Frühsommer 1998. Der Bahnhof Lychen erscheint verwaist. Wo zu Beginn des Jahrhunderts jährlich Tausende Bahnreisende ankamen, verlieren sich heute vereinzelte TouristInnen, die für 90 DM mit der Draisine gekommen sind, am Imbiß "Draisinen-Lunch". Der Autoverkehr dagegen hat stark zugenommen. Die allermeisten UrlauberInnen im Sommer kommen mit dem Auto. Außerhalb der Saison sind es meist LychenerInnen, relativ wenig Durchgangsverkehr. Vieles, was in der Kleinstadt mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß ginge, wird mit dem Auto gemacht- hierin gleicht Lychen anderen ost- und westdeutschen Kleinstädten.
Lychen ist kleiner, nicht groß genug für städtischen Busverkehr. Dafür hat es - ebenso wie Templin - eine optimale Größe für einen sehr hohen Fahrradverkehrsanteil. Ein Fahrradkonzept für die Stadt muß her mit Radspuren (ohne enge Bordsteinradwege) sowie für die Umgebung mit asphaltierten bzw. befestigten komfortablen Radwegen (Rad/Fußwege, Fahrradstraßen) auf historischen Wegeverbindungen, wobei die Verbindungen nach Templin (über Alt-Placht, Bahnhof Neu-Placht - hier kurzes neues Wegstück nordöstlich der Bahnlinie - und Nähe Joachimshof) sowie nach Himmelpfort / Fürstenberg (Fahrradstraße südlich der Bahnlinie) Priorität genießen. Dazu ein moderner Fahrradservice mit Angeboten wie z. B. Fahrradanhänger für Kinder und Lastentransport (Verkauf und Verleih). Das Fahrrad muß wieder dominierendes Verkehrsmittel im Berufs-, Einkaufs- und Freizeitverkehr werden (Bereich bis ca. 10 km).
Als Pilotstrecke für ein brandenburgisches Fahrrad-Fernwanderwegenetz
(bisher hat Brandenburg von allen Bundesländern am wenigsten für
den Fahrradtourismus getan) sollten wir eine Verbindung Berlin-Lychen propagieren!
Ein längerer Abschnitt dieser Verbindung nördlich Löwenbergs
ist zugleich ein Teil des Havel-Fernwanderwegs, der von Westen kommend
entlang der Havel über Brandenburg/Havel, Potsdam, Spandau, Oranienburg,
Zehdenick und Fürstenberg/Havel nach Mecklenburg verlaufen soll. Mein
Vorschlag: Vom Zentrum Berlins sollte der Fahrradwanderweg Berlin-Lychen
weitgehend entlang des Mauerstreifens (neben der Heidekrautbahn) verlaufen,
wobei zwischen Wilhelmsruh und Tegeler Fließ bereits ein attraktiver,
wenn auch zu holpriger Weg (ehemaliger Grenzweg) exisitiert. Durch Schildow
geht es über Nebenstraßen wieder zur Heidekrautbahn (kurz vorm
Bahnhof Schildow). Ab hier müßte eine neue Fahrradstraße
direkt neben der Bahnstrecke bis nördlich des Bahnhofs Mühlenbeck
(Ortsteil Wolterdorf) gebaut werden (Alternativ Führung über
Bahnhof Mühlenbeck-Mönchmühle, hier Unterquerung Güteraußen-ring/S10
und dann erst entlang der Bahn). Ab Buchhorst wird ein kurzer Abschnitt
der Straße Mühlenbeck - Schönwalde mitgenutzt und die Autobahn
unterquert. Weiter geht es über Dammsmühle zum Bahnhof Basdorf
überwiegend über auszubauende bestehende Wege. Vom Bahnhof Basdorf
zur Kreuzung B273/Straße Zühlsdorf-Wandlitz neue Fahrradstraße
(zunächst provisorische Führung durch Basdorf entlang B109 und
über Emilienhof), kurzes Stück entlang B273, dann Straße
nach Stolzenhagen, Weg über Rehmate nach Kreuzbruch und Straße
nach Liebenwalde, hier Führung durch die Altstadt nach Heidchen. Nördlich
Liebenwaldes wird der Voßkanal bei Bischofswerder überquert.
Sodann ist der Fahrradwanderweg am westlichen Voßkanal- bzw. Havelufer
über Zehdenick und den Museumspark Mildenberg zu führen, um ab
Burgwall am östlichen Ufer von Havel und Kramsbeek (teilweise über
ehemaliges Militär-Übungsgelände; eine Brücke über
das Templiner Wasser muß wiederaufgebaut werden) nach Tangersdorf,
von dort zum Platkowsee und weiter über die bereits jetzt für
Autos gesperrte, von Alt-Placht kommende Straße nach Hohenlychen
geführt zu werden. Außerdem sollte zwischen Tangersdorf und
Hohenlychen eine westliche Verbindung über Waldwege ausgebaut werden.
Zwischen Rahmersee bei Wandlitz und Lychen sind fast ausschließlich
bestehende Wege auszubauen und z. T. Nebenstraßen zu nutzen. Ab Burgwall
kann als zusätzliche Alternative die Nebenstraße über Bredereiche
nach Himmelpfort genutzt werden; ab Himmelpfort ist als Teil der Verbindung
Lychen - Fürstenberg eine Fahrradstraße durch den Wald (überwiegend
schon vorhandener Waldweg) zum Bahnhof Lychen anzulegen.
Die Wiederaufnahme des SPNV (Triebwagen mit Gepäckabteilen) auf
der Verbindung Wilhelmsruh - Basdorf - Liebenwalde (Basdorf - Liebenwalde
wurde erst vor wenigen Monaten eingestellt) würde die Attraktivität
des fast parallel verlaufenden Fahrradwanderwegs erheblich steigern. Als
zusätzliche Anfahrtsstrecke ab Bahnhof Bernau ist eine Fahrradroute
über den Liepnitzsee (wahlweise Nord- oder Südufer) und Haltepunkt
Wandlitzsee nach Stolzenhagen auszubauen; außerdem bietet sich eine
Verbindung von Buch über den Gorinsee (Ostufer) zum Rahmersee an.
Für Anreisende z. B. aus Potsdam und Spandau sollte der Ausbau der
reinen Havelweg-Variante (mit neuer Fahrradstraße am Ostufer des
Oder-Havel-Kanals zwischen Hennigsdorf und Lehnitz) über Oranienburg
(u. a. am Bahnhof vorbei) und Friedrichstal / Malz Richtung Liebenwalde
erfolgen, wobei der Anschluß an die "Hauptroute" über eine neue
Brücke über die Schnelle Havel bei Lamprechtswalde / Höpen
erfolgt.
Das Fahrrad ist eine Chance für eine Kurstadt Lychen, im touristischen
Bereich wie als Alltagsfahrzeug der LychenerInnen kann es zur erheblich
zur Reduzierung der Kfz-Belastung beitragen.
Ein weiterer Punkt ist die Eisenbahn. 1996 stillgelegt, nachdem auf Grund
miserabler Anschlüsse immer weniger Leute fuhren. Eine Methode, die
Bahn und Landesverkehrsministerium immer wieder anwenden, wie jüngst
mit 7 weiteren Strecken in Brandenburg. Man könnte sagen, eine Stadt,
die nicht per Bahn und nur schlecht per Bus für TouristInnen erreichbar
ist, kann keine Kurstadt werden. Viel besser sollte man sagen: Eine Stadt
wie Lychen mit ihrer schönen Umgebung und klaren Luft, jedoch geschüttelt
von hoher Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, hat es verdient, durch
sanften Tourismus und die Wiederbelebung der Bahn einer wirtschaftlichen
Zukunft als ökologisch vorbildlicher Kurort entgegenzusehen. Das Schwierigste
ist gewiß, eine Betreibergesellschaft zu finden. Als Vorbild vorstellbar
ist die Prignitzer Eisenbahn, die vorläufig den Betrieb u. a. auf
der bedrohten Strecke zwischen Pritzwalk und Putlitz übernommen hat.
Auch eine Kooperation mit dem Eisenbahnverein Buckow (Märkische Schweiz),
der die stillgelegte Strecke Müncheberg-Buckow privat als Touristikbahn
betreiben will, ist denkbar. Es ist schade, daß es um das Konzept
der 50-Seen-Bahn (siehe auch ÖN 13, 1996 und gleichzeitige Ausgaben
von Rabe Ralf und Signal) so still geworden ist; das muß sich ändern.
1999 ist hundertjähriges Streckenjubiläum Fürstenberg-Templin.
Der Verkehr könnte schrittweise wieder aufgenommen werden: da
UrlauberInnen das größte Potential bilden, zunächst zu
Ostern, Pfingsten und während der Sommerferien, langfristig wieder
ganzjährig und mit Zügen nach Berlin (50-Seen-Bahn). Für
letzteres Ziel müßte jedoch die Leistungsfähigkeit der
Strecke erhöht werden, um bei der Gesamtrelation schneller als das
Auto (oder annähernd so schnell) sein zu können. Bis dafür
Mittel bereit stehen, kann mit einer Zuggarnitur / einem Triebwagen (und
somit relativ geringem Aufwand) an verkehrsreichen Tagen statt der Busse
Schienenverkehr im Zweistundentakt betrieben werden, wobei zumindest an
einem der Endpunkte ein optimaler Anschluß zu garantieren ist. Bei
der Ausstattung der komfortablen Triebwagen wird den Fahrgästen mit
Fahrrad, Kinderanhänger/-wagen oder Faltboot Rechnung getragen. Später
sind Direktverbindungen Berlin Zentrum - Fürstenberg - Templin zu
verwirklichen (Schnelltriebwagen 120 km/h Berlin-Fürstenberg, 80 km/h
Fürstenberg - Templin über renovierte Strecke). Das Angebot muß
für den Berufsverkehr in der Region gleichermaßen attraktiv
sein wie für den Urlaubsverkehr.
Sämtliche Bahn-Haltepunkte sind mit komfortablen Wartehäuschen
und modernen, überdachten Fahrradabstellanlagen auszurüsten,
der Bahnhof Lychen zusätzlich mit einer Fahrradstation (mit Leih-Ermäßigung
für Bahnreisende). Die Fahrradmitnahme zwischen Fürstenberg und
Eberswalde sowie zwischen Oranienburg und Prenzlau sollte kostenlos sein.
Mit Verwirklichung des ausschließlichen Eisenbahnverkehrs im ÖPNV
zwischen Fürstenberg und Lychen wird Himmelpfort mit dem Bus durch
die Relationen Fürstenberg - Bredereiche - Zehdenick und Lychen -
Bredereiche - Dannenberg im integralen Taktfahrplan bedient (Verlegung
des Bahn-Haltepunkts Himmelpfort an die Straße Fürstenberg -
Himmelpfort). Die zeitraubenden und unwirtschaftlichen Wendeschleifen,
eine Zumutung für die Fahrgäste, entfallen.
Tragfähig ist das Projekt selbstverständlich nur dann, wenn
erhebliche Teile des Pkw-Verkehrs wieder auf die Bahn und die optimierten
Buslinien verlagert werden, und zwar durch optimale Anschlüsse, direkte
Fahrverbindungen (keine Umwege) sowie attraktive Preisangebote. Der ÖPNV
würde wieder dominierendes Berufsverkehrsmittel außerhalb des
Fahrradradius (10 km).
Für die Draisinen gibt es übrigens genug Ausweichmöglichkeiten
auf abrißbedrohten Strecken, auf denen es wahrscheinlich keinen Verkehr
mehr geben wird und es auch vor der "Wende" keine Personenzüge gab,
z. B. zwischen Gransee und Wolfsruh, zwischen Mittenwalde und Motzener
See südlich Berlins oder auf der stillgelegten Schmalspurbahn der
ehemaligen Mildenberger Ziegeleiindustrie (nördlich Zehdenicks).
Es erscheint mir geradezu als Pflicht, daß wir als ÖKOSTÄDTerInnen
uns in die Verkehrsdiskussion, diesen sensiblen Bereich für eine ökologische
Regional- und Stadtentwicklung, einbringen. Das heißt auch: Augen
und Ohren auf, wenn die Verkehrsleistungen bzw. die Bahnstrecken des "Templiner
Kreuzes" zur Ausschreibung anstehen!
- Fahrradverkehr in und um Lychen
- Fahrrad-Fernwanderweg Berlin-Lychen
- Zukunft der "50-Seen-Bahn" / Templiner Eisenbahnkreuz
Wer hat außerdem Interesse an gemeinsamen Fahrten mit dem Fahrrad
von Berlin nach Lychen?
Anruf / Brief an das ÖKOSTADT-Büro in 10407 Berlin,
Danziger Str. 219, Tel. 423 59 53, Fax 423 56 87.
| zuletzt aktualisiert am 29.11.1998 - © ÖKOSTADT e. V. | ÖKOSTADT-Nachrichten |