ÖKOSTADT Aktuell

Danke, Kurt und Erna!

Den Leserinnen und Lesern der ÖKOSTADT Nachrichten sind Kretschmanns seit langem bekannt.

Nachdem Erna, es war wohl 1994, auf ÖKOSTADT aufmerksam geworden war und um Informationen gebeten hatte, entwickelte sich ein Briefwechsel. Im Sommer 1996 besuchten Adriane, Ralph und ich Kretschmanns in Bad Freienwalde, und Adriane berichtete darüber in Nr. 16 der ÖN. Während dieses Besuchs wurde ich auf ein Manuskript von Kurt aufmerksam, in dem er seine Erfahrungen aus Jahrzehnten vegetarischer Ernährung beschrieb. Gern überließ er uns diesen Text zur Veröffentlichung. In fünf Fortsetzungen haben wir in den Nummern 18 bis 24 der ÖN dieses Manuskript veröffentlicht. Den damaligen Abdruck hatten wir an einigen Stellen ergänzt durch Abschnitt aus einer Broschüre "Zehn Jahre Kampf und Widerstand gegen den deutschen Militarismus". Diese Broschüre enthält im wesentlichen den Text eines Vortrags, den Kurt 1992 in Eberswalde zu demselben Thema gehalten hat.

So wissen unsere LeserInnen, daß Kurt Kretschmann mehr ist als der "Eulen-Opa", daß "die beiden Leutchen" nicht nur deshalb verdienstvoll sind, weil sie Störche und Regenwürmer gezählt haben. So oder ähnlich herablassend war der Ton in manchen Zeitungen, die in diesem Frühjahr über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Bad Freienwalde an die beiden berichteten.

Wir wissen von dem radikalen Pazifismus der Kretschmanns und ihrem zähen Widerstand gegen preußischen Militarismus und Faschismus auch in finsterster Zeit , wir wissen von ihrer Auseinandersetzung mit den weltanschaulich-geistigen Fragen, um die in diesem Jahrhundert gerungen wurde. Und wir wissen, daß sie diese Auseinandersetzung keineswegs nur geistig oder schwärmerisch oder sonstwie einseitig, sondern ganz und gar lebenspraktisch geführt haben.

Die innere Geschlossenheit dieses Lebens: Ein radikal humanes Dasein suchen, den Weg dahin sich geistig und sittlich erarbeiten, es mit bewundernswerter persönlicher Konsequenz in einem Freundschaftsraum verwirklichen und es gegen die Vernichtungsmacht der militaristischen und faschistischen deutschen Umwelt behaupten - das ist nicht nur eine unvergleichliche Tat in der ersten Hälfte des Jahrhunderts... Dieses ganze einzigartige Leben, also mitgedacht die Zeit seit der Befreiung vom Faschismus bis zum Ende des realsozialistischen Versuchs eine neue Gesellschaft zu gestalten und bis zum heutigen Tag, ist nicht weniger als eine überzeitliche, gleichnishafte Antwort auf die Schicksalsfrage der Zeit, die Frage der Barbarei, der zu unterliegen wir im Begriffe sind.

Ein Bestreben, das Leben irgendwie humaner zu führen, ist wohl allen Ökostädtern vertraut: Und quälende Ratlosigkeit auch? So mag ein Bedürfnis entstehen, den Lebensentwurf, den sich Kurt und Erna errungen haben, wirklich zu begreifen.

In den letzten Wochen gab es Besuche hin und her zwischen Ökostädtern und Kretschmanns. Seit gestern verfügen wir über nicht weniger als drei Manuskripe von Kurt - "Lüge und Wahrheit - Kriegserlebnisse eines deutschen Soldaten", 199 S. Schreibmaschine. Dieses Manuskript ist überhaupt nur in diesem einen Exemplar vorhanden, unveröffentlicht - "Zehn Jahre Kampf und Widerstand gegen den deutschen Militarismus", 130 S. Schreibmaschine, nur in einigen Teilen, Auszügen veröffentlicht - "Herbert", der zutiefst persönliche Bericht von einem anderen Leben, 102 S. Schreibmaschine, nie veröffentlicht. Wir danken und spüren gerührt das Vertrauen, das uns Kurt und Erna entgegenbringen.

Was und wie veröffentlichen, habe ich mich seit gestern gefragt. Und heute, 4.10.99, es ist der Tag des Redaktionsschlusses unserer Zeitung, ist diese Frage vorerst beantwortet. Denn soeben ist nicht nur ein Brief von Kurt angekommen, sondern er hat gleich noch den Brief eines deutschen Offiziers aus dem Kosovo beigelegt, den ihm zwei Freundinnen aus Marburg zugesandt haben. Dieses aktuellste Material zuerst!

Und zugleich beginnen wir mit dem Abdruck des Manuskriptes "Herbert"- dem Bericht darüber, wie Herbert und Kurt das richtige Leben im ringsum falschen trotz alledem ermöglicht und verwirklicht haben.

Klaus-Peter Kurch




zuletzt aktualisiert am 07.10.1999   -   © ÖKOSTADT e. V. ÖKOSTADT-Nachrichten