativität zu füllen, auszuformen und weiter zu entwickeln.

Stadt der Vielfalt: Die meisten Menschen wohnen nicht nur in dieser Stadt, sondern haben hier auch ihren Arbeitsplatz und gewinnen daher täglich 2 bis 3 Stunden an Lebenszeit, statt zu pendeln.

Stadt der Überschaubarkeit: Die Stadt gliedert sich in 12 Stadtteile mit je 12 Nachbarschaften. Jede der 144 Nachbarschaften hat etwa 360 Bewohner und etwa 135 Arbeitsplätze. Jeder Stadtteil hat seine charakteristische Ausprägung. Zwischen den Stadtteilen befinden sich Landschaftskorridore (Wildkorridore), die fingerartig in die freie Landschaft hinausführen.
Das Wachstum wird auf 50.000 Einwohner und 20.000 Arbeitsplätze begrenzt. Ein darüber hinausgehendes Wachstum führt zur Gründung weiterer ökologischer Städte.

Stadt des geringen Landverbrauchs: Um den Landverbrauch möglichst gering zu halten und möglichst viel freie Landschaft zu erhalten, beträgt die mittlere Dichte 50 Einwohner pro Hektar, das sind 200 qm Grundfäche pro Einwohner. Bei einer maximalen Zahl von vier Geschossen und einer durchschnittlichen Zahl von zwei Geschossen werden 15% des Bodens mit Wohnungen, Arbeitsstätten und öffentlichen Einrichtungen überbaut. Die verbleibenden 85% sind Freiflächen für den privaten, den halböffentlichen und den öffentlichen Raum.

Stadt der kurzen Wege: Durch diese Dichte beträgt die Entfernung vom Rand zur Mitte der Stadt etwa 1,5 bis 2 km, d.h. ca. 30 Minuten zu Fuß, bzw. 6 Minuten mit dem Rad oder dem Solarmobil. Mit fossilen Brennstoffen betriebene Kfz werden in Sammelgaragen am Rand abgestellt und nur für Fernfahrten verwendet. Der Transport innerhalb der Stadt erfogt mit dem Rad, mit Solarmobilen oder anderen in der Entwicklung befindlichen emmissionsfreien Fahrzeugen. Durch eine Anbindung an die Nahschnellverkehrsbahn kann das Zentrum Berlins binnen 30-45 Minuten erreicht werden.

Stadt der Eigenverantwortung: Alle Bewohner tragen als Gesellschafter der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft mbH finanziell und als Entscheidungsträger zur Realisierung der ökologischen Zielsetzungen bei. Auf der Ebene der Nachbarschaften bilden sich kleine Subgesellschaften (GbR, GmbH, gGen), die möglichst basisnah ihre eigenen Belange verwalten.

Stadt des verantwortungsvollen Umgangs mit Energie: Durch Energieeinsparung und rationelle Energieverwendung beträgt der Verbrauch an Energie für Wärme, Elektrizität und Verkehr weniger als 20% des Primärenergiebedarfs einer Siedlung vergleichbarer Größe und Struktur. Der Energiebedarf wird vorrangig aus erneuerbaren, lokal verfügbaren Energiequellen (Sonne, Wind, Biomasse) gedeckt.

Stadt des verantwortungsvollen Umgangs mit Emmissionen: Durch den reduzierten Energieumsatz reduzieren sich auch die durch Energieumsatz bewirkten Emmissionen, wie Kohlenmonoxid, das den Treibhauseffekt wesentlich fördernde Kohlendioxid, Schwefeldioxid, Stickoxide, Ruß und Staub, radioaktive Strahlung und Abwärme in der Abluft, im Abwasser und in festen Abfällen auf weniger als 20% einer vergleichbaren Siedlung.

Stadt der Ruhe und der Gelassenheit: Die Stadt ist eine Stadt der Ruhe und Gelassenheit. Der Lärm von Autos, Produktionsbetrieben und Freizeiteinrichtungen ist gering. Die lautesten Geräusche kommen von singenden Vögeln, spielenden Kindern und Feste feiernden Menschen.

Stadt des verantwortungsbewußten Umgangs mit Wasser: Es wird weniger als 60% des Trinkwassers vergleichbarer Siedlungen gebraucht Regenwasser wird genutzt. Fäkalien werden in Komposttoiletten in Humus verwandelf. Die Reinigung des verbleibenden Grauwassers erfolgt in biologisch optimierten Pflanzenkläranlagen.

Stadt des verantwortungsbewußten Umgangs mit Abfall: Durch Müllvermeidung und Recycling entstehen weniger als 25% feste Abfallstoffe als in vergleichbaren Siedlungen. Diese werden umweltverträglich deponiert. Organische Stoffe werden als Kompost, Wertstoffe wie Papier, Pappe, Glas, Metalle, Kunststoffe werden als recyclte Produkte an die Bevölkerung zurückgegeben. Die Stadt reguliert Menge und Qualität importierter Produkte nach der Umweltverträglichkeit des daraus entstehenden Abfalls (Menge, Recyclierbarkeit, umweltverträgliche Deponierbarkeit des Restmülls).

Stadt der umweltverträglichen Bauweisen: Die Gebäude sind aus umweltverträglichen, energie- und ressourcensparenden Baustoffen , wie Holz, Ziegel, Lehm, Glas, Planzen- und Tierfasern, lebender Bewuchs von Dächern und Fassaden, lebende Hecken zur Grundstücksabtrennung usw. gebaut. Sie sind umweltschonend zu errichten, zu nutzen, zu reparieren und zu beseitigen.

Stadt der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln: Jeder, der es wünscht, erhält einen eigenen Garten. Ein Drittel der Nahrungsmittel - insbesondere Gemüse und Obst - werden in der Stadt selbst erzeugt. Ein weiteres Drittel wird in den um die Stadt liegenden landwirtschaftlichen Flächen in biologisch-organischer Wirtschaftsweise erzeugt. Das restliche Drittel wird importiert.

Stadt des Friedens: Die Stadt ist eine Stadt des Friedens. Ihre Menschen und Produkte dienen nur friedlichen Zwecken. Konflikte werden zunächst durch kreative Streitberatung (M e d i a t i o n) bearbeitet und wenn möglich geschlichtet, bevor die Gerichte abgerufen werden (M e d i a t i o n ist eine Vermittlung in Konflikten mit Hilfe eines neutralen Streitberaters, bei der nach Lösungen gesucht wird, mit der beide Seiten gut leben können).

Stadt der Erziehung zu menschlichen Werten: Kinder und Erwachsene lernen nach den Prinzipien menschlicher Werte zu leben. Die Stadt schafft eine universitäre ganzheitlich-ökologische Bildungsstätte zur Heilung von Mensch und Erde.

Die drängenden Probleme unserer Umwelt machen es notwendig, daß diese Stadt sehr schnell entsteht. Gegenwärtig werden drei Standorte alternativ untersucht: ein Standort westlich von Werder weitgehend in freier Landschaft, ein Standort nordwestlich von Berlin als Ergänzung einer bestehenden Kleinstadt und ein dritter Standort im Einzugsbereich Potsdams auf einem ehemaligen Militärgelände.
Ferner wird gegenwärtig eine "Gemeinnützige Siedlungsgesellschaft Ökologische Stadt mbH" gegründet, die als Träger für die Siedlungsmaßnahmen wie Grunderwerb, Erschließung, Landvergabe, Bewirtschaftung von Mietkauf- und Mietobjekten dient. Diese Gesellschaft wird neben dem Gesellschafterkapital auch Spenden und zinsverbilligte öffentliche Darlehen und andere öffentliche Zuwendungen verwalten. Jeder, der in dieser Stadt wohnt und/oder arbeitet, ist Mitglied in dieser Gesellschaft mit einem Kapitalanteil von 500 DM.

Mit einem ersten Stadtteil für 4.000 Einwohner mit 1.500 Arbeitsplätzen wird 1992 begonnen. 1992 entstehen die ersten 100 Gebäude. 1993 folgen weitere 1000 Gebäude.
1994 ist der erste Stadtteil fertiggestellt, mit dem zweiten wird begonnen. In den Folgejahren wird dann jeweils ein Stadtteil pro Jahr gebaut.
Durch das stadtteilweise Vorgehen sollen einerseits die Störungen der bereits Anwohnenden so gering wie möglich gehalten werden, und zum anderen durch Beobachten und Analyse des Realisationsprozesses die Möglichkeit zur Plankorrektur geschaffen werden.
In ca. 20 Jahren (2010) wird die Stadt fertiggestellt sein.

Menschen, die in dieser Stadt wohnen und arbeiten wollen oder diese Stadt auf andere Weise ideell oder materiell unterstützen wollen, meldet Euch, hier ist Eure Chance:

Ich unterstütze die Gründung dieser ökologischen Stadt mit

und bitte um weitere Informationen

Ich will in dieser ökologischen Stadt leben und trete daher der "Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft Ökologische Stadt mbH in Gründung" bei. Mein Gesellschafteranteil beträgt 500 DM, den ich auf das Konto: J. Behnsen - Sonderkonto Stadtgründung, 47 66 53 - 103 Postgiro Berlin (BLZ 10010010) einzahlen werde.
An der Gründungsversammlung der Gesellschaft am 20.11.1991, 18.00 in Berlin will ich teilnehmen.

Ich will diese ökologische Stadt fördern und gebe daher der "Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft ökologische Stadt mbH in Gründung" ein zinsloses Darlehen von ..... DM.

Prof. Dr.lng. Jörn Behnsen - Planungsgruppe Ökologisches Stadt in der Mark Brandenburg - Rosenanger 43 in D-3074 Steyerberg - Lebensgarten, Tel 05764-1276, Fax 05764-1278 ÖKOSTADT-Kontaktbüro in Berlin: Petra Götz, Gritznerstr. 37, 1 Berlin 41, Tel 030-791 7109 (Mo-Fr 9-13.00)



zuletzt aktualisiert am 09.04.1999   -   © ÖKOSTADT e. V. ÖKOSTADT - Am Anfang war die Vision