Lychen (Uckermark) - Stadt der Seen und Wälder

Die Stadt Lychen hat eine eigentümliche Geschichte mit bemerkenswertem Auf und Ab:
Gegründet wurde sie im Auftrag der askanischen Markgrafen von Brandenburg im Jahre 1248 durch sogenannte Locatoren. Diese professionellen "Stadtgründer" warben mit Vollmachten und Vergünstigungen Handwerker, Bürger und Bauern aus dichter besiedelten Landesteilen an, um mit ihnen an einem vorbestimmten Ort eine neue Stadt zu errichten.
Bei Lychens Gründung ging es um die Erschließung und Absicherung der nordwestlichen Grenzregion Brandenburgs gegenüber Mecklenburg und Pommern. Die Lage des Fleckens als Insel, umgeben von drei Seen an der Kreuzung mehrerer Straßen, war dafür strategisch günstig. Zudem war und ist die Lychener Landschaft durch ihren Naturreichtum und die eiszeitlich geformte Oberfläche überaus reizvoll.

Lychen, Luftbild
Luftbild von Lychen


Lychen, Stadtsee
Sicht auf Lychen vom anderen Ufer des Stadtsees


Eines der ersten massiven Gebäude dürfte die Burg als befestigter Verwaltungssitz der Stadtgründer gewesen sein. Sie hat etwa da gestanden, wo sich heute der Markt mit dem Rathaus befindet, das so erst im 18. Jahrhundert gebaut wurde.
Die Eigentums- und Steuerprivilegien für die Siedler ermöglichten ein schnelles Wachstum der Stadt. Die Seen und Wälder ließen Fischfang, Jagd, Holzgewinnung und -verarbeitung zu lohnenden Wirtschaftszweigen werden, die teilweise bis in die Gegenwart fortgeführt wurden. Weitere Handwerker und Händler kamen zur Versorgung der Bewohner nach. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand ein ansehnliches Gemeinwesen. Beleg der frühen Prosperität war der Bau einer großen gotischen Kirche Ende des 13. Jahrhunderts. Heute ist Stankt Johannes das älteste und vielleicht schönste Gebäude der Stadt. Desweiteren entstanden Mühlen, Werkstätten, Hospitäler und schließlich auch eine Schule.

Lychen, St. Johannes
Stadtkirche St. Johannes in Lychen
. Michael Diehl, August 1996

Lychen, Stadtmauer
Teil der mittelalterlichen Stadtmauer von Lychen am ehemaligen Templiner Tor
. Michael Diehl, 1997

Dass Lychen auch militärische (und fiskalische) Funktion als wichtiger Grenzposten hatte, lässt die Stadtmauer erkennen, die erst aus Palisaden, dann aus Feldsteinen gebaut wurde und das Siedlungsgebiet wohl vollständig umgab. Sie ist teilweise erhalten.
An den drei Hauptstraßen wurde die Mauer von massiven Stadttoren gekrönt (Fürstenberger Tor im Westen, Stagarder Tor im Norden, Templiner Tor im Süden). Davon existieren heute nur noch Teile des Fürstenberger Tores, die zur Touristeninformation des Fremdenverkehrsvereines ausgebaut wurden. Das noch weitgehend erhaltene Stargarder Tor wurde 1975 nach Beschädigungen durch Militärfahrzeuge und Unwetter gegen den Protest der Denkmalschützer als "Verkehrshindernis" abgerissen.

Lychens Entwicklung wurde nach Anfangserfolgen bald von widrigen Umständen behindert. Der Markkraf von Brandenburg förderte (zum eigenen "Seelenheil") die Ansiedlung des Klosters Himmelpfort 1299 - wenige Kilometer von der Stadt entfernt. Das Zisterzienserkloster erhielt zahlreiche Besitzungen und Rechte in der Region, die z.T. direkt den Lychenern verloren gingen (Fischerei- und Mühlenrechte, Steuern, Zölle usw.).
Auch der mehrfache, teils friedliche, teils kriegerische Wechsel der Landeszugehörigkeit der Stadt zwischen Brandenburg und Mecklenburg schränkte die Entwicklungsperspektiven der Stadt zwischen den Seen ein. Zumeist fehlte wirtschaftlich ein Teil des Hinterlandes, oft waren die Lychener nur "am Rande" und oft Spielball "höherer" Interessen.

Dann warf der Dreißigjährige Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die gesamte Region um Jahrzehnte zurück. Belagerungen, Besetzungen, Brandschatzungen und Massaker dezimierten die Bevölkerung und zerstörten die Stadt und die Gegend großenteils und mit Langzeitwirkung. Weitere Rückschläge mußte die Stadt durch die Pest hinnehmen, die die Mehrheit der Bevölkerung dahinraffte. Zahlreiche Einrichtungen der zivilen Infrastruktur (z.B. die Schule) mußten damals für Jahre bzw. Jahrzehnte geschlossen werden.Schließlich verursachte der große Stadtbrand am Ende des 17. Jahrhunderts - Lychen hatte sich noch nicht vollständig von den vorherigen Verwüstungen erholt - eine neuerliche Katastrophe.

So blieb Lychen durch die Jahrhunderte eine Kleinstadt in wunderschöner Lage.
Eine Besondertheit in und um Lychen war die ausgeprägte Flößerei. Reiche Holzvorkommen, von denen man nach Berlin und Hamburg verkaufte, ließen sich über die lychener Gewässe durch die Woblitz zur Havel und darüber ans Ziel transportieren. Etliche Familien betrieben dieses abenteuerliche Handwerk bis ins 20. Jahrhundert. Das Flößer-Museum und das Touristenfloß am Oberpfuhlsee halten diese Tradition lebendig.
Kaum bekannt ist, dass um die Jahrhundertwende in Lychen die Reißzwecke erfunden wurde, ohne dass ihr Konstrukteur daraus je geschäftlichen Nutzen hätte ziehen können.

Ebenfalls zu Beginn unseres Jahrhunderts begann mit dem Aufbau der Lungenheil-Sanatorien in Hohenlychen durch Prof. Pannwitz die Kurtradition der Stadt. Neben den Patienten zog es bis zum Krieg 1939 hunderttausende Ausflügler vornehmlich aus dem nahen Berlin hierher. Neben den Kurhäusern entstanden Restaurants, Hotels und Pensionen, Badeanstalten, Boots-verleihe, Wanderwege usw. also eine erste touristische Infrastruktur.
Während der Nazizeit, die Anfangs eine Ausdehnung der medizinischen Einrichtungen mit sich brachte, bald aber auch die SS als Hausherr in Hohenlychen sah, wurde dem Kur-Sanatorium das Grab geschaufelt. Die Nazis gründeten hier NSDAP- und SS-Führerschulen, begannen eine erst sport- dann kriegsmedizinische Forschung und unternahmen schließlich bestialische medizinische Experimente an Häftlingen aus dem KZ Ravensbrück.
Zu Kriegsende besetzten russische Truppen die Stadt. Es kam zur Zerstörung zahlreicher Häuser in der Altstadt, über deren Ursache (Fliegerangriff, Artilleriebeschuss, Brandlegung?) keine endgültige Klarheit besteht. Das Sanatorium jedenfalls verschwand für die nächsten 50 Jahre als medizinische Einrichtung der Roten Armee hinter hohen Mauern. Auch nach dem Truppen-Abzug aus den teilweise vernachlässigten Kurhäusern im Park am Zenssee ließ sich an die Kurtradition nicht wieder anknüpfen. Das Areal wird seit 1997 durch Ausschreibungen einer Neuentwicklung (Wohnen und stilles Gewerbe) zugeführt.

Lychen, Zeltplatz
Badestelle am Wurlsee, Zeltplatz Lychen (Schauplatz des jährlichen ÖKOSTADT-Sommercamps)
. Michael Diehl, September 1997

Lychen, Wurlsee
Abendszene mit Segelboot am Wurlsee, Zeltplatz Lychen
. Michael Diehl, August 1998

Schon bald nach Ende des Krieges gab es wieder Urlauber in der idyllisch gelegenen "Stadt der Seen und Wälder". Zu DDR-Zeiten eröffneten Betriebs-Ferienheime, Kinder-Ferienlager, Camping-Plätze, Pensionen und ähnliches - meist an einem der zahlreichen Lychener Seen.
Die interessante Landschaft und die bis heute besten Umweltdaten in ganz Deutschland, ermöglichten auch nach der Wende und Wiedervereinigung eine Fortentwicklung der Tourismusbranche in und um die uckermärkische Kleinstadt.
Neue Hotels, Restaurants, Freizeiteinrichtungen und öffentliche Anlagen sind in den letzten Jahren entstanden. Für das Engagement der Stadt (bzw. des Fremdenverkehrsvereins) zur Entwicklung attraktiver Angebote und die Schaffung von Arbeitsplätzen in diesem Sektor erhielt Lychen 1998 den Titel "Staatlich anerkannter Erholungsort".

Seit 1994 bemüht sich der Förderverein Ökostadt e.V. in Lychen Projekte einer sozial und ökologisch alternativen (nachhaltigen/zukunftsorientierten) Stadtentwicklung zu realisieren.
Hier wurde dazu 1997 die Ökostadt Genossenschaft gegründet und arbeitet die Ökostadt-Bau GmbH. Hier steht unser Projektzentrum, hier gibt es eine attraktive Siedlungsfläche und hier finden unsere Kulturfeste statt.

Micha Diehl

Lesetipp:

Hans Waltrich: Zur Geschichte Hohenlychens - Dreiteilige Artikelserie aus den ÖKOSTADT-Nachrichten 27 bis 29 (1999).

Verkehrsanbindung von Lychen

Seit 1899 gab es die Eisenbahnverbindung Fürstenberg-Lychen-Templin, die erst den Aufschwung des idyllischen Städtchens als Sommerfrische der Berliner Bevölkerung ermöglichte. In den 20er Jahren führte der Ansturm an manchen Wochenenden dazu, dass keine weiteren Fahrkarten mehr verkauft wurden.
Inzwischen kommen die meisten UrlauberInnen mit dem Auto. Die Bahnanbindung gibt es seit 1996 nicht mehr; statt der Züge fahren Busse. Als Tourismusattraktion gibt es seitdem auf dem toten Gleis die Draisine, die man für bis zu 4 Personen für 90 DM am Tag mieten kann.
Weiteres zum Ende der Eisenbahn in Lychen unter dem Artikel in den ÖKOSTADT-Nachrichten 28 (1999).

Philip Jacobs

Anreise von Berlin:

Mit Eisenbahn und Bus: S-Bahn S1 bis Oranienburg, dann RE5 (KBS 205) bis Fürstenberg, Bus (ex-KBS 206.64) bis Lychen (ca. 2 bis 2 1/2 Stunden).

Individualverkehr: B96 bis Fürstenberg, in Fürstenberg rechts Richtung Lychen (insg. ca. 100 km, mit Pkw 1 1/2 bis 2 Stunden, mit Fahrrad 5 bis 8 Stunden).

Linienplan Bahn/Bus Anfahrt nach Lychen Karte von Lychen


zuletzt aktualisiert am 26.10.2000   -   © ÖKOSTADT e. V. Zurück zu Index2