Kurort Lychen - Stadt des Fahrrad- und Eisenbahnverkehrs
(Artikel aus den ÖKOSTADT-Nachrichten Nr. 25 / 1998)

Frühsommer 1998. Der Bahnhof Lychen erscheint verwaist. Wo zu Beginn des Jahrhunderts jährlich Tausende Bahnreisende ankamen, verlieren sich heute vereinzelte TouristInnen, die für 90 DM mit der Draisine gekommen sind, am Imbiß "Draisinen-Lunch". Der Autoverkehr dagegen hat stark zugenommen. Die allermeisten UrlauberInnen im Sommer kommen mit dem Auto. Außerhalb der Saison sind es meist LychenerInnen, relativ wenig Durchgangsverkehr. Vieles, was in der Kleinstadt mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß ginge, wird mit dem Auto gemacht- hierin gleicht Lychen anderen ost- und westdeutschen Kleinstädten.

Ein Kurort braucht umweltfreundlichen Verkehr

Lychen will Kurort werden - laßt uns ÖKOSTÄDTerInnen es darin tatkräftig unterstützen. Templin, das ähnliche Ziele verfolgt, stand vor der Alternative: Entweder wir stellen aus finanziellen Gründen den städtischen Busverkehr ein - dann erstickt die Altstadt mit ihren engen Straßen im Autoverkehr, und die Stadt wird niemals Kurort. Oder wir verlagern den PKW-Verkehr auf den ÖPNV. Gesagt, getan. Templin führte Ende 1997 als erste märkische Stadt den Nulltarif ein (inzwischen ist Lübben gefolgt), und zehnmal mehr Leute fahren Bus.

Chance für Lychen: Die Fahrradstadt

Lychen ist kleiner, nicht groß genug für städtischen Busverkehr. Dafür hat es - ebenso wie Templin - eine optimale Größe für einen sehr hohen Fahrradverkehrsanteil. Ein Fahrradkonzept für die Stadt muß her mit Radspuren (ohne enge Bordsteinradwege) sowie für die Umgebung mit asphaltierten bzw. befestigten komfortablen Radwegen (Rad/Fußwege, Fahrradstraßen) auf historischen Wegeverbindungen, wobei die Verbindungen nach Templin (über Alt-Placht, Bahnhof Neu-Placht - hier kurzes neues Wegstück nordöstlich der Bahnlinie - und Nähe Joachimshof) sowie nach Himmelpfort / Fürstenberg (Fahrradstraße südlich der Bahnlinie) Priorität genießen. Dazu ein moderner Fahrradservice mit Angeboten wie z. B. Fahrradanhänger für Kinder und Lastentransport (Verkauf und Verleih). Das Fahrrad muß wieder dominierendes Verkehrsmittel im Berufs-, Einkaufs- und Freizeitverkehr werden (Bereich bis ca. 10 km).

Chance für Lychen: Fahrradfernwanderweg Berlin-Lychen

Als Pilotstrecke für ein brandenburgisches Fahrrad-Fernwanderwegenetz (bisher hat Brandenburg von allen Bundesländern am wenigsten für den Fahrradtourismus getan) sollten wir eine Verbindung Berlin-Lychen propagieren! Ein längerer Abschnitt dieser Verbindung nördlich Löwenbergs ist zugleich ein Teil des Havel-Fernwanderwegs, der von Westen kommend entlang der Havel über Brandenburg/Havel, Potsdam, Spandau, Oranienburg, Zehdenick und Fürstenberg/Havel nach Mecklenburg verlaufen soll. Mein Vorschlag: Vom Zentrum Berlins sollte der Fahrradwanderweg Berlin-Lychen weitgehend entlang des Mauerstreifens (neben der Heidekrautbahn) verlaufen, wobei zwischen Wilhelmsruh und Tegeler Fließ bereits ein attraktiver, wenn auch zu holpriger Weg (ehemaliger Grenzweg) exisitiert. Durch Schildow geht es über Nebenstraßen wieder zur Heidekrautbahn (kurz vorm Bahnhof Schildow). Ab hier müßte eine neue Fahrradstraße direkt neben der Bahnstrecke bis nördlich des Bahnhofs Mühlenbeck (Ortsteil Wolterdorf) gebaut werden (Alternativ Führung über Bahnhof Mühlenbeck-Mönchmühle, hier Unterquerung Güteraußen-ring/S10 und dann erst entlang der Bahn). Ab Buchhorst wird ein kurzer Abschnitt der Straße Mühlenbeck - Schönwalde mitgenutzt und die Autobahn unterquert. Weiter geht es über Dammsmühle zum Bahnhof Basdorf überwiegend über auszubauende bestehende Wege. Vom Bahnhof Basdorf zur Kreuzung B273/Straße Zühlsdorf-Wandlitz neue Fahrradstraße (zunächst provisorische Führung durch Basdorf entlang B109 und über Emilienhof), kurzes Stück entlang B273, dann Straße nach Stolzenhagen, Weg über Rehmate nach Kreuzbruch und Straße nach Liebenwalde, hier Führung durch die Altstadt nach Heidchen. Nördlich Liebenwaldes wird der Voßkanal bei Bischofswerder überquert. Sodann ist der Fahrradwanderweg am westlichen Voßkanal- bzw. Havelufer über Zehdenick und den Museumspark Mildenberg zu führen, um ab Burgwall am östlichen Ufer von Havel und Kramsbeek (teilweise über ehemaliges Militär-Übungsgelände; eine Brücke über das Templiner Wasser muß wiederaufgebaut werden) nach Tangersdorf, von dort zum Platkowsee und weiter über die bereits jetzt für Autos gesperrte, von Alt-Placht kommende Straße nach Hohenlychen geführt zu werden. Außerdem sollte zwischen Tangersdorf und Hohenlychen eine westliche Verbindung über Waldwege ausgebaut werden. Zwischen Rahmersee bei Wandlitz und Lychen sind fast ausschließlich bestehende Wege auszubauen und z. T. Nebenstraßen zu nutzen. Ab Burgwall kann als zusätzliche Alternative die Nebenstraße über Bredereiche nach Himmelpfort genutzt werden; ab Himmelpfort ist als Teil der Verbindung Lychen - Fürstenberg eine Fahrradstraße durch den Wald (überwiegend schon vorhandener Waldweg) zum Bahnhof Lychen anzulegen.
Die Wiederaufnahme des SPNV (Triebwagen mit Gepäckabteilen) auf der Verbindung Wilhelmsruh - Basdorf - Liebenwalde (Basdorf - Liebenwalde wurde erst vor wenigen Monaten eingestellt) würde die Attraktivität des fast parallel verlaufenden Fahrradwanderwegs erheblich steigern. Als zusätzliche Anfahrtsstrecke ab Bahnhof Bernau ist eine Fahrradroute über den Liepnitzsee (wahlweise Nord- oder Südufer) und Haltepunkt Wandlitzsee nach Stolzenhagen auszubauen; außerdem bietet sich eine Verbindung von Buch über den Gorinsee (Ostufer) zum Rahmersee an. Für Anreisende z. B. aus Potsdam und Spandau sollte der Ausbau der reinen Havelweg-Variante (mit neuer Fahrradstraße am Ostufer des Oder-Havel-Kanals zwischen Hennigsdorf und Lehnitz) über Oranienburg (u. a. am Bahnhof vorbei) und Friedrichstal / Malz Richtung Liebenwalde erfolgen, wobei der Anschluß an die "Hauptroute" über eine neue Brücke über die Schnelle Havel bei Lamprechtswalde / Höpen erfolgt.
Das Fahrrad ist eine Chance für eine Kurstadt Lychen, im touristischen Bereich wie als Alltagsfahrzeug der LychenerInnen kann es zur erheblich zur Reduzierung der Kfz-Belastung beitragen.

Chance für Lychen: Die 50-Seen-Bahn

Ein weiterer Punkt ist die Eisenbahn. 1996 stillgelegt, nachdem auf Grund miserabler Anschlüsse immer weniger Leute fuhren. Eine Methode, die Bahn und Landesverkehrsministerium immer wieder anwenden, wie jüngst mit 7 weiteren Strecken in Brandenburg. Man könnte sagen, eine Stadt, die nicht per Bahn und nur schlecht per Bus für TouristInnen erreichbar ist, kann keine Kurstadt werden. Viel besser sollte man sagen: Eine Stadt wie Lychen mit ihrer schönen Umgebung und klaren Luft, jedoch geschüttelt von hoher Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, hat es verdient, durch sanften Tourismus und die Wiederbelebung der Bahn einer wirtschaftlichen Zukunft als ökologisch vorbildlicher Kurort entgegenzusehen. Das Schwierigste ist gewiß, eine Betreibergesellschaft zu finden. Als Vorbild vorstellbar ist die Prignitzer Eisenbahn, die vorläufig den Betrieb u. a. auf der bedrohten Strecke zwischen Pritzwalk und Putlitz übernommen hat. Auch eine Kooperation mit dem Eisenbahnverein Buckow (Märkische Schweiz), der die stillgelegte Strecke Müncheberg-Buckow privat als Touristikbahn betreiben will, ist denkbar. Es ist schade, daß es um das Konzept der 50-Seen-Bahn (siehe auch ÖN 13, 1996 und gleichzeitige Ausgaben von Rabe Ralf und Signal) so still geworden ist; das muß sich ändern. 1999 ist hundertjähriges Streckenjubiläum Fürstenberg-Templin.
Der Verkehr könnte schrittweise wieder aufgenommen werden: da UrlauberInnen das größte Potential bilden, zunächst zu Ostern, Pfingsten und während der Sommerferien, langfristig wieder ganzjährig und mit Zügen nach Berlin (50-Seen-Bahn). Für letzteres Ziel müßte jedoch die Leistungsfähigkeit der Strecke erhöht werden, um bei der Gesamtrelation schneller als das Auto (oder annähernd so schnell) sein zu können. Bis dafür Mittel bereit stehen, kann mit einer Zuggarnitur / einem Triebwagen (und somit relativ geringem Aufwand) an verkehrsreichen Tagen statt der Busse Schienenverkehr im Zweistundentakt betrieben werden, wobei zumindest an einem der Endpunkte ein optimaler Anschluß zu garantieren ist. Bei der Ausstattung der komfortablen Triebwagen wird den Fahrgästen mit Fahrrad, Kinderanhänger/-wagen oder Faltboot Rechnung getragen. Später sind Direktverbindungen Berlin Zentrum - Fürstenberg - Templin zu verwirklichen (Schnelltriebwagen 120 km/h Berlin-Fürstenberg, 80 km/h Fürstenberg - Templin über renovierte Strecke). Das Angebot muß für den Berufsverkehr in der Region gleichermaßen attraktiv sein wie für den Urlaubsverkehr.
Sämtliche Bahn-Haltepunkte sind mit komfortablen Wartehäuschen und modernen, überdachten Fahrradabstellanlagen auszurüsten, der Bahnhof Lychen zusätzlich mit einer Fahrradstation (mit Leih-Ermäßigung für Bahnreisende). Die Fahrradmitnahme zwischen Fürstenberg und Eberswalde sowie zwischen Oranienburg und Prenzlau sollte kostenlos sein.

Busse durchfahren Himmelpfort, keine Wendeschleifen

Mit Verwirklichung des ausschließlichen Eisenbahnverkehrs im ÖPNV zwischen Fürstenberg und Lychen wird Himmelpfort mit dem Bus durch die Relationen Fürstenberg - Bredereiche - Zehdenick und Lychen - Bredereiche - Dannenberg im integralen Taktfahrplan bedient (Verlegung des Bahn-Haltepunkts Himmelpfort an die Straße Fürstenberg - Himmelpfort). Die zeitraubenden und unwirtschaftlichen Wendeschleifen, eine Zumutung für die Fahrgäste, entfallen.
Tragfähig ist das Projekt selbstverständlich nur dann, wenn erhebliche Teile des Pkw-Verkehrs wieder auf die Bahn und die optimierten Buslinien verlagert werden, und zwar durch optimale Anschlüsse, direkte Fahrverbindungen (keine Umwege) sowie attraktive Preisangebote. Der ÖPNV würde wieder dominierendes Berufsverkehrsmittel außerhalb des Fahrradradius (10 km).

Freizeitspaß Draisine - auf Nebengleisen weiter möglich, kein Vorwand für Verhinderung von SPNV

Für die Draisinen gibt es übrigens genug Ausweichmöglichkeiten auf abrißbedrohten Strecken, auf denen es wahrscheinlich keinen Verkehr mehr geben wird und es auch vor der "Wende" keine Personenzüge gab, z. B. zwischen Gransee und Wolfsruh, zwischen Mittenwalde und Motzener See südlich Berlins oder auf der stillgelegten Schmalspurbahn der ehemaligen Mildenberger Ziegeleiindustrie (nördlich Zehdenicks).
Es erscheint mir geradezu als Pflicht, daß wir als ÖKOSTÄDTerInnen uns in die Verkehrsdiskussion, diesen sensiblen Bereich für eine ökologische Regional- und Stadtentwicklung, einbringen. Das heißt auch: Augen und Ohren auf, wenn die Verkehrsleistungen bzw. die Bahnstrecken des "Templiner Kreuzes" zur Ausschreibung anstehen!

Wer hat Interesse an einer Arbeitsgruppe zu folgenden Themen?

- Fahrradverkehr in und um Lychen
- Fahrrad-Fernwanderweg Berlin-Lychen
- Zukunft der "50-Seen-Bahn" / Templiner Eisenbahnkreuz
Wer hat außerdem Interesse an gemeinsamen Fahrten mit dem Fahrrad von Berlin nach Lychen?
Anruf / Brief an das ÖKOSTADT-Büro in 10407 Berlin, Danziger Str. 219, Tel. 423 59 53, Fax 423 56 87.



zuletzt aktualisiert am 29.11.1998   -   © ÖKOSTADT e. V. ÖKOSTADT-Nachrichten