ÖKOSTADT-Nachrichten - Zeitschrift des Fördervereins ÖKOSTADT e. V.

Dezember 2000 • ÖN 32

Inhalt der ÖN 32 (Dezember 2000)

ÖKOSTADT - altes neues Projekt (S. 2)
ABM bei ÖKOSTADT in Lychen (S. 3)
Konflikt und Ausschluss (S. 4)
Was ist eine Zukunftswerkstatt? (S. 4)
VCD für „bessere Bahn" (S. 6)
Weitere Bahnstillegungen (S. 7)
Demonstrative Fahrradtour 2001 (S. 7)
Schimmelpilze (S. 7)
Exkursion nach Brodowin (S. 8)
Biologisch-dynamischer Anbau (S. 9)
Rezepte (S. 11)
Geomantie (S. 12)
Prozesse gegen Friedensbewegung (S. 15)
Kurt Kretschmann: Herbert (S. 16)

ÖKOSTADT - altes neues Projekt

Die Wochen kommen und gehen, unversehens sind wir im Vorfeld des Tages, an dem es ein Jahrzehnt zurückliegt, daß ÖKOSTADT gegründet wurde.

Nicht der Wunsch nach einer Jubiläumsfeier weckt mir diese Erinnerung. Eher die Frage, ob nicht allein die Tatsache einer so langen Existenz etwas Bestimmtes aussagt, etwas, das wir im Hin und Her des Alltags leicht übersehen.

Einige Tatsachen sind überdeutlich:

Die Stadt der 20.000 ist nicht entstanden; nicht die kleinste ökostädtische Siedlung ist in Sicht.

Drei von vier gewerblichen Unternehmungen der Ökostädter sind nicht dauerhaft auf die Beine gekommen und inzwischen wieder liquidiert.

Die Zahl der organisatorisch erfaßten Interessierten ist von zeitweise 150 auf weniger als 100 zurückgegangen. Viele sind zu uns gekommen und wieder gegangen.

Immer wieder haben Krisen das Projekt erschüttert, verschiedene Spaltungen hat es gegeben, Kräfte der Zerstörung und Selbstzerstörung haben sich zeitweise breit gemacht.

Andererseits wurden mehrere hunderttausend Mark aufgebracht, um das Projektzentrum in Lychen zu bauen, viele tausend freiwillige unbezahlte und bezahlte Stunden wurden und werden dafür geleistet. Gute Wohn- und Begegnungsräume sind entstanden. Bei Kultur- und politischen Veranstaltungen trafen sich hunderte Ökostädter und Gäste. Der neugegründete Biohandel erfüllt Lebensbedürfnisse. Bereits in seinem ersten Halbjahr hat er einen Umsatz von rund 10.000,- DM erreicht.

Viele, viele Leute hat das ÖKOSTADT-Haus beherbergt. Menschen haben sich dort gefunden und sind Partner und Freunde geworden.

Wo liegt die Wahrheit angesichts solch gegensätzlicher Seiten?

ÖKOSTADT - Spielwiese für Erwachsene, Ansammlung von Idealisten und Arbeitsscheuen, Verrückten aller Art; ein Gebilde, das nicht leben aber auch nicht sterben kann? Oder doch Keim, Versuch, vielleicht ein wirrer, eines ganz anderen Daseins der Menschen?

Auch unsere kleine ABM-Gruppe, eingezwängt zwischen die Zeitschranken ganzer fünf Monate, fragt manchmal nach Stand und Gang, Sinn und Zweck von ÖKOSTADT.

Heute scheint es offenkundig zu sein, daß dieses Projekt keiner nennenswerten Zahl von ÖkostädterInnen „Lohn und Brot" geben kann, vielleicht nicht einem/r Einzigen.

Ein schlimmes Ergebnis, ja der Bankrott, solange die Arbeitsplatzorientierung übermächtig bleibt.

Was aber, wenn nicht diese Unfähigkeit von ÖKOSTADT das Problem ist, sondern die übermächtige Arbeitsplatzorientierung?

Die Nadelstiche gegen die Vergötzung der Arbeit, nach Art des „Manifestes gegen die Arbeit", treffen allüberall auf Zurückweisung. Unerschüttert steht da eine merkwürdige Phalanx, die vom Verbandschef Henckel bis zum letzten ABM-Häschen reicht. Vielleicht, daß die Polemik gegen die Arbeit bisher allzu flott und blauäugig daherkommt..., weil sie selbst nur Ergebnis von (Theorie-)Arbeit einiger Weniger ist?

Der Gegenstand ist zu groß.

Vielleicht geht es heute ja tatsächlich um die Abschaffung des Menschen durch Arbeit (groteske Umkehrung der alten Einsicht, daß die Arbeit den Menschen geschaffen hat). Und was das Produkt dieses letzten Arbeitsprozesses ist, weiß níemand.

Wir aber, wenn schon dazu verurteilt, halbbewußt in diesem Dschungel herum zu stolpern, warum sollen wir uns selbst blind machen und das Nachdenken ersparen?

Was das vielleicht nicht totzukriegende ÖKOSTADT-Projekt wirklich darstellt, gerade angesichts seiner notorischen Unfähigkeit, den Arbeitsmarkt aufzumischen, ist einer aufmerksamen Betrachtung wert.

Dies um so mehr, als bei ÖKOSTADT einige sind, die sich vom Götzen „Arbeit" (und seinem Doppelgänger „Besitz") nein, nicht völlig frei gemacht haben, das kann kein Mensch, aber ihm doch mit tiefen Vorbehalten begegnen und sich einen Abstand errungen haben.

Ich wage die Behauptung, daß das, was ÖKOSTADT wirklich und wesentlich darstellt, in einem bestimmten Sinne nicht durch Arbeit entstanden ist.

Natürlich wurde viel gearbeitet, meist ganz im Sinne der konventionellen, wertschaffenden, lohn- und profitbringenden Betätigung: „Ich gebe Dir meine Arbeitskraft für zwei Stunden und Du gibst mir dafür 20,-DM" - das sind die üblichen Tauschgeschäfte des Marktes. Am Ende hat der eine das Arbeitsergebnis, der andere den Lohn. Darüber hinaus entsteht nichts. Nicht selten wurde so am ÖKOSTADT - Haus gebaut.

Wichtiger aber ist, daß auch anderes geschehen ist. In unserem Haus steckt etwas, es ruht auf einem Grund, den kein Tauschgeschäft hervorgebracht hat.

Ich glaube heute, diese andere Substanz ist durch Hingabe entstanden; durch das Abgeben von Herzens-, Nerven-, Muskel- und Finanzkraft, ohne an einen Tauschwert zu denken. Und keineswegs ist hier nur das risikogeminderte Weitergeben an den lieben Nächsten gemeint, sondern gerade auch das freie Geben an den Fremden, den Fernstehenden.

Dadurch und nur dadurch konnte etwas entstehen, das bleiben mag.

„Hingabe", „Abgeben", die Begriffe drücken zunächst nur ein bloßes, zielloses Weggeben oder Loslassen aus. Doch es ging immer um mehr. Die Hingabe hatte Ziel und innere Kraft in dem Wunsch, Leben zu fördern. Die Freude daran, Menschen zu helfen, froher und freier werden zu können - das war der uneigennützige Lohn so manchen Impulses, der ÖKOSTADT immer wieder belebt hat.

Wenn es den langen Weg in eine bessere Zukunft gibt, so ist dies das erste halbe Schrittchen - verschwindend kurz, aber unverzichtbar.

Ich stehe in dem Zwiespalt, das mit „Hingabe" beschriebene Verhalten - es ist wahrlich alles Andere als alltäglich - auf das Höchste zu schätzen, zu preißen... und doch zugleich seine sozusagen Reichweite mit Schärfe zu prüfen:

Was wird gegeben?

Gibt der Mensch ein Etwas oder gibt er sich?

Gibt er ein Almosen oder einen Teil von sich oder sich mit Haut und Haar? Und gibt er sich dennoch nicht auf dabei?

Einmal gewährte Hilfe hebt Dich ein Stück aber sie hält Dich nicht. Wirklich ins Leben tritt ÖKOSTADT - und weniger will es nicht - wenn die Hingabe der Menschen zu ihrer neuen wechselseitigen Bindung führt.

Verbindlich sein von Mensch zu Mensch - ein großes Wort, Lichtjahre entfernt von der tauschwertbasierten Verbindung der Akteure des Arbeitsmarktes.

Erst auf dieser Ebene wird es sinnvoll, über „Gemeinschaft" oder „Solidarität" nachzudenken, ohne sich den Blick vom Arsenal der Sozialtechniken verstellen zu lassen oder ins bloße Appellieren abzugleiten.

Aber soweit wollte ich heute gar nicht gehen. Ich habe mich nur gefragt, ob mich die Dauer von ÖKOSTADT etwas lehren kann und warum - trotz allem - ÖKOSTADT Freude macht.

Klaus-Peter Kurch

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Neue Räumlichkeiten in Berlin

Wir haben uns für einen neuen Sitz in Berlin entschieden, und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen kommunalen Projekten. Unser Umzug ist mittlerweile vollzogen. Wir sind jetzt Mieter des HAUS e.V. Seit 1. Dezember lautet unsere Adresse: ÖKOSTADT e.V., Weidenweg 62, 10247 Berlin. Einen Artikel zum HAUS e. V. gibt es im nächsten Heft.

Philip Jacobs

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ABM in Lychen

Als ich kurz vor dem Beginn der ABM in Lychen nachfragte, ob noch eine Stelle frei ist, bejahte mir das Klaus-Peter und bot mir die Stelle des Kulturverantwortlichen an. Ich dachte: schön, ein gemütlicher Posten so recht nach meinem Geschmack, und sagte zu. Jetzt, wo vielleicht schon die Hälfte hinter uns liegt, frage ich mich, wo ist die Zeit geblieben? Es gibt so viele Aufgaben, daß etliches liegenbleibt, und unsere Überstundenberge wachsen.

Und dann empfinde ich eine Diskrepanz zu den greifbaren Ergebnissen in Form von Veranstaltungen. So vieles war angedacht, aber realisieren ließ sich bisher nur einiges. Auch Mißerfolge bleiben nicht aus, so der Ausfall bzw. die Verschiebung der Modellbahnausstellung. In diese hatte ich viel Zeit investiert, aber es ließen sich keine Anlagen auftreiben. Anderes (z. B. Puppentheater) scheitert am Geld, steht mir doch momentan für die Kultur kein Etat zur Verfügung. Und so, wie ich die momentane Finanzlage überblicke, ist es sogar schwierig, Fahrtkosten zu erstatten. Nebenbei bin ich auch damit beschäftigt, Fördermittel zu beantragen. Für Ideen, wie wir einen Finanzrahmen für Veranstaltungen absichern können, bin ich dankbar.

Es zeigt sich, daß die Resonanz auf Veranstaltungen hier in Lychen nicht überwältigend ist, eher im Gegenteil. Manchmal sitzen wir zu dritt, zu viert. Dies kann auch sehr schön sein, aber dadurch kann weniger stattfinden, als ich es wünsche.

Doch jetzt zu den positiven Erfahrungen: Nach starken anfänglichen Dissonanzen innerhalb der Gruppe gibt es jetzt eine recht gute Zusammenarbeit. Inhaltlicher Höhepunkt in dieser ersten Zeit war die gelungene Kräuterausstellung, die viel positive Resonanz fand. Auch der "Tag der offenen Tür" fand Anklang. Diese Tage sollen _ unter einem bestimmten Motto und/oder auf die jeweilige Ausstellung bezogen _ zu einer Tradition werden.

An regelmäßigen Kinoaufführungen besteht einiges Interesse, es müssen allerdings noch rechtliche Fragen geklärt werden. Vielleicht ist es nötig, einen Filmklub zu gründen. Falls es Erfahrungen auf diesem Gebiet gibt, bitte an mich wenden.

Die monatlichen Montagsdiskussionen zu politischen Themen laufen weiter. Im Januar (8.1.) wird die Kampagne "Für eine Bundesrepublik ohne Armee" (B.o.A.) vorgestellt. Angedacht ist eine ähnliche Reihe zu gesundheitsbezogenen Themen. Den Auftakt wird ein Vortrag der Lychener Heilpraktikerin Astrid Voigt zum Thema Krebs bilden.

Nächster thematischer Schwerpunkt ist der Holocaust. Vom 8.12. bis ca. 17.1. sind die Ausstellungen "Verschwundene Welt" (des Ostjudentums) und "Das Warschauer Ghetto" _ ausgeliehen von Friedensbibliothek/Antikriegsmuseum _ bei uns zu sehen. Am Eröffnungstag zeigten wir um 20 Uhr den Film "Zug des Lebens". Am 3.1. erfolgt eine Lesung aus den Tagebüchern Victor Klemperers. Am 10. und 11.1. haben wir den Holocaust-Überlebenden Heinz Kallmann zu Gast, der in zwei öffentlichen Veranstaltungen aus seinem Leben berichten wird.

Thomas Held

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Ausschluss

Am 19.10.2000 beschloss die Mitgliederversammlung des Fördervereins ÖKOSTADT e. V. den Ausschluss des Lychener Vereinsmitglieds Roy Rempt. Damit wurde den Auseinandersetzungen im Projektzentrum, die von den Aktiven in Lychen übereinstimmend als lähmend und deprimierend beschrieben werden, ein Ende gesetzt. Was jedoch das Selbstverständnis des Vereins wie auch die Beziehungen der ÖKOSTÄDTERinnen untereinander angeht, so bleibt nach dem gewaltsamen Ende dieses Kleinkriegs ein Scherbenhaufen.

Bei mir bleibt eine große Trauer und auch Frustration zurück. Das Gefühl, nicht schlichtend eingegriffen zu haben in einer Situation, in der vielleicht noch etwas zu machen gewesen wäre. Aber an uns BerlinerInnen ging auch Einiges vorbei, ohne dass wir es mitbekamen.

Begonnen hat der offene Konflikt damit, dass Roy - seit März 2000 Vorstandsmitglied - im Frühjahr 2000 in mehreren Beiträgen im Internet-Forum die Kommunikationsstrukturen bei ÖKOSTADT scharf kritisierte und den Mitgliedern eine Guruisierung des Vorstandmitglieds Klaus-Peter vorwarf. Da Roy Klaus-Peter öffentlich auch persönlich angriff, war eine Kommunikation erschwert. Der offene Brief von Rolf R., in dem erstmals ein Ausschluss Roys angeregt wurde, heizte die Situation weiter an.

Ich denke, wir werden als basisdemokratischer Verein ÖKOSTADT von außen Stehenden zu Recht auch daran gemessen, wie wir mit schwierigen Konfliktsituationen umgehen, gerade mit Mitgliedern, deren Verhalten wir für sehr kritikwürdig halten. Von „LychenerInnen" wurde dazu geäußert, dass nur die regelmäßig in der Vogelgesangstraße Tätigen wirklich etwas zum „Fall Roy" sagen könnten, da sie unter seiner Aggressivität unmittelbar litten. Den unmittelbaren Frust verstehe ich sehr gut. Andererseits ist nun die Tür erst einmal zugeschlagen für eine offene und angstfreie Kommunikation, um die wir nicht herum kommen, wenn wir als ÖKOSTADT noch eine Zukunft haben wollen. Dies wäre durch ein sachliches Eingehen auf Roys Argumente sowie eine räumliche Verlagerung von Roys Arbeitsstätte aus der V4 möglich gewesen.

Ich halte es für die Zukunft von ÖKOSTADT für unausweichlich, dass wir gemeinsam an unserer Kommunikation weiterarbeiten und uns klar machen, was ÖKOSTADT jeweils für uns bedeutet. Ich möchte deshalb gern einen Gedanken von Roy aufgreifen und schlage eine Zukunftswerkstatt zum Thema „Entwicklung und Aufgaben des Fördervereins ÖKOSTADT e. V." vor.

Philip Jacobs

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Einige Gedanken zur Mitgliederversammlung

Auf der Versammlung habe ich Roys Ausschluß unterstützt, da er meines Erachtens nötig ist, um hier in Lychen überhaupt wieder ein miteinander leben und tun zu ermöglichen. Das "Wie" des Ausschlusses bereitet mir allerdings Kopfzerbrechen. Ich finde es ungünstig, starke Minderheiten zu überstimmen. Auch wenn für diesen Fall extra eine Zweidrittelmehrheit festgelegt wurde, schafft es Fronten. Mehrheitsentscheidungen bleiben grundsätzlich hinterfragungswürdig. Ich bevorzuge da das Konsenssystem, verbunden mit einer Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der einzelnen Menschen sowie der Untergruppen. Am Beispiel bedeutet dies, daß Roy (leider) nicht ausgeschlossen worden wäre, aber wahrscheinlich hätte es einen Konsens gegen eine weitere Mitarbeit in der V4 gegeben (zumindest für einen längeren Zeitraum). Auch damit hätte ich leben können. Anderseits gehört letztere Entscheidung sowieso nach Lychen, denn nur die Leute, die hier wohnen, arbeiten, evt. ferienwohnen können auch einigermaßen beurteilen, was hier abläuft. Und es besteht weiterhin die Aufforderung, Selbstverantwortung zu übernehmen, anstatt immer über die bösen blockierenden Verantwortlichen _ personifiziert in Klaus-Peter _ zu meckern. Es ist so einfach, den anzugreifen, der was macht, und dabei kann frau/mann so schön in der Schmollecke sitzen bleiben. Zwei Vorstandssessel harren der Ausfüllung, ähnlicher Bedarf besteht in der Genossenschaft!

Schade an der Versammlung fand ich auch, daß es keine Nachfragen (ich schließe mich da ein) zum angekündigten Austritt von Rolf L. und zur plötzlichen Ablehnung einer Vorstandstätigkeit durch Eberhard gab. Da bestand die kurze Möglichkeit, sich tiefgründiger mit der Krise des Vereins zu befassen. Diese wurde leider vertan.

Thomas Held

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Was ist eine Zukunftswerkstatt?

Die Methode der Zukunftswerkstatt wurde von Robert Jungk Ende der 70er Jahre entwickelt und seither in Umwelt- und Friedensinitiativen sowie in Gewerkschaften erprobt. Auf Grund ihres handlungsorientierten Ansatzes ist sie eine ideale Methode zu Erarbeitung kommunaler Handlungsperspektiven hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung im Rahmen des Prozesses der Lokalen Agenda 21. Sie wird heute sehr stark auch im Bildungssektor zur kreativen Lösung theoretischer Fragen und im beruflichen Umfeld zur Lösung von Organisationsentwicklungsproblemen eingesetzt. Die Durchführung hängt stark von der methodischen Ausbildung der ModeratorInnen ab. Lerntheoretisch zielt die Zukunftswerkstatt auf einen Paradigmawechsel ab, wobei mit Paradigma die Art und Weise gemeint ist, mit der wir die Welt betrachten: vom Wachstumsparadigma zum Begrenzungsparadigma, vom materialistischen zum postmaterialistischen Denken, vom Haben zum Sein etc. (vergleiche hierzu Weinbrenner, Michelsen / Siebert und Fromm).

Die Zukunftswerkstatt ist ein Verfahren, in dem BürgerInnen bzw. Betroffene mit Hilfe kreativer, moderierter Techniken gemeinsam versuchen, Strategien zur Lösung eines lokalen Problems im Sinne einer besseren Zukunft zu finden. Sie soll nachdenklichen Menschen, die Sorge um ihre Zukunft haben, Mut machen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Die Zukunftswerkstatt bietet ihnen die Möglichkeit, selbständig und kreativ ernstgenommene Lösungs- und Zukunftsentwürfe zu entwickeln. Zukunftswerkstätten sind basisdemokratisch, integrativ, ganzheitlich, kreativ, kommunikativ, provokativ und durch wechselseitige Lernprozesse der Teilnehmenden gekennzeichnet.

Als Lernziel für Teilnehmende einer Zukunftswerkstatt ist die Entwicklung der Fähigkeit zu nennen, in Zusammenhängen und Wechselwirkungen zu denken (Komplexitätslernen), Ursachenbehauptungen und normative Haltungen in Bezug auf ihre denkbaren Wirkungsweisen zu hinterfragen (Reflexionskompetenz und Antizipationslernen) sowie kommunikativ _ unter Berücksichtigung von Sichtweisen, Lebenslagen und Werthandlungen anderer Menschen und Kulturen _ Realitätsverständnisse und Zukunftsperspektiven zu erarbeiten (Kooperationskompetenz).

Eine Zukunftswerkstatt kann sich über anderthalb Tage, über ein Wochenende oder über eine ganze Woche erstrecken. Die Zahl der Teilnehmenden liegt zwischen zehn und 200.

Vorbereitung

Wichtig für das Gelingen einer Zukunftswerkstatt ist eine gründliche Vorbereitung, bei der u. a. das Thema und die Fragestellungen der Zukunftswerkstatt, Dauer, Ort, Räumlichkeiten und Materialien, Finanzierung und Zahl der Teilnehmenden zu klären sind. Wichtig ist die Kontaktaufnahme der Veranstaltenden mit der Moderation und die Klärung von deren Anzahl, Rollen und Aufgaben sowie Honorarhöhe, des weiteren der Weg, wie die Teilnehmenden angesprochen werden, sowie die Öffentlichkeitsarbeit vor, während und nach der Werkstatt, Nachbereitung, Dokumentation.

Die klassische Zukunftswerkstatt besteht aus 5 Phasen, wobei die mittleren drei Phasen (Kritikphase, Phantasiephase, Umsetzungsphase) die eigentlichen „Kernphasen" sind. In der Orientierungsphase (Vorbereitungsphase) wird die Methode der Zukunftswerkstatt vorgestellt und im Konsens aller die Spielregeln und der geplante Ablauf vereinbart. Ein inhaltlicher Beitrag zum Thema kann befruchtend auf die nachfolgende Arbeit wirken. Es folgen die drei Phasen des "Kernbereichs der Zukunftswerkstatt".

Kritikphase

In der Kritikphase (Wahrnehmungsphase) erfolgt eine umfassende Kritik der Situation durch alle Teilnehmenden, wobei Stärken und Schwächen benannt werden. Mittels `Kärtchentechnik' werden die Kritikpunkte von den Teilnehmenden visuell festgehalten. Bei Fragen der Organisationsentwicklung ist es besonders wichtig, neben Schwächen auch Stärken der Organisation zu benennen.

Phantasiephase

Zwischen der Kritik- und der Phantasiephase sollte eine längere Pause, möglichst eine Nachtruhe liegen. Der Moderator / die Moderatorin soll für die Phantasiephase eine utopische Fragestellung formulieren. Die Beteiligten sollen frei von Sachzwängen in Brainstormingtechniken und kreativem Spiel über fantastische Lösungen nachdenken und ihre Ideen und Visionen wiederum mittels Kärtchentechnik festhalten. Es gilt der Grundsatz „keine Hindernisse und Begrenzungen", alles ist möglich. Es ist erwünscht, Ideen anderer weiterzuentwickeln und zu kombinieren, z. B. durch so genannte Rundläufe, bei denen Entwürfe einer Person nacheinander durch alle anderen Teilnehmenden bearbeitet werden.

Umsetzungsphase

In der hierauf folgenden Umsetzungsphase werden realisierbare, wirklich zukunftsweisende Ideen ausgewählt und hieraus ein Aktionsprogramm („Pflichtenheft") entwickelt, wo die Handlungsschritte, die für diese Verantwortlichen sowie ein Zeitplan festgehalten sind. Gegebenenfalls kann hieraus auch eine Pressemitteilung formuliert werden.

Nachbereitung

Die Nachbereitungsphase besteht zum einen in der Dokumentation und Auswertung der Zukunftswerkstatt durch die Moderation auf der Grundlage der erarbeiteten Materialien und Aufzeichnungen, zum anderen in einer permanenten Zukunftswerkstatt mit dauerhaften Arbeitsgruppen und Nachfolgewerkstätten, in der das Aktionsprogramm umgesetzt wird.

Philip Jacobs

Literaturempfehlungen

Burow, O.-A. und Neumann-Schönwetter, M. (Hg.) (1995). Zukunftswerkstatt in Schule und Unterricht. Hamburg. Bergmann & Helbig.

Fromm, E. (1979). Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart.

Jungk, R., Müllert, N. (1989). Zukunftswerkstätten. München, Heyne Sachbuch.

Ködelpeter, T. (1999). Mit Zukunftswerkstätten Agenda-21-Prozesse initiieren. In: Stiftung MITARBEIT. Wege zur Zukunftsfähigkeit - Ein Methodenhandbuch. S. 66-75. Arbeitshilfen für Selbsthilfe und Bürgerinitiativen, Nr. 19.

Kuhn, T.S. (1973). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M.

Michelsen, G. und Siebert, H. (1985). Ökologie lernen. Anleitungen zu einem veränderten Umgang mit der Natur. Frankfurt/M.

Weinbrenner, P. (1989). Umwelterziehung im Fach Arbeitslehre/Wirtschaft. In: Lob, R.E. und Wichert, V. (Hg.) (1989). Schulische Umwelterziehung außerhalb der Naturwissenschaften. Frankfurt/M. etc. S. 299.

Weinbrenner, P. und Häcker, W. (1995). Theorie und Praxis von Zukunftswerkstätten. In: Burow, O.-A. und Neumann-Schönwetter, M. (Hg.) (1995). Zukunftswerkstatt in Schule und Unterricht. Hamburg. S. 23-54.

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Wie mein bisher letzter Einsatz für eine bessere Bahn verlief

Im März 1999 wurde die Titelseite des "Raben Ralf" durch den Artikel "Wie ich die Bahn übernahm" gefüllt. Es ging dabei um eine Aktion des VCD (Verkehrsclub Deutschland) unter dem Motto "Wir kaufen die DB AG und machen daraus ,Die Bessere Bahn AG'". Das neue Unternehmen soll eine "Bahn für's Volk" sein, mit "fairen Preisen, die sich auch Familien leisten können". Jeder Bahnhof soll mindestens im 30-Minuten-Takt ins Gesamtnetz eingebunden werden...

Ich habe daraufhin mein Interesse an der Aktion gegenüber dem VCD bekundet. Ich bekam in Folge hin und wieder einige Informationen allgemeiner Art zugesendet, bis dann die erste Maßnahme - ein zu erstellendes Bahnkundenbarometer - kurz vorgestellt wurde. Gesucht wurden sogenannte Bahnwatcher, deren auf Reisen gesammelte Erfahrungen ausgewertet werden sollten. Die Ergebnisse sollten öffentlich der DB AG präsentiert werden. Ich bewarb mich als Bahnwatcher, in der Annahme, daß mein langer Don Quichote - Kampf mit der Bahn, vor allem die Erhaltung in der Fläche, die Anschluß- und Fahrpreisgestaltung, die Kinderfreundlichkeit... betreffend, auf einer breiteren Ebene wirkungsvoller geführt werden könnte.

Nach einer Weile bekam ich ein Päckchen zugeschickt, in dessen brieflicher Anlage mir der VCD zur Wahl als Bahnwatcher gratulierte. Desweiteren enthielt es Interview-Fragebögen und ein Interviewer-Handbuch. Ungläubigem Staunen nach einer ersten kurzen Sichtung folgte Entsetzen und Zorn beim genauen Studieren. Ich merkte schnell, daß es dabei nicht um eine kritische Begleitung der DB AG im oben genannten Sinne ging, sondern eher um eine Kontrolle der Bahnkampagne für mehr Sauberkeit, Sicherheit etc.

Konkret sollten die InterviewerInnen vor allem vorgegebene Fragen nach vorgegebenen Einschätzungen benoten. Es folgen einige Beispiele: Am Anfang jeder der zu bewertenden 5 Bahnfahrten sollten Bahnhof, Bahnsteig, Bahngelände eingeschätzt werden. So konnte bei Anwesenheit von Obdachlosen oder Jugendgangs (was immer das auch ist - Jugendliche mit Rekorder?) beim Sicherheitsempfinden nur noch die Note Fünf gegeben werden. Dabei stimmen solche Wertungen nicht mit meinem Sicherheitsempfinden überein, dieses fühlt sich eher vom BGS oder ähnlichen uniformierten Herren und ihren Schäferhunden bedroht.

Nur ein sauberes Gleisbett konnte die Note Eins erhalten. Ein lebendiges Grün zwischen den Gleisen erhielt je nach Üppigkeit die Noten 3 (einzelne Halme) bis 6. Habe ich hier vielleicht eine Allianz zwischen BAYER und VCD zur Wiederzulassung des Totalherbizides Diuron (siehe Rabe Ralf 9/10 2000) aufgedeckt? In den Zügen sollen z. B. die Sauberkeit der Toiletten, die Fülle in den Müllbehältern, die Durchsichtigkeit der Fenster, aber auch die Ruhe im Abteil benotet werden. So sichert ein ungestörtes Arbeiten im Zug die Note Eins, für normale Gespräche bleibt die Drei, eine Schulklasse kann nur die Sechs bekommen. Das, was ich am Zugfahren schätze, die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, Gespräche zu führen, gar eine spontane kleine Feier, das freie Bewegen der Kinder, ist nicht erwünscht. Überhaupt durchzieht Kinderunfreundlichkeit (Kinder sind störend) den Fragebogen.

Das Personal bekommt ebenso sein Fett weg. Auch hier ist ein Leitbild vorgegeben, bei Verwendung bestimmter Höflichkeitsfloskeln, mit ordentlicher Frisur und dezentem Make up, ohne Dialekt steigen die Chancen auf die Note Eins. Menschlichkeit ist nicht gefragt. Die Außendarstellung ist das Wesentliche, was dahintersteckt scheint völlig egal zu sein, und dies betrifft den ganzen Fragebogen.

Soweit eine kurze Auswahl, es folgt ein kurzes Nachspiel: Mit einer ausführlichen Begründung, warum ich die Durchführung der Interviews ablehne, habe ich die Materialien zurückgeschickt. Ca. eine Woche später erhielt ich einen Brief vom VCD mit dem sinngemäßen Inhalt, daß sie es bedauern, mich unter der Vielzahl von BewerberInnen nicht als Bahnwatcher auswählen zu können.

Ich möchte mit einigen allgemeinen Bemerkungen zur Bahn abschließen. Ich bin von Kindheit an bahnfasziniert und begeisterter Zugfahrer, und das heute immer noch. Mein Vater ist ja auch Lokführer. Zwischen dem, wie ich mir Bahn und Bahnfahren vorstelle und der Richtung, in die die Bahn hier entwickelt wird, entsteht allerdings eine immer größer werdende Diskrepanz. In den letzten Jahren kommt mir ab und an der Gedanke, ob nicht irgendwann ein Punkt erreicht sein könnte, an dem ich der Bahn ganz den Rücken kehre. Was mache ich, wenn meine Lieblingszugarten "Ferkeltaxi" und "Interregio" (manchmal gibt es sogar noch die Rarität DDR-Abteilwagen ohne Lautsprecher) ganz verschwinden? Was, wenn ich Bahnfahren nicht mehr bezahlen kann; was, wenn keine Züge mehr dorthin fahren, wo ich hinwill? In einen mir zu schnellen und zu klimatisierten ICE setze ich mich auch nur im Notfall. Warum vertreiben eigentlich die verantwortlichen Bahnlenker gerade die Menschen, die aus Liebhaberei, aus ökologischer Einsicht oder einfach nur mangels Alternative die Bahn brauchen? Und warum gibt eigentlich die Gesellschaft ihr wichtigstes öffentliches Verkehrsmittel, bei dem viele Menschen eine sinnvolle Tätigkeit finden könnten, in private Hände und setzt es nur am Profit orientiertem Wirtschaftlichkeitsdenken aus? Nur ein grundsätzliches Umdenken und Umlenken kann die Bahn vom Abstellgleis holen und zu einem Unternehmen Zukunft machen. Das Bahnkundenbarometer des VCD unterstützt hingegen die verheerende Entwicklungsrichtung der DB AG.

So endete mein kurzes Engagement für "Die Bessere Bahn AG" und meine Zusammenarbeit mit dem VCD. Vorige Woche entdeckte ich die Grüne Liga - Kampagne "Bessere Bahn zu fairen Preisen". Vielleicht ist das ja "the beginning of a beautyfull friendship"?

T. Held

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Streckenstilllegungen Herbst 2000

Zum Fahrplanwechsel im September 2000 wurde der Eisenbahnverkehr zwischen Meyenburg und Güstrow eingestellt. Damit endet der Betrieb auf einer der malerischsten Eisenbahnstrecken Deutschlands; für sanften Tourismus interessante Ziele wie Plau am See und Krakow am See werden vom umweltschonenden Bahnverkehr abgehängt. Das Ende des Schienenverkehrs zwischen Pritzwalk und Meyenburg scheint kaum noch zu verhindern.

Die Eisenbahnstrecke zwischen der Kreisstadt Belzig und der kreisfreien Stadt Brandenburg, Teil der ehemaligen „Brandenburgischen Städtebahn", wurde durch das Eisenbahnbundesamt „aus technischen Gründen" gesperrt. „Wegen der hohen Investitionskosten" bestellte die Landesregierung von Brandenburg den SPNV auf dieser Strecke ab. Dies bedeutet die Stilllegung der Schienenverbindung zwischen zwei wichtigen Mittelzentren des Landes Brandenburg.

Philip Jacobs

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Demonstrative Fahrradtour Berlin-Lychen-Berlin Himmelfahrt 2001

Ja, sie findet wieder statt! Wie immer um 10 Uhr ab Alexanderplatz (Berlin), vom 24. bis 27. Mai 2001(Donnerstag bis Sonntag). Nähere Infos bei Philip

(Tel.: 030 / ###).

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Schimmelpilze - gefährliche Mitbewohner im Haus

In den letzten Jahren nehmen Pilzinfektionen und Pilzallergien drastisch zu. Ärzte sprechen schon besorgt von einer neuen Volksseuche. Das Bundesgesundheitsministerium misst den Pilzgiften eine mindestens so hohe Bedeutung zu wie den Pestiziden. Die meisten Pilzarten sind nützlich für Mensch und Natur, sie sind Teil eines optimal funktionierenden Ökosystems. Von den 100.000 Pilzarten sind wahrscheinlich nur etwa 100 gefährlich. Menschen mit intaktem Immunsystem sind fähig, die wenigen aus der Umwelt oder mit der Nahrung aufgenommenen Schmarotzer zu bewältigen. Kritisch wird es nur, wenn die gefährlichen Pilzzahlen zunehmen und das Immunsystem schwach ist. Erste Schimmelpilzsymptome sind oft hartnäckiger Husten und Schnupfen, rote juckende Augen, gereizte Schleimhäute, grippeähnliche Beschwerden, verschiedene Entzündungen, Bronchialasthma, Ekzeme, Depressionen, um nur einige typische Beschwerdebilder zu nennen. Die beste Pilztherapie nutzt nicht viel, wenn die Pilzherde, die sich meist in den eigenen vier Wänden verstecken, nicht erkannt und beseitigt werden.

Wo sich Schimmelpilze wohl fühlen, kann kein Mensch auf Dauer leben. Unsere moderne Bauweise kultiviert Schimmel. Dichte Wände, Böden, Decken, Türen und Fenster verhindern den wichtigen Luftaustausch und begünstigen deshalb die Pilzentwicklung. Neubauten trocknen vor dem Bezug nicht gründlich genug aus. Mangelhafte Isolierung fördert aufsteigende Feuchte aus der Erde. Wasserschäden werden nach Rohrbrüchen, übergelaufenen Toiletten oder undichten Dächern zu oberflächlich oder unfachmännisch saniert.

Die meisten Schimmelpilzarten leben bevorzugt im Hausstaub, ihre besten Freunde sind Hausstaubmilben. Ärzte wissen, dass der größte Teil der Hausstauballergiker nicht gegen den Hausstaub selbst, sondern gegen die mit dem Staub verbundenen Schimmelpilze allergisch sind. Schimmelpilze müssen nicht als Fleck oder Rasen auf der Wand sichtbar sein, ein solcher Befall ist nur die Spitze des Eisbergs. Pilze können Millionen unsichtbar kleine Sporen pro Minute produzieren und an die Umwelt abgeben und diese halten sich Jahre und Jahrzehnte. Deshalb ist es so wichtig, nicht nur den sichtbaren Pilzbefall, sondern die vielen unsichtbaren Sporen zu beseitigen. Zur Beseitigung werden mechanische Methoden empfohlen, z.B. Entfernung der befallenen Einrichtungen und Flächen, eventuell auch Putz, das Absaugen mit geeigneten Staubsaugern mit Hepa Mikrofilterung, das Abflammen mit Heißluftgebläsen, die Aufheizung der Räume auf 60-80 Grad C, das Abwaschen mit desinfizierenden Putzmitteln und das Kochen von Stoffen und der Wäsche.

Gekürzt aus Wohnung + Gesundheit, Heft 96, Institut für Baubiologie + Ökologie . IBN, 83115 Neubeuern

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ÖKOSTADT-Radtour zum Demeter-Großbetrieb "Ökodorf Brodowin"

Am 2. September 2000 machten wir unsere ÖKOSTADT-Exkursion nach Brodowin. Gestern hatte es noch geregnet, doch nun war tatsächlich etwas Sonne zwischen den Wolken zu sehen. Treff war um 7.45 Uhr am Ostbahnhof. Und da hatte ich auch gleich mein erstes Missgeschick: Mit Tochter Rosa auf dem Vorder- und Sohn Jonas auf dem Hinter-Kindersitz fuhr ich auf dem Bahnhofsvorplatz ein, da krachte es plötzlich an meinem Hinterrad: das Schaltwerk war zerbrochen, und unser Zug fuhr kurz nach acht. Was also tun? Wir, ein kleines ÖKOSTADT-Häuflein (Christin, Waltraud, Szilvia, Klaus-Peter und ich mit den beiden Kindern) luden unsere Fahrräder (also auch mein kaputtes) in den Zug. Während der Zugfahrt nach Chorin Kloster versuchte ich nun, mein Rad soweit wieder in Gang zu bekommen, dass ich ohne Gänge fahren könnte, doch wie sich zeigen sollte, war dies nicht möglich. Und kein Fahrradgeschäft in Chorin, Brodowin oder sonst wo in der Umgebung. Die Rettung war schließlich ein Choriner Bürger, der uns mit seinem Fahrrad über den Weg fuhr und mir auf mein Hilfeersuchen hin sein eigenes Schaltwerk für die Zeit unserer Tour auslieh. So kamen wir schließlich doch flott voran und erreichten um 9.45 Uhr den Demeter-Agrarbetrieb "Ökodorf Brodowin" im Ortsteil Weißensee, etwa 1 km vor dem Dorf, so dass ich noch kurz in den Weißen See springen konnte und wir unser Frühstück am Rastplatz vor dem Brodowiner Ökodorf-Bioladen einnehmen konnten. Gegen zehn Uhr erschien Ingrid Meyer vom Verein "Ökodorf Brodowin" e. V., der das Naturschutzzentrum Pehlitzwerder betreibt - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Demeter-Agrarbetrieb, über den sie nun mit uns eine Führung machte. Dabei konnten wir uns ein Bild von den Rinderställen machen, die teilweise noch aus der LPG Tierproduktion stammen, und die modernen Maschinen zur Pasteurisation der Milch ansehen. Die Rinder tragen allesamt zeitlebens ihre Hörner: Enthornung ist nach den Regeln der biologisch-dynamischen Landwirtschaft verboten. Hier kommt also die Brodowiner Bio-Milch her. Und nebenan die Lagerräume mit den - überwiegend selbst angebauten - Futtermitteln: Schneckenklee (Luzerne) und verschiedene Getreide. In den großen Kornhaufen tauchten die Kinder gleich ein wie Onkel Dagobert in seinen Geldspeicher. An einem Haus konnten wir draußen die Mischbehälter für die Präparate sehen, die nach den Regeln Rudolf Steiners angefertigt werden und der Bodenbereicherung dienen. Wichtig sind hierbei die - erst nach dem Tod des Rinds genommen - Kuhhörner, in denen Präparate im Boden vergraben werden. An Rinderweiden vorbei erreichten wir schließlich wieder den Bioladen.

Der Landwirtschaftsbetrieb "Ökodorf Brodowin" wurde 1990 gegründet von den ehemaligen LPG-Bauern Brodowins - mit Ausnahme von drei Familien, die es als Wiedereinrichter in Einzelbetrieben weiter mit "konventioneller" Landwirtschaft versuchten. Es hatte - wie anderswo - jeweils eine LPG Pflanzen- und Tierproduktion gegeben, die nun wieder in einen ganzheitlichen Betrieb zusammengefasst werden mussten. Als erster Großbetrieb der ehemaligen DDR entschied sich "Ökodorf Brodowin" für die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, trat also dem Demeter-Verband bei. Er ist mit heute 50 MitarbeiterInnen, überwiegend aus Brodowin, aber auch umliegenden Dörfern, einer der größten Arbeitgeber der Uckermark und der mit Abstand größte in Brodowin. Im Gegensatz zu Demeter-Höfen wie Staudenmüller (Vietmannsdorf), Melchhof oder Marienhöhe sind in Brodowin Wohnen und Arbeiten (wie zu LPG-Zeiten) getrennt, d. h. die MitarbeiterInnen wohnen im Dorf und kommen zur Arbeit in den Betrieb. Ein Großteil der Produkte wird über Berliner Naturkostläden vermarktet; eine herausragende Stellung in Berlin hat Brodowin im Naturkost-Abonnementbereich. Auf Grund seiner Größe hatte die Umstellung des Brodowiner Agrarbetriebs auf ökologische Landwirtschaft besonders günstige Auswirkungen auf die Umweltbelastungen im Gebiet. So wird berichtet, dass die Artenvielfalt seit 1990 wieder gestiegen ist. Fischreiher, Kraniche und Störche sind nach Brodowin zurückgekehrt.

Nachdem Ingrid Meyer sich von uns verabschiedet hatte, begaben wir uns mit unseren Rädern in das Dorf Brodowin, wo wir in einem Dorflokal unser Mittagessen einnahmen. Und das Glück blieb uns hold: gerade in diesem Moment kam der einzige Wolkenbruch des Tages, um dann wieder der Sonne Platz zu machen. So erreichten wir bei heiterem Himmel den unter Naturschutz stehenden Großen Rummelsberg mit seinen sonnenbeschienenen Rasenhängen. Über einen als Treppe befestigten Pfad erreichten wir den Gipfel, von dem man von zwei Bänken eine herrliche, kilometerweite Aussicht in die schöne Umgebung genießen kann. Sodann ging es weiter zur Insel Pehlitzwerder im Parsteiner See, überwiegend von dichtem Schilfgürtel umgeben und durch einen Knüppeldamm mit dem Festland verbunden. Hier besichtigten wir das Naturschutzzentrum "Haus Pehlitzwerder", das gleichzeitig ein Museum mit ausführlichen Informationen über die Geschichte Brodowins und der Schorfheide ist. Es handelt sich hierbei um ein restauriertes Bauernhaus. In mühevoller Kleinarbeit wurden Zeugnisse der Vergangenheit aus der Region zusammengetragen und eine Ausstellung zusammengestellt. Auf der Insel befinden sich Überreste eines Klosters. Die zahlreichen Obstbäume lassen erahnen, welche Werke die Mönche hier einst vollbrachten. Heute befindet sich hier ein Zeltplatz, dessen Aufnahmekapazität auf Grund der notwendigen Naturschutzauflagen begrenzt ist. Einem Teil von uns blieb schließlich noch Zeit zu einem ausgiebigen Bad im kristallklaren Wasser des Parsteiner Sees, um anschließend mit den Fahrrädern zum Bahnhof Chorin zurückzukehren.

Philip Jacobs

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Biomarke "Demeter"

Mit dem Beginn unseres Biohandels ist das Bedürfnis, mehr über die einzelnen Biomarken zu wissen (Vergleiche ÖN 31), stärker geworden.

"Demeter", der Zusammenschluss der biologisch-dynamisch wirtschaftenden Landwirtschaftsbetriebe, wurde 1924 gegründet und ist damit der älteste ökologische Anbauverband, zugleich mit über 1300 Betrieben einer der bedeutendsten.

Bekanntlich geht "Demeter" auf Lehren von Rudolf Steiner zurück; so erklärte er: "Eine Landwirtschaft erfüllt eigentlich ihr Wesen im besten Sinne des Wortes, wenn sie aufgefaßt werden kann als eine Art Individualität. Und jede Landwirtschaft müßte sich nähern - ganz kann das nicht erreicht werden, aber sie müßte sich nähern - diesem Zustand, eine in sich geschlossene Individualität zu sein."

In diesem Sinne formuliert der Demeter-Verband Grundsätze:

Alles Lebendige gestaltet sich aus dem Bildeprinzip des Organischen. Einzelne auseinander hervorgehende Organe fügen sich zu einer lebendigen Einheit zusammen. Ein Organismus ist mehr als die Summe seiner Teile. Organismen sind von einer Haut umgeben. Dadurch bildet sich im Innern des Organismus Eigenleben, das im Verhältnis zu seiner Umwelt steht. Unterliegt das Eigenleben einer selbstbestimmten Entwicklung, bildet sich Individualität.

Wird ein landwirtschaftlicher Betrieb aus diesen Bildeprinzipien heraus organisiert und bildet er ein aus sich heraus entwickeltes System von Bodenleben, Pflanzenentwicklung und wesensgemäßer Tierhaltung, so dürfen wir zurecht von einem Betriebsorganismus sprechen. So gestaltete Betriebe bringen durch entstehende Bodenfruchtbarkeit, gesteigerte Lebenskräfte der Pflanzen und wesensgemäße Haltung der Tiere gesunde Lebensmittel hervor. Gleichzeitig wird durch solche Betriebe eine im Sinne des Naturschutzes zur Entwicklung und Regenerationsfreudigkeit befähigte Kulturlandschaft ausgebildet.

Bei Besuchen auf Demeterhöfen, insbesondere auf dem seit vielen Jahrzehnten bestehenden Demeterhof "Marienhöhe" bei Bad Saarow hat uns beeindruckt, wie die Kulturlanschaft dort durch Menschenhand ausgeprägt wurde.

Es existiert ein umfassendes System von Erzeugungsrichtlinien für die Anerkennung der Demeter-Qualität. Wer ausführliche und umfassende Informationen wünscht, kann diese bei uns im ÖKOSTADT - Haus in Lychen finden oder gleich das Internet anwählen:
http://www.demeter.de/.

Hier wollen wir nur den Acker-, Pflanzen- und Gartenbau ein wenig näher betrachten.

Grundsätze

Die Pflanze als ein Wesen, das besonders von Umgebungseinflüssen abhängig ist, benötigt neben dem geeigneten Standort ausreichend Wasser und Licht. Ein gut durchwurzelbarer und lebendiger Boden ist Voraussetzung für eine entsprechende Blatt-, Blüten- und Fruchtbildung. Die Ausgestaltung ihres Standortes ist für die Gesundheit der Pflanze von größerer Bedeutung als einzelne Pflanzenbehandlungsmaßnahmen. Ebenso ist die Wahl geeigneter Arten und Sorten von Bedeutung. Eine ausgewogene, standortgerechte Fruchtfolgegestaltung kann die Einseitigkeit der verschiedenen Kulturpflanzen ausgleichen. Hierbei ist dem Aufbau einer nachhaltigen Bodenfruchtbarkeit durch ausreichenden Anbau von - möglichst mehrjährigen Leguminosen - und einem hohen Blattfruchtanteil in der Fruchtfolge besondere Beachtung zu schenken.

"Düngen heißt, den Boden verlebendigen". Aus diesem Leitsatz ergibt sich eine aus den Lebenszusammenhängen von Pflanze und Tier hervorgehende Düngung. In der Düngerwirtschaft hat der sachgerechte Einsatz der biologisch-dynamischen Präparate maßgebliche Bedeutung.

Eine wichtige Zielsetzung der Bodenbearbeitung ist die Intensivierung biologischer Vorgänge im Boden. Energieeffiziente Bodenbearbeitungsverfahren haben dabei Vorrang.

Saat- und Pflanzgut

Saatgut- und Kartoffelpflanzgut muß, soweit verfügbar, aus biologisch-dynamischem Anbau stammen. Nichtverfügbarkeit von ökologischem Saatgut ist von der Landesarbeitsgemeinschaft zu bestätigen.

Pflanzgut für Gemüsekulturen einschließlich Kartoffeln, (Jungpflanzen, Steckzwiebeln, etc.) muß, soweit verfügbar, aus biologisch-dynamischem Anbau stammen. Falls dieses nicht verfügbar ist, kann Pflanzgut aus ökologischem Anbau verwendet werden. Pflanzgut aus konventionellem Anbau darf nicht mehr verwendet werden.

Chemisch-synthetische Beizmittel sind nicht gestattet.

Die Verwendung von gentechnisch verändertem Saat- und Pflanzgut ist ausgeschlossen.

Düngung

Den größten Einfluss auf die Verlebendigung des Bodens hat neben der Bodenbearbeitung und Fruchtfolge der gepflegte und mit den Kompostpräparaten versehene Mist der jeweiligen Haustierarten, insbesondere von der Kuh.

Düngungsniveau

Die Gesamtmenge des mit den angewandten Düngern eingesetzten Stickstoffs darf im Durchschnitt über die Fruchtfolge nicht jene Menge überschreiten, die auf dem Betrieb bei einer Viehhaltung ohne Futterzukauf anfallen würde.

Die Anwendung organischer Handelsdünger ist beschränkt.

Wirtschaftseigene Düngemittel müssen sorgfältig aufbereitet werden. Auf ausreichende Lagerkapazitäten und angemessene Ausbringtechnik ist zu achten. Bei der Handhabung und Anwendung der Wirtschaftsdünger sind Nährstoffverluste über Ausgasung oder Auswaschung zu minimieren.

Einfuhr von Düngern und Erden

Gesteinsmehle (auch phosphathaltige) und Erden können verwendet werden. Synthetische Stickstoffverbindungen, Chilesalpeter, leichtlösliche Phosphate sowie reine Kalisalze und Kalisalze mit einem Chlorgehalt von mehr als 3 % sind von jeder Verwendung ausgeschlossen.

Keine tierischen Düngemittel aus Intensivtierhaltung.

Der Zukauf und die Verwendung von Düngern und Erden sind ausreichend zu dokumentieren.

Auf die Erhaltung oder Einregulierung eines boden und nutzungsgerechten pH-Wertes ist zu achten.

Pflanzenpflege und Pflanzenschutz

Durch die vielseitigen, den Gesamtbetrieb betreffenden biologisch-dynamischen Maßnahmen, einschließlich der Landschaftspflege und gestaltung, wird eine weitgehende Widerstandsfähigkeit der Kulturen gegen pilzliche, bakterielle und tierische Schädigung angestrebt.

Chemisch-synthetische Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen, zur Vorbeugung und Bekämpfung von Pilz-, Virus- oder anderen Krankheiten und Unkräutern sowie zur Wachstumsregelung von Kulturpflanzen, sind nicht zulässig.

Lagerschutz

Die Lagerung der biologisch-dynamischen Erzeugnisse ist im Sinne dieser Richtlinien so vorzunehmen, daß Beeinträchtigungen der Qualität vermieden werden. Meldepflicht bei starkem Befall mit Schadorganismen.

Garten-, Feldgemüse-, Hopfenbau und sonstige Dauerkulturen

Erwerbsgartenbau und Feldgemüsebau, Hopfenbau und sonstige Dauerkulturen sind ebenso Organe des landwirtschaftlichen Betriebes wie der Ackerbau.

Im intensiven Gartenbau machen die häufig wechselnden Kulturen auf dem gleichen Stück Erde einen besonders schonenden Bodenaufbau erforderlich. Für eine darauf ausgerichtete Düngerwirtschaft ist eine eigene Tierhaltung sehr zu empfehlen. Ist diese nicht einzurichten, wird eine Futter Mist Kooperation mit einem anderen biologischdynamisch bewirtschafteten Betrieb mit Viehhaltung empfohlen. Der Düngerpflege unter Zuhilfenahme der Kompostpräparate ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Zur Ergänzung der Fruchtfolge wird die Aufnahme von gewöhnlich nicht angebauten Vertretern von Pflanzenfamilien wie Phacelia und Buchweizen für den Zwischenfruchtanbau empfohlen. Ebenso sollen Leguminosen und andere Futterpflanzen unter den Gesichtspunkten von Bodenaufbau und Nützlingspflege einen festen Platz in der Fruchtfolge einnehmen.

Humusaufbau ist von besonderer Bedeutung. Gartenbau und tierhaltende Landwirtschaft sollten eine Einheit bilden.

Düngung, Erden und Substrate

Gut verrotteter und präparierter Wiederkäuermist aus der eigenen Tierhaltung ist die wichtigste Grundlage der Düngung.

Gärtnerische Erden und Substrate sollten bevorzugt als betriebseigene Mischung hergestellt werden. Dabei soll immer präparierter Pflanzen- und Mistkompost die Grundlage bilden. Sein Anteil muß mind. 25 % betragen.

Pflanzliches Kompostmaterial und fertige Komposte aus Rinden- und Pflanzenabfällen (Laub, Schnittholz) aus dem Kommunalbereich können eingesetzt werden, sofern deren Unbedenklichkeit durch eine Schadstoffanalyse nachgewiesen ist.

Düngung, Fruchtfolge und Anbautechnik sind so zu gestalten, daß eine Stickstoffauswaschung in den Untergrund und eine Anreicherung von Nitrat im Gemüse minimiert werden.

Torf ist nur als Bestandteil von Anzuchtsubstraten und Topferden zugelassen. Der Torfanteil ist so gering wie möglich zu halten und darf 75 % nicht überschreiten. Die Verwendung synthetischer Bodenverbesserungsmittel ist nicht gestattet.

Erdelose Kulturtechniken, (Nährfilmtechnik, Hydrokultur), Sack und Containerkulturen sowie Erddünnschichtverfahren sind nicht erlaubt.

Chicoréewurzeln sollten in Erde getrieben werden. Wassertreiberei von Chicorée muß als solche deklariert werden.

Erden und Substrate dürfen gedämpft werden. Nach Dämpfung sind Maßnahmen zur mikrobiellen Wiederbesiedelung durchzuführen.

Pflanzenpflege und Pflanzenschutz

Der Anbau unter Vlies, vor allem aber unter bodendeckender Folie, sollte auf ein Minimum beschränkt bleiben.

Beikrautregulierung

Fruchtfolge, Bodenbearbeitung und Kulturführung sind für die Beikrautregulierung von entscheidender Bedeutung. Mechanische Maßnahmen sind gegenüber thermischen zu bevorzugen.

Der Einsatz von technisch gefertigten Mulchmaterialien, wie Mulchpapier und Mulchfolie, soll wegen der ökologischen Breitenwirkung ganzflächiger Beikrautunterdrückung und der behinderten Ausbringung der Feldspritzpräparate auf Böden mit starkem Beikrautdruck beschränkt bleiben.

Anbau unter Glas und Folien

Der Heizenergieeinsatz beim Anbau unter Glas und Folie soll so sparsam wie möglich erfolgen und, mit Ausnahme der Jungpflanzenanzucht und wärmebedürftiger Zierpflanzen, auf eine angemessene Verfrühung bzw. Verlängerung der Kulturzeiten beschränkt bleiben.

Techniken der Energieeinsparung, wie der Einsatz spezieller Heizsysteme (z. B. Vegetationsheizung, Bodenheizung), müssen - wo immer möglich - Eingang in den Betrieb finden.

Obstbau

Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten im Obstbau gilt es, alle verfügbaren Maßnahmen der Mischkultur, Begrünung, Zwischenkulturen und Bodenpflege zu nutzen. Diese Maßnahmen können durch eine intensive Pflege der mehrjährigen Kulturen unterstützt werden.

Die Begrünung soll standortgerecht, aus vielerlei Pflanzenarten zusammengesetzt sein, und nach Möglichkeit vor dem Mähen oder Mulchen zur Blüte kommen. Bei Bedarf können die Baumstreifen bzw. der Bereich unter den Pflanzen mit mechanischen oder thermischen Methoden freigehalten werden. Der Boden darf jedoch nicht ganzjährig ohne Bewuchs oder natürliche Bedeckung sein.

Pflanzgut

Biologisch-dynamisches bzw. ökologisches Pflanzgut muß verwendet werden.

Unterstützungsmaterial

Aus Gründen des Naturschutzes sind keine tropischen oder subtropischen Hölzer als Unterstützungsmaterial zugelassen. Die tropischen Gräser Bambus und Tonkin dürfen verwendet werden.

Sprossen und Keimlinge

Für die Erzeugung von Sprossen und Keimlingen müssen die verwendeten Saaten, Wurzeln und Rhizome aus ökologischer Vermehrung stammen. Konventionelle Herkünfte sind unzulässig.

Das für die Erzeugung der Sprossen und Keimlinge verwendete Wasser muß Trinkwasserqualität aufweisen.

Neue Kultur- und Produktionsverfahren

Neue Kultur und Produktionsverfahren, die nicht in diesen Richtlinien beschrieben sind und auch nicht der gängigen Praxis in ökologisch bewirtschafteten Betrieben entsprechen, dürfen nur in Übereinstimmung mit dem Forschungsring erprobt werden.

Gentechnische Veränderungen

Die Verwendung transgener Organismen bzw. deren Produkte ist nach dem heutigen Wissensstand nicht gestattet. Für bestimmte Futtermittel konventioneller Herkunft ist eine Bestätigung seitens des Lieferanten erforderlich, aus der hervorgeht, daß die Produkte keine gentechnischen Veränderungen enthalten.

Klaus-Peter Kurch

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Rezepte

Tunesische Dattelcreme

Zutaten: 125 g Butter, 8-10 Datteln, 1 Teelöffel Zittronensaft.

Zubereitung: Butter schaumig schlagen. Datteln entkernen und im Mixer gut zerkleienrn. Alle Zutaten gut mischen.

Sesamkekse

Zutaten: 1 kg Vollkornmehl, 400 g Sesam, 300 g Honig, 100 g Sonnenblumenkerne, 300 g Öl, 2 Teelöffel Zimt, 5 Eier, 1 Prise Salz, Wasser nach Bedarf.

Backzeit: ca. 30 min bei 220°C

Zubereitung: Teig gut verkneten, auf dem gefetteten Backblech ausstreichen. So lange backen, bis nichts mehr an der Gabel kleben bleibt. Sofort in Streifen schneiden: längs und diagonal, so dass kleine Rauten entstehen.

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Geomantie und Naturschutz

Johanna Markl
Von der Einheit mit der Natur zum Naturschutzgedanken
Nachdruck aus Hagia Chora 4 (1999/2000)

Mit der Wiederbelebung der Geomantie in den Vergangenen Jahren erschließen sich neue Anwendungsgebiete ebenso wie neue Berufsfelder, in denen geomantische Konzepte und Verfahrensweisen Eingang finden. Johanna Markl zeigt, wie die Geomantie neue Dimensionen für den Naturschutz öffnen kann und blickt dabei zurück in die Menschheitsgeschichte.

Im Naturschutz beruflich oder ehrenamtlich Tätige finden ihr Engagement auf der rein materiellen Ebene zunehmend unbefriedigend und trotz allen persönlichen Einsatzes nur begrenzt erfolgreich. Die Geomantie, ihr Weltbild und ihre Methoden können für sie sinnbringend und unterstützend wirken. Sie bietet im Naturschutz engagierten Menschen ein breites Spektrum an Verständnis- und Handlungsmöglichkeiten, die befriedigend sind, weil sie Zugang zu allen Dimensionen einer Landschaft geben. Dadurch verändert, erweitert und vertieft sich ihre Beziehung zur Erde und zur geistig-seelischen Identität eines Ortes. Das wiederum stärkt die Selbstheilungskräfte der Erde. Das Land kann sich besser erhalten und regenerieren, und auch die Bemühungen der Menschen werden erfolgreicher.

Geomantie und Naturschutz haben eine gemeinsame Wurzel bzw. Ursache, die im Eingriff des Menschen in die Natur besteht. Durch die Veränderungen, die durch menschliches Handeln hervorgerufen werden, entwickeln sich das Bedürfnis und auch die Notwendigkeit nach ausgleichenden und harmonisierenden Maßnahmen. um auch weiterhin in einer lebensfreundlichen Umwelt zu sein. Und doch sind die Ausgangssituation und der geistige Hintergrund vollkommen unterschiedlich. Geomantie entsteht in einer Welt, in der die Menschen die Erde als Lebewesen, mit Geist und Seele begabt, erfahren. Die Erde mit Himmel und allem, was da kreucht und fleucht, einschließlich des Menschen, wird als Erscheinung und als Körper der Großen Göttin selbst begriffen. Naturschutz entsteht hingegen in einer säkularisierten Welt, die auf gröbste materielle Strukturen reduziert ist. Nicht mehr Einheit ist die Grunderfahrung, sondern Abgrenzung und Zerteilung, Einsamkeit und der Kampf ums Überleben. Der Mensch stellt seine Wünsche und Bedürfnisse über die aller anderen Lebewesen. Es ist eine Welt, die zudem das Verständnis für Vernetzung, Kreisläufe und Rhythmen verloren hat bzw. negiert und weder folgenden Generationen noch anderen Lebewesen gegenüber Verantwortung kennt.

Eine Zeitreise zum Ursprung

Zunächst eine Zeitreise in großen Sprüngen zurück zu den Schöpfungsmythen und den Urspuren der Geomantie, durch deren Wandel und Entwicklung bis zum Entstehen des Naturschutzgedankens. In den ältesten Mythen entstehen Welt, Himmel und Erde und alle Geschöpfe aus der aktiven Handlung der ursprünglichen kosmischen Großen Göttin, z.B. bei Eurynome oder Kali durch Tanz oder direkt aus dem eigenen Körper wie bei Tiamat.

Das zeigt die Vorstellung, dass alles aus einer Einheit kommt, Einheit ist und belebt. In diesem alles umfassenden und durchdringenden Kraftfeld sind Menschen genauso enthalten und in ständigem Austausch mit allem. Alle Handlungen haben Rückwirkungen auf den ganzen Kosmos, und deshalb muss jede Handlung im Einklang mit allem sein. Das betrifft den gesamten Lebensalltag des Menschen.

Dies ist das ursprüngliche, heilige Gesetz (das Gesetz der Maat). in einer Anrufung der Essener an die Mutter Erde heißt es: ,,Die Mutter Erde ist in dir, und du bist in Ihr, Sie gebar dich, Sie gibt dir das Leben. (...) Halte darum Ihre Gesetze, denn kein Mensch kann lange leben noch glücklich sein, wenn er Seine Erdenmutter nicht ehrt und Ihre Gesetze nicht befolgt." Das Gesetz besagt auch, dass alle Lebewesen und ihre Bedürfnisse gleichberechtigt sind und dass ein ausgewogenes Geben und Nehmen stattfindet. Die Erde ist überall heilig.

Mit dem Sesshaftwerden und dem Entstehen der Gartenbau- und der sich daraus entwickelnden Ackerbaukultur, verändert sich die Wahrnehmung des Eingebundenseins. Mit der Erfahrung, nicht nur zu nehmen, was im Überfluss da ist, sondern selbst zu handeln und zu bestimmen, was die Erde hervorzubringen hat, verändert sich das Gefühl der Einheit zur sich immer mehr entwickelnden Entfremdung. Die Jäger und Sammlerinnen führen ein Leben des vollständigen Gleichgewichts, weil sie nicht die Herrschaft über ihre Umwelt erstreben, sondern Teil derselben sind. Jetzt aber beginnen die Menschen nach der Herrschaft über die Mitwelt zu streben. Die eigene Abspaltung und Entfremdung führt zu einer Differenzierung und Spezialisierung. Wo vorher alles als Eine erfahren wurde, was z.B. die alt-steinzeitliche Figur der Venus von Willendorf ausdrückt, entstehen jetzt spezialisierte Göttinnen und Götter: Vater Himmel, Mutter Erde, Donner, Blitz, Wasser, Sonne, Mond, Morgenröte, Fruchtbarkeit, Berg, Feuer, Haus etc. Es entsteht die Erfahrung von drinnen und draußen, Kultur und Wildnis. Trotzdem ist das Wissen und Erleben, dass alles belebt ist, noch da. Jede Pflanze, jeder Ort, Wald, Berg und Wasser, haben eigenen Geist und Kraft, mit dem die Menschen nach wie vor in Verbindung treten können. Es gibt hilfreiche Geister, deren Zuwendung man sich sichern muss, und böse Geister. vor denen man sich schützt. Was gut und böse ist, bestimmen die Menschen vor dem Hintergrund ihrer Wünsche und Bedürfnisse.

Geomantie entwickelt Formen

Während Geomantie sich bisher eher in prinzipieller Haltung, noch nachspürbar in Epen, Liedern und Mythen, in Ritualen und vergänglichen Formen ausdrückte, nimmt sie jetzt im Sesshaftwerden bleibende Formen an. Diese sollen unterstützend wirken. um im Einklang mit der Geist-Seele der Erde zu bleiben. Dies geschieht durch Nachbildung kosmischer Gesetze in der Form, z.B. durch Ausrichtung von Häusern und Siedlungen in eine bestimmte Himmelsrichtung oder auf eine Örtlichkeit (Berg, Heiligtum etc.) und in der Gestaltung von Häusern und Orten: Mittelpunkt, Weltenachse, Kreuz und Kreis. Unterstützt durch Rituale, sollen die Menschen rückgebunden und in der Einheit gehalten werden. Auch die vorherrschende Bewusstheit der Verletzung der Erde durch Ackerbau und dauerhaftes Siedeln führt zu entsprechenden rituellen Handlungen und sichtbaren Maßnahmen.

Trotzdem ist noch Achtung vor allem Lebenden da. Es entstehen heilige und profane Räume. Durch Rituale müssen die Erde und ihre Tiere und Pflanzen immer wieder versöhnt werden: Opfergaben und Hingabe an den Geist durch spezielle Menschen (Priester, Schamanen), die für den Rest der Bevölkerung alles wieder ins Lot bringen und die Verantwortung übernehmen, mit der - jetzt - "Anderswelt" zu kommunizieren. Zudem braucht der ganze Zyklus von Anbau und Ernte die rituelle Unterstützung durch die Menschen, die sich immer, wenn auch nur ungern, an ihre Schuld und Vermessenheit erinnern und von daher ein Strafgericht, bzw. irgendwann den Weltuntergang, erwarten. Und das führt zu weiteren geomantischen Zeugnissen, sowohl Ritualen wie auch Bauwerken, z.B. Tempel. Es gibt immer mehr heiIige Reservate und immer mehr ausbeutbares profanes Land. Dieses muss aber zunächst durch rituelle Handlungen ,.profan" gemacht werden und sodann durch fortgesetzte Schutz- und Segenshandlungen vor dem Einbruch der Anderen Welt und ihren Wesen bewahrt werden. Die Wahrnehmung der Geist-Seele und der vitalen Erdkräfte wird bedrohlich und stört die menschliche Ordnung.

Die Geschichte der Entfremdung

In den entstehenden Stadtkulturen geht die sinnlich erfahrbare Verbindung zur Umwelt noch mehr verloren. Lebens- und Schöpfungsvorgänge werden rein geistige Prinzipien, die vom einzelnen Menschen nicht mehr wahrnehmbar sind. Der Zufall und das Schicksal bestimmen das Leben. Das Schicksal wird bei der Geburt zugeteilt. durch frühere Leben bestimmt (Karma), ist nicht mehr beeinflussbar, außer durch geistige Übungen und Opfer. Die Entfremdung bereitet den Boden für Manipulation und Ausbeutung. Durch das Abbrennen und Abholzen der Wälder entstehen Wüsten und Versteppung. Veränderrungen in Klima und Wasserhaushalt. Noch immer verlassen Menschen Heim und Hof, wenn der Boden nichts mehr hergibt, und suchen woanders neues Land. Solche Erfahrungen werden bösen Mächten, zu wenig oder falschen Opfern, Zauberern oder Hexen (Lilith) zugeschrieben. Die Große Göttin und die Mutter Erde selbst sind zum Dämon und zur Hexe geworden. Vor allem Hexen wurden gnadenlos gejagt und geopfert. Die Erde ist schließlich nur noch tote Materie, und Gott lebt im Himmel - eine nicht erfahrbare, strafende Instanz, auf deren Gnade die Menschen angewiesen sind.

Trotzdem - obwohl es wie ein Widerspruch erscheint, ist es keiner! - spricht Augustinus (Kirchenvater, gest. 430) vom ,,Buch der Natur". Damit meint er dass neben .der biblischen Offenbarung auch die Natur und ihre Erscheinungen als Offenbarungen zu "lesen" sind.

Bibel und Natur werden noch im Mittelalter als gleichberechtigte Offenbarungen Gottes gesehen. Da der Mensch und seine Handlungen als Krönung der Schöpfung gelten, ist er ebenfalls eine Offenbarung Gottes.

Eine Kommunikation mit den Kräften der Natur ist allerdings schon nicht mehr möglich, da die Trennung bereits vollzogen ist. Am Ende des Mittelalters finden wir für unseren Kulturraum unbewaldetes, ausgeräumtes Land mit Klimaverschlechterung, Seuchen, Hungersnöten und Hexenverfolgung in großem Stil. Zu Beginn der Neuzeit, dem Zeitalter der Aufklärung, kommt es endgültig zur ,,Entzauberung der Natur" und dem mechanistischen Weltbild unserer Zeit. Nur der Mensch hat noch Seele und Geist, und auch das ist fraglich. Und doch, oder trotzdem, sind Menschen jetzt wieder in der Lage, Zusammenhänge zwischen eigenem Handeln und Umwelt zu sehen. Seuchen und Hungersnöte, das ,,Schicksal" ist nicht mehr gottgewollt sondern menschengemacht. Es kommt aus dieser Erkenntnis zur ersten Naturschutzordnung" (1634), der Forstordnung, die dem hemmungslosen Abholzen und dem Viehtrieb im Wald (Hudewälder) ein Ende setzt. Die Entscheidung war rein materialistisch und löste entsprechenden Widerstand und Interessenskonflikte aus. Gleichzeitig legt sie aber auch den Boden für die Wiederbeseelung vor allem des Waldes in der Romantik.

In der Romantik bezieht sich nicht nur Goethe auf das "Lebendige Buch." (damit meint er die Natur) und meint, dass das Wesen Gottes durch die Naturschau verständlich wird. Außerdem wird, wenn ein Bild notwendig ist, das die Sinne anspricht, die Natur immer als - häufig nackte - Frau dargestellt, umgeben mit Fruchtbarkeit und Wildnis symbolisierenden Tieren und Pflanzen.

Das heutige Naturverständnis

Trotz aller Verklärung der Natur werden die Entfremdung und das mechanistische Weltbild nicht aufgehoben. Natur bleibt immer das Andere, Fremde, Wilde, Bedrohliche, Unverstandene, das gezähmt, untersucht und kultiviert werden muss. Somit ist der Boden bereitet für folgende Definition aus dem Brockhaus-Lexikon:

Natur: Gesamtheit der beobachtbaren Tatbestände, soweit sie unabhängig von Tätigkeiten der Menschen da sind, im Gegensatz zu Übernatürlichem und Kultur.

Natur: = Welt = die vom Menschen unbeeinflusst entstehende bzw. existierende organische und anorganische Welt.

Das spiegelt sich auch in der Definition von Naturschutz wider: Naturschutz ist die Erhaltung, Gestaltung und Pflege der natürlichen Umwelt des Menschen, der Tiere und Pflanzen auch in der Kulturlandschaft.

Natur gibt es nur im Hinblick auf die Verwertung für den Menschen. Zur Erhaltung seiner Ressourcen beurteilt er selbst, was lebens- oder erhaltenswert ist, entsprechend dem Bild der "schönen Natur". Gepflegt muss es sein, bestimmte Pflanzen und Tiere haben vorzukommen, andere nicht. Die "natürliche Umwelt" soll Seele und Gemüt ansprechen, das "Andere", Schöne und Heile sein. Dass die Erinnerung an die Seele der Natur noch besteht, zeigen die Zwerge, Feen, sprechende Tiere und Pflanzen in Kinderbüchern. Diese Wesen sind allerdings mehr auf menschliche Wünsche und Moral ausgerichtet als auf eine Erfahrung der verschiedenen Dimensionen der Ganzheit der Welt.

Möglichkeiten der Geomantie

Geomantie kann für den Naturschutz wieder die Wahrnehmung und Begegnung mit der Geist-Seele des Landes, der Natur und die Achtung vor allem Lebenden bringen. Es eröffnen sich dadurch Möglichkeiten der direkten Kommunikation. Wir können erkennen welche Bedeutung das Einzelne für das Ganze hat und welche Auswirkungen Eingriffe und Veränderungen auf allen Ebenen haben, vor allem noch bevor sie sich ganz materiell manifestiert haben. So kann beispielsweise bei einem Bachlauf eine Schwächung in der Qualität der Lebenskraft mit dem Bovismeter erkannt werden, noch bevor sichtbare Veränderungen eingetreten sind. Weitgehende Schädigungen können dann mit praktischen und/oder geomantischen Maßnahmen verhindert werden. Das Schwierigste dürfte die Anerkennung der Gleichberechtigung der Interessen von Land/Natur und Menschen sein.

Aus Hierarchie kann gleichberechtigtes Miteinander werden. Dann wird sich auch die Bewertung dessen, was lebenswert ist und was nicht, verändern. (Auch der Borkenkäfer ist wichtig und Ausdruck eines bestimmten Aspekts.) Auch Zyklen und Rhythmen, die über das Maß des menschlichen Lebens hinausgehen, können anders verstanden werden. Tod und Transformationsprozesse haben ihren Platz, auch wenn sie nicht ,,schön" sind. Die Landschaft muss nicht mehr in einem bestimmten (schönen) Bild konserviert werden; sondern Wandel und Veränderung können zugelassen werden: wachsen lassen, was jetzt wächst, und Vertrauen in die sich immer wieder erneuernde Kraft des Lebens (auch wenn es eine andere Form ist) setzen. Durch die konkrete Erfahrung der Lebenskräfte der Erde können Vorstellungen aufgegeben werden, dass diese Kräfte menschliches Aussehen und Verhalten haben. Beurteilungskriterien wie schön = gut, hässlich = böse, verletzt, hell = gut, dunkel = schlecht etc. werden relativiert. Dann können eigene Projektionen, was für die Erde gut ist, zurückgenommen werden.

Die Wahrnehmung öffnen

Der Einstieg in ein solches Verständnis ist die Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeit für die nicht sichtbaren Dimensionen der Welt, um diese sinnlich, gefühlsmäßig und geistig zu erfahren. So können die Qualitäten einer Landschaft erkannt werden und Raum bekommen, unabhängig von der oberflächlichen Schönheit (was der Mensch dafür hält) und Vielfalt der Arten, die auf der roten Liste stehen. Es geht um den Wert alles Lebenden an sich.

Zusammengefasst kann Geomantie in den Naturschutz einbringen:

Naturschutz findet nicht mehr nur "da draußen" statt,, wo es noch Natur gibt, sondern ist überall möglich; auch in der Stadt, auf dem Balkon und im eigenen Garten (unabhängig von der Größe),

Durch Achtung und die entstandene Rückbindung werden die Selbstheilungskräfte der Erde gestärkt. Damit sind auch menschliche Maßnahmen erfolgreicher.

Die Berücksichtigung des Beziehungsgefüges eines Ortes mit allen Tieren und Pflanzen innerhalb einer Landschaft sowie im übergeordneten, größeren Zusammenhang für die Planung und Gestaltungsmaßnahmen.

Johanna Markl, Heilpraktikerin, seit 20 Jahren Rutengängerin, gründete das Institut für Geomantie, das Frauen in Geomantie und Radiästhesie ausbildet. Leiterin der Ausbildung "Erdheilung, Landschaftsplanung und Naturscnutz" der Schule für Geomantie Hagia Chora.

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Über den Versuch, die Friedensbewegung zu kriminalisieren. Teil 2

Am 29.09.2000 fand in der 62. Strafkammer des Landgerichts Berlin die Hauptversammlung mit Uta A. statt. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen den Freispruch des Amtsgerichtes Tiergarten vom 07.01.2000 (siehe ÖN 31) Berufung eingelegt. Uta A. war damals wegen des Aufrufes zu einer Straftat angeklagt worden, konkret stand u. a. ihre Unterschrift unter einem Aufruf, der das Motto "Verweigert Euch dem Krieg" trug und am 21.04.1999 in der "tageszeitung" veröffentlicht wurde. Alle greifbaren UnterzeichnerInnen sind seitdem mit Prozessen überzogen worden, die meisten endeten in erster Instanz mit Freispruch. Die Staatsanwaltschaft legte immer Berufung ein.

Zu Anfang versuchte der Richter einen Vergleich anzustreben, da nach seiner realistischen Meinung es bei dieser Form von Prozessen zu keiner endgültigen Entscheidung kommt, denn beide Seiten werden in Berufung gehen. Dieser Vergleich hätte für Uta A. ein Schuldeingeständnis - verbunden mit einer Verwarnung und zweijähriger Bewährungszeit - bedeutet. Im Gegenzug wäre das Verfahren eingestellt worden. Sie lehnte ab. In ihrer persönlichen Erklärung verwies sie u. a. auf die Absurdität, daß nicht die Verantwortlichen für einen Krieg vor Gericht stehen, sondern die Menschen, die versucht haben, etwas gegen den Krieg zu tun. Für sie war die Völkerrechtswidrigkeit des Krieges eine Verpflichtung zum Handeln gegen den Krieg.

In seinem Plädoyer betonte der Staatsanwalt, daß die Aufforderung zur Desertation im Mittelpunkt des Aufrufes steht, daß situationsbedingte Kriegsdienstverweigerung und Desertation rechtswidrig sind. Er führte weiter aus, daß die Einsatzbefehle verbindlich waren, da dieser Krieg kein kriminelles Unrecht war. Dabei spielt keine Rolle, ob dabei das Völkerrecht gebrochen wurde. Es geht eben darum, das Recht zu schützen und Rechtsbeugung zu strafen. Er vertrat auch die Auffassung, dass der NATO-Einsatz gegen Jugoslawien als einziges Motiv das der humanitären Hilfe hatte.

Der Verteidiger ging ausschließlich auf diese wesentlichen Punkte ausführlich und fundiert ein. Er vertrat u. a. die Meinung, daß eine legale Entfernung von der Truppe nach einer Gewissensentscheidung möglich sein muß. Das Gewissen kann sich ja jederzeit melden, gerade im Krieg. Er sagte weiterhin, daß eine vorsätzliche Tötungshandlung eine Rechtsgrundlage braucht. Für die Bombardierungen in Jugoslawien und die dabei Getöteten gab es keine Rechtsgrundlage. Das friedliche Zusammenleben der Völker war gefährdet durch den Krieg.

Er zweifelte auch das NATO-Motiv - humanitäre Hilfe - an und vermutete, daß es der NATO gerade um die Machtstellung auf dem Balkan und um den Tabubruch - um die Emanzipation vom Völkerrecht - ging. Zum Abschluß verwies er noch darauf, daß ein völkerrechtswidriger Krieg auch verfassungswidrig ist, und damit ist die Befehlsverweigerung sogar geboten. Das gesamte Plädoyer hätte einen sehr guten Artikel abgegeben, ich konnte leider nur einige Stichworte mitschreiben.

Nach der Beratung des Gerichts folgte die Urteilsverkündung, beginnend mit der rhetorischen Frage des Richters: "Wenn es dem Herrn Staatsanwalt so sehr darum geht, rechtswidriges Verhalten auch zu bestrafen, warum verhält er sich dann auch rechtswidrig, indem er Urteile aus anderen Prozessen versendet, ohne vorschriftsmäßig die Namen zu schwärzen?". Er wies dann die Berufung der Staatsanwaltschaft zurück mit der kurzen Begründung, daß Uta´s Unterschrift durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist.

Sehr wahrscheinlich ist es nun, daß die Prozesse in die nächste Instanz (Kammergericht) gehen - zu Lasten des Steuerzahlers, der nach den Kosten des Bombardements nun auch noch diese Prozesse gegen die Friedensbewegung bezahlt. Es befindet sich jetzt in der V4 in Lychen die Broschüre "Wie verweigere ich die Kriegssteuerzahlung", somit besteht auch auf diesem Gebiet die Möglichkeit, etwas gegen diesen Irrsinn zu unternehmen. Ebenso ist hier der OSSIETZKY zu finden, in dessen Ausgabe 14/2000 das vollständige Urteil des Internationalen Tribunals über den NATO-Krieg dokumentiert ist. Das Tribunal sprach die Regierungschefs, die Außen- und Verteidigungsminister der NATO-Mitgliedstaaten, die verantwortlichen Funktionsträger der NATO, die Mitglieder des Deutschen Bundestags, die der Beteiligung der Bundeswehr bei der militärischen Intervention gegen die Bundesrepublik Jugoslawien zugestimmt haben, schuldig der schweren Völkerrechtsverletzung.

T. Held

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Herbert

Wir setzen hier unseren auszugsweisen Abdruck des Manuskripts "Herbert" von Kurt Kretschmann fort. Zum Ende des vergangenen Abschnitts beschrieb Kurt Kretschmann, wie sein Freund Herbert ihn in die Kunst der Bienenzucht einwies.

Dieser Prozeß erstreckte sich natürlich über mehrere Jahre, gelingt es einem Menschen doch nur selten, die mitgebrachten Anlagen zu überwinden und sein eigenes Ich zu meistern. Du hast diese Aufgabe gelöst und deine melancholisch-schwermütige Erbanlage in heitere Charakterzüge verwandeln können. Du machtest aus einem Menschen, den die Bilder einer dumpfen, traurigen Kindheit verfolgten und drückten, der sich seiner Jugend nur mit Widerwillen erinnerte, eine frohe Seele, die jedermann liebgewinnen mußte. Wie oft habe ich in den folgenden Jahren sehen können, daß dir die Herzen zuflogen und alle Welt nach kurzer Berührung mit dir begeistert von "unserem Herbert" sprach, dessen jungenhafte, helle Augen niemand mehr missen wollte, der Jedem etwas zu sagen und zu geben hatte. Wie viele gebeugte Menschen hat dein Lachen verjüngt und neuen Lebensmut und vertrauen gegeben.

Deutlich erinnere ich mich, als unser Freundeskreis wuchs und immer mehr Besucher den Weg zu uns fanden, wie ich so oft zur Seite trat und dir die Aufgabe überließ, einen Menschen, den das gehetzte Großstadtleben zu Boden drückte, aufzurichten. Deine innere Kraft erquickte die Bedürftigen schnell. Sie erholten sich wie eine durstige Blume, der man frisches Wasser reicht. Wie selbstverständlich deine Hilfe war, mit Wort und Tat gingst du an die seelischen und materiellen Nöte heran. Deine wunderbare sich immer freier entwickelnde Natürlichkeit überraschte jeden. Man erstaunte, fand keine Erklärung, mußte sich einfach der Lebensfreude und Fülle beugen, die du verströmtest und allen, die mit dir zusammenkamen, zu teil werden ließest.

Wenn du sprachst, entstand gewöhnlich der Eindruck, als bewegtest du dich weit ab von der Wirklichkeit. Du hast mit dem Verstand allein nicht reden können. Die tiefe, gefühlsbetonte Innerlichkeit deines Naturells schwang durch jedes Wort hindurch. Ich danke dir noch jetzt dafür. Das gefiel mir gut. Es bewahrte mich vor der übermäßigen Betonung des Geistigen, der ich wahrscheinlich unterlegen gewesen wäre.

In diesen fruchtbaren Jahren kamen wir auch mit den Grundsätzen der Lebensreform und ihren markantesten Vertretern, dem Schweizer Jugendführer Werner Zimmermann in Berührung. Als wir einen Artikel von ihm, der sich "Nahrung und Leistung" bezeichnete, in unsere Hände bekamen, riefen seine Worte sogleich einen Sturm der Begeisterung hervor. Die freie Sprache, die kraftgeladene Haltung, der fröhliche Blick dieses Mannes fesselte uns über alle Maßen. Schnell hatten wir uns seine Bücher beschafft. Hier war ein Mensch, der lebte was er lehrte, der seine Ideale mitten in den Schmutz der kapitalistischen Welt hineinstellte und sich durchzusetzen und zu behaupten verstand. Alles was wir, mehr instinktiv als gedanklich erfaßt hatten, bestätigte und formulierte er mit klaren Sätzen. Er propagandierte ein einfaches Leben als Voraussetzung zur geistigen und materiellen Freiheit, Liebe zur Natur, Liebe zur Sonne - sehen, schauen, singen, wandern - bekämpfte Genußgifte, den sexuellen Tiefstand der Zeit, befeindete Haß und Lüge und verschwor sich allem Wahren, Gutem und Schönem der Welt. Zog kreuz und quer durch Europa, Amerika, Indien, China, Japan und schrieb seine Eindrücke in herrlichen Reiseerzählungen nieder. Ich denke daran, wie wir im Grase lagen, besonnt, selig unserer Jugend, seine Schilderungen verschlangen.

Zimmermann verfaßte auch Erziehungsbücher "Lichtwärts", "Liebesklarheit" und andere, in denen er seine weltweiten Erfahrungen gesammelt und niedergelegt hat, um sie der Allgemeinheit und insbesondere der Jugend zur Verfügung zu stellen. Werner Zimmermann bewirkte unseren vollständigen Übergang zur Pflanzennahrung. Wir wurden aus wirtschaftlichen, gesundheitlichen und ethischen Gründen Vegetarier und haben unsere körperliche Leistungsfähigkeit mit dieser Lebensweise erheblich steigern können.

Auch seine Schriften über die Liebe erregten uns stark. Mit rücksichtsloser Offenheit behandelte der Schweizer die verlogene bürgerliche Moral und setzte ein neues, natürlich reines Menschentum dagegen. Er zerriß den schmutzigen Vorhang, der über dem Geschlechtsleben lag, und ließ die Sonne seiner kühnen Gedanken in alle sumpfigen Vorstellungen hineinleuchten. Seine Ausführungen lockerten uns merklich. Wir traten den Frauen, denen wir später begegneten frei und ungezwungen entgegen und verdankten dem Pädagogen, daß uns die sexuellen Triebe nicht versklavten, sondern ihre Aufgabe - dem Mensch als beglückende Kräfte zu dienen - erfüllen konnten.

Die Bücher Werner Zimmermanns und seine Monatshefte "Erkenntnis und Tat" führten uns auch den Denkern und Philosophen des Ostens, den chinesischen und indischen Weisen zu. Wir lasen Konfuzius, Schuangsethe und Laotse, ferner Buddha und die Verkünder des neuen Indiens Krishnamurti, Tagore, Gandhi u. a.

Die östlichen, der modernen europäischen Welt entgegengesetzten Ideen wurden uns bald vertraut. Sie sind weder wirklichkeitsfern noch extrem zu nennen und könnten, wenn eine Verbindung mit der von technisch-wirtschaftlichen Vorstellungen bestimmten europäischen Geisteswelt zustande käme, eine für Frieden und Freiheit des zukünftigen Menschengeschlechts bedeutungsvolle Rolle spielen.

Wenn ich mich dieser, an gewaltigen neuen Eindrücken reichen Zeit erinnere, so muß ich auch der Anfeindungen gedenken, denen wir von Seiten unserer Umwelt ausgesetzt waren. In deinen Verwandtschaftskreisen wollte oder konnte man uns nicht verstehen. Die dort geführten, oft häßlichen und persönlichen Angriffe galten insbesondere mir, der ich aktiver, energischer, willensbetonter war. Doch alle Versuche, die darauf abzielten unsere Freundschaft zu zerstören und dich ins bürgerliche Lager zurückzuziehen, brachen schmählich zusammen. Du sagtest: "Bedenket wohl, wer meinen Freund beleidigt, beleidigt mich. Alle Verleumdungen, die ihr über meinen Kameraden verbreitet, vermindern nicht, sondern vertiefen unsere Freundschaft. Setzt euch mit unseren Gedanken anständig auseinander und laßt die persönlichen Angriffe sein."

Kein Mittel erschien den uns abträglichen Kreisen schlecht genug, um ihr Ziel, uns zu trennen, zu erreichen. Man warf dir vor, du stündest unter meinem Einfluß und vergaß dabei, daß ich, um zu lernen zu dir gekommen war. Als du die Herabsetzung deiner Person lächelnd hinnahmst, ohne darauf zu reagieren, setzte man die Hoffnung auf die bevorstehende "Lehrzeit bei den Soldaten", ohne zu ahnen, wie wir durch die Knute des deutschen Militärs nur noch enger zusammenfinden mußten. Nachdem sich auch diese Annahme als ein Fehlschlag erwies, glaubte man, wir müßten an dem "Problem der Frau", das ja über kurz oder lang an uns herantreten würde, scheitern. Doch auch hier täuschte man sich gründlich. Als ich ein Mädel kennen und lieben lernte, das du dir selbst von Herzen gern als Lebensgefährtin gewünscht hättest, und du nun abseits stehen mußtest, leuchtete die Reinheit deiner Seele auf wie nie zuvor. Du brachtest deinen Kameraden das größte Opfer und wirktest trotz des eigenen Schmerzes, in unvergeßlicher Weise für das Glück deines Freundes und seiner Geliebten. Deine Worte: "Denke nicht an mich, da sich dir des Lebens Seligkeit, die Liebe erschließt. Laß mich als Freund zur Seite stehen, der alles zu tun bereit ist, was dir, was euch zu Frohsinn und Freude dient.", bezeugen die Lauterkeit deines Charakters. Ich werde sie nicht vergessen und als Spiegel deiner Seele bewahren ...

In dieser Periode, da wir das zu Anfang undurchdringlich erscheinende Dickicht von tausend verschiedenen Ideen und Weltanschauungen durchwanderten, welches die alten und neuen Kulturen des Orient und Okzident geschaffen haben, beschäftigten uns auch viele handwerkliche Arbeiten. Wir wollten unser Wissen nicht nur auf geistigen, sondern ebenso praktischen Gebieten erweitern, und verdammten eine Gesellschaftsordnung, die uns zu einseitigen Spezialarbeitern gemacht hatte. Bei dir lagen die Verhältnisse zwar etwas günstiger. Du konntest in deiner Lehrzeit als Maurer einige Erfahrungen sammeln, doch waren deine Kenntnisse mangelhaft geblieben, da die Baufirma, bei der du lerntest, vor Beendigung deiner Lehre Konkurs anmeldete und alle Arbeiter entließ. So hast du nicht einmal als Geselle schaffen können, denn die Arbeitslosigkeit 1932 wuchs zur Lawine an und warf 6 Millionen Menschen aufs Pflaster. Um nicht untätig zu bleiben, übernahmst du den Bienenstand, der durch den Tod deines Onkels zu verwahrlosen drohte, und zogst aus Berlin heraus in den Wald. Bei mir sah es noch weit schlimmer aus. Ich konnte keinen Nagel einschlagen, keine Säge schärfen oder ein Brett bearbeiten. Meine Tätigkeit als Zuschneider in der Herrenkleidung hatte mir jede Gelegenheit genommen, anderweitige praktische Handgriffe und Fähigkeiten zu erwerben. Vom Gartenbau wußte ich auch nur, daß die Äpfel von den Bäumen und das Korn am Halm hing. Einen Spaten hatte ich mit eigenen Händen noch nicht geführt, keine Beete angelegt, besät und bepflanzt. Mit diesen Arbeiten mußten wir nun schnellsten beginnen. Die Honigernte des ersten Jahres war uns durch äußerst ungünstige Witterungseinflüsse geschmälert worden. Obwohl wir uns alle Mühe gegeben hatten, deckte der Erlös kaum die Unkosten. Dieser Misere suchten wir durch die Anlage einer großen Erdbeerpflanzung zu begegnen. Wir pachteten für geringes Geld ein Stück Ödland von rund 2.000 qm, kauften Spaten, Hacken und Harken und holländerten das stark verqueckte Gelände. Wochenlang gingen wir nun Tag für Tag hinaus und wühlten die Erde durcheinander. Das war eine harte Arbeit für mich, denn ich kannte noch keine anhaltende, schwere körperliche Anstrengung. Meine mangelhafte Muskulatur ließ mich bald alle Glieder fühlen, besonders der Rücken schmerzte heftig und wollte mich häufig verzweifeln lassen. Mit zusammengebissenen Zähnen quälte ich mich redlich und freute mich, wenn du mir anerkennend auf die Schulter klopftest und sagtest: "Nur Mut, sei stolz auf deine ersten Schwielen, du wirst schon damit fertig werden!"

Allmählich, der Herbst bemalte Busch und Baum mit bunten Farben, hatten wir ein ziemlich umfangreiches Stück für die Pflanzung vorbereitet. Nun holten wir uns aus den Gärten des nächsten Dorfes die notwendigen, etwa 4.000 Enken zusammen. Da wir nicht genügend Geld besaßen, um vom Gärtner vorgezogene Pflanzen zu beziehen, mußten wir den Bauern die alten Erdbeeranlagen säubern und durften uns dafür die dabei abfallenden neuen Ableger mitnehmen. Auf diese Weise haben wir uns das Pflanzmaterial zusammengetragen, desgleichen große Dünger- und Kompostmassen beschafft, um den mageren Boden zu verbessern. Nun konnten wir die vielen Setzlinge in die Erde bringen und unsere 40 m langen Beete anlegen. Zum Begießen der jungen Pflänzchen brauchten wir dringend einen eisernen Brunnen, da wir ihn wieder wegen Geldmangel nicht kaufen konnten, gruben wir unter der Anleitung und tätigen Hilfe deines Bruders ein 3 m tiefes Loch und verschalten die Erdwände mit Brettern. In diesem einfachen Gehäuse sammelte sich soviel Grundwasser an, daß wir den Bedarf der Erdbeeranlage decken konnten.

Die Pflanzen wuchsen kräftig. Noch vor dem Winter zeigten unsere Beete eine für die Zukunft vielversprechende Entwicklung. Im nächsten Sommer, so folgerten wir, würde es eine Honig- oder Erdbeerernte, vielleicht auch beides geben. Um den Absatz brauchten wir uns keine Sorgen machen. Schon bei der Pflanzung kamen unsere zukünftigen Kunden und ließen sich mit ihren Wünschen Vormerken. Nur die Umzäunung machte uns große Sorgen. Mit gutem Draht konnten wir das Stück Land nicht umfrieden, das wäre eine unerschwingliche Ausgabe gewesen. Trotzdem mußte etwas geschehen. Die Hasen und Kaninchen unserer nächsten Umgebung machten unseren Acker zu ihrem Exerzierplatz und knipsten die Herzblätter aus den schönen Stauden heraus. Sie fraßen die Blättchen nicht einmal, sondern spielten nur damit und ließen die zarten neuen Triebe an Ort und Stelle liegen. Unsere Annahme, daß sie sich auf den Äckern der Bauern austobten und uns verschonen würden, erwies sich als Irrtum. Im Gegenteil, sie schienen besonders gern zu kommen und ihren Mondscheinwalzer allnächtlich auf unserer mit saurem Schweiß gedüngten Plantage zu tanzen. Wir mußten, so schnell es ging, Pfähle setzen, Spanndraht herumlegen und Reisig dazwischen flechten. Obwohl wir allerlei Dornenranken und Stacheldraht mit hinein brachten, zeigt ich dennoch bald, daß das Wild unsere Hoffnungen zunichte machte. Die Kaninchen bohrten sich Löcher und kamen von unten herein, die Rehe dagegen setzten mit elegantem Sprung über unseren primitiven Zaun hinweg und fraßen im Frühling, nach der überaus reichen Blüte, in jeder Nacht rund tausend Pflanzen ab. Wir hielten Wache und suchten uns mit allen möglichen Mitteln zu helfen, zogen feine, fast unsichtbare Abwehrdrähte, hingen bunte Lappen auf, brachten frischen Abtritt aufs Land, ohne einen Erfolg zu erzielen. Als die "Ernte" einsetzte, standen noch ein paar Stauden, die wunderbar große und aromatische Früchte brachten. Wir verkauften die Beeren und konnten mit dem Erlös die Pacht bezahlen. Von der ganzen Mühe hatten wir nichts gewonnen. Unser Plan scheiterte an dem mangelhaften Gartenzaun.

Dennoch hatte ich von der ungewohnten körperlichen Arbeit profitiert, indem ich kräftiger und widerstandsfähiger wurde.

Unsere materielle Lage ließ sich auch mit diesem Versuch nicht bessern. Zum Glück hatten wir in den Wintermonaten einige Nebeneinnahmen. Wir scharwerkten, wie die Bauhandwerker sagen, in der Umgebung herum, klebten Tapeten, transportierten Möbel, halfen bei der Kartoffelernte und beim Holzeinschlag. Hierbei mußten wir wieder tüchtig Lehrgeld zahlen. Da uns die geeigneten Werkzeuge nicht zur Verfügung standen, eine gute Schrotsäge und Eisenkeile, und es an der Übung fehlte, zerschlugen wir beim Spalten der dicken Stämme häufig unsere Axtstiele und verdienten nur wenig. Unser gute Wille und die Überzeugung alles fertig zu bringen, konnten die mangelnde Erfahrung nicht ersetzen. Erst nach vielen Fehlern gewannen wir den Blick für die richtigen Voraussetzungen einer Arbeit und die erforderlichen Geräte.

Trotz alledem kamen wir ganz gut über den ersten Winter hinweg, und begrüßten jubelnd den zeitig heranziehenden nächsten Frühling. Wieder sproß das zarte Grün der Birken, lachten die jungen Saaten, blaute der Himmel, leuchtete der ewige Wald in unbeschreiblicher Pracht.

Eine Lust erfaßte uns, auf dieser Welt zu sein, das Gefühl einer stolzen Freiheit, die uns schon im vergangenen Jahr mit unzähligen neuen Eindrücken und Erlebnissen erfreute. Wieder beliefen wir unser Revier, besuchten den Wacholdergrund, das dunkle Tannendickicht, die langsam erwachende Heide, den See und die Teiche, den Eichenschlag und all die anderen bekannten Plätze.

Bevor ich jedoch von unseren weiteren Entdeckungen in der Natur erzähle, möchte ich noch jene Arbeiten erwähnen, die wir zwischendurch in nicht weit entfernten Siedlungen verrichteten. Wir lernten, wie man Drahtzäune setzt und spannt, Brunnen bohrt, Sommerlauben baut, feuchtes Gelände drainiert, unebene Flächen planiert, Obstbaumpflanzungen anlegt und was der Verrichtungen mehr sind, die getan werden müssen, um Ödland zu kultivieren und neue Siedlungen aufzubauen. Diese Tätigkeit machte uns wirklich Freude. Sie erweiterte unsere praktischen Kenntnisse und steigerte unser handwerkliches Geschick merklich, so daß wir uns schon im nächsten Jahr an ein größeres Projekt heranwagen konnten. Die Arbeit auf den Siedlungen wurde natürlich nicht hintereinander durchgeführt, sondern oft mit wochenlangen Pausen, je nachdem sich eine Gelegenheit bot. Sie schränkte unser Leben in keiner Weise ein, es blieb uns Raum genug um weiter zu lesen, zu träumen, zu philosophieren, die Bienen zu versorgen, kurzum zu tun, was uns beliebte und gefiel.

Das oben erwähnte größere Projekt war ein Hausbau mit Waschküche, Stallung und Boden, massiv, nach architektonischer Zeichnung auszuführen und abnahmepflichtig. Der Bauherr, ein Siedler, übergab uns diesen Auftrag, ohne zu ahnen, daß uns dafür jegliche Vorschulung fehlte. Deine Kenntnisse im Maurerhandwerk waren, wie ich bereits erwähnte, nur gering. Du hattest ja nicht mal die Lehre beenden, viel weniger als Geselle selbständig arbeiten können, ganz zu schweigen von meiner Wenigkeit, der ich außer Lust und Liebe und großem Interesse nichts nachweisen konnte. Dennoch willigten wir in das Angebot ein und lösten die Aufgabe nach mancher schlaflosen Nacht, in der wir die auftauchenden Schwierigkeiten durchdachten und besprachen. Weil dieser Erfolg ein Ergebnis unserer engen Gemeinschaft war, will ich ausführlicher davon berichten.

Nach unserer Zusage hielten wir eine längere Beratung ab. Meine Zweifel und Einwände, daß wir es wohl doch nicht schaffen würden, lehntest du mit den Worten ab: "Wenn erst der Anfang da ist, wird es schon weiter gehen. In Sorge bin ich nur um die Dachkonstruktion, davon habe ich nicht die blasseste Ahnung." Ich schlug vor, ein Buch, in dem die verschiedenen Steinverbände, Tür- und Fensteranschläge, Bindungen und Verzapfungen der Hölzer, das Anbringen der Zargen und Zuanker u. s. w. zeichnerisch dargestellt waren, zu besorgen. Mit dieser Schrift bewaffnet standen wir bald auf dem Bauplatz, räumten ein paar alte Schuppen beiseite und starrten nun abwechselnd in unsere Bauzeichnung oder ins Lehrbuch hinein.

Das war der Anfang. Unser theoretisches Rüstzeug hätte nicht ausgereicht, wenn wir nicht gleichzeitig eine gehörige Portion Selbstvertrauen mit in die Waagschale werfen konnten. Davon besaßen wir genug und das hat uns viel geholfen. Die erste harte Nuß war mit einer sofort zu berechnenden Materialaufstellung zu knacken. Wir mußten mit angenommenen Zahlen operieren und hofften, daß unsere Kalkulation und unserer Kostenanschlag annähernd stimmen würden. Wie sich später an den Baustoffen zeigte, konnten wir mit unserem Vorschlag zufrieden sein, lediglich die Kosten waren um 30 % zu niedrig veranlagt worden. Um die Lieferungen zu verbilligen, fuhren wir den notwendigen Kies, zum Teil auch die Steine, das Holz und den Zement selbst heran. Zwischendurch erledigten wir noch gewisse Arbeiten an dem schon bestehenden Haus, vermauerten eine Fensteröffnung, dielten den Boden, bauten ein Wasserbassin für den Garten und ähnliches mehr. Auf diese Weise versuchten wir uns einzuarbeiten und die für die größeren Aufgaben notwendige Sicherheit zu erlangen. Wir wußten wohl, daß es Schwierigkeiten geben würde, und wollten ihnen durch Schwung, durch Zupacken und erhöhte Tatkraft zu Leibe gehen. Mit bangem Zagen und einsatzfrohem Mut konnte die Arbeit gedeihen.

Bald hatten wir den Anfang gefunden, das Fundament gezogen und mit dem Bau der Wände begonnen. Du legtest Stein um Stein, während ich den Mörtel herrichtete, alles Notwendige heranschaffte und zureichte. Es dauerte nicht lange, da mußten wir die erste Rüstung bauen und konnten schon, sechs Wochen nach unserem Beginnen, die Deckenlage legen. Ganz so glatt, wie es sich hier erzählen läßt, ist die Arbeit natürlich nicht gegangen. Es tauchten manchmal an einer unerwarteten Stelle für uns Laien schwer lösbare Probleme auf, die erst nach längerem Nachdenken geklärt und überwunden werden konnten. Besonders die Dachkonstruktion wollte anfänglich nicht gelingen. Wir hatten bereits den längsten Balken drei mal abgeschnitten, also gekürzt, und konnten ihn immer noch nicht in das auf der Mauer ruhende Holz einklinken. Ein Zimmermann im nächsten Dorf, den wir um Rat und Hilfe baten, sagte nur: "Wenn ihr den Bau übernommen habt, dann seht auch zu, wie ihr ihn fertig bringt."

Diese Antwort stachelte unseren Ehrgeiz von Neuem an. Wir wollten ihm schon beweisen, daß es klappen würde. Nach weiteren zwei fehlgeschlagenen Versuchen, konnten wir dem Fachmann sagen, daß wir auch diese Frage gelöst hatten und seine Hilfe nicht mehr brauchten. Schnell wuchs das Dach empor, obwohl wir große Mühe mit dem Stellen und Richten der Stempel und des Firstes hatten, wozu eigentlich vier Leute nötig gewesen wären. Danach setzten wir die von einem Tischler hergerichteten Fenster ein, bauten selber drei Türen und stellten die Feuerungsanlage in der Waschküche mit dem sieben Meter hohen Schornstein fertig. Nur zwei Fehler waren uns unterlaufen, die sich bald beheben ließen. Einmal trieben wir die Balken der Decke beim Einschalen auseinander, so daß drei Schichten Steine herausgedrückt und neu vermauert werden mußten. Zum anderen hatten wir den Schornstein zweimal vor und seitlich getrappt und unser gewagtes Experiment fast mit einem Unfall bezahlt. Als wir eine Höhe von sechs einhalb Meter erreichten, sahen wir erschrocken, daß sich unser Mauerwerk langsam vornüber neigte und zusammenstürzen wollte. Im letzten Moment rissen wir die frischgelegten Steine zur Seite, wobei ich im Eifer des Gefechts durch eine Luke fiel, und schneller als zuträglich im untersten Stockwerk landete. Zwei Tage später stand der Schornstein wieder, diesmal gut und sauber und gerade wie eine Kerze. Damit hatten wir die Arbeit in zwei einhalb Monaten verrichtet. Die Baupolizei nahm ohne jegliche Beanstandung den Bau ab.

Mit dem Verdienst, den wir dabei erzielten, konnten wir bei unserem einfachen Lebensstil mühelos ein bis zwei Jahre auskommen. Auf lange Sicht hinaus waren alle wirtschaftlichen Sorgen beseitigt. Außerdem brachte in jenem Sommer auch die Bienenzucht einen höheren Ertrag und belohnte unsere Anstrengungen besser. Dennoch nahmen wir verschiedene kleine Aufträge mit Lust an, weniger des Geldes wegen, als um unsere Lernbegierde zu befriedigen und führten die selbständigen Arbeiten mit Lust und Interesse aus. Wenn wir um Hilfe gebeten wurden, stellten wir stets die Bedingung, daß wir zusammen bleiben und jede Arbeit gemeinsam durchführen konnten. Wer sich damit nicht einverstanden erklärte, mußte sich andere Leute suchen. Wir ergänzten uns vorteilhaft, indem ein jeder, du im Maurerhandwerk und ich im Holzbau seine speziellen Kenntnisse entwickelte, und konnten weder aus diesem Grunde noch um unserer Freundschaft willen eine Trennung zugestehen. Wir fühlten, mehr instinktiv als bewußt, daß unsere sich stetig steigernden Fähigkeiten einmal zu schönen Erfolgen führen würden und gewannen einen Blick für Linienführung, statische Gesetze und natürliche Schönheit, die manchen Kritiker unserer Arbeit überraschte.

Besondere Freude machten uns kleine aus Sperrholzabfällen angefertigte Modelle, mit denen wir uns in den langen Wintermonaten beschäftigten. Wir konstruierten an einem Holzhäuschen herum, das sich nach allen Himmelsrichtungen drehen ließ, einem Haustyp mit verschiebbaren Zwischenwänden, und was dich seit Jahren beschäftigte - an einer fachmännischen als "Beute" bezeichneten Bienenwohnung, die allen Anforderungen genügen und sich auch für die Wanderimkerei eignen sollte. Noch im Kriege schriebst du mir wiederholt, daß das lang bearbeitete Projekt zum Abschluß gekommen sei, und gabst mir den Auftrag, größere Mengen Holz für eine Serienanfertigung aufzukaufen. Ich kam deinem Wunsche sofort nach und setzte mich mit einem Sägewerk in Verbindung. Leider ließ der Tod auch diese Absicht zu schanden werden und den oftmals durchdachten Plan mit in die kühle Erde sinken.

Kurt Kretschmann

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