März 2000 ÖN 30
Atomausstieg
Alternative Energien
Demonstrative Fahrradtour 2000
Wege von Berlin nach Lychen
Praktikum bei ÖKOSTADT in Lychen
ABM bei ÖKOSTADT in Lychen
Frühlingserwachen
Öko-Rezepte
Ökostädtische Schule
Regenwurm: unermüdlich subversiv
Kurt Kretschmann: Herbert
Alternative Arbeit
Neues vom Vereinsvorstand
Mitgliedervollversammlung 28.03.2000
Der steinige Weg zur ÖKOSTADT -
Auf der Tangersdorfer Heide. Foto: Philip Jacobs
Am 13.10. fand im Vereinsraum der V4 in Lychen der erste Diskussionsabend statt. Thema war "Ausstieg aus der Atomwirtschaft", vorbereitet von Roy und mir. Nachdem wir einen Dokumentarfilm über Tschernobyl gesehen hatten, kamen wir 6, 7 Anwesenden schnell in eine Diskussion, die nach meinem Eindruck für uns alle bereichernd war. Im Folgenden will ich noch mal auf einige der uns selbst gestellten Fragen Antwort geben:
1. Die Atomenergienutzung ist eine nicht beherrschbare Technologie. Kleine Fehler können katastrophale Wirkungen haben (siehe Harrisburg, Tschernobyl, Tokaimura...). Allein in deutschen Atomanlagen gab es 1998 162 (bekanntgewordene) Zwischenfälle. AKWs sind tickende Zeitbomben.
"Auch im Normalbetrieb eines AKW werden immer Radionuklide freigesetzt! Es gibt keine unschädliche Strahlendosis in Bezug auf Krebs, Leukämie und Erbschäden - deshalb gibt es keine tolerierbare Strahlendosis!" Dies sagt Prof. Gofman (USA), Atomphysiker und Arzt, Mitarbeiter am "Manhattan-Projekt" und langjähriger Direktor des Lawrence Livermore Strahlenlabors. Von ihm stammt auch folgendes Beispiel: "Ein einfacher und sehr passender Vergleich ist eine Feuersbrunst. Man wartet doch sicher nicht mit dem Löschen solange, bis man selbst Feuer gefangen hat. Man wird auch nicht die Feuerwehrleute des Vandalismus beschuldigen, wenn sie während der Feuerbekämpfung Möbel und andere Güter mit Gewalt aus dem Weg räumen. Bei einem Feuer wird, ganz gleich, wie weit die Flammen um sich gegriffen haben, die Bedrohung als unmittelbar betrachtet. Bei einem AKW ist die Situation die gleiche. Es ist ein Dienst an der Öffentlichkeit, wenn man verhindert, daß Menschen durch AKWs zu Schaden kommen."
Stunkparade in Berlin, 13.11.1999
Auch wenn direkte Nachweisführungen schwierig sind, sind die erhöhten Leukämieraten um "Wiederaufbereitungsanlagen" (z. B. Sellafield) oder AKWs (z.B. Krümmel) leider nur die Spitze des Eisberges.
2. Die sogenannte "friedliche" und die militärische Nutzung der Atomenergie sind untrennbar miteinander verbunden:
3. Die Verstrahlung geht nicht mit der Inbetriebnahme eines AKW, sondern mit der Förderung des Urans los. Ganze Regionen werden verseucht, wir kennen das Beispiel der WISMUT in der Nähe. Meist sind heilige Gebiete indigener Völker betroffen, so Four Corners, das heilige Land der Hopi. "Dieses bezeichnen sie als "Herz der Erde". Nicht zu Unrecht - wie NaturwissenschaftlerInnen feststellten - denn wie Tibet steuert dieses Gebiet den Fluß des elektromagnetischen Feldes der Erde (von den Zeremonien der traditionellen Hopi gleichsam kontrolliert und angeregt). Davon werden Phänomene wie Wetter, Klima, Wohlbefinden, Fruchtbarkeit und Wachstum aller Lebewesen beeinflußt, aber auch die Stabilität der magnetischen Pole, der Erdrotation und der Erdachse (Buschenreiter)". Die lebenswichtige Funktion des schweren Urans liegt gebunden in der Erde, nur dort! Ein weiteres Beispiel ist die geplante Jabiluka-Mine in Australien - in einem heiligen Gebiet der Aborigines.
Alle Uranminen bei indigenen Völkern führen zur Vertreibung dieser, zur Zerstörung ihrer Kultur, zur Verseuchung der Umwelt, von der sie direkt abhängen.
4. Das Unheil liegt nicht nur am Anfang der Atomkette. Am Ende steht der Atommüll. Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, das es unmöglich ist, diesen sicher zu lagern. Hunderte Generationen nach uns (falls diese überhaupt noch eine Chance haben) werden sich mit dem strahlenden Müll herumschlagen müssen.
Stunkparade in Berlin, 13.11.1999
"Wiederaufarbeitung" und Zwischenlager heißen die sogenannten Entsorgungsnachweise der AKW-Betreiber. Damit wird nur versucht, das Problem zu vertuschen! Lassen wir uns nicht für doof verkaufen! Keine weitere Produktion von Atommüll ist die Grundvoraussetzung für eine Schadensbegrenzung!
5. Von der Uranförderung bis zum Herumschieben des Atommülls (CASTOR) werden unzählige gefährliche Transporte durchgeführt. Auch hier besteht Katastrophengefahr, auch hier ist nur ein Bruchteil des Wahnsinns bekannt (z.B. Verstrahlung der CASTOR-Behälter).
6. "Die Atomwirtschaft zerstört Grundrechte (Erhalt der Lebensgrundlagen, Recht auf Leben und Gesundheit). Zynischerweise argumentiert die Atomlobby mit einem übergeordneten öffentlichen Interesse (Kirsch)." Atomwirtschaft führt zum Atomstaat. Für die Interessen der Atomlobby werden weitere Rechte wie Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit eingeschränkt, wird bürgerkriegsartig gegen die Bevölkerung gekämpft.
7. Auch die AKW-Betreiber sind Kapitalisten. Für die höchste Profitrate wird gespart, so an Sicherheitsmaßnahmen, an geschultem Personal. Zur Zeit werden die jährlichen Revisionen gekürzt, obwohl die Atomanlagen immer älter werden. Mittlerweile sind 2 von 5 Stellen der Servicemannschaften mit Hilfskräften besetzt.
8. "Die Atomwirtschaft verhindert die dringend nötige Energiewende, d.h. den Umstieg auf eine dezentrale, umweltschonende und zukunftsfähige Energieversorgung (Sattari)."
Soweit erstmal 8 der ca. 435 Gründe für einen Sofortausstieg. Ich finde, jeder einzelne davon genügt.
Die Befürchtung, daß die Lichter ausgehen, wenn die AKWs abgeschaltet werden, ist eine unbegründet in die Welt gesetzte Behauptung. Rein rechnerisch ist eine Sofortabschaltung möglich. Dies ist schon mehrfach durchgerechnet wurden, u.a. von GREENPEACE. Mir liegen Daten für 1995 vor (Quelle BUND-jugend): Da wurden am kältesten Tag 71 Gigawatt (GW) Strom verbraucht. Zur Verfügung standen 108 GW, davon 20 GW aus den AKWs. Es gab also noch 17 GW Reserve!
Ganz abgesehen davon gehen solche Berechnungen von dem IST-Zustand aus. Unberücksichtigt bleiben sowohl das riesige Energiesparpotential (allein 44% des Energieverbrauches in Haushalten, 29% beim Verkehr und 10% in der Industrie bis 2020 durch jetzt schon vorhandene neue Technologien) und der Boom für dezentrale und regenerative Energieerzeuger nach Wegfall der AKWs. Von solchen Kategorien wie industrieller Abrüstung oder einfacher leben rede ich dabei noch gar nicht.
Naja, ich glaube auch nicht mehr an den Weihnachtsmann. Doch zu den Fakten: Die neue Bundesregierung hat die Zielsetzungen ihrer Programme (SPD _ Ausstieg in 10 Jahren, Grüne _ Ausstieg in einer Legislaturperiode) in Vergessenheit geraten lassen. Sie hat die Entschädigungsfreiheit der AKW-Betreiber statt der Gefahren der Atomindustrie zum zentralen Thema der sogenannten "Konsensgespräche" gemacht. So hat sie die Konzerne in Vorhand gebracht und sich selbst zum Reagieren verdammt. Betroffene und Umweltverbände werden nicht einbezogen. Jetzt geht es um Restlaufzeiten, damit verbunden um Profitraten. Eine Regierung im Kapitalismus muß zwangsläufig Handlanger des Kapitals sein, und so wird das demokratische Deckmäntelchen immer mal wieder entzaubert (Demokratie war ja auch im antiken Griechenland nur das Machtspielchen einer kleinen Gruppe der Bevölkerung). Die neue Bundesregierung hat einen ehemaligen VEBA-Atommanager (Wirtschaftsminister Müller) zu ihrem Verhandlungsführer bei den "Konsensgesprächen" gemacht. Sie wird wahrscheinlich bis zum Ende der Legislaturperiode den Bau bis zu 7 neuer AKWs mit finanzieren (2xUkraine, 3xRußland, 1xTürkei, 1xBrasilien). Die Bundesregierung wird demnächst den Transportstop für CASTOR-Behälter aufheben (Anm. d. Red.: ist inzwischen geschehen). Sie sorgt für den Bau von Zwischenlagern an den AKWs zur Sicherung ihres Weiterbetriebs und hat das Atomgesetz nicht wie angekündigt novelliert. Die Bundesregierung nimmt die Pilot-Konditionierungsanlage in Gorleben in Betrieb und verhindert den Ausstieg aus der "Wiederaufarbeitung". Sie willigt in die drohende Inbetriebnahme von Schacht Konrad zur "Endlagerung" von schwach- und mittelradioaktivem Müll ein und verhindert ein Moratorium für das "Endlager" Gorleben.
Dies nur einige Punkte, die mir gerade einfallen. Die Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau soll übrigens auch auf mehr als das Doppelte vergrößert werden. Dann können 32! AKWs mit Brennstoff versorgt werden. Oder sehen wir nach Schweden. Vor 18 Jahren wurde dort der Atomausstieg beschlossen. Doch erst im Dezember 1999 wurde das erste AKW abgeschaltet, nur die damals starke Anti-AKW-Bewegung ist so ruhig gestellt worden und heute kaum noch vorhanden.
1. Informieren, aufklären, Gespräche, Leserbriefe, Mobilisieren für Aktionen _ das ist für mich der erste Schritt. Ein Großteil der mit dem Thema befaßten Umweltverbände und BIs hat das Aktionsbündnis Atomausstieg gegründet und eine "Zeitung für den Atomausstieg" herausgebracht. Diese sehr informative Zeitung enthält aus vielen Bereichen der Atomwirtschaft Fakten und zeigt Alternativen auf. Sie soll massenhaft in der Bundesrepublik verteilt werden und ist auf die Unterstützung vieler angewiesen. Sie enthält auch zahlreiche Adressen und Hinweise auf weiterführende Materialien. Sie kann beim "Aktionsbündnis Atomausstieg", Körtestr. 10, 10967 Berlin (030-6930244) bezogen werden (50 St. 10 DM, 100 St. 20 DM, 500 St. 40 DM, 1000 St. 70 DM, 2000 St. 120 DM).
2. Schließt Euch mit anderen zusammen, entweder in bestehenden Gruppen, oder gründet neue Gruppen! Zwischen Informationsverteilung und der Vorbereitung und der Ausführung von Aktionen gibt es viele Thematiken. So sind Roy und ich bei "X-Tausendmal-Quer _ Kampagne zur gewaltfreien Blockade des nächsten CASTOR-Transportes" beteiligt. Es geht vor allem darum, weiterführende Strategien zu entwickeln. Die Fixierung auf den CASTOR kann schnell zur Schwäche werden, denn zur Zeit sind die AKW-Betreiber _ unterstützt von Bundes- und Landesregierungen _ fieberhaft dabei, Atommülllagerplätze an den AKWs zu schaffen. Aber warum sollen nicht einmal 10 000 Menschen wie bei den letzten CASTOR-Transporten oder der Stunkparade ein AKW solange blockieren, bis es abgeschaltet werden muß? Warum sollten nicht die Umweltverbände, Vereine (Ökostadt) vermehrt geförderte Stellen beantragen, die dann ganz oder teilweise für Anti-AKW _ eben auch für solche Blockaden _ genutzt werden? Der letzte CASTOR-Transport nach Ahaus hat mich die Hälfte meiner damaligen Monatssozialhilfe gekostet, während die uniformierten Schläger sich auf Staatskosten austoben durften. Das wäre übrigens ein Ansatz für einen Steuerboykott _ Steuern nur für wirklich gemeinnützige Projekte und nicht für den Erhalt der Profitraten der Konzernbosse zu zahlen.
3. Ein weiteres Betätigungsfeld liegt im persönlichen Alltag. Wir haben jetzt alle die Chance, ökologische, dezentrale, regenerative Stromerzeuger zu fördern. Der Unterschied im Geldbeutel ist nicht gravierend, außerdem ist ein ruhiges Gewissen und das Ende der Atomwirtschaft nicht mit Geld aufzuwiegen. Soweit mir bekannt ist, wurden Ökostrom-Anbieter in ÖkoTest 11/99 verglichen, ich habe es leider noch nicht gesehen. Der konsequenteste Schritt ist eine Selbstversorgung mit Strom _ sei es im Haus, in der Gemeinschaft, in der Gemeinde....
Dazu noch drei Bemerkungen:
Für mich verdient Ökostrom diesen Namen nicht, wenn er von Konzernen oder Anbietern kommt, die auch Atomstrom produzieren oder vertreiben, z.B. RWE: So gilt es zuerst, die zahlreichen schwarzen Schafe auf dem Ökostrommarkt auszusortieren.
Auch wenn es jetzt möglich ist, Ökostrom bundesweit zu beziehen, sind die Hauptverdiener daran derzeit die alten Energieversorgungsunternehmen (EVU), da sie überhöhte Durchleitungsgebühren fordern. Auch hier gilt es zu sondieren, ob momentan nicht solch ein Angebot günstiger ist, bei dem die alten EVUs bezahlt werden zuzüglich eines Aufschlages für den Aufbau regenerativer Energien (z. B. Naturstrom AG, "Watt Ihr Volt" der EWS Schönau).
Vermutlich wird es noch im ersten Quartal 2000 ein Gesetz darüber geben, daß die Einspeisung von Solarstrom ins öffentliche Netz mit 99 Pf/kWh vergütet wird. D. h., daß eine Solaranlage auf dem Dach nicht nur den Eigenstrom erzeugt, sondern durch Stromeinspeisung auch Geld verdient wird. Hinzu kommt das 100 000-Dächer-Förderungsprogramm in Berlin und Brandenburg, durch das der Neubau von Solaranlagen zu einem Drittel bezuschußt wird. Ich denke, das wäre ein Projekt für ÖKOSTADT .
Die Zitate stammen aus Padrutt, Hans-Peter "Der epochale Winter", Zürich 1984; Buschenreiter, Alexander "Mit der Erde für das Leben _ der Hopi-Weg der Hoffnung", Freiburg, 1989; Satarri und Kirsch aus der erwähnten "Zeitung für den Atomausstieg". Weiterhin verwendete ich das "anti-atom-aktuell", insbesondere Ausgabe 106 (11/99) sowie Flugblätter der BUND-jugend und von Prof. Gofman.
Thomas Held
Im November 1997 kündigte der deutsche Minister für Umwelt und Nuklearsicherheit in den Medien die Ergebnisse einer neuen Untersuchung zur Häufigkeit von Leukämie und anderer bösartiger Erkrankungen bei Kindern an, die in der Nähe von Kernkraftwerken (KKW) leben. Dem Minister zufolge bewies die Untersuchung unzweifelhaft, daß kein entsprechendes Risiko besteht. Die Schlußfolgerungen der Studie wurden in den Medien umfangreich zitiert und in der laufenden Diskussion über die Gesundheitsrisiken von Kernkraftwerken in Deutschland bereitwillig von Lobbyisten und Unterstützern der Kernkraft verwandt. Diese neue Studie war im wesentlichen die Aktualisierung einer früheren Untersuchung des Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation (IMSD) in Mainz. Jene erste, die Jahre von 1980 bis 1990 umfassende Untersuchung zeigte eine signifikante Zunahme frühkindlicher Leukämie im Umkreis von 5 km aller Nukleareinrichtungen. In der erweiterten Studie (1980 - 1995) schlossen die Verfasser dagegen, diese Risiken seien nicht länger signifikant. Außerdem behaupteten sie, weitere Forschungen wären nicht erforderlich, da die neue Studie auf mehr als 2.500 Fällen beruhe und die bis dato kontroverse Angelegenheit damit endgültig geklärt sei.
In den Jahren 1990 - 1991 wurde eine nie dagewesene räumlich-zeitliche Häufung von Fällen von Kindheitsleukämie in der unmittelbaren Umgebung des Heißwasserreaktors (HWR) in Krümmel beobachtet. Bereits früher waren Häufungen in der Nähe zweier weiterer deutscher HWR (Lingen und Würgassen) berichtet und bestätigt worden. Diese Beobachtungen weckten einige Besorgnis in bezug auf mögliche systematische Unterschiede in den Emissionen beider Reaktortypen. Druckwasserreaktoren (DWR) verfügen über einen Sekundärkreislauf, der das radioaktive Primärwasser von den Turbinen trennt. Im Unterschied dazu leiten HWR den Dampf aus dem Primärkreislauf direkt durch die Generatorturbinen. Wegen dieses technischen Unterschieds wird allgemein angenommen, daß von HWR mehr Strahlung ausgeht als von vergleichbaren DWR.
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Gebiete mit dem Radius 5 km um die 15 Standorte kommerzieller KKW.
Gesamtheit der bösartigen Kindheitserkrankungen (0 - 14 Jahre): In Übereinstimmung mit der früheren Studie ergibt sich kein zusätzliches Risiko, falls alle 20 Nukleareinrichtungen gemeinsam betrachtet werden. Ein signifikanter Anstieg der Kindheitskrebsfälle ergab sich jedoch in der Umgebung der 15 kommerziellen Reaktoren. Das gestiegene Gesamtrisiko in der Nähe der KKW kann im wesentlichen den Standorten der HWR zugeordnet werden. Der erhöhte Wert um die HWR-Standorte bleibt selbst dann statistisch signifikant, wenn der HWR in Krümmel aus der Analyse ausgeschlossen wird.
Akute Kindheitsleukämie: Die Zunahme der Fälle akuter Kindheitsleukämie ist nicht statistisch signifikant. In dieser Analyse kann die statistisch nicht signifikante Zunahme des Risikos für akute Leukämie nahe HWR vollständig dem HWR Krümmel zugeordnet werden.
Bösartige Erkrankungen von Kleinkindern (0 - 4 Jahre): In der Umgebung der 15 kommerziellen Reaktorstandorte wurde ein statistisch signifikanter Anstieg der Krebsrate beobachtet; der Anstieg ist noch deutlicher für die HWR-Standorte.
Frühkindliche Leukämie (0 - 4 Jahre): In dieser Altersgruppe ist der Anstieg des Auftretens akuter Leukämie in der Nähe aller kommerziellen Standorte noch etwas ausgeprägter als der im Fall aller bösartigen Erkrankungen. Es besteht kein signifikanter Unterschied im Risiko nahe HWR und DWR. Selbst bei Auswertung aller 20 Nukleareinrichtungen (einschließlich der Forschungsreaktoren) ist der Anstieg statistisch signifikant.
Es ist zu beachten, daß aufgrund der ökologischen Natur der Untersuchung erhöhte relative Risiken lediglich Beziehungen darstellen und nicht als Beweis für eine Kausalität interpretiert werden dürfen. Dennoch stehen die Resultate im Einklang mit der Annahme eines tatsächlichen Einflusses deutscher Kernkraftwerke auf das Auftreten von Kindheitskrebs: 1. Die Ergebnisse des IMSD sind im allgemeinen konsistent mit veröffentlichten Resultaten aus Deutschland und anderen Ländern. 2. Die erhöhten Risiken sind auf die unmittelbare Umgebung der Anlagen beschränkt. Das ist zu erwarten, falls die KKW tatsächlich Punktquellen eines wirklichen Risikofaktors (z.B. radioaktiver Emissionen) sind. 3. Die relativen Risiken sind um HWR höher. Es ist bekannt, daß sie größere Mengen von Radionukliden freisetzen als DWR. 4. Die relativen Risiken für akute Leukämie, deren radiogene Ätiologie gesichert ist, sind höher. 5. Die relativen Risiken für jüngere Kinder sind höher. Das ist zu erwarten, da bekannt ist, daß in der frühen Kindheit, besonders pränatal, die Radiosensitivität größer ist.
Der IMSD-Bericht aus dem Jahr 1997 stellt die zur Zeit detaillierteste Analyse der Fälle von Kindheitskrebs in der Nähe von Kernkraftwerken in Deutschland dar. Seine negativen Schlußfolgerungen sind jedoch in Frage zu stellen. Der beobachtete Anstieg der Krebsrate bei der verwundbarsten (jüngsten) Bevölkerungsgruppe in der Umgebung kommerzieller Kernreaktoren verdient besondere Aufmerksamkeit. Das Thema nachteiliger gesundheitlicher Effekte in der Nähe von KKW ist weit von seiner Klärung entfernt und erfordert definitiv weitere Untersuchungen. (gekürzte Fassung nach "Medicine and Global Survival" 1999; siehe auch im Internet: www.healthnet.org/MGS)
Alfred Körblein, Wolfgang Hoffmann
Es spricht sich herum. Viele bisher unbekannte Stromanbieter sind plötzlich auf dem Markt. Gelber, grüner, brauner, ja neuerdings sogar gläserner" Strom drängelt sich an unserer Steckdose. Jeder, der auf Atomstrom und/oder auf den Strom aus fossilen Energieträgern verzichten will, hat die Qual der Wahl.
Auch Ökostromanbieter nennen sich nun Viele. Sind sie es wirklich? Schon gehört von Nucleostop, dem ultimativen Atomstromfilter? Hier ist die kleine Meldung: Kürzlich sorgte Nucleostop - Der Atomstromfilter" in der österreichischen Presse für Aufsehen. Mit einem kleinen schwarzen Kasten (Preis: sagenhafte 1.800 Mark) soll Atomstrom erkannt und umgehend zurück ins Stromnetz befördert werden, so der unbekannte Scherzbold, der den Kasten hergestellt hat. Anderen Strom hingegen akzeptiere der kluge Apparat. Alles Schwindel", warnte daraufhin die Presse, und befragte auch gleich Physiker, ob Strom nach seinen unterschiedlichen Erzeugerquellen unterschieden werden könne. Kann er nicht, sagten die Gelehrten. Sollte Ihnen also jemand einen Atomstromfilter andrehen wollen, sparen Sie sich das Geld für die schönen Dinge des Lebens."
Anscheinend kommen wir nicht umhin, die Angebote verschiedener Anbieter selbst zu prüfen. Dabei können uns die verschiedenen Prüfsiegel eine Hilfe sein - aber auch nur dann, wenn uns die jeweiligen Prüfkriterien bekannt sind.
Das TÜV-Zertifikat Bereitstellung von Strom aus erneuerbaren Energien" wird für Strom aus Wind- und Wasserkraft, aus Photovoltaik aber auch aus Biogas einschließlich Deponiegas erteilt. Er kann also Strom aus riesengroßen Wasserkraftwerken (diese können auch schon uralt sein) enthalten, nicht aber Strom aus der relativ umweltfreundlichen Kraft-Wärme-Kopplung auf der Basis von Erdgas.
Das Gütesiegel des Öko-Instituts e. V. hingegen orientiert besonders am Bau neuer Anlagen und erlaubt dann auch die Verbrennung von Erdgas, ja sogar die von Steinkohle in moderner Kraft-Wärme-Kopplung. Allerdings vergibt das Öko-Institut sein Siegel auch in einer zweiten Stufe: regenerativ". Dieser Strom besteht dann zu 100% aus erneuerbaren Energien.
Grüner Strom Label e. V., von EUROSOLAR ins Leben gerufen, hat ähnliche Kriterien wie das Öko-Institut. Der Stufe regenerativ" beim Öko-Institut entspricht das Grüner Strom Label in Stufe Gold". Grüner Strom Label e.V. bezieht aber die Anbieter in die Prüfung mit ein. D. h. ein Atomkraftwerksbetreiber, der nebenbei auch noch grünen Strom produziert, würde das Grüner Strom Label nicht erhalten. So zumindest die Grundposition des Vereins, die in Gefahr ist, verwässert zu werden.
Wohl ermöglichen die Zertifikate eine erste Orientierung. Weitere Kriterien jedoch müssen die StromkundInnen selbst prüfen. So dürfte es auch wichtig sein, ob der Strom in der eigenen Region erzeugt wird oder ob er über riesige Entfernungen herangeführt werden muß, ob er in wenigen Großanlagen oder in vielen modernen Klein- und Kleinstanlagen erzeugt wird. Der Preis schließlich dürfte Ökostädterinnen gleichfalls interessieren und auch die Zuverlässigkeit und Kundenfreundlichkeit der jungen Ökostromanbieter ist ein bedeutendes Kriterium. Dies ist z. Z. besonders schwer einzuschätzen, im Augenblick haben wir erste Erfahrungen mit Naturstrom AG", die nicht ermutigend sind.
Der Vorstand der ÖKOSTADT eG hat sich wiederholt um Orientierung auf dem so dynamischen Ökostrommarkt bemüht. Wir haben im Internet recherchiert und viele Anbieter um ausführliche Informationen gebeten. Die Qualität der Reaktionen ist insgesamt nicht berauschend. Immer wieder hatten wir den Eindruck, daß Angebote mit der heißen Nadel" genäht waren. Hauptsache Dabeisein" schien oftmals die Devise. Eigentlich scheint es also noch zu früh zu sein für eine Entscheidung. Andererseits möchten wir nicht endlos warten, zumal nach dem Wechsel zu einem nicht befriedigenden Anbieter ein weiterer Wechsel zu einem besseren möglich ist.
So tendieren wir derzeit dazu, uns für den Anbieter Lichtblick-die Zukunft der Energie GmbH" (www.lichtblick.de) zu entscheiden. Dieses Unternehmen mit Sitz in Hamburg bietet einen Strommix an, der zu 50% aus erneuerbaren Energien (Wind, Wasser, Biomasse) besteht und zu 50% auf Kraft-Wärme-Kopplung (Erdgas) basiert. Auf Strom aus Atomkraft, Kohle oder Öl wird völlig verzichtet. Lichtblick bewirbt sich um das TÜV-Zertifikat (Den Widerspruch zu obiger Aussage über das TÜV-Zertifikat kann ich nicht aufklären.). Es wird garantiert, daß mit mindestens 25% der Unternehmensgewinne aus dem Verkauf von Ökostrom Projekte für den Klimaschutz und die Energiewende gefördert und finanziert werden.
Der Preis der kWh beträgt 26,9 Pfennig (oder darunter) plus Grundgebühr von 9,50 DM/Monat. Darüber hinaus hat Lichtblick" ein Bonussystem. Nach dem Motto Kunden werben Kunden" werden Preisnachlässe für geworbene Neukunden gewährt. Vielleicht können wir durch gemeinsames Auftreten von ÖkostädterInnen Einsparpotentiale ausschöpfen, die uns allen zu Gute kommen.
Deshalb zum Schluß diese Fragen und Bitten an alle Leser dieses Beitrags: Habt Ihr die Absicht, Euren Stromverbrauch auf Öko umzustellen? Wenn ja, habt Ihr bereits einen Anbieter gewählt? Sind die genannten Konditionen von Lichtblick" für Euch interessant? Habt Ihr Interesse, Euch einem von der ÖKOSTADT eG organisierten Käuferpool anzuschließen?
Bitte richtet Eure Antworten und Anregungen recht bald an die ÖKOSTADT eG Tel/FAX: 039888/4195.
Klaus-Peter Kurch
Seit dem 3. Aug. 1999 bin ich vertraglich Kunde/Partner der Naturstrom AG. Seither hat die Naturstrom AG meine Vollmacht zur Kündigung meines Vertrages mit der e.dis, meinem bisherigen Energieversorger-Partner.
Vor dem Fälligwerden meiner danach folgenden Zahlung an e.dis (Okt.'99) erkundigte ich mich bei der Naturstrom, ob ich denn nun weiterhin an e.dis überweisen muß. (Ich wunderte mich, daß Naturstrom noch keine Geld-Forderung aufgemacht hatte.)
Eine Mitarbeiterin der Naturstrom AG erklärte mir per Telefon, daß ich nicht mehr an e.dis überweisen muß & Naturstrom nun meine Zahlungen übernehmen würde.
Nov.'99 trat e.dis schon mit einer Zahlungserinnerung an mich heran. Woraufhin ich mich erneut bei Naturstrom rückversicherte. Ich erhielt wieder die gleiche Auskunft.
Nun im Januar 2000 erhielt ich von der e.dis eine Mahnung" wegen der ausbleibenden Zahlungen.
Mein Vertrauen in Naturstrom ist aufgebraucht. Ich habe jetzt vorsorglich bei Naturstrom gekündigt, sollten diese mir nicht binnen 14 Tagen mitteilen, welche Aktivitäten sie in Bezug auf meinen Vertrag mit e.dis unternommen haben.
Soviel zu meinen Erlebnissen mit der Naturstrom AG.
Nach einer Naturstrom-Umfrage haben 75-85% aller Befragten der Firma in allen Kategoriern ein sehr gut" erteilt. Aber ca. 10% unzufriedene KundInnen, bei denen es Probleme mit Ummeldung & Abwicklung des Zahlungsverkehrs gibt, räumen sie auch ein. Hier wollen sie mit Nachdruck dafür sorgen, besser zu werden.
Vom Ansatz & Konzept her ist die Naturstom m. E. sehr gut.
Roy Rempt, Lychen
Solare Weltwirtschaft
Eines der an- und aufregendsten Sachbücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, ist Solare Weltwirtschaft" von Hermann Scheer, erschienen 1999 im Münchner Verlag Antje Kunstmann. (Dank an Berthe, es ist nicht der erste gute Buchtip von ihr!)
Hermann Scheer, manchen vielleicht als Solarpionier" bekannt, ist Präsident von EUROSOLAR, Träger des alternativen Nobelpreises und zudem SPD- Bundestagsabgeordneter.
Versprochen hatte ich mir von diesem Buch eine zusammenhängende Darstellung der Möglichkeiten und Erfordernisse einer durchgreifenden Nutzung der Sonnenenergie. Diese Erwartung wurde befriedigt, doch das Buch, erfrischend polemisch geschrieben, bringt viel mehr.
Hörte ich bisher Solarenergie",
so dachte ich zunächst an die solare Strom- und Wärmeerzeugung, dann auch an
Energieerzeugung aus Biomasse, die ja schließlich gespeicherte
Sonnenenergie ist. Scheer geht mit einer
grundsätzlichen Gegenüberstellung von fossiler
und solarer Ressourcenwirtschaft viel umfassender an dieses Problem heran.
Natürlich geht es auch ihm um solare Energiewirtschaft. Die Aufdeckung der
Mythen der fossilen Energiewirtschaft einerseits und des Potentials der
solaren Energiewirtschaft andererseits, gehört
zu den spannendsten Kapiteln des Buches.
Besonders das Problem der technischen und natürlichen solaren
Energiespeicherung nimmt großen Raum ein und
wird als Herausforderung an Phantasie
und menschlichen Schöpfergeist
dargestellt. Auch viele interessante Einzelinformationen sind da zu finden, nur
ein Beispiel: Ein Automobil, das allein mit Druckluft fährt, ist von dem
Franzosen Guy Negre, einem früheren Formel-1-Motorenkonstrukteur, und dem
Luxemburger Unternehmen MDI (Motor Development International) 1999
erstmals öffentlich präsentiert worden.
Für den Kompressionsdruck zum Füllen eines Tanks mit einem Volumen von
300 Liter sind 20 kWh Strom nötig. Damit erzielt der Motor eine
innerstädtische Reichweite von über 200 km. Die
Höchstgeschwindigkeit liegt bei 110 km/h.... Bei stationären Kompressoren, z.
B. über Drucklufttankstellen, ist eine Volltankung in weniger als drei
Minuten möglich.... Der Wirkungsgrad liegt
bei 85% des für die Kompression erforderlichen Stroms."
Aber über die solare Energiewirtschaft hinaus macht Scheer die enorme Dimension der solaren R o h s t o f f e bewußt, analysiert ihren unerschlossenen Reichtum und zieht Konsequenzen bis in den ökonomischen und gesellschaftspolitischen Bereich.
Ohnehin gehört es zu den Stärken des Buches, Zusammenhänge aufzudecken zwischen der Verknappung der fossilen Ressourcen und den sich stetig verschärfenden gesellschaftlichen Krisenerscheinungen, einschließlich aktueller militärischer Doktrinen und Konflikte. Da wird das Beharren auf rücksichtslosen Macht- und Profitinteressen angeprangert - und viele Fernsehbilder von Flüchtlingselend, viele salbungsvolle Worte von Menschenrechten, die auch mittels Krieg zu schützen seien, werden nötig sein, um solche Einsichten wieder zurückzudrängen.
Scheer verweist darauf, daß Solarwirtschaft, der Natur des Sonnenangebots entsprechend, mit der Dezentralisierung und Regionalisierung vieler (nicht aller) wirtschaftlicher Prozesse verbunden ist und insofern einen grundsätzlich anderen Weg weist, als die sture großkapitalistische Globalisierung, die alle Vielfalt zu monopolisieren sucht und damit lebensfeindlich ist.
Schließlich hat es auch der kleine Abschnitt: Harte Wege zu sanften Ressourcen" in sich, in dem Hermann Scheer deutlich macht, wie notwendig ein offensiver, ja aggressiver politischer Kampf ist, der sich gegen die Verweigerungshaltung der fossilen und atomaren Strommonopole und der von ihnen bezahlten Politiker- (und Wissenschaftler-) stimmen richtet.
Wir Ökostädter sollten für unseren eigenen Stromverbrauch die Möglichkeiten des Wechsels zu Ökostromanbietern ohne großen Zeitverzug wahrnehmen.
Wenn die angekündigte Neuregelung der Einspeisevergütung für Solarstrom vom Bundestag beschlossen ist, werden sich die Bedingungen für Investitionen in Photovoltaikanlagen gravierend ändern. Das sollte auch Auswirkungen auf unsere künftigen Baumaßnahmen haben.
Klaus-Peter Kurch
für ökologischen Verkehr in Berlin+Brandenburg
für 50-Seen-Bahn Fürstenberg-Templin
für Fahrradwanderweg Berlin-Lychen
Wer diese unsere schöne Hauptstadt ohne Auto
verlassen möchte, hat's nicht leicht. Zwar wurden vor allem die
Bundesstraßen auf möglichst hohe Geschwindigkeit ausgebaut,
aber da in Berlin nur ca. jeder 2. Haushalt ein Auto besitzt, ist
doch ein großer Teil der Bevölkerung daran interessiert, auch
ohne Auto mal ins Umland zu kommen.
Die gängigen 3 Methoden stoßen auf dasselbe
Problem: Menschen ohne Auto sind hier nur am Rande vorgesehen.
FußgängerInnen stoßen schon nach kurzer Wanderung
erst einmal auf den Berliner Ring, an dem tatsächlich ein
großer Teil der Wege einfach endet.
BahnfahrerInnen können zwar ab Lichtenberg
oder Oranienburg relativ häufig abfahren, sollten dann aber
möglichst keine Fahrräder, mehrere Kinder und keinen
Rollstuhl dabei haben, da die Kapazitäten der Bahn gerade auf der
Strecke nach Neustrelitz nicht entsprechend ausgelegt sind. Auch
sollten die Ziele nicht zu exotisch gewählt sein, da nicht nur
ein ansehnlicher Teil der Strecken im Berliner Umland
stillgelegt wurde, sondern die Strecke Fürstenberg _ Lychen _
Templin im Dezember 1998 sogar entwidmet wurde.
RadfahrerInnen können zusehen, wie sie mit heilen
Knochen und Nerven auf den glatt asphaltierten Hauptstraßen
oder ohne Stürze und Achsbrüche auf sandigen oder grob
gepflasterten Nebenstraßen vorwärtskommen. Mit Kindern sind
beide Varianten nicht gerade empfehlenswert, und ein
vollgefedertes Mountainbike haben auch nicht alle.
Selbst wer ein Auto hat, möchte sich vielleicht mal vom Fahren und Staustehen entspannen und trotzdem auf die gewohnte Mobilität nicht verzichten.
Daher findet jedes Jahr am Himmelfahrtswochenende, am 1.-4. Juni 2000 zum zweiten Mal, die Demonstrative Radtour Berlin _ Lychen _ Berlin von ÖKOSTADT statt. Unser jährliches Motto lautet: Für die 50-Seen-Bahn Berlin-Fürstenberg-Lychen-Templin! Für einen komfortablen Fahrradfernwanderweg Berlin-Lychen abseits großer Autostraßen! Und Spaß machen soll die Demo natürlich auch wieder.
In den Gemeinden, durch die wir fahren, sollen Flugblätter verteilt werden, um auf unsere Ansprüche aufmerksam zu machen. Gerade Menschen, die Häuser nicht nur als Hindernis auf ihrem Weg nach möglichst schnell möglichst weit weg sehen, sind - vom finanziellen Aspekt her betrachtet - für das Berliner Umland nicht gerade unwichtig. Allerdings muß eben auch etwas dafür getan werden, diese Menschen anzulocken, und das hört bei einem Fahrradständer auf dem Marktplatz noch lange nicht auf. Die betroffenen Gemeinden sollen im Voraus über unser Kommen informiert werden und auch entsprechendes Material erhalten.
Wie letztes Jahr wird die Demo überwiegend auf asphaltierten Kreisstraßen stattfinden und durch landschaftlich schöne Gebiete führen. Die Strecke wird dieses Jahr nicht über so viele Sandwege führen; es fällt uns allerdings sehr schwer, abseits der Bundesstraßen geeignete asphaltierte Straßen zu finden. Genau aus diesem Grund findet die Demo ja auch statt. Wir werden diesmal für die gesamte Strecke Polizeischutz beantragen, da wir bei der letztjährigen Tour - obwohl alle tourenerfahren und als Gruppe unübersehbar - vor allem im Rückreiseverkehr fast unglaubliche Verhaltensweisen rücksichtsloser Autofahrer erlebt haben.
Das Tempo der Fahrt wird sich nach den langsamsten RadlerInnen richten; es wird niemand alleine hängen gelassen. Bis auf den ersten etwas anstrengenderen Tag, an dem die Kräfte ja noch frisch sind, ist die Strecke auch für Ungeübte problemlos zu schaffen. Es gibt keine bemerkenswerten Steigungen, es werden ausreichend Pausen eingelegt und wir kommen auch an mehreren Badeseen vorbei, die Anfang Juni hoffentlich nicht mehr allzu kalt sein werden.
Treffpunkte sind am 1. Juni die Weltzeituhr am Alexanderplatz pünktlich um 10 Uhr, auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Rosenthal und dem Märkischen Viertel (Wilhelmsruher Damm) um 10.30 Uhr und am S- Bahnhof Mönchsmühle um 11 Uhr.
In der ersten Nacht wird wieder auf dem Ökobauernhof Staudenmüller in Vietmannsdorf übernachtet. Es ist geplant, am nächsten Vormittag auf dem Hof mitzuarbeiten. Dies macht sehr viel mehr Spaß, als man/frau vorher glaubt! Bis nach Lychen zu Ökostadt ist es dann nicht mehr sehr weit, so daß dort genug Zeit bleibt, die Stadt" zu besichtigen, im Wurl- oder Zenssee zu baden und sich mit dem Konzept von Ökostadt auseinanderzusetzen. Es gibt auch den Vorschlag, abends in Lychen Fahnen oder T-Shirts zu bemalen, um unser Anliegen optisch besser zum Ausdruck zu bringen. Der Rückweg führt über das Ziegeleiwerk Mildenberg (dort ist eine geführte Besichtigung geplant) zu unserem Übernachtungsquartier nahe Oranienburg. Von dort aus nehmen wir am Sonntag an der Sternfahrt zum Brandenburger Tor teil.
Für die kommenden Jahre planen wir, am Sonntag gemeinsam auf ruhigen Straßen zurück nach Berlin zu fahren, wo dann noch Zeit zur Verfügung steht, um auch dem politischen Anspruch der Demo zu genügen, d. h.:
mindestens einen Bericht zu schreiben, der dann an die Presse weitergeleitet wird,
die Tour zu besprechen, um die Organisation für das nächste Jahr möglichst noch zu verbessern,
der Zufriedenheit mit der Organisation Ausdruck zu geben,
Adressen mit den neu gewonnenen FreundInnen auszutauschen,
und 4 hoffentlich wunderbare Tage gemütlich ausklingen zu lassen.
Da wir ungefähr einschätzen möchten, wieviele mitfahren, bitten wir wieder um Anmeldung. Auch Leute, die mithelfen wollen, sind herzlich willkommen.
Info bei Philip Jacobs
oder bei Regina Krohne
Neubau bei Staudenmüller (Vietmannsdorf). Foto: Philip Jacobs
Schon gewusst?
Der Text wurde überwiegend vom ADFC übernommen
Wie läßt sich Lychen und somit auch Ökostadt von Berlin aus am Besten erreichen? Wer nicht zu Fuß gehen möchte, kann z. B. von Oranienburg aus mit dem Regionalexpress ca. stündlich bis Fürstenberg fahren, von dort aus fährt hin und wieder ein Bus nach Lychen (Wochenendticket gilt nicht für den Bus). Wer sein Rad in der Bahn mitnimmt, ist nicht auf den Bus angewiesen und hat dazu noch die Möglichkeit, sich die seenreiche Gegend im wahren Sinn des Wortes zu erfahren.
Ohne Bahn geht es mit dem Rad am schnellsten und kräftesparendsten ab S-Bahnhof Oranienburg mehr oder weniger geradeaus nach Norden. Wer noch am selben Tag zurück will oder muß, kann mit dem Rad die gut ausgebaute Straße von Lychen aus bis Fürstenberg (ca. 13 km) fahren und dort in den Zug nach Berlin steigen.
Die hier vorgeschlagene ca. 62 km lange Strecke führt aus Oranienburg heraus auf Radwegen neben der Straße, danach überwiegend über ruhige Straßen oder Waldwege bis nach Lychen. Die Beschaffenheit der Strecke schwankt zwischen Asphalt, Sand und grobem Kopfsteinpflaster. Sie wurde mit einem 7-Gang Tourenrad bei leichtem Gegenwind in relativ zügigem Tempo abgefahren, Gruppen oder Familien mit Kindern werden vermutlich eher etwas länger unterwegs sein, Heizer" erheblich schneller. Die Angaben eignen sich auch, um nur mal so" aus Berlin ein Stück herauszufahren, ohne gleich Lychen erreichen zu müssen.
Wegbeschreibung:
In Oranienburg (Schloß mit Schloßpark) angekomen, müssen die Räder erst einmal die Treppe hinuntergetragen werden, um die Kopfsteinpflasterstraße vor dem Bahnhof zu erreichen. Parallel zum Bahndamm in Richtung Norden wird nach ein paar hundert Metern eine Kreuzung erreicht, an der es nach links auf dem Radweg ein kurzes Stück weitergeht. An der nächsten Kreuzung wieder nach rechts und dann immer geradeaus kann man Oranienburg schnell verlassen. Bereits nach 10-15 Minuten ist Friedrichsthal erreicht.
Vorbei an einer Personenfähre, die auch Fahrräder über die Havel befördert, geht es zuerst auf Asphalt, dann überwiegend auf Kopfsteinpflaster und Sand fast autofrei nach Malz, von dort aus wird nach insgesamt ca. 1 Stunde Fahrtzeit und 14 km auf sandigen Waldwegen Neuholland erreicht, wo es in der dort vorbeifließenden Havel echte Biber gibt. Weiter in Richtung Norden geht es bald zu einer relativ stark befahrenen Straße, die (etwas nach rechts) überquert wird. An dem gut asphaltierten Weg befindet sich bereits nach ein paar Metern eine Bank für alle, die mal woanders als auf dem Sattel sitzen wollen. Leider endet der Asphalt an der nächsten Kreuzung, es geht auf sehr grobem Kopfstein nach rechts (wie immer Norden) weiter, bis irgendwann nur noch über Sand durch den Wald bis nach Zehdenick (weitere 15 km in einer guten Stunde) gefahren wird. Landschaftlich ist dies ein Teil der Strecke, der mir besonders gefallen hat.
In Zehdenick beim Erreichen der asphaltierten Hauptstraße wieder rechts halten und über Neuhof nach Tornow (Kunst-Kirche und Schloß) der Straße folgen. Bis Tornow erreicht wird, ist eine weitere Stunde und 13 km vergangen.
Weiter geht's nach Blumenow, danach über Bredereiche, wo eine Badestelle zur Pause einlädt (seit Tornow ca. 45 min. und 10 km). Danach weiter in Richtung Himmelpfort. Kurz vor dem Ortsausgang von Bredereiche rechts auf die Lychener Landstraße abbiegen und diese entlangfahren bis nach Lychen. Die Ortsdurchfahrten sind ungefedert nicht gerade ein Genuß, auf der Landstraße fährt man anfangs auf Kopfsteinpflaster, später auf stark ausgefahrenen Sandwegen und danach Betonplatten. Nach einer weiteren Stunde und 10 km ist die grob gepflasterte Abfahrt nach Lychen erreicht und dann ist es nicht mehr weit bis in die Vogelgesangstraße 4.
Regina
Klosterruine in Zehdenick. Bild: Philip Jacobs
Das Seminarhaus" ist der Seitenflügel in der Vogelgesangstraße 4 in Lychen. Dort bestehen noch erhebliche Nutzungskapazitäten für Vorstands-, Vereinstreffen, Familienfeiern, Jugendfreizeiten u. a. Wer nach einer besonders preisgünstigen Gelegenheit dafür sucht, Wert auf besonders schöne Umgebung und Natur legt, aber keine hohen Ansprüche an Staubfreiheit & Komfort hat, meldet sich bitte bei ÖKOSTADT in Lychen (Tel. 039888 4195).
Termine, an denen die V4 bereits belegt ist: 3.-5. März; 6-9. April; 2.-3. Juni 2000.
Eine Übernachtung bei ÖKOSTADT kostet derzeit 15 DM pro Person.
Ich befinde mich in einer Arbeitsamt-Fortbildungsmaßnahme vom "gewöhnlichen/staatlich anerkannten Erzieher" zum "Sozialberater". Das beinhaltet auch ein Praktikum vom 1. 2. bis 24. 3. 2000.
Nach Beendigung meiner Ausbildung kann ich nicht nur natürliche Personen beraten, sondern auch Vereine & Firmen. Letztere können in Erfahrung bringen, wie sie noch effektiver/angenehmer arbeiten und sich besser strukturieren können.
* Warum ich bei ÖKOSTADT mein Praktikum machen möchte?
Ich habe im vergangenen Sommer viele unzufriedene Menschen erlebt, die hier in Lychen (angelockt durch diverse Veröffentlichungen u. a. in unseren ÖN) herb enttäuscht wurden. Das hat mich als Lychener mit Interesse an positiven Entwicklungen auch im Sinne von ÖKOSTADT sowie als Ökostädter sehr betroffen gestimmt.
Diese Menschen hatten mir auf Nachfrage zu verstehen gegeben, daß Sie auf der Suche sind nach einem Projekt oder einer anderen Gemeinschaft, die anders als das alltäglich zu Erlebende aufgebaut ist, solidarisch eben, menschenfreundlicher.
* Und wieso sind sie dann dennoch nicht geblieben?
Sie hatten hier offensichtlich nicht gefunden, was sie suchten. Aber was sie offen aussprachen (wohl um niemanden hier zu verletzen), ist, daß sie hier keine Perspektive für sich sehen. Aber mal ehrlich: Habe ich eine Perspektive oder schaffe ich mir diese, wenn ich mich irgendwo angenehm aufgehoben fühle?? (In einer Solidargemeinschaft wäre es eine Herausforderung, mit solchen Menschen für diese Menschen eine Perspektive zu suchen, wodurch auch ÖKOSTADT wachsen & stärker würde.) Der Ansatz, Strategien zum gegenseitigen Vorteil ohne Benachteiligung Dritter zu entwickeln, könnte m. E. bei ÖKOSTADT Prinzip werden & enorme Vorteile bringen (klingt utopisch?).
* Was will ich nun konkret bei ÖKOSTADT-Lychen machen ?
Sozialmanagement und Sozialberatung in Form einer Zukunftswerkstatt (ZW) mit integrierten "Trainings" zum Erlernen sozialer Kompetenzen, die uns der Idee ÖKOSTADT und vor allem unserer eigenen Vorstellung von dem, was dies sein könnte, näherbringen. Auch verschiedene Techniken zu Aufbau & Veränderung von Stukturen könnten, wenn sich in der ZW dies als Ursache für Mißverständnisse herausstellt, erlernt werden.
Öffentlichkeitsarbeit wird ebenfalls ein Teil meiner Arbeit sein. Dabei habe ich von Öffentlichkeitsarbeit eine etwas modernere, weiterreichende Auffassung, als es den meisten von Euch bekannt sein wird. Ich will einen demonstrativ-freundlichen Meinungsaustausch in Gang setzen, der von allen (ÖkostädterInnen & InteressentInnen) genutzt werden kann/sollte & einfach zu bedienen ist. (Vielleicht wird das ja dann auch eine Art der ZW). Da kann Mensch einmal erlesen, was der/die Andere für Vorstellungen mit ÖKOSTADT verknüpft & dadurch besser mit dem Anderen umgehen, sie/ihn besser verstehen, sich dadurch vielleicht langsam näher kommen (spekulativ?).
Ich besitze sehr große Erfahrungen in der Moderation von Gruppen mit z. T. sehr unterschiedlichen Auffassungen. Es gibt dabei Techniken, die absolut verhindern, daß Menschen letztgenannter Gattung sich derart zerfleischen, daß sie am Ende gar nicht mehr miteinander umgehen möchten.
(Ach, vielleicht fällt noch etwas Zeit ab zur Hilfe bei den Vorbereitungen der Himmelfahrt-Fahrradtour, für die Gartenarbeit, Computerarbeit, für Bau- & andere Maßnahmen.)
Ich lade schon jetzt zu einer Zukunftswerkstatt ein, von der Ihr erst bestimmen sollt, was Ihr/wir darin bearbeiten wollen. Es wird in jedem Fall die Zukunft von ÖKOSTADT in positiver Weise beeinflussen & vor allem positive Entwicklungen in jedem von uns forcieren, wenn wir uns darauf einlassen.
Wir werden uns hoffentlich bald in Lychen begrüßen können oder in meiner neuen Zeitung kennenlernen. Ich freue mich schon jetzt darauf.
Roy Rempt
Beim Arbeitsamt in Templin wurde die folgende Projektskizze für eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme bei Ökostadt eingereicht. Durch diese Maßnahme sollen sowohl Arbeitsplätze geschaffen als auch das Projekt Ökostadt weiter voran gebracht werden.
1.Umweltbildung
1.1. Sensibilisierung für eine ökologisch bewusste Lebensweise, dazu
1.2. ökologisches Bauen
- Erarbeitung von Info-Material zum ökologischen Bauen
- Konzeption und Angebot von Bauherrenseminaren zu diesem Thema
- Schaffung und Nutzung eines "Gartens der Sinne"
- Beratung zur ökologischen Gestaltung des Wohnumfeldes / Gartens
2.1. Schaffung einer Jugendtheatergruppe mit den Zielen, Abwanderungstendenzen junger Leute entgegen zu wirken und negativen Entwicklungen wie Ziellosigkeit, Gewaltbereitschaft und Zerstörungswut vorzubeugen. Kulturelle Betätigung soll hierbei als Chance verstanden werden, sich selbst zu ändern.
2.2. Veranstaltungsorganisation zur Bereicherung der Kulturszene in Lychen und Umgebung und Erhöhung der Attraktivität des Ortes für Touristen. In diesem Zusammenhang soll auch regionales Kulturgut der Uckermark gesichtet und mit einbezogen werden.
3.1. Förderung der Gemeinsamkeit zur Praktizierung einer bewussten sozialökologischen Lebensweise durch gemeinschaftliches Tun. Dazu soll im ÖKOSTADT-Projektzentrum in Lychen ein wöchentlicher Treffpunkt ins Leben gerufen und Selbsthilfegruppen initiiert werden.
3.2. Psychologische Beratung
- Konfliktberatung
- Supervision
Es sollen 5 ArbeitnehmerInnen beschäftigt werden, das sind im einzelnen:
1. ProjektleiterIn mit PC-Kenntnissen
2. KulturarbeiterIn mit Erfahrung in Theaterprojekten und Veranstaltungsorganisation
3. Fachkraft für ökologisches Bauen und ökologische Gartengestaltung
4. BeraterIn für Fragen der ökologischen Lebensweise
5. psychologische Fachkraft für den Bereich soziale Begegnung und psychologische Beratung
In allen dargestellten Teilbereichen sollen für die Qualifizierung der Projektmitarbeiter, für die Erarbeitung von Informationsmaterialien sowie für die Vorbereitung und Durchführung von Seminaren und Beratungsdienstleistungen die Ressourcen des World Wide Web genutzt werden. Hierbei reicht die Palette von der Einbindung von Grafikelementen in Dokumenten bis zur Nutzung von Shareware-Programmen für alle Tätigkeitsfelder.
Insbesondere interaktive Programme sind geeignet, eigene kreative Gestaltungsmöglichkeiten auszureizen und vor der kostenaufwendigen Umsetzungen auf Erfolgsaussichten zu prüfen.
Die sich in der heutigen Welt der Kommunikation bietenden Möglichkeiten der effizienten Informationserarbeitung und -nutzung vom Video bis zum Internet muss gerade in mäßig entwickelten infrastrukturellen Bereichen wie der Uckermark zielgerichtet etabliert werden.
Über Online-PCs und ihre multiple Nutzung ist mit relativ geringem Investitionsaufwand der Einstieg für die Betreibung eines Internetclubs mit Veranstaltungen für unterschiedliche Zielgruppen (Lychener Jugendliche, Gäste Lychens, KursteilnehmerInnen, Beratungssuchende zu speziellen Inhalten) möglich.
Damit werden neue Möglichkeiten der Kommunikation und Bildung erschlossen und erste Schritte hinsichtlich der Schaffung von zukunftsträchtigen Telearbeitsplätzen gegangen.
Klaus-Peter Kurch
Endlich wieder Frühling", rief Anne, als sie eine Meise im Kirschbaum ihres Gartens zwitschern hörte. Unter einem Holunderbusch blühten die Schneeglöckchen. Anne hockte sich nieder und nahm eine Nase voll von ihrem Duft. Danach legte sie sich ins Gras und schaute in den Himmel. Sie hatte das Gefühl, als wäre dieser noch nie so blau gewesen. Die Sonne kitzelte dabei in Annes Nasenlöcher herum und plötzlich mußte sie niesen.
Was werde ich wohl als erstes in meinem Garten tun?", überlegte das Mädchen mit den roten Haaren und den vielen Sommersprossen. Hätte sich doch nur jemand zu meinem Artikel über den Garten gemeldet, dann würde es mir nicht so schwer fallen allein." Anne war ganz verzweifelt. Nicht nur ihr sollte der Garten gefallen, sondern auch den anderen, die sie besuchten. Wie hätte sie sich über Vorschläge anderer gefreut. Ob ich einfach anfangen soll? Aber wenn es dann niemandem gefällt?", dachte Anne Ihr könnt nur zwitschern und in meinem Apfelbaum Nester bauen, aber helfen tut ihr mir auch nicht." schimpft sie empört zu den Meisen. Doch gleich kann Anne schon wieder lachen, denn in einer dunklen Ecke schimmerte etwas gelbes her- vor. Endlich, da bist du ja, ich habe so auf dich gewartet!" Und tatsächlich an einem unscheinbaren Platz, dort wo nur wenig Sonnenstrahlen die Erde kitzelten, stand ein wunderschöner, gelb-leuchtender Krokus. Gleich befreite Anne ihn von kleinen Ästchen und blieb für eine Weile stehen um ihn zu bestaunen. Du stehst hier so gut in der schattigen Ecke und machst daraus gleich ein helles Plätzchen!" Anne freute sich, daß ihre Entscheidung richtig war. Nun hatte sie mehr Mut gefaßt und war sicher, daß ihre Einfälle gut sind. Ab und zu war sie noch ein wenig traurig, weil sich niemand gemeldet hatte. Aber dann dachte sie immer an den Krokus. In ihrer Freude vergaß sie dann die Traurigkeit und arbeitete noch fleißiger, so daß der Garten im Sommer besonders schön wurde.
Text und Zeichnungen: Kathrin
Was kochen wir im Winter? Diese Frage stellt sich besonders bei winterlichem Schmuddelwetter und dem dauernden Auf und Ab der Temperaturen, das uns mehr oder weniger zusetzt. Gesunde Ernährung ist also angesagt, um die Widrigkeiten der kalten Monate besser zu überstehen. Naturgemäß fällt das Angebot an frischem Obst und Gemüse bescheidener aus als in der Sommerzeit. Darüber können auch nicht die auf Hochglanz polierten Produkte in den Auslagen mancher Gemüsehändler hinwegtäuschen, die ich manchmal belustigt, manchmal verärgert betrachte. Wer im Januar oder Februar wässrige Tomaten geschmeckt oder erlebt hat, wie unter Glas gezogener Feldsalat schon am nächsten Tag schlapp macht, weiß, wovon ich rede. Es ist daher ratsamer, den Speisezettel nach der Jahreszeit zu gestalten und bevorzugt heimisches Gemüse zu kaufen, ohne hier verbissen zu sein. Es schmeckt besser und ist zudem gesünder. Kombiniert mit Getreide, Hülsenfrüchten und frischen Salaten sichert es eine abwechslungsreiche Ernährung auch in der vitaminarmen Jahreszeit. Und bei genauerem Hinsehen läßt sich ein vielfältiges Angebot an heimischem Gemüse entdecken, z.B. Rosenkohl, Möhren, Zwiebeln, Porree, Grünkohl, Rote Beete, Feldsalat, Sauerkraut, Kartoffeln, aber auch Chinakohl oder Chicoree. Zu den seltener verzehrten Wurzelgemüsen zählen Schwarzwurzeln, Kohlrüben und Pastinaken.
Die Schwarzwurzel gehört nach wie vor zu meinem Lieblingsgemüse im Winter und ich finde es schade, daß sie nach meinem Eindruck ein eher bescheidenes Dasein fristet. Sie wird noch nicht sehr lange als Gemüse gegessen und noch im Mittelalter wurde sie in Europa zunächst als Heilmittel angebaut, etwa gegen Schlangenbisse. Sie besitzt wertvolle Mineralstoffe, Vitamine und Spurenelemente, wirkt blutbildend und entwässernd. Das Putzen der etwas unansehnlichen Wurzeln mag einige Mühe bereiten und bringt unweigerlich sich dunkel färbende Hände mit sich. Geschälte Wurzeln gleich in Essig- oder Milchwasser legen; die Hände lassen sich schnell mit Zitronensaft säubern. Schwarzwurzeln schmecken herzhafter als Spargel und haben weniger holzige Stellen als dieser. Sie können roh gerieben oder gekocht im Salat angemacht werden, mit Salatsoße, Zwiebeln und Kräutern wie Basilikum, Thymian, oder gedünstet und zubereitet wie Blumenkohl und Spargel genossen werden.
Regional unterschiedlich wird die Kohlrübe (auch Steckrübe, Wruke ...) nachgefragt, in Mecklenburg wird sie auch heute noch gern gegessen, trotz der damit verbundenen Kriegs- und Nachkriegserinnerungen. Kohlrüben sind ein wertvolles und schmackhaftes Wintergemüse und lassen sich schnell zubereiten, besonders die gelbfleischigen Sorten. Für ein Kohlrübengemüse wird das Gemüse in kleine Würfel geschnitten und mit wenig Wasser, Öl/Gemüsebrühe, Möhren, Salz weich gedünstet und mit Majoran, Thymian, etwas Kümmel, evtl. Rübensirup gewürzt. Dazu werden Kartoffeln oder ein Getreidegericht gereicht.
Früher allgemein in Deutschland angebaut, wurden die auch als Hirschmöhre oder Hammelmöhre bezeichneten Pastinaken von anderen Gemüsensorten (Kartoffel) verdrängt und erst in den letzten Jahren wieder entdeckt. Die winterharte, cremefarbene Wurzel ist eine Kreuzung von Möhre und Petersilie und gilt in den USA und England als Delikatesse. Sie enthält den Wirkstoff Inulin und ist magenstärkend. Sie kann z.B. geraspelt in den Kartoffelbrei gegeben werden und als Salat oder Gemüse zubereitet werden. Für den Salat reiben wir die rohe Wurzel und richten sie mit einer beliebigen Soße an. Gut passen dazu Sauerrahm oder Joghurt oder Meerrettich, Apfel und Zwiebeln. Pastinaken können auch in etwas Wasser gedünstet, mit Salz, Petersilie und Sahne abgeschmeckt werden.
In diesem Reigen soll das vitamin- und nahrstoffreiche Sauerkraut, dessen Herstellung bereits seit etwa 2000 Jahren bekannt ist, nicht unerwähnt bleiben.
Durch die natürliche Haltbarmachung (Milchsäuregärung) und wertvolle Inhaltsstoffe übt es einen überaus positiven Effekt auf Verdauung und Stoffwechsel aus und sollte gerade im Winter öfter verspeist werden. So deckt eine Portion Sauerkraut (ca. 200 g) schon über die Hälfte des täglichen Bedarfs an Vitamin C. Dabei hat das frische, unbehandelte Kraut den höchsten Nährwert. Es schmeckt roh (z.B. mit Kräutersalz und Olivenöl auf Brot), im Salat oder schonend gegart. Sauerkraut ist gut verträglich, solange es nicht stundenlang gekocht wird und obendrein mit einer Mehlschwitze versehen wird.
Für einen leckeren Sauerkrautauflauf eine Auflaufform oder ein tiefes Backblech leicht fetten. 1 kg in Scheiben geschnittene, gekochte Pellkartoffeln darauf verteilen, mit Kräutersalz und Pfeffer würzen. 4 mittelgroße Zwiebeln und 1 Porreestange zerkleinern, in etwas Butter andünsten und ca. 500 g zerpflücktes Sauerkraut dazugeben. Kurze Zeit mitdünsten, mit Kräutersalz, Pfeffer und Paprika gut abschmecken. 6 Tomaten (im Winter aus dem Glas/Dose) in Scheiben schneiden und abwechselnd eine Schicht Kraut, eine Tomaten auf den Kartoffeln verteilen. Mit Kraut abschließen. 200 - 400 g Sahne darüber gießen und im Backofen bei 200 °C ca. 30 Minuten backen, bis das Kraut ganz leicht braun wird.
Gisela Weinert
Vorbereitung:
125 g getrocknete Pflaumen ohne Stein und 125 g Aprikosen (ungeschwefelt) in kleine Stücke schneiden, mit etwas Mehl bestäuben, damit sie nicht aneinander kleben bleiben.
125 g Walnüsse grob hacken.
Teig:
300 g Butter mit
150 g Honig
1 Prise Salz
abgeriebener Zitronenschale und
1 EL Vanille-Extrakt schaumig rühren.
6 Eier nach und nach darunterrühren.
2 TL Backpulver und
275 - 300 g Mehl dazurühren.
Zum Schluß Früchte und Nüsse einrühren.
In eine gefettete, mit Bröseln, Amaranth oder anderem geeigneten Streu" ausgetreute Napfkuchenform geben und bei 175° / Gas Stufe 3 (oder 4) in 60 - 70 Minuten backen. Nach dem Abkühlen mit Puderzucker bestreuen - nach Belieben. Guten Appetit!
Meta
Ein Versuch, ökologische Gedanken auch aufs Lernen anzuwenden
Vorbemerkung
Beim Nachdenken über eine gute ökologische Schule denken vielleicht viele Ökostädter zunächst an die Inhalte. Und ich will auch gar nicht abstreiten, dass es viel zu verändern gäbe an den Inhalten der regulären staatlichen Schule. Allzuviele Themen sind beim genauen Hinsehen überflüssig oder viel zu stromlinienförmig ausgerichtet, andere, nicht im Mainstream liegende, fehlen dagegen völlig. In meiner inzwischen doch recht langen Schullaufbahn als Lehrer habe ich aber immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Methoden, Strukturen, Verhaltensweisen häufig sehr viel nachhaltiger wirken als alle noch so fortschrittlichen (z.B. ökologischen) Inhalte. (Es reicht eben z.B. einfach nicht, wenn LehrerInnen im Biologieunterricht gute Sachinformationen über Drogen und Drogenmissbrauch vermitteln, aber selbst der Droge Zigarette (oder auch Auto) erliegen. Solche LehrerInnen sind einfach unglaubwürdig, die Schüler haben da ein feines Gespür.)
Im Sinne einer ökologischen Erziehung ist es wahrscheinlich noch viel wesentlicher, wenn im Laufe des Erwachsen-Werdens in besonderer Weise auch Selbstbewusstsein, Selbsteinschätzung, Selbstkritik (also die Selbstkompetenz) entwickelt wird. Solche Menschen werden später mit sehr viel mehr Nachfragen und Kritik an die Dinge herangehen und sich nicht so schnell mit einfachen Wahrheiten für dumm verkaufen lassen.
So möchte ich auch in diesem Beitrag nicht auf die Inhalte eingehen, sondern auf Prozesse und Methoden und insbesondere zeigen, wie sich ökologisches Denken auch beim Lernen nutzen lässt.
Wenn ich ein Stück Land zum Garten (um-)gestalten will, habe ich - idealtypisch gesehen - zwei Möglichkeiten.
- Ich kann einen guten Plan auf dem Reißbrett entwerfen und ihn dann mit Einsatz aller mir zur Verfügung stehenden technischen und sonstigen Mittel zügig und schnell umsetzen. Ein solches Vorgehen - ich nenne es mal das konventionelle - ist mal mehr und mal weniger erfolgreich, es wird aber in aller Regel immer wieder kräftiger Mittel (Insektizide, Bewässerung, Dünger,...) bedürfen, um meinen Garten plangerecht zu erhalten.
- Die andere Variante - ich nenne sie mal die ökologische - geht sehr viel langsamer, beobachtend und vorsichtig tastend, voran.
Kann ich aus den schon wachsenden Pflanzen Hinweise über die Güte und Beschaffenheit der Erde gewinnen? Eignet sich dieser Platz unter den Bäumen vielleicht als Sitzplatz? Gibt es Pflanzen, die ich erhalten kann? Gibt es Feucht-Gebiete oder sonnige und windgeschützte Stellen für besonders empfindliche Pflanzen? usw. usw. Anfangs komme ich eher langsam voran und muss vermutlich ganz schön viel Arbeit reinstecken und wahrscheinlich wird mein Garten später deutlich anders aussehen, als ich mir das ursprünglich gedacht hatte. Langfristig komme ich allerdings zu einem Garten mit kräftigen Pflanzen, die wenig Pflege bedürfen und letztlich zu einer sich fast selbst erhaltenden stabilen Struktur (im Idealfalle also zu einer Permakultur).
Auch LehrerInnen (Erzieher, Eltern,...) stehen _ gärtnerisch gesprochen - am Anfang ihrer Arbeit vor einem zu bearbeitenden Stück Land. Gehen sie traditionell vor, gehen sie - lernmäßig gesehen - von einem Brachland aus und füllen ihre Schüler planvoll mit dem von ihnen vorbereiteten Wissen ab. Das braucht viel Anstrengung von den LehrerInnen und bringt auch Erfolge, die aber langfristig nur durch weitere große Anstrengungen gehalten werden können.
Ökologisch orientierte LehrerInnen (bzw. andere Lernbegleiter) gehen da sanfter vor. Sie wissen durch Beobachtung und Erfahrung, dass Lernende immer schon ein Vorwissen von der Sache haben, das nicht ausgemerzt und weggeworfen werden sollte, sondern mit Sorgfalt zu pflegen und zu veredeln ist. Eine Sache solchermaßen zu erarbeiten braucht vielleicht anfangs etwas mehr Geduld und Zeit. Das Wissen ist aber dann gesichert und hält sich auch ohne weitere Anstrengung lange Jahre, denn es ist fest verknüpft mit dem Vorwissen des Lernenden und darauf aufgebaut.
Wenn ich in meinem Land einen erhöhten Energiebedarf feststelle, kann ich einfach neue Großkraftwerke erbauen oder auch (progressiver (?)) in der Sahara mit großen Solaranlagen Strom erzeugen, den ich dann in mein Land transportiere. So oder ähnlich funktionieren großtechnische Lösungen.
Unter ökologischen Gesichtspunkten gehen wir tendenziell anders vor. Ist an einem bestimmten Ort überhaupt soviel Energie notwendig, oder gibt es dort Einsparpotentiale (z.B. Dämmung)? Welche Energiequelle ist vor Ort vorhanden und nutzbar? Im Bauernhof mit Viehhaltung läßt sich vielleicht eine Biogasanlage installieren, in guten Windlagen ist eine Windkraftanlage sinnvoll, bei günstiger Sonnenausrichtung können Sonnenkollektoren oder Solarzellen zum Einsatz kommen. So wird sich für jede Örtlichkeit eine andere Energie-Erzeugungs- und -Sparsituation ergeben, die insgesamt eher mit weniger als mit mehr Großkraftwerken auskommt.
Ähnliche Überlegungen kann man auch in der Pädagogik anwenden. Wenn eine Klasse neues Lernfutter braucht, kann ich alle Schüler mit dem gleichen - von mir mit viel Aufwand erarbeiteten - Angebot füttern. Ich kann aber auch den einzelnen Schüler betrachten. Dieser kommt ganz gut allein zurecht, er hat schon eigene Ideen (er ist gewissermaßen energierautark), diese braucht in Abständen einige Hilfestellung (vergleichbar dem Stromzukauf bei fast energieautarken Häusern), dieser braucht viel Zuwendung und/oder Material (der Ort ist sehr energierungünstig gelegen), diese kann sogar anderen helfen (weil nur ein Teil der vor Ort erzeugten Energie selbst benötigt wird). So komme ich mit geringem Energieeinsatz zu optimalem Erfolg.
Ressourcen-Schonung ist ein zentrales Anliegen der Ökologie, denn die Vorräte unserer Erde sind begrenzt. Statt z.B. alle möglichen Nahrungsmittel energieaufwendig von sonstwoher einzufliegen, Gebrauchsgegenstände nur kurz zu nutzen und dann wegzuwerfen, ... setzen wir lieber auf die Produkte der Region, auf Recycling oder - noch besser - langlebige Gebrauchsgüter, denn das schont die Vorräte.
Auch beim Lernen kann man ressourcensparend (oder -vergeudend) vorgehen. Die traditionelle Schule erzwingt in der Regel eine bestimmte Lernleistung, weil das eben laut Lern- und Stundenplan gerade jetzt vom Lernenden erwartet wird. Die Energie, die für dieses Erzwingen" von LehrerInnen, Eltern etc. zu erbringen ist, ist bekanntlich oft ziemlich hoch, denn der mächtige innere Widerstand des Lernenden muss hierbei überwunden werden. Hier werden übrigens in doppelter Weise (beim Lehrer und beim Schüler) Ressourcen vergeudet, die oftmals noch nicht mal den gewünschten Erfolg bringen.
Ressourcenschonend ist dagegen ein Vorgehen, das am Lernwillen und der Lernbereitschaft anknüpft. Aufmerksame GrundschullehrerInnen und Eltern können das ja bestätigen. Bei manchem Kind stagniert z.B. der Leselernprozess lange Zeit, so sehr sich Lehrer, Eltern und oft auch das betroffene Kind darum mühen. Die Einsicht, Bereitschaft, die sensible Phase" ist eben (noch) nicht da. Und dann eines Tages, manchmal ganz unvermittelt, ist im Kind der dringende Wunsch, das Lesen zu lernen, erwacht. Und wenn Lehrer, Eltern,... jetzt nicht bremsen, sondern Wege ebnen und unterstützen, dann geht es zumeist ganz leicht und einfach.
Ökologisches Denken beinhaltet das Denken in größeren Zusammenhängen. (Fast) Alles hängt mit (fast) Allem zusammen. Wenn man diese wichtige Erkenntnis nicht berücksichtigt, kann es gelegentlich ziemliche Überraschungen geben. Der Assuan-Staudamm in Ägypten ist da ein gutes Beispiel. Geplant zur Stromerzeugung und zur Vermeidung von Überschwemmungen hatte er die unerwartete Folge, dass nun unterhalb des Staudammes das Nilwasser keinen (fruchtbaren) Schlamm mehr mitführte. So entstand ein hoher (und teuerer) Kunstdüngerverbrauch, so führte die nährstoffarme Dauerbewässerung zur Verkarstung usw. usw.
Dass die Dinge viel komplexer sind, als man oberflächlich betrachtet zunächst erwartet, kennt man auch in der Pädagogik. Nicht gerade selten machen Lehrer und Eltern die Erfahrung, dass Rechtschreib- oder Rechenschwächen durch intensives Üben sich eher verstärken denn auflösen, weil die Lernblockade an ganz anderer Stelle liegt und deshalb auch anders angegangen werden muss. So hatte ich - um konkrete Beispiele zu nennen - vor einigen Jahren einen Schüler mit großen Rechtschreibproblemen. Eines seiner Kernprobleme war die Groß- und Kleinschreibung, dem er sich lange Zeit dadurch entzog, dass er entweder nur mit kleinen oder durchgängig mit großen Buchstaben schrieb. Durch Übungen war hier nicht weiterzukommen. Als er aber in unserer Schule nach und nach seine Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung verbesserte (er über- oder unterschätzte sich in seinen Fähigkeiten permanent) wurden die oben genannten Probleme für ihn bearbeitbar. In einem anderen Falle hatte ich mit einer jungen Frau zu tun, die einfache Rechenoperationen nicht beherrschte. Lange Zeit gab es überhaupt keine Fortschritte, bis das Vertrauen zu mir allmählich so groß wurde, dass sie mir von der Pein (-lichkeit) erzählen konnte, die ihr diese Schwäche bereitete.
Soweit einige Gedanken, die sich noch fortsetzen und präzisieren ließen und die zeigen sollen, in welche Richtung eine Schule oder eine Lernbegleitung gehen müsste, die ökologische Überlegungen in ihre Methoden und Strukturen einbezieht. Sie können Hinweise geben, in welcher Richtung wir als Eltern Lern- und Lebensbegleitung geben können, wenn wir uns von ökologischen Gesichtspunkten auch in diesem Bereich leiten lassen. Und sie können sicher auch Hinweise geben, welche LehrerInnen für unsere Kinder wir im Zweifelsfall vorziehen sollten - nämlich die, die Achtung vor dem Lernenden haben und eher auf dessen Selbstentfaltungskräfte schauen, als dass sie ihm irgendeinen Lernstoff überstülpen wollen.
In einem zweiten Teil (folgt in der nächsten Ausgabe) will ich jetzt etwas konkreter werden und von einigen pädagogischen Ansätzen berichten, die meiner Meinung nach einige der weiter oben angegebenen Prinzipien in ihrer Praxis verwirklichen. Allerdings kann und soll es dabei nicht um eine erschöpfende Aufzählung und Analyse gehen. Vielmehr werde ich mich auf Ansätze beschränken, die ich entweder (zumindest teilweise) selbst erprobt habe oder aber so weit kennengelernt habe, dass ich guten Gewissens darüber berichten kann.
Hartmut Glänzel
Vogelgesangstraße 4 im Winter. Foto: Jutta Jahnke
Der Frühling kommt. Oder ist er schon da? Die Schneeglöckchen sind noch klein, aber in ganzen Völkerschaften wagen sie sich bereits aus dem Boden. Wenn es mild bleibt, wird besonders unser Gartenstück vor dem Seitenflügel schon bald von tausend weißen Glöckchen übersäht sein. (Bevor wenig später das tausendfache Blau der Zilla den Staffelstab im Blühwettbewerb übernimmt).
Besonders Kathrin hat schon die Ärmel hochgekrempelt und kann es gar nicht erwarten, daß es im Garten weitergeht. Auf ihre Vorschläge zur Gartengestaltung (Seite 14 der letzten ÖN) hat sie leider kaum Antworten bekommen... Halt, einen wichtigen Vorschlag gab es doch: Einen Lagerfeuerplatz weit hinten im Garten einzurichten, einen Platz, der an noch schönerer Stelle liegt als der vor dem Seitenflügel und zugleich soweit abseits, daß die Feuer- (und Rauch-) geister selbst spätnachts Ruhebedürftige nicht stören.
Der neue Platz wird wohl in der Nähe des Kompostes sein. Daraus folgt einmal mehr, daß wir den Kompost umgestalten müssen - nicht mehr lose Miete, sondern Kompostbehälter, die wir selber aus Holz bauen wollen. So soll der Kompostplatz einer unserer Vorzeigeplätze" werden. Und: Wer Kompost" sagt, kommt um das Thema Regenwurm" nicht herum. Wer naturnah gärtnern will, kann sich gar nicht intensiv genug mit diesem kleinen großen Lebewesen beschäftigen. Kurt Kretschmann hat ihm sogar ein Denkmal gesetzt. Im Internet habe ich mit einer Suchmaschine 2185 Einträge zum Thema Regenwurm" gefunden, mit einer anderen weitere 315.
Unter http://www.regenwurm.de/artikel/scott.htm steht ein interessanter Beitrag von Jack Denton Scott, veröffentlicht bereits 1968, Der verkannte Regenwurm". Daraus einige Auszüge:
Er fühlt sich wohl im duftenden Garten, im Hochgebirge und im tropischen Regenwald. Lebendig begraben, sichert er den Bestand unserer Welt, indem er sie frißt. Alle 24 Stunden nimmt er in Form von Blättern, Gras, Kräutern und Erde eine Nahrungsmenge zu sich, die seinem Gewicht entspricht. Dabei düngt und entwässert er den Boden, fördert das Pflanzenwachstum und wirkt der Erosion entgegen. In unermüdlicher Arbeit verstärken Regenwürmer die Humusschicht alle zehn Jahre um 2,5 cm. Ungefähr 2000 Arten von Regenwürmern schlängeln sich über unsere Erde. In Australien werden sie bis zu 3,5 m lang. Eine winzige Art glüht wie eine Laterne, eine andere schützt sich gegen Feinde durch eine beißende alkalische Flüssigkeit, die sie 35 cm weit spritzen kann. Aber keiner dieser Würmer ist so faszinierend wie das meistens etwa 10 cm lange Exemplar, das wir alle kennen. Es hat fünf Paar Herzen und zwei kräftige Muskelschläuche, Ringmuskeln und Längsmuskeln. Seine Füße sind mit Widerhäkchen versehene Borsten, acht an jedem der etwa 120 Segmente seines Körpers, die sich fest in die Erde krallen können, während sich die übrigen Glieder beim Weitergleiten strecken....
Obwohl ohne eigentliche Augen und Ohren, besitzt der Regenwurm scharfe Sinne. Lichtempfindliche Zellen unter der Hautoberfläche melden ihm selbst das schwache Licht der Morgendämmerung. Die leiseste Erschütterung, wie das Hüpfen einer Amsel oder das Trippeln einer Feldmaus, läßt ihn sofort tiefer in die Erde verschwinden. Der Regenwurm hat keine Lungen; er atmet durch die Haut, deren feuchte Oberfläche Sauerstoff aus der Luft aufnimmt, gleichgültig, ob er sich im Erdreich oder außerhalb aufhält. Schwere Regenfälle können ihn ersticken, denn Wasser, das in Erde einsickert, verliert sehr schnell an Sauerstoff. Aber er ist zäh. Man hat entdeckt, daß er in sauerstoffreichem Wasser 247 Tage ohne Nahrung aushält, aber auch starke Austrocknung, bis zu siebzigprozentigem Verlust seines Körpergewichts, überlebt. Bei sehr heißem Wetter bohrt er sich tief in die Erde, rollt sich in einem Hohlraum zusammen, nachdem er die ihn umgebenden Wände mit Schleim abgedichtet hat, und sinkt in wohligen Schlaf.
Er sondert mehrere Arten von Schleim ab. Eine Sorte wird von den Rückenporen ausgeschieden und strömt einen ekelerregenden Geruch aus, der bestimmte Feinde abschreckt. Eine andere hält seine Haut glitschig und schützt ihn vor Bakterien und Pilzen.... Im Unterschied zu anderen Wühltieren schiebt der Regenwurm die Erde nicht zur Seite. Er verschluckt sie und ernährt sich von den organischen Stoffen in ihr. Zugleich zementiert er die Wände seiner Tunnel mit Schleim. Er dringt manchmal 2,5m in die Tiefe. Experimente haben gezeigt, daß in einem Boden mit vielen Regenwürmern Wasser besser versickern kann und sich nicht so leicht staut. Wenn der Regenwurm an die Erdoberfläche kommt, krallt er seinen flachen Schwanz in seiner Röhre fest und bewegt sein Vorderteil auf der Suche nach Nahrung hin und her. Mit diesem sicheren Halt kann er bei der leisesten Bewegung wie ein Gummiband in seinen Tunnel zurückschnellen.
Als Allesfresser macht er sich an jede Substanz, von toten Insekten bis zu den Schuppen von Tannenzapfen. Blätter und Grashalme, die ihm zu zäh sind, bedeckt er mit einer Art Speichel, der die Nahrung aufweicht, oder er vergräbt sie, damit sie sich zersetzen. Als Bodenbearbeiter sucht der Regenwurm seinesgleichen. Er macht das Erdreich fruchtbar, indem er es aufwühlt, pflanzliche Stoffe von oben unter die unterliegenden Schichten mischt und mineralische, unverbrauchte Erde nach oben bringt, wo die Pflanzen sie nutzen können.... Was er frißt, kommt in Form kleiner Klumpen wieder zum Vorschein. Salze und Säuren, die den Verdauungstrakt des Regenwurms passieren, werden stark neutralisiert. Und Mineralien und Chemikalien, die in der Erde enthalten sind, werden aufgespalten, so daß die Nährstoffe von den Pflanzen leichter assimiliert werden können.
Wissenschaftler haben die 15 cm dicke Oberschicht des Bodens und den Kot der Regenwürmer analysiert und verglichen. Sie fanden, daß der Kot in einer Form, die von Pflanzen genutzt werden kann, fünfmal soviele Nitrate, doppelt soviel Phosphor und elfmal soviel Kalium enthält. Sie entdeckten außerdem, daß sich in der Erde der Gehalt an Aktinomyceten (Strahlenpilzen), die bei der Umwandlung organischer Stoffe in Humus eine wesentliche Rolle spielen, um das siebenfache vermehrt, wenn die Erde durch den Regenwurm hindurchgeht. Der kleine Wurm ist ebenso fleißig wie vielseitig. Jedes ausgewachsene Tier hinterläßt ungefähr 200 g Humus pro Jahr. Da ein Hektar normaler Boden durchschnittlich von 12.5 Mio. Regenwürmern bevölkert ist (in einem halben Hektar hat man einmal sieben Millionen festgestellt), kann man sich ausrechnen, daß Regenwürmer in jedem Hektar guten Gartenbodens pro Jahr 25 Tonnen Humus produzieren."
Durch viele Analysen wurde die einzigartig wertvolle Zusammensetzung der Ausscheidungen des Regenwurms bestätigt. Nichts geht beim naturnahen Gärtnern über die Selbterzeugung von reichlich Wurmkompost. Wir werden, auch wenn wir bisher damit keine Erfahrungen haben, selbst Regenwürmer züchten, wie es uns nicht nur Kurt Kretschmann seit langem vorgemacht und geraten hat.
Geben wir noch einmal Jack Denton Scott das Wort, der weiter Interessantes zu berichten weiß: Trotz dieser Unermüdlichkeit findet der Regenwurm Zeit, bei trockenem Wetter eine Schlafpause einzulegen und seinen Winterschlaf zu halten, wozu er sich unterhalb der Frostgrenze mit seinen Artgenossen versammelt. Hunderte von Regenwürmern verschlingen sich dort zu einem großen Ball, um zu verhindern, daß die Feuchtigkeit auf ihrer Haut verdunstet. Wenn der Boden auftaut, entwirrt sich das Knäuel, und die Gesellschaft drängt, dem Paarungstrieb folgend, an die Oberfläche. Wie alles beim Regenwurm, weicht bei ihm auch die Liebe von der Regel ab. Der Hermaphrodit, alle Regenwürmer besitzen weibliche und männliche Geschlechtsorgane, verläßt seine Röhre und schlängelt sich, von seinem Verlangen getrieben, ziellos über den Boden. Trifft er auf einen Partner, so klammert er sich mit seinen Häkchenfüßen an ihn und prüft seine Länge. Er bevorzugt einen gleich großen Wurm. Wenn beide zufrieden sind, drängen sie sich in einer schleimigen Umarmung Kopf an Schwanz und Schwanz an Kopf aneinander. Ein paar Tage später bildet sich unterhalb der Kopfpartie jedes Wurms ein Kokon. Darin werden die Eier abgelegt und mit dem Sperma des anderen befruchtet. Der Kokon wird schließlich über den Kopf des Wurms gestreift und sorgfältig in die feuchte Erde gebettet. Vier Wochen später schlüpfen ein bis acht junge Würmer aus, die vollständig für den Lebenskampf gewappnet und in sechs Monaten ausgewachsen sind. Sofern sie nicht von Vögeln, Fröschen, Kröten, Spitzmäusen, Maulwürfen und Ratten gefressen oder von Anglern gefangen werden, können sie sechs Jahre und älter werden, obwohl die normale Lebenserwartung bei zwei Jahren liegt."
Hier möchte ich meinen Internet-Ausflug auf den Spuren des Regenwurms abbrechen. Wer erfahren will, wie die Regenwurmzucht dem Benediktinerpater Augustin Hessing im KZ-Dachau das Überleben ermöglichte, wie das Wirken des Regenwurms manchmal den Archäologen Rückschlüsse erlaubt oder wie der Regenwurm schon mal die deutschen Finanzämter beschäftigte, der muß sich selbst mal auf die Suche machen.
Klaus-Peter Kurch
Dies ist ein Auszug des Manuskriptes "Herbert", das Kurt Kretschmann im Sommer 1941 geschrieben hat. Das Vorwort schrieb er im Januar 1999.
Die ungekürzte Fassung ist im Internet unter http://www.oekostadt-online.de/kretschm/herbert.htm zu finden.
Vorwort
Einen Monat vor seinem Tod schrieb der Freund meines Lebens, Herbert Marquardt, noch einen Brief aus dem fernen Rußland an:
"Ernale, liebste Freundin!
Mach Dir nicht zu viele Sorgen um mich. Ich bin noch frisch und munter, trotzdem wir seit 14 Tagen ununterbrochen marschieren. Kaum, daß wir Zeit für ein paar Stunden Schlaf gefunden haben. Ein halbes Dutzend nächtlicher Alarme und ein größerer Angriff.
Die liebsten Kameraden sind alle gefallen oder schwer verwundet. Ach weißt Du, wie das Gefühl ist, einen Menschen zu sehen, der lacht und spricht und schon im nächsten Moment lautlos oder mit einem Schrei zusammenbricht? Doch bange nicht um mich. Ich trage ja Deine Brosche auf dem Herzen, die aufgehende Sonne, die Du mir bei unserem letzten Zusammensein mit auf den Weg gegeben hast. Was kann da schon geschehen?
Mit herzinnigen Grüßen
Dein Herbert 8.7.41"
Danach bekam ich in einer Kaserne in Crossen an der Oder die Nachricht, daß Du gefallen warst. Die Welt, die wir uns aufgebaut hatten, stürzte zusammen. Ein Keulenschlag, dem ich nichts entgegensetzen konnte. Tagelang ein Schmerz, dumpf, quälend, bitter und verbunden mit vollkommener Hilflosigkeit. Es gab niemanden, mit dem ich sprechen konnte. Ein Blitz hatte dem jungen Baum die Krone zertrümmert. Und ich stand daneben, untüchtig, gelähmt und vom hohen Fieber geschwächt. Der treueste Begleiter an meiner Seite, ein Opfer des wahnsinnigen Krieges, dem wir so ablehnend gegenüberstanden. Dann - eine Woche später, abgeschoben, zusammen mit einem Kameraden, nach Polen. Der Hauptfeldwebel dieser Kompagnie, der mich bei meiner Abmeldung vor 3 Monaten, mit den Worten anschrie: "Ich bringe Sie dahin, wo sie hingehören - an den Galgen!" verfügte nun die Abschiebung. Man hatte mich zuvor aus Berlin Stahnsdorf, wegen eines Bekenntnisses zum gewaltlosen Kampf von Mahatma Ghandi um mich loszuwerden, nach Crossen geschickt. Kurze Zeit später erreichten wir eine polnische Kaserne in einer Stadt, deren Namen ich vergessen habe. Dort wurde mir bewußt, daß ich alles niederschreiben müßte, was ich mit meinem Freund erlebt hatte. Doch wo konnte das geschehen? In der überfüllten Kaserne war es nicht möglich. So suchte ich nach einem Zimmer, wo ich jeden Abend, nach dem Dienst, 3 bis 4 Stunden aufzeichnen konnte, was mir so wichtig war und nicht verlorengehen sollte. Aber man verbot uns jeden Kontakt zum "Feind", der als dreckiger "Saupole" bezeichnet wurde. Harte Strafen wurden angedroht. Trotzdem ging ich in die nahegelegenen Villen, um dort einen ruhigen Platz zu finden. Da ich die Uniform der deutschen Wehrmacht trug und kein Wort polnisch sprach, war das schwierig. Endlich fand ich einen Mann, der mich verstand und mir einen Raum in seiner Wohnung zur Verfügung stellte. Doch schon am ersten Abend erkannte ich, daß es in dieser Familie nicht ging. 4 Kinder machten im Nebenzimmer so einen Lärm, daß ich mich nicht konzentrieren konnte. Da bot sich der Pole an, mit mir andere befreundete Familien aufzusuchen, und sie zu bitten, mir zu helfen. Aber wir gaben schnell wieder auf. Die Leute wurden so erregt, als sie den deutschen Soldaten sahen. Wer weiß, was sie befürchteten und welche Erfahrungen sie gemacht hatten?
Darum versuchte ich es allein und hatte Glück. Vielleicht war es nur die Furcht des Mannes und seiner Frau vor Repressalien, die mir ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellten, obwohl sie mich angeblich nicht verstanden oder verstehen wollten, worum ich sie bat.
Abend für Abend schrieb ich nun mit fliegender Feder. Ich wollte meinem Freund ein Denkmal setzen. Daß das gleichzeitig ein Spiegelbild unserer Weltanschauung wurde, ergab sich von selbst. Aber es war ein Wettlauf mit der Zeit. Zwischen 6-8 Wochen habe ich an dem schriftlichen Vermächtnis, von der ersten Zeile bis zum Schluß geschrieben. Gerade noch in letzter Minute konnte ich abschließen, bevor wir in Rußland, der damaligen Sowjetunion, zum Einsatz kamen. Die dramatische Erinnerung daran, erscheint im März 1999 in einem Buch über meine Kriegserlebnisse, die 1946 niedergeschrieben wurden. Das Antikriegsmuseum in Berlin brachte das grausame Dokument einer schrecklichen Zeit heraus. Dieses Vorwort zum Buch über meinen Freund entstand im Januar 1999, nachdem ich nochmals nachgelesen hatte, was ich im Spätherbst 1941 auf rund 100 Seiten im Wohnzimmer einer freundlichen polnischen Familie erarbeiten konnte. Sie waren anfänglich erschrocken und ängstlich. Doch als ich ihnen meine Abscheu zum Hitler-Krieg klarmachen konnte, entstand ein entspanntes Verhältnis. Wir kamen uns näher und ich danke den lieben beiden Polen herzlich für ihre Unterstützung und Hilfe. Kurt Kretschmann
Nachsatz:
Vielen Lesern wird sich hier eine fremde Welt auftun, die in der heutigen Zeit, da alle den Götzen "Geld" anbeten, schwer verständlich ist. Ich habe aber niemals mit meiner Frau, in den nun gelebten und durchkämpften 60 Jahren, diese Linie verlassen und vertrete sie kompromißlos weiter. Daß unser Freund, Herbert Marquardt, diesen Weg mit uns gegangen ist, können wir nicht vergessen. Unseren Dank wollten wir in den nachfolgenden Zeilen niederlegen und hoffen, daß das vom Leser auch so empfunden werden möge.
Ein Freund ist eine Seele in zwei Körpern
Aristoteles
Wie ein plötzlicher, hinterhältiger Schlag traf mich die Nachricht von deinem Tode. Tagelang schien mir der Spätsommer wie mit einem trüben Vorhang verdeckt und mein Herz schrie vor Schmerz, vor Verbitterung und Empörung. Wie konnte das Entsetzliche, Unfaßbare geschehen? Hattest du nicht in deinem letzten Urlaub zu mir gesagt, wer ein so Frohes Herz hat, mit unbändiger Kraft und Liebe das Leben bejaht und sich eines jeden Tages freut, kann nicht sterben, kann nicht untergehen. Sei nicht besorgt, mein Freund, ich komme zurück. Eine Stimme in meinen Innern läßt mich gewiß und zuversichtlich sein und ein baldiges Wiedersehen ahnen.- Unwillkürlich blieb ich damals auf einer belebten Verkehrsstraße im Berliner Norden stehen (wir kamen vom Bahnhof), schaute dich etwas zweifelnd an und erwiderte durch deinen Glauben beeindruckt:
"Millionen werden noch zugrunde gehen, aber du wirst zurückkehren, weil wir, die wir dich kennen und schätzen, sonst den Glauben an das Leben verlieren würden." [...]
Und dennoch! Der Krieg jene Verkörperung von Gewalt und Brutalität, jene hilflose Ekstase des Hasses, jene unheilvolle Verwechslung wahrer Kraft hat dich, mein bester Freund, vernichtet. Deine lautere Gesinnung, deine Klugheit und Tatkraft, deine hellen sonnigen Augen sind für immer geschlossen. Irgendwo in der einsamen, mit Blut gesättigten russischen Erde ruhst du nun aus, schläft deine Hoffnung und dein Glaube. Was soll ich tun? Der Schmerz um dich ist groß, daß ich mein Leben fortwerfen könnte, als wäre es Plunder. Alles ist klein und häßlich geworden. Ich könnte verzweifeln und Himmel und Erde verfluchen. [...]
Die Bilder der Erinnerungen sind so lebendig geblieben, daß der erste Tag unseres Kennenlernens noch heute nach einem Jahrzehnt vor meiner Seele steht, als wäre es gestern gewesen
Entsinnst du dich noch der Stunden im Frühling, da es golden durch die Birken schimmerte - als ich, nach langer Streife im Walde dein kleines Holzhaus fand? Es lag im dichten Gehölz versteckt, von einer breiten, mütterlichen Kiefer bedacht, die ihre braunen Äste schützend über die Hütte deckte.
Dort wohntest du inmitten vieler Bienenkästen, die zwanglos herumgruppiert waren und von unzähligen Immen umschwärmt wurden. Traulich und abgeschieden lag der Ort, von allem Lärm des Tages verschont, in Ruhe, Harmonie und erhabener Einfachheit versunken. In diesem schlichten und dennoch eindrucksvollen Rahmen traf ich dich an einem Tische sitzend, auf dem die Reste deiner Nahrung lagen.
Du wandtest kaum den Kopf, als ich dich anrief, und um einen Trunk Wasser bat, ließest mich langsam den schmalen Fußpfad heraufkommen und zeigtest nur durch eine Geste, daß ich Platz nehmen möchte. Dann gabst du mir das Brot und sagtest, ich könnte nehmen, soviel ich wollte und Wasser dazu trinken. Mehr hättest du nicht, aber es würde zu einem freien Leben genügen.
Eine merkwürdige Stimmung war um dich. Die durchsonnten Bäume und Büsche, das Summen der Bienen, die nur von Vogellauten durchjubelte Einsamkeit schienen dein ganzes Wesen ergriffen zu haben. Man spürte eine unbetonte aber dennoch wirksame Kraft, die keine Bewegung, kein Wort verschwendete. Mir war es, als wenn dich die Natur umschlungen hielt und ihren Besitz - einen Menschen, der alle Errungenschaften des 20. Jahrhunderts verschmähte - nicht wieder hergeben wollte.
Wie mochtest du nur leben, ging mir durch den Sinn. Deine braungebrannten, nackten Füße, die muskulösen Glieder und ungezwungene Haltung sagten mir, daß du von allem gesellschaftlichen Zwang gelöst wieder zu einem Kind der Natur geworden warst. Das hatte dich nicht nur äußerlich, sondern ebenso innerlich ergriffen.
Als wir eine weile beieinander saßen, und ich erstaunt die Umgebung betrachtete, sagtest du sinnend und mit einem Anflug des Bedauerns:
"Wie schön die Welt ist, und die Menschen sehen es nicht. Da rennen sie einher, immer gehetzt und gestoßen, teilen das Leben in Minuten und Sekunden, bauen auf, bauen ab, raffen von allen materiellen Gütern zusammen, was sie nur erhaschen können und sterben schließlich, eingeklemmt in ihren zusammengeramschten Besitz, ohne überhaupt gelebt zu haben. Scheint die Sonne, blühen die Blumen, singen die Vögel nicht für uns, für uns Menschen? Sind die weißen Schiffchen am Himmel, die lachenden Wolken auf dem Meere der Unendlichkeit (du deutetest mit der Hand durch eine Birkenkrone nicht zur Freude der Menschen geschaffen? Warum erkennen so wenige die Pracht der Erde?"
"Eine betrübliche Frage", stellte ich fest und sagte nach einiger Überlegung, " weil der Mensch glaubt, Glück und Freiheit könne er nur durch Geld und Gut erwerben, jagt er einer Vorstellung nach, die ihn dem echten, naturnahen Leben entfremdet. Mit der Sonne, den Blumen, Vögeln und Wolken, von denen du sprachst, kann man sich nicht die Taschen füllen, noch ein Bankkonto anlegen. Man verspielt die Gegenwart auf der Jagd nach dem Goldenen Kalb."
Etwas später gingen wir durch den Busch, der dein kleines, eingehegtes Gelände umgab. Du hattest mich aufgefordert mitzukommen und wolltest mir die nähere Umgebung zeigen.
Ohne Tür und Tor abzuschließen, verließen wir das Anwesen und schritten hintereinander durch den Wald. Ich berichtete dir erstaunt von dem Eindruck, den dein Leben auf mich machte und stellte verschiedene Fragen. Du aber hörtest mich, wie mir scheinen wollte, mit sichtlichem Unbehagen an und meintest: Darüber können wir noch sprechen. Jetzt im Wald muß man still sein, im Gehölz sollte man schweigen."
Ich verstand dich nicht sogleich und sah keinen Grund, den Fluß meiner Rede zu stoppen. Erst später kam mir zum Bewußtsein, daß du Recht hattest, daß deine lautlosen Bewegungen Erlebnisse mit Tieren und Pflanzen herbeiführten, und dich zutiefst in die Natur eindringen ließen, wie es nur selten einem Menschen vergönnt sein mag. Ein Wink genügte dir, ein Zeichen der Hand oder des Kopfes, um auf irgend etwas aufmerksam zu machen, was ich sicherlich nicht gesehen hätte. So ging es eine Weile quer durch Gestrüpp und Jungpflanzen hindurch, bis wir zwischen Dornen und dichtem Unterholz Halt machten und du mir wortlos die Anweisung zum Hinlegen gabst. Ich wußte nicht, was du wolltest. Es war mir eigenartig zu Mute. Deine gewandten Bewegungen erregten mein Erstaunen. So hatte ich mich nie im Walde benommen, obwohl ich schon drei Jahre lang jede freie Stunde, die mir außer der Arbeit in Berlin blieb, in den weiten Brandenburgischen Wäldern verbrachte. Dein Gang, barfüßig, war elastisch und fast lautlos und deine Stimme immer gedämpft und verhalten, solange du dich unter Bäumen bewegtest. Dein ganzes Wesen fügte sich der Landschaft ein, und oftmals dachte ich damals und später, nur du allein bist der rechtmäßige Herr dieser Wälder und nicht irgendwer, dem sie grundbuchmäßig gehören mochten! Ich fühlte bald, daß ich von dir lernen konnte und ergab mich willig deiner Führung, wenn wir den Wald beliefen.
Nach einigen Minuten, in denen wir still am Boden lagen, ich sinnend, du lauschend, wandtest du den Kopf zurück, schautest mich mit strahlenden Augen an und gabst ein Zeichen, das mich dir folgen ließ. Mit unendlich langsamen, jedes Geräusch vermeidenden Bewegungen schobst du dich eng am Boden dahin, vorsichtig die Dornenranken beiseite schiebend, machtest du schließlich Halt und ließest mich dicht herankommen. Nun wußte ich was dir im Sinne stand, du wolltest mich an den besonderen Schönheiten und Entdeckungen, die sich dir auf einsamen Waldläufen erschlossen hatten, teilnehmen lassen.
Diesmal war es ein verborgener Tümpel, auf dem sich die beiden letzten Wildenten deines Reviers tummelten, ohne von uns die geringste Spur wahrzunehmen. Wir konnten sie lange beobachten und zogen uns schließlich, glücklich über das Erlauschte, ebenso unbemerkt zurück. Die Tiere schwammen ruhig hin und her, kamen ganz in unsere Nähe, tauchten, bespritzten sich mit Wasser, fingen Mücken und Fische und sonnten sich hernach auf einer Grasinsel am Ufer des Morastes.
Erlebnisse dieser Art habe ich dir viele zu verdanken. Du hast mir das Leben in der Heide erschlossen und die Geheimnisse der Natur vor Augen geführt. Wer konnte wie du in dichter Schonung liegen und stundenlang warten, bis der Fuchs die Höhle verließ, bis du den Rehbock, den du sehen wolltest, die Fasanen oder die anderen Tiere zu Gesicht bekommen hattest.
Ich weiß noch so unendlich viel, daß ich einiges erzähle, weil diese Begebenheiten zeigen, wie tief dein Wesen, deine Seele in die Schöpfung eingedrungen war. Ich möchte sagen, dein wunderbarer Charakter hatte sich aus der Innigkeit, mit der du den Regungen der gütigen Mutter Natur nachspürtest und aus den sich daraus ergebenen Erfahrungen gebildet. Was du im Walde sahst, das diente dir zu einem höheren Verständnis, das brachtest du in Beziehung zum menschlichen Leben, und bist nicht schlecht dabei gefahren! [...]
Eines Tages im Frühling, du warst auf der Suche nach Morcheln und Lorcheln gewesen, kamst du traurig, ja zornig heim. Die vielen Weidenbüsche der näheren Umgebung, die deinen Bienen die ersten Pollen, das sogenannte Honigbrot und süßen Honig spendeten, und eine ausschlaggebende Bedeutung für ihre Brutentwicklung hatten, waren fast alle ihrer Pracht beraubt.
Die Menschen aus der großen grauen Stadt Berlin, die 30 km entfernt lag, kamen auch in unseren Wald und schleppten die sammetweichen Kätzchen in ihre toten Mauern.
"O, hätte ich sie getroffen", so sprachst du in bitterer Qual und drohtest mit deinen starken Fäusten, alles müssen sie in ihrer Dummheit zerstören, denn sie wissen nicht, daß es weniger Früchte gibt, wenn die Immen sich erst nach der Obstbaumblüte entwickeln. Haselnuß und Weide sind ihre ersten Nahrungsquellen. Deshalb habe ich überall auf den freien Plätzen im Walde frische Triebe ausgesteckt, um neue Büsche heranzuziehen. Doch was weiß ein Großstadtmensch von den Gesetzen der Natur?"
Der Schmerz um diesen Frevel packte dich, der du sonst keiner Fliege etwas tun konntest, so stark, daß die Missetäter sich nicht nur ihrer reichen Beute, sondern auch des unbemerkten Diebstahls freuen konnten. Du hättest sie nicht ungeschoren gelassen.
Um dich zu Trösten und die restlichen Bestände zu retten, schrieb ich drei kleine Gedichte, in denen die Weidenkätzchen den Menschen baten, er möge sich an ihrer Schönheit erfreuen, sie aber den Bienen zur Nahrung lassen. Dann hefteten wir die Blätter auf Holz und hingen sie, mit einem Schutzdach versehen, an die noch unbeschädigten Büsche. Am nächsten Sonntag lagen wir im Unterholz verborgen und beobachten mehrere Ausflüglergruppen, die um die weithin leuchtenden Schildchen standen und nach dem Lesen lachend weitergingen, ohne neue Zweige zu brechen.
Wie du dich freuen konntest, Kamerad, daß dieser kleine Versuch ein gutes Ergebnis brachte. Er söhnte dich mit den Übeltätern etwas aus, denn du hattest einen Erfolg unserer Bemühungen angezweifelt. Wir sahen beide, daß mit dem Appell an die Vernunft des Menschen, also ohne Haß und Gewalt, die kleinen und sicherlich auch schweren Reibungen des Gesellschaftslebens beeinflußt werden können.
Kurt Kretschmann
Bericht über die Veranstaltung am 13.12.99 im Elternzentrum, Mehringdamm 114, Berlin
Ca. 90 Personen folgten unserer Einladung sich über das Konzept Neue Arbeit" des Philosophen F. Bergmann und dessen praktische Umsetzung zu informieren. Neben Frauke Hehl des Berliner Projektes workstation", die die Veranstaltung leitete, berichteten Elisabeth von Renner (Netzwerk Neue Arbeit, Kassel), Manuela Krengel, Monika Schulz (Haus der Möglichkeiten in Lauchhammer) und Michael Birkenbeul (Sozialistische Selbsthilfe Köln-Mülheim) aus der laufenden Arbeit in ihren Projekten.
Zunächst führte Elisabeth v. Renner in die Theorie von Frithjof Bergmann ein. Bergmann geht in seinem Konzept davon aus, daß immer weniger Menschen einen Vollerwerbsarbeitsplatz ein Leben lang innehaben werden. Daraus zieht er die Konsequenz, über eine Drittelung der zur Reproduktion notwendigen Arbeits-Zeit in normaleErwerbsarbeit", High-Tech-Selfproviding" (Eigenarbeit) und calling" (Berufung) den Betroffenen Möglichkeiten jenseits des traditionellen Erwerbsarbeitssystems zu eröffnen. Bergmann möchte mit seinem Konzept zum einen die verfügbaren Jobs gerechter verteilen. Zum zweiten betont er, daß durch Eigenarbeit und schlauen Konsum die materiellen Einbußen in Folge der Reduzierung der Arbeitszeit ausgeglichen werden können. Insgesamt, so Bergmanns Vorstellung, trägt Neue Arbeit" zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen bei; neben der Erwerbsarbeit bleibt genügend Zeit zu überlegen, was man/frau wirklich will, um daraus neue Perspektiven zu entwickeln.
Nach der theoretischen Einführung stellten Manuela Krengel und Monika Schulz ihr Projekt Haus der Möglichkeiten" in Lauchhammer vor. Die Kleinstadt Lauchhammer gehört zu den Industrieregionen der neuen Länder, die von extrem hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind, nachdem der Braunkohle-Abbau und die damit zusammenhängende Schwerindustrie weggebrochen sind. Mit dem Haus der Möglichkeiten, das verschiedene Werkstätten (Töpferei, Nähwerkstatt, Kunst-und Kulturzentrum) beinhaltet, sollte zunächst ein Begegnungszentrum geschaffen werden, das Raum für Idee, Kreativität und im Bergmann'schen Sinne calling" bietet. Außerdem werden verschiedene Beratungen angeboten. Die beiden Frauen aus Lauchhammer berichteten von anfänglichen Problemen, Akzeptanz für andere Formen der Arbeit bei Menschen zu finden, deren Vorstellung vom lebenslangen sicheren Arbeitsplatz plötzlich zerstört wurde. Es braucht offensichtlich einige Zeit und sehr viel Engagement der ProjektinitiatorInnen, einen Umdenkungsprozeß anzustoßen. Nach mittlerweile fast zweijähriger Erfahrung werden die Angebote jetzt in größerem Umfang genutzt, neue Projekte befinden sich in der Planung. Das Hauptproblem besteht aktuell darin, die Finanzierung des Projektes über das Auslaufen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hinaus zu sichern.
Michael Birkenbeul von der Sozialistischen Selbsthilfe Mühlheim (SSM)" konnte dagegen aus der 20jährigen Erfahrung seines Projektes darstellen, daß die Bergmann'sche Theorie der Drittelung von Erwerbsarbeit", Selfproviding" und Calling" in der Praxis funktioniert. In der SSM haben sich 16 Personen zusammengefunden, um auf einer alten Industriebrache gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Die SSM betreibt ein Umzugs- und Entrümpelungsunternehmen und einen Second-Hand-Laden, in dem gemeinschaftlich gearbeitet wird. Aus den Gewinnen werden 100,- DM wöchentlich an alle Mitglieder, auch an die Kinder, ausgezahlt. Alle werden kranken- und rentenversichert. Darüber hinaus leben die Mitglieder der SSM mietfrei, essen gemeinsam und können sich ihren Bedarf an Kleidung, Haushaltswaren etc. aus ihrem Laden geldlos besorgen. Erwerbsarbeit" und Selfproviding" gehen hier nahtlos ineinander über.
In der Diskussion gab es zunächst zahlreiche Nachfragen zur Praxis der einzelnen Projekte. Im Vordergrund standen dabei Fragen der Finanzierung (öffentliche Gelder ja oder nein; welche öffentlichen Gelder können genutzt werden etc.), Fragen der Renten- und Alterssicherung (was passiert, wenn man/frau nicht mehr erwerbs- oder eigen-arbeiten kann, welche Form der Alterssicherung existiert im Konzept von Bergmann) und die Frage nach dem Übergang von Eigenarbeit in gewerbliche Tätigkeit (wo hört Eigenarbeit auf und wann fängt gewerbliche Arbeit an).
Eine grundsätzlichere Diskussion entbrannte an der Frage, ob ein Projekt wie die SSM eine reine Nische sei oder einen Alternativentwurf darstellen könnte. Aus dem Publikum heraus wurde argumentiert, daß die SSM nur als Armuts-Ökonomie funktionieren könne, bei der die einzelnen auf einem relativ geringen materiellen Niveau lebten. Michael Birkenbeul rechnete allerdings vor, daß sie materiell nicht sehr viel schlechter darstehen, als manch' eine normale Angestellte, wenn man die Lebenshaltungskosten, die bei der SSM gemeinschaftlich getragen werden mit einbezieht. Dagegen trug er sehr überzeugend vor, daß dieses gemeinschaftliche Leben ein mehr an Lebensqualität beinhalte. Als zweiter großer Einwand gegen das Konzept von Bergmann wurde vorgebracht, daß es zur Individualisierung der Erwerbslosigkeit beitrage, gerade wenn wie im Projekt von Lauchhammer das individuelle Calling" im Vordergrund steht und Erwerbslosigkeit mehr psycho-sozial bearbeitet werde. Zudem wurde angemerkt, böten die in Lauchhammer initierten Werkstätten kaum tatsächliche Zukunftsperspektiven jenseits der Erwerbsarbeit für eine größere Zahl von Personen. Keinesfalls könne eine Töpferei und eine Nähwerkstatt Industriearbeitsplätze ersetzen. Die Frage wurde laut: kann Neue Arbeit" unter den Bedingungen der Massenarbeitslosigkeit in Lauchhammer mehr sein als eine Beschäftigungstherapie? Hier wurde angemerkt, daß es neue Ideen für ein größeres Projekt gibt, das auch Marktchancen" besitzt. Das Konzept schließe, wie das Beispiel der SSM zeigt, nicht aus, daß Neue Arbeit-Projekte auch am Markt" erfolgreich sein können. Zugleich wurde noch einmal betont, daß das Haus der Möglichkeiten zunächst einmal ein kleiner Versuch war, möglichst niederschwellig Angebote zu machen, einen Umdenkungsprozeß in Gang zu bringen.
Ein dritter großer Diskussionsbereich war die Frage nach dem gesellschaftlichen und individuellen Interesse an Neuer Arbeit". Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum machten deutlich, daß ein Interesse einzelner Personen, sich an einem Neue Arbeit-Projekt zu beteiligen, durchaus vorhanden ist und es einen Bedarf an Beratung und der Vermittlung von Kontakten gibt. Interessanterweise gibt es sowohl in Lauchhammer als auch in Mühlheim Arbeitsämter und GewerkschaftlerInnen, die auf der Suche nach Perspektiven sich für das Neue Arbeit-Konzept zu interessieren beginnen. Allerdings gibt es bisher kaum Unternehmen oder Betriebe, die sich an der Verwirklichung der Drittelungs-Idee Bergmanns beteiligen. Das Netzwerk Neue Arbeit versucht zur Zeit, wie Elisabeth v. Renner erklärte, Unternehmen zu gewinnen.
Fazit: Mit der Veranstaltung wurden zahlreiche Informationen zur Praxis existierender Neue-Arbeit-Projekte einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Daß sich rund 90 Personen aus ganz unterschiedlichen linken Spektren für das Thema interessieren, kann bereits als ein Erfolg gewertet werden. Das positive Beispiel der Sozialistischen Selbsthilfe Mühlheim gab darüber hinaus Anschauung, daß die Theorie der Neuen-Arbeit auch in der Praxis funktionieren kann und vermittelte Anregungen, die, so der Eindruck, vom Publikum mit Interesse wahrgenommen wurden. Die rege Diskussion machte zugleich deutlich, daß neben dem großen Interesse an Formen des kollektiven, anderen Arbeitens, grundsätzliche Fragen an Bergmann noch offen stehen und eine kritische Auseinandersetzung fortgesetzt werden muß.
Offen blieben u.a. die Fragen,
* ob das Konzept Neue Arbeit Perspektiven auch im Bereich der (relativ gesicherten) Stammbelegschaften des industriellen Sektors bieten kann, oder ob es sich nur" an die marginalisierten und prekarisierten ArbeitnehmerInnen richtet,
* ob und wie Neue-Arbeit-Projekte ihr Nischen-Dasein überwinden können, welches Verhältnis zum Markt angestrebt wird, inwieweit das Konzept mehr leistet als Menschen in eine ohnehin unsichere Selbständigkeit zu entlassen,
* wie sich das Konzept in die Diskussion um den Sozialstaat einreiht, ob es ggf. Ansatzpunkte gibt, das Konzept Neue Arbeit in die laufende Existenzsicherungsdebatte / soziale Grundrechtsdebatte zu integrieren usw.
Für Februar ist eine Diskussionsveranstaltung mit Bergmann selbst geplant, auf der wir diese Fragen vertiefend diskutieren wollen.
Kontakt: Frauke Hehl, E-mail: work.station (Klammeraffe) berlin.de
http://www.snafu.de/~workstation
Heinz Weinhausen
Der Artikel Arbeitslos ins Glück" von Martin aus Göttingen von 1999 regte mich dazu an, über meine jetzige Situation nachzudenken. Ursprünglich kam ich nach Berlin, weil ich hier eine Weiterbildung machen wollte und weil es mir bei der Arbeitssuche so erschien, als ob hier die Frage nach dem Alter nicht vorrangig ist. Erläuternd dazu sollte ich vielleicht sagen, dass ich 45 Jahre alt bin und keine Ausbildung habe. Ich habe mich vor kurzem von meinem Mann getrennt und in dieser Situation erschien es mir an der Mosel, (ich stamme aus einem kleinen Ort in der Nähe von Trier) aussichtslos, eine Arbeit zu finden, die mich ernährt. Naja, ehrlich gesagt, war das Ganze eher eine Aus-dem-Bauch-raus-Entscheidung".
Knapp zusammengefasst, sagt der Artikel aus, dass bei der heutigen Masse von Arbeitslosen sich diese nicht mehr ihrer Situation schämen, sondern vielmehr die Chancen nutzen sollen, die sich aus ihrer Lage ergeben. Weiter wird ausgeführt, dass es schon einige Menschen gibt, die erkannt haben, dass Arbeitslosigkeit auch eine Chance sein kann. Sie haben sich neu orientiert, indem sie Initiativen wie z. B. Konsumgüter- und Dienstleistungssharing (Tauschringe), Gartenversorgung, Nachbarschaftshilfe, Flohmärkte oder Kinderläden ins Leben gerufen haben, um durch Eigenversorgung unabhängiger zu werden. Neben dem ökologischen Nutzen fördern diese Initiativen das soziale Miteinander, die Arbeit macht wieder Spaß und man hat Zeit, sich zu besinnen.
In unserer Gesellschaft ist scheinbar Erwerbsarbeit gleichzusetzen mit Lebensglück. Durch den immer stärker werdenden Zeit- und Erfolgsdruck, dem man jedoch bei den heutigen Erwerbstätigkeiten meist ausgeliefert ist, ist das für viele Menschen jedoch nicht mehr so. Die Erwerbstätigkeit macht keinen Spaß mehr, sondern dient nur noch dem Lebensunterhalt. Deshalb stellt sich für mich die Frage, ob es sinnvoll ist, sich diesem Druck auszusetzen, um andererseits mit dem Konsumgüterverhalten der Gesellschaft mithalten zu können?
Nun stellen sich für mich noch einige Fragen. Wenn jemand arbeitslos ist, sieht er ja normalerweise zuerst einmal die Perspektivlosigkeit seiner Situation. Zwar ist er jetzt unabhängig von einem Arbeitgeber, gerät aber sofort in eine neue Abhängigkeit von Ämtern. Zudem wird er sich erst einmal nutzlos fühlen, schliesslich hat er nicht gelernt, freie Zeit sinnvoll zu nutzen. Als Ersatz für den Arbeitgeberdruck erhält er den Druck der Umwelt, die ihm deutlich macht, dass Arbeitslose Schmarotzer sind. Nun interessiert mich, wie die arbeitslos Glücklichen" herausgefunden haben aus ihrem ursprünglichen Dilemma? Wie kamen sie zu ihrem Ergebnis? Ist es nicht ein sehr langer Weg für jeden Einzelnen? Müssen nicht zu viele auf der Strecke bleiben, bei diesem Teufelskreis der Angst? Es ist nun einmal so, dass nicht für alle Erwerbs-Arbeit da ist, also sollte man auch nicht länger warten und so tun, als würde sich das in absehbarer Zeit ändern. Hat die arbeitende Gesellschaft überhaupt ein Interesse daran, die Situation zu ändern? Schliesslich leben die Unternehmen sehr gut davon, dass die jetzigen Arbeitnehmer an ihren Jobs kleben, weil sie selbst Angst haben, diesen zu verlieren. Nur deshalb ist es möglich, geringe Löhne zu bezahlen und auch sonstigen Druck auszuüben. Wenn Arbeitgeber nur Auswahl-Arbeitnehmer" beschäftigen wollen, d. h. jung, gut ausgebildet, gesund, sollten sie dieser ausgewählten Gruppe soviel bezahlen müssen, dass diese damit für den Rest sorgen können, so. Eine andere Möglichkeit wäre es, die vorhandene Arbeit umzuverteilen. Warum müssen Menschen in relativ kurzer Zeit in der sogenannten Erwerbstätigkeit regelrecht verheizt werden, während andere verzweifelt eine Beschäftigung suchen? Überstunden und Leistungsdruck machen körperlich und seelisch krank, so dass immer mehr zu früh aussteigen. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Nicht-Erwerbstätige ernähren.
Wer bestimmt eigentlich den finanziellen Gegenwert einer Arbeit? Da es sich bei unserer Gesellschaft um eine Leistungsgesellschaft" handelt, könnte man doch davon ausgehen, dass die Leistung den Preis bestimmt. Bringt aber z. B. ein Pfleger oder eine Pflegerin in einem Altenheim weniger Leistung als ein vergleichsweise doch viel besser bezahlter Posten im öffentlichen Dienst? Wie ist es immer noch möglich, dass Frauen bei gleicher Arbeit geringere Löhne erhalten? Und wann endlich wird die Leistung: Hausfrauenarbeit" honoriert?
Was mich bisher noch daran hindert, arbeitslos `ganz' glücklich zu sein, ist die Abhängigkeit, in der man ja steckt, wenn man Arbeitslosengeld oder sonstige Stützen zum Lebensunterhalt" kassiert. Ich möchte für mich einen Weg finden, der es mir ermöglicht, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, mir aber andererseits genug Zeit läßt, um Dinge zu tun, die für mich persönlich wichtig sind. Hat nicht jeder Mensch ein Recht, auf diese Art zu leben, weil es zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit gehört?
Die Neu-Orientierung dieser glücklichen Arbeitslosen ist meiner Meinung nach eine große Chance für die Gesellschaft. Sie kennen beide Seiten des Systems und sind offener für Probleme ihrer Mitmenschen. Ist das der Grund, warum es mir so erscheint, dass es mir hier im Osten _ mit der hohen Arbeitslosigkeit _ leichter fällt, glücklich zu sein, als im Westen?
Marlies Gerhard
Unter diesem Motto veranstaltet das Institut für Baubiologie und Ökologie, Neubeuern, am 19. und 20. Mai 2000 im Herzogschloss Straubing eine Tagung. Die Vortragsthemen befassen sich unter anderem mit Schimmelpilzen in bewohnten Räumen, den Risiken der Insektenbekämpfung, mit neuer baubiologischer Messtechnik, mit der ambulanten Therapie in der Umweltmedizin, ganzheitlichen Siedlungskonzepten und aktuellen baubiologischen und bauökologischen Bauweisen. Als Zusatzprogramm wird am 21. Mai u.a. die Exkursion "Ökologische Bauprojekte und moderne Energiespartechnologie" angeboten. Die Tagung soll Impulse zur interaktiven Zusammenarbeit geben, zur Förderung des ökosozialen Bewusstseins sowie zum Aufbau einer naturgemäßen, gesunden Baukultur. Anmeldung und Informationen: Institut für Baubiologie und Ökologie, IBN, Holzham 25, D-83115 Neubeuern, Tel. 08035/2039 (9 - 12 Uhr), Fax 08035/8164.
Rupert Schneider
Die Mitgliedervollversammlung
findet statt am Di., 28.03.2000, 20.00 Uhr, im Mehringhof.
Beschluss des Vorstands zum Siedlungsprojekt Hohenlychen
1. Unsere Verpflichtungen in Hohenlychen erstrecken sich auf einen Zeitraum von fünf Jahren, von denen wir noch vier vor uns haben. Uns war immer klar, dass wir noch Zeit brauchen, um weitere Siedler zu finden. Es besteht gegenwärtig (noch) kein Anlass zu schnellen Siedlungs- oder Verkaufsentscheidungen.
2. Durch erste kleine Nutzungsschritte wollen wir die Anonymität abbauen, die das Grundstück in Hohenlychen für uns hat. Solche Schritte können sein: Mutterboden anfahren, Einzäunen, erste Gartenkulturen anlegen, erste Bäume und Sträucher pflanzen, wenn möglich, Bauwagen aufstellen zur Sommernutzung, an den Bau einer Gartenlaube denken, diese eventuell aus Strohballen bauen.
3. Die Bauvoranfrage sowie Informationsmaterial zur Gewinnung neuer Siedler werden bald erarbeitet. Mit diesen Arbeiten wird bei sonst gleichartigen Bedingungen dasjenige Architekturbüro beauftragt, das bereit ist, dort selbst mitzusiedeln (zumindest mit einer Ferienwohnung).
4. Der Vorstand ist bereit, einen Teil des Grundstücks in Hohenlychen an Vereins- oder Genossenschaftsmitglieder zu verkaufen, wenn dadurch eine gemeinsame, ökologisch sinnvolle Bebauung des Gesamtgrundstücks gefördert wird.
5. Der Verein erklärt seine Absicht, für das Grundstück in Hohenlychen der Genossenschaft ein Erbbaurecht, vergleichbar dem Erbbaurecht für die V4, einzuräumen.
6. Kosten, die bei der Realisierung der vorstehenden Grundsätze auftreten (besonders Pkt. 3 und 2) trägt die Genossenschaft. Diese Kosten werden später in geeigneter Weise mit etwaigen Erbbauzinsen bzw. Verkaufserlösen verrechnet.
Der Vereinsvorstand bittet die Genossenschaft, diese Grundsätze zu prüfen und ihrerseits anzunehmen. Er wird ggf. im Sinne dieser Grundsätze Beschlüsse vorschlagen, über die die Jahresversammlung des Vereins entscheiden soll.
Mitgliederentwicklung im Jahr 1999
Anzahl der Mitglieder Ende 1999: 97.
Austritte 1999: 11.
Eintritte 1999: 7.
Praktikum Roy Rempt, Lychen
Roy macht im Rahmen seiner Fortbildung zum Sozialberater ein Praktikum vom 01.02-24.03.2000 in der Vogelgesangstr. 4: "Laufende Zukunftswerkstatt" (Roy) - Analyse des derzeitigen Zustands von ÖKOSTADT, Perspektiven (Arbeiten am idealtypischen Konzept).
ABM Lychen
Der ABM-Antrag (siehe Artikel auf Seite 11) wurde von Klaus-Peter und Ingrid im Januar beim Arbeitsamt eingereicht. Beantragtes Gehalt insgesamt 216 000 DM für 5 MitarbeiterInnen, Förderung 85 %. Der Antrag wurde vom AA im Prinzip angenommen, jedoch wurden die Gehaltseinstufungen zurückgewiesen. Die Projektleitung ist, so die Orientierung des AA, mit maximal 3000,-DM brutto, die Mitarbeiter sind mit 2000,- bis 2500,- DM brutto einzustufen. Der Antrag wurde von Klaus-Peter kurzfristig entsprechend überarbeitet und dem AA erneut zugeleitet.
ÖKOSTADT-Projektzentrum Lychen
Die Fertigstellung des Fußbodens im Vereinsraum steht bevor. Wegen des farblich unruhigen Eindrucks soll auf Marmorplatten verzichtet werden. (Diese könnten eventuell auf der Terrasse und am neuen Feuerplatz verwendet werden.) Statt dessen sollen Backsteine eingesetzt werden. Zur Fertigstellung des Vereinsraums fehlt dann nur der Lehmfeinputz.
Philip Jacobs
Lychen im Winter. Foto: Jutta Jahnke
Mitgliedervollversammlung
unseres Fördervereins am Dienstag, dem 28. 03. 2000 um 20.00 Uhr im Mehringhof/Großer Salon, Gneisenaustr. 2a, Verklehrsanbindung: U-Bahn Mehringdamm
Alle Mitglieder könne Änderungen dieser Tagesordnung, Ergänzungen oder Beschlüsse vorschlagen. Anträge und Ergänzungen zur Tagesordnung müssen mindestens sieben Tage vor dem Termin der Versammlung dem Vorstand schriftlich bekannt gemacht werden" (Satzung des Fördervereins ÖKOSTADT e. V.).
Der Vorstand des Fördervereins ÖKOSTADT e. V.
Adresse: |
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Danziger Str. 219 10407 Berlin (Prenzlauer Berg) Tel.: 030 - 423 59 53 Fax: 030 - 423 56 87 Konto-Nr: 353 57 02, BfS Berlin, BLZ: 100 205 00 |
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