Das langsame Sterben der Schienenstrecke Fürstenberg-Templin

Eisenbahnstrecke Fürstenberg-Lychen-Templin entwidmet

Im Laufe des Jahres 1995 wurden die Planungen der Landesregierung öffentlich bekannt, die SPNV-Leistungen unter anderem zwischen Fürstenberg und Templin (wie auf einem erheblichen Teil des Nebenbahnnetzes) "wegen zu geringer Nachfrage" bei der Deutschen Bahn AG abzubestellen. Der Fuss e. V. brachte seinerzeit die Idee der 50-Seen-Bahn ein (vgl. auch meinen Artikel in den ÖN 25 / 1998). Zu einer Veranstaltung zu diesem Thema in Lychen kamen im Januar 1996 ca. 300 Menschen. Die Landesregierung - auf der Veranstaltung übrigens nicht vertreten - verwarf den Vorschlag unter Hinweis auf die hohen Finanzierungskosten.

Letzte Züge über Lychen am 1. und 2. Juni 1996

Am 19. Mai 1996 stellte die Deutsche Bahn AG den Eisenbahnbetrieb (Gesamtverkehr) zwischen Fürstenberg und Templin ein. Das war 2 Wochen vor dem Abbestellungstermin zum Fahrplanwechsel am 2. Juni (und der Verkehrseinstellung auf den anderen betroffenen Strecken) und führte dazu, dass ich zusammen mit einigen Eisenbahn-Fans am Morgen des 1. Juni in Fürstenberg vergebens auf eine Abschiedsfahrt in einem regulären Zug wartete. Statt dessen fuhr "Schienenersatzverkehr". Erst auf Nachfrage beim Bahnhofspersonal erfuhren wir, dass an diesem Wochenende zusätzlich der Traditionszug des Eisenbahnmuseumsvereins Röbel (Müritz) fuhr. Der hatte zuvor eine besondere Schikane der Bahn AG erlebt: Die Benutzung der Strecke war ihm zunächst verweigert und erst zwei Tage vor besagtem Juniwochenende doch gestattet worden. Dies führte zu fast leeren Traditionszügen und einem herben Verlustgeschäft des Traditionsvereins. Und da der Zug erst eine Stunde nach unserer Ankunft kommen sollte, fuhr ich zunächst nach Lychen mit dem Bus (die meisten Fans warteten trotzdem!) und erlebte abends lediglich die Weiterfahrt nach Templin und anschließende Rückfahrt nach Fürstenberg mit dem Zug.

Stillegung und Draisinenbetrieb im Juni 1996

Die Deutsche Bahn AG erwirkte beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) sofort nach Einstellung des SPNV die Stillegung der Strecke. Auf Grund der Zusicherung, die Strecke würde nicht entwidmet werden, stimmten dem die anliegenden Gemeinden und die Kreise Oberhavel und Uckermark zu. Am 15. Juni 1996 wurde bekanntermaßen der "in Deutschland einmalige" touristische Draisinenbetrieb aufgenommen. Dieser wurde als Möglichkeit betrachtet, die Bahnstrecke weiterhin betriebsbereit zu halten und so bei Bedarf eine Reaktivierung schnell zu vornehmen zu können. In der Folgezeit kam es zu einigen Draisinenunfällen, die zu einer zweitweiligen Einstellung des Draisinenbetriebs im Spätsommer 1996 führten.
Diese Unfälle dienen dem EBA nun als Argument für die Entwidmung, da es zukünftig auf einer Betriebsanlage der Eisenbahn (unter Planungshoheit des EBA) keine Draisinenfahrten mehr geben dürfe.

Entwidmung im Dezember 1998

Am 27. Januar 1999 war im Lychener Stadt-Anzeiger nachzulesen, dass das EBA mit Bescheid Nr. 111/98 "Betriebsanlagen der Eisenbahnen des Bundes [Strecke Fürstenberg - Templin km 93,512 - km 121,999] zum 03.12.1998 entwidmet" hatte, Widerspruchsfrist: ein Monat nach Bekanntgabe. Das Verfahren steht im Zusammenhang mit dem Verkauf der Verkehrsflächen an den Tourismusverein Templin, der die Draisinen jetzt ganz in eigener Regie fahren lassen will. Der FUSS v.V. forderte in einem Schreiben vom 19. Januar 1999 an die zuständigen Gremien des Landes, der Kreise und Gemeinden dazu auf, die Strecke für einen symbolischen Preis an die Kreise Oberhavel und Uckermark zu übertragen und so die Entwidmung zu verhindern. Diese Möglichkeit wurde mit der Begründung abgelehnt, dies sei nur bei einer überwiegenden Nutzung der Strecke für den SPNV (oder Güterverkehr) zulässig - wofür wiederum das Land auf Grund der geringen Fahrgastzahlen nicht zahlen würde. Das Amt Fürstenberg legte zunächst Widerspruch gegen die EBA-Entscheidung ein. Das EBA drohte, keinen Draisinenbetrieb (geplant zum 21. 3. 1999) auf der Strecke mehr zuzulassen, was in der Region offensichtlich Eindruck machte. Aus einem Antwortschreiben der Vorsitzenden des Fremdenverkehrsbands Uckermark, Annette Lamping, vom 4. März 1999 auf meine Anfrage: "Auch über die DB AG oder das [Landes-]Verkehrsministerium konnte gegenüber dem Eisenbahnbundesamt keine andere Haltung zur Notwendigkeit der Entwidmung erzeugt werden. Die Bonner sehen den Freizeitverkehr auf der Schiene nicht als Aufgabe der Bahn an, was die Entwidmung erforderlich macht. Allerdings hätte die Nicht-Entwidmung bedeutet, daß die Draisine ab März 1999 nicht mehr erlaubt gewesen wäre und ein schönes touristisches Projekt gestorben wäre. Deshalb hat das Amt Fürstenberg unter anderem auch auf unseren Druck hin den Widerspruch zurückgenommen."
Damit ist der offenbar einzige Kläger weggefallen und die Entwidmung rechtsgültig. Die Eisenbahnstrecke Fürstenberg-Templin erlebt somit nicht mehr ihr hundertjähriges Jubiläum 1999.

Zukunftsperspektiven

Auf Grund der Entwidmung ist die Strecke aus der Planungshoheit des EBA entlassen worden und unterliegt nunmehr der örtlichen Bauleitplanung. Im Falle einer Reaktivierung ist ein Planfeststellungsverfahren in Zuständigkeit des Landes erforderlich. Hiermit ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen, da das Land keinen Bedarf sieht. Nach Aussage des Verkehrsministers Hartmut Meyer müssten zudem 2 Brücken erneuert werden. Bereits kurz nach der Stillegung wurden mehrere Weichen und Signalanlagen demontiert, was aber einen eingeschränkten Verkehr (1 Zuggarnitur) weiterhin ermöglichen würde.
Bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann die Bedingungen für SPNV in ländlichen Regionen verbessern werden und bis dahin auch die Lychener Eisenbahnstrecke noch nutzbar und z. B. nicht durch Straßen- (B96!) oder Siedlungsprojekte verbaut ist. Dies zu verhindern, liegt auch in unserer Verantwortung! Ich jedenfalls werde am Ball bleiben ...

Philip Jacobs



zuletzt aktualisiert am 5. 5. 1998   -   © ÖKOSTADT e. V. ÖKOSTADT-Nachrichten