von Klaus-Peter Kurch
Unsere ÖKOSTADT-Bewegung setzt sich aus recht zahlreichen Einzelschritten zusammen. Sprünge sind selten (wenn auch der Jahreswechsel eine Zäsur suggeriert). Auch die kleinen Schrittchen sind mit gemeinsamen Erlebnissen und oftmals mit Mühen verbunden. Schon aus diesem Grund sollten wir uns erinnern und nicht hastig darüber hinweggehen.
Besonders aber soll unser Augenmerk darauf gerichtet sein, daß sich die vielen einzelnen Anstrengungen summieren, statt sich gegenseitig aufzuheben.
Wir haben viele Anstrengungen auf unseren Bau in der Vogelgesangstr. 4 konzentriert und im Laufe des Jahres ein bedeutendes Ergebnis erreicht:
Zur 750-Jahrfeier Lychens war die Straßenfassade erneuert. Danach ging es ohne Unterbrechung weiter, die Kräfte wurden jetzt auf die Hofseite konzentriert. Als wir so vorgingen, haben wir in Kauf genommen, daß sich im von der Straße sichtbaren Vereinsraum, dem künftigen Café, lange nichts bewegt und er mit blinden Fenstern auf die Straße blickt.
Und vor Weihnachten war es geschafft:
Die gesamte Außenhaut unseres Hauses haben wir saniert. Zu 90% wurden die Leistungen, die städtebaulich gefördert werden, zum Jahresende abgeschlossen und abgerechnet. Nicht zu reden von den vielen Umbaumaßnahmen im Hof- und Kellerbereich, die über den Förderumfang hinausgingen.
Der Bau wurde noch rechtzeitig winterfest, und inzwischen sind unsere fleißigen Bauleute längst bei Innenarbeiten.
Manchmal verdeckt die Fülle der gelösten und zu lösenden Aufgaben, daß wir in der planerischen Vorbereitung und organisatorischen Durchführung zu große Schwächen haben. Zu Problemknäueln hatten sich die Fußbodengestaltung im Vereinsraum/Caféraum und die Wahl des Heizungssystems entwickelt.
Wir, der Bauherr, der Verein, haben es nicht geschafft, die frühzeitige Beteiligung aller der Mitglieder zu organisieren, die - wie sich am Ende herausgestellt hat - mitreden und mitentscheiden wollten. Da ist auch nach der Qualität der Arbeit des Vorstands zu fragen. Unsere nächste Jahresversammlung kommt im März / April in Sicht, und mancher / manche derer, die sich mitverantwortlich fühlen und mitentscheiden wollen, hat vielleicht eingesehen, daß eine Kandidatur für den Vorstand gute Voraussetzungen dafür bietet, mehr zu bewegen.
Die Arbeit am Fußboden des Vereinsraums war blockiert durch die ungelöste Frage nach der Wiederverwendbarkeit des aus dem Dachboden gewonnenen Lehms. Inzwischen liegt ein Analyseergebnis vor, das die Verwendbarkeit des Lehms bestätigt, wenn auf eine Fußbodenheizung verzichtet wird. Ab sofort kann also der Unterboden in der ursprünglich geplanten Weise aus Lehm aufgebaut werden.
Mit dem Verzicht auf die Fußbodenheizung entfallen einige Argumente gegen einen Holzfußboden. Ein Fußboden z. B. aus Holzpflaster hat einen niedrigen Materialwert, verlangt aber hohen Arbeitsaufwand - aus unserer sozialökologischen Sicht genau das Richtige. Er ist besonders widerstandsfähig und bietet reiche Gestaltungsmöglichkeiten (auch in Verbindung mit Elementen aus Stein). Das sind Gesichtspunkte, die für diese Variante sprechen. In der Beratung der Gestaltungsgruppe am 23. Januar in Altthymen sollte zu dieser Frage eine abschließende Orientierung erarbeitet werden.
Die Kosten der Lehmanalyse (ca. 1200,-DM) sollen, so war in einer Beratung im Oktober vereinbart worden, durch Spenden gedeckt werden. Der Vorstand bittet alle Spendenwilligen, ihre zweckgebundene Spende auf das Vereinskonto 3535703 bei der Bank für Sozialwirtschaft (BLZ 10020500) einzuzahlen. (Die Lehmanalyse kann jeder selbstverständlich beim Vorstand einsehen.)
Die Blockade in der Heizungsfrage besteht in der unaufgelösten Alternative: Holzvergaser-Scheitheizung oder Holz-Hackschnitzelheizung in der V4. Unter dem Druck der verfestigten Gruppendiskussion hat der Vorstand beschlossen, einen ökologischen Vergleich beider Varianten unter den konkreten Bedingungen unseres Objekts durchführen zu lassen. Eine Ausschreibung wurde veranstaltet, drei Angebote gingen ein, nur zwei davon mit einer Preisangabe. Der Vorstand entschied sich für das bei weitem preisgünstigere (3.000,-DM zu 10.500,- DM) und erteilte Sascha Borchardt den Auftrag für die Untersuchung.
Ich bin in diesem konkreten Fall für die Durchführung dieser Untersuchung, obwohl ich es grundsätzlich für unbefriedigend halte, daß wir in solchen, relativ unkomplizierten Streitfragen zu keiner Entscheidung aus eigener Kraft fähig sind und uns darauf verlassen, die Stellungnahme von Fachleuten für teures Geld zu kaufen. Ob wir damit nicht ungelösten gruppen- und einzelpsychologischen Problemen aus dem Weg gehen? Manche haben auch einfach zu wenig Bedenken, tausende Mark des Vereins auszugeben, die er gar nicht hat.
Letzten Endes scheint es mir trotz dieser Bedenken gerechtfertigt, die Untersuchung durchzuführen, weil sie uns zugleich solides Material für den Aufbau eines Teilbereichs der ÖKOSTADT - Präsentation im künftigen Projektzentrum liefern wird. Darüber hinaus kann sie eine Vor- und Teilarbeit für eine künftige Ökobilanz unseres Zentrums darstellen, die modellhafte Bedeutung erlangen kann, und sie kann uns einen Schub geben bei der Ausarbeitung detaillierter Aufgabenstellungen für künftige ABM-Projekte.
Über die Ergebnisse der ersten Etappe dieser Untersuchung ist ebenfalls am 23. Januar in Altthymen zu beraten. Es geht um
• die Erarbeitung und Aufbereitung der Unterlagen für die endgültige Zieldefinition
• ihre Präsentation und Verteidigung
• die verbindliche Vereinbarung des Bilanzrahmens, des Zeitplanes und der damit verbundenen Kosten.
Alle Interessenten sind herzlich willkommen!
Ähnlich wie vor einem Jahr, ist jetzt in den Monaten Januar und Februar ein Gutteil Planungsarbeit zu leisten für das bevorstehende Arbeitspensum. Solche Fragen müssen beantwortet werden, wie:
Wann soll der Wohnraum im Obergeschoß übergeben werden?
Welchen Grad, welche Form der Nutzbarkeit und tatsächlichen Nutzung des Erdgeschosses erreichen wir bis zum
Sommerlager im August und daran anschließend?
Wie muß/kann bis dahin der Hof gestaltet und dann benutzt werden?
Wann werden alle Arbeiten abgeschlossen sein?
Anders als vor einem Jahr haben wir aber diesmal zu Jahresbeginn noch zwei bzw. drei weitere Probleme zu lösen:
Wir wollen planmäßig den Bauherrenwechsel organisieren, d. h. Abschluß des Erbbaurechtsvertrages des
Vereins mit der Genossenschaft.
Wir müssen die offenen Finanzierungsprobleme lösen.
Wir wollen die Planung der Baumaßnahme "Seitenflügel" beginnen.
Alle diese Fragen sind schwierig genug, und doch stellen sie eigentlich nur ein sachliches Gerüst dar für die noch größere und vielgestaltigere Frage nach der Entwicklung unserer ökostädtischen Gemeinsamkeit im Zusammenhang mit der Vollendung des ersten Bauabschnitts unseres Projektzentrums.
Das vergangene Jahr hat uns gelehrt, daß wir die in den Bauplanungen enthaltenen, für den Laien nicht immer verständlichen, manchmal gleichsam versteckten, Informationen ausführlicher und sorgfältiger allen interessierten Vereinsmitgliedern nahebringen müssen. Darin sehe ich vor allem eine Anforderung an unsere Bauleute.
Zugleich haben wir erfahren, daß die nur zeitweilige Beteiligung von Vereinsmitgliedern gepaart sein muß mit ihrer realistischen Einschätzung der eigenen Kompetenz und ihrer Bereitschaft, Verantwortung tatsächlich, durchgängig mitzutragen.
Wenn es die Denkweise geben sollte - "Die Bauleute sollen ruhig strampeln, schließlich kriegen sie es bezahlt, ich komme dann, wenn alles fertig ist und reibe ihnen ihre Fehler unter die Nase." - brauchten wir uns nicht zu wundern, daß wir zwischen uns Gift statt Solidarität zu schmecken kriegen.
Bauwochen in Groß Chüden
Ökodorf in Groß Chüden hat mit Bauwochen (Arbeit der Helfer unbezahlt, Kost und Logis frei) sehr gute Erfahrungen gemacht. Das Bauen wurde als ein einheitlicher Prozeß von Arbeiten und Kommunizieren gestaltet, mit dem Ergebnis, daß immer wieder aus Helfern neue Genossenschaftsmitglieder und Siedlungsentschlossene wurden. Diesen Charakter hat unser Bauprozeß bisher nicht, und ich behaupte auch nicht, daß er ihn haben muß. Doch nützlich wäre es bestimmt für alle am Bau Interessierten, sich einmal an Ort und Stelle mit den Ökodörflern über ihre Erfahrungen auszutauschen.
Übrigens lernten wir diese Erfahrungen von Ökodorf während eines Treffens kennen, daß die Veranstalter von TAT- ORTE für die Teilnehmer an diesem Wettbewerb organisiert hatten. So hat unser schneller Entschluß zur Teilnahme (in der Rückschau auch nur ein kleines Schrittchen) schon jetzt Frucht getragen.
ÖKOSTADT in Lychen, das ist mehr als "Projektzentrum Vogelgesangstraße". Wir engagieren uns zunehmend in und für Hohenlychen. Denn nach der Abfallberäumung "unseres" Grundstücks hat die Bodenanalyse die völlige Unbedenklichkeit für Wohnbebauung ergeben. Die dementsprechende Umformulierung unseres Kaufvertrages wurde inzwischen mit der BBB abgestimmt und notariell beglaubigt, und wir erwarten in Kürze die endgültige Bestätigung durch das Finanzministerium.
Klaus-Peter Kurch
| zuletzt aktualisiert am 25. 3. 1999 - © ÖKOSTADT e. V. | ÖKOSTADT-Nachrichten |