Juni 2001 ÖN 33
Bauen an der ökologischen Gemeinschaft (S. 2)
Sommerfest 2001 bei ÖKOSTADT in Lychen (S. 2)
Zukunftswerkstatt: Ist ÖKOSTADT eine Gemeinschaft? (S. 3)
Zukunftswerkstatt von ÖKOSTADT 1993 (S. 4)
Wendlandtagebuch gegen den CASTOR (S. 5)
Marina-Ausbau am Großen Lychensee (S. 10)
Bahnstillegung rückgängig? (S. 11)
Kurzbericht Demonstrative Fahrradtour 2001 (S. 11)
Kurt Kretschmann: Herbert (S. 12)
Wieder naht ein Sommer, und noch immer steht die Ökostadt nicht, ja nicht einmal eine ökologische Siedlung. Aber Grundlage für eine funktionierende Ökostadt ist, so meine ich, zunächst einmal die ökologische Gemeinschaft, die nicht nur an der ökologischen Stadt, sondern eben auch an sich selbst baut. In diesem Sinne wünsche ich uns einen guten Start mit unserer Zukunftswerkstatt am 22.-24. Juni in Altthymen, wie auch ein anregendes und erbauliches Sommer-Kulturfest im August.
Im März 2001 traf sich die Kultur AG, um die Planungen zum 5. Kulturfest International voranzutreiben. Heraus kam folgendes:
Wir wollen das Fest organisieren (es gab ja Stimmen, daß es zuviel Aufwand ist). Es wird am 25.8. rund um die V4 in Lychen stattfinden (Sommerlager 19.8. bis 2.9.). Inhaltlich wollen wir uns mit dem Horn von Afrika" (Äthiopien, Djibouti, Eritrea, Somalia) befassen. Für den Nachmittag ist ein Kinderfest in Planung _ mit Ständen und diversen Angeboten (z.B. Esel- bzw. Ponyreiten, evt. eine Wasserholaktion mit Eseln _ Bezug zur Ausstellung, Puppentheater...). Für den Abend sind wir derzeit auf Suche nach Kulturgruppen (z.B. Bands) und Verköstigung aus der Region. Zum Abschluß des Festes ist eine Weltmusikdisco mit Schwerpunkten Reggae (eine seiner Wurzeln liegt in Äthiopien) und afrikanische Musik angedacht.
Im August wird begleitend eine Fotoaustellung der Esel-Initiative e.V. zur Förderung alleinerziehender Frauen in Eritrea im Vereinsraum präsent sein. Diese werden wir noch thematisch ergänzen (z.B. Geschichte der Region, Länder und Völker, Konflikte, Wüstenproblematik...). Ausstellungsbegleitende Veranstaltungen wie die Vorstellung der Esel-Initiative und Themenabende z.B. zur Wüsten- und Kriegsproblematik sind angedacht.
Wir suchen noch Ideen und Unterstützung. Bitte wendet euch an die Kultur-AG (Berthe, Andreas, Thomas, Tel. 039888-4195). Auch für das eigentliche Fest werden noch fleißige Hände gesucht.
Es besteht weiterhin die Überlegung auf Grund einer möglichen großzügigen Förderung, das Kulturfest und die begleitenden Aktivitäten in ein größeres Projekt einzubinden, welches unter den Arbeitstitel Wüste-Wasser-Wald" ab August für 3 bis 5 Monate stattfinden könnte. Es gibt da bisher nur erste Gedanken über weitere Ausstellungen und Veranstaltungen, die sich ab September aus verschiedenen Richtungen dem komplexen Thema nähern sollen. Auch hier ist ein Einbringen vieler Ideen und vor allem tatkräftiger Verwirklichungen erwünscht. Kontakt hierfür läuft über Klaus-Peter und mich (V4-Büro).
Die Esel-Initiative wurde 1995 gegründet, um Not leidende allein erziehende Frauen in Eritrea durch gespendete Esel bei den ständig notwendigen Wassertransporten zu unterstützen. Auf Grund des langjährigen Krieges sind viele Männer tot, 30 % der Haushalte werden allein von Frauen geführt. Der Waldanteil hat seit den zwanziger Jahren von 30 % auf 2 % abgenommen, und mit dem Verschwinden des Waldes ist die Dürre gekommen. Wasser muss über weite Strecken geschleppt werden.
Projektpartnerin der Esel-Initiative ist die Nationale Frauenunion Eritreas (Hamade), die von ehemaligen Partisaninnen gegründet wurde.
Brauchen wir eine Gemeinschaft? Jedenfalls hat es nun eine Zukunftswerkstatt. Wir
wollen an die sehr gelungene Zukunftswerkstatt, mit der
ÖKOSTADT im nördlichen Brandenburg, in Neuglobsow bei
Fürstenberg 1993 gestartet ist, anknüpfen, neu starten _ diesmal bei
Ingrid und Gerd in Altthymen bei Fürstenberg von Freitag, 22.
bis Sonntag, 24. Juni 2001. Als Moderator steht uns Manuel
Goße zur Verfügung. Die Werkstatt soll für alle
ÖKOSTÄDTERinnen ebenso offen sein wie für an ÖKOSTADT Interessierte.
Die Zukunftswerkstatt soll in entspannter und
ausgeruhter Atmosphäre stattfinden, und zwar in einer Umgebung,
deren Schönheit einen das Herz höher schlagen lassen kann.
Durch eine durchgängige Kinderbetreuung wird auch Familien
die Teilnahme möglich sein. Es wird Platz für 30 Personen sein.
Wer mit dem Zug kommt und die neun Kilometer von
Fürstenberg nicht laufen und kein Fahrrad mitnehmen will, kann vom
Bahnhof abgeholt werden (bitte vorher in Altthymen anrufen).
Für Freitag Abend möchten wir es vor allem
ermöglichen, dass die Eintreffenden mit einander warm werden und sich
informell miteinander austauschen. Wer es unbedingt will,
kann natürlich auch erst am nächsten Morgen kommen. Um
neun Uhr nach dem Frühstück stellen wir die Methode der
Zukunftswerkstatt noch einmal kurz vor und schlagen Spielregeln
vor, über die wir uns möglichst schnell einig werden. Ab ca.
9.30 Uhr möchten wir mit der Kritikphase beginnen, in der
sowohl Kritik als auch Lob an ÖKOSTADT geübt werden kann.
Wir planen hierzu den Einsatz der Kärtchentechnik, um auch
weniger Lautstarken eine Beteiligung zu ermöglichen. Durch
die bildliche oder schriftliche Darstellung sind die Punkte für
alle sichtbar festgehalten. Für 12.30 sehen wir ein
schmackhaftes, vollwertiges Mittagessen vor und im Anschluss bis 15 Uhr
die Möglichkeit, sich zu erholen und in der wunderschönen
Umgebung spazieren zu gehen oder zu einem See zu radeln. Um
15 Uhr folgt dann die Phantasiephase, in der wiederum mit
Kärtchen, Flipcharts und anderen Medien der Phantasie für
eine lebendige ÖKOSTADT-Gemeinschaft (oder
Nicht-Gemeinschaft?) freier Lauf gegeben werden soll. Um 19 Uhr wird
das Abendessen folgen, um dann den Abend entspannt und
informell begehen zu können. Am Sonntag um 9 Uhr nach dem
Frühstück kommt die Umsetzungsphase, in der wir aus den
Ergebnissen der Phantasiephase heraus konkrete Forderungen
an uns als ÖKOSTADT formulieren. Nach dem Mittagessen,
etwa um zwei, soll noch die Möglichkeit zu einer kurzen
Auswertung bestehen. Ab 15 Uhr ist die Heimreise vorgesehen. Die
Ergebnisse der Zukunftswerkstatt werden in einer
Sonderausgabe der ÖN veröffentlicht.
Gerd Hinrichsen Zukunftswerkstatt am 22. bis 24.06.2001 in Altthymen
Anmeldung bitte bis 17. Juni bei Ingrid Stern und
Gerd Hinrichsen, Dorfstr. 18, 16798 Altthymen, Tel. (033093) 38118,
Fax (033093) 32036, E-mail: altthymen (Klammeraffe) oekostadt-online.de.
In der letzten ÖN-Ausgabe (Nr. 32) gab es hierzu einen
Artikel. Trotzdem sei an dieser Stelle zwecks einer
Kurzbeschreibung Hannes Linck aus der ÖN 4 zitiert: Was ist
eine Zukunftswerkstatt? Jeder hat schon die Erfahrung
gemacht, ob im Seminar, in der Arbeitsgruppe, am Kneipentisch:
endlose Diskussionen, kaum einer kann ausreden, Vielredner und
Redegewandte unterdrücken die Zaghaften _ meist kommt
nichts dabei heraus. Doch es gibt eine Methode, die von Robert
Jungk entwickelt wurde und die er als Zukunftswerkstatt
bezeichnet. Damit ist es möglich, leicht und spielerisch miteinander zu
arbeiten, gemeinsame Ideen und Projekte zu entwickeln.
Eine Zukunftswerkstatt unterteilt sich in drei Phasen. In der
Kritikphase sammeln wir Vorbehalte, Ängste und negative
Erfahrungen, kurzum: unseren Unmut zum Thema. In der
folgenden Utopiephase verlassen wir die eingefahrenen Bahnen der
Problemlösung. Statt gleich Forderungen zu formulieren,
entwerfen wir die Utopie einer Welt, in der die gesammelte Kritik
gegenstandslos ist. Dadurch stellen wir die Probleme in
größere und neue Zusammenhänge. Erst danach, in
der Verwirklichungsphase stellen wir konkrete Forderungen auf
und entwerfen machbare Projekte, die uns unserer Utopie
einen Schritt näher bringen." (Hannes Linck, ÖN 4 / März 1993,
nach einem Faltblatt der Zukunftswerkstätten Berlin)
Wir geben an dieser Stelle einen Bericht über die
Zukunftswerkstatt von ÖKOSTADT 1993 wieder. Dies war zu einer
Zeit, als ÖKOSTADT mit dem Beginn der Verwirklichung
seines Siedlungsprojektes auf dem Faserstoff-Gelände der
sowjetischen Armee in Fürstenberg noch im selben Jahr rechnete.
Wie wir wissen, endete der Traum am Ende des Jahres auf
Grund des fehlenden Interesses der Stadt und ihrer
EinwohnerInnen. Der Unterschied heute ist: Wir wollen nicht nur nach
Lychen, wir sind bereits da. Es liegt also auch an uns, was wir
gemeinsam daraus machen.
Unsere Zukunftswerkstatt für die ÖKOSTADT
Ziemlich abgekämpft und mit gemischten Erwartungen
reisten am 24. April 22 ÖKOSTADT-AktivistInnen mit
einigen Kindern zu der angekündigten Zukunftswerkstatt
in Neuglobsow an. Wir wollten uns gemeinsam mit den
beiden Moderatorinnen Susanne Petersen und Sigrun Wunderlich
über die Zukunft unseres Projekts Gedanken machen und die
nächsten Schritte beraten. Bereits bei einem Vorbereitungstreffen
in Berlin hatten wir mit Susanne und Sigrun einen
vorläufigen Themenkatalog erarbeitet. In Neuglobsow waren die
äußeren Bedingungen für das Gelingen denkbar günstig: Das
warme Frühlingswetter, die wunderschöne Umgebung (die
vielen Wälder und der kristallklare Stechlinsee) und die
angenehme Unterbringung in der Pension hob schnell unsere
Stimmung. Zudem konnten wir unsere Werkstatt praktisch im Freien
abhalten. Die Zukunftswerkstatt begann am Freitagabend mit
der Aufarbeitung unserer Sorgen und Kritiken, die wir kurz
formulierten und an eine Wand hefteten. Solche Bedenken
waren z.B.: Mangelnder Zusammenhalt in der Gruppe; Pleite;
Fehlende Verbindung zu den ansässigen Einwohnern; Ewige
Diskussionen ohne praktische Ergebnisse u.ä. Aus der
gruppenweisen Besprechung dieser Bedenken ergaben sich dann
thematische Arbeitskreise, die am Sonnabend an eine
Aufarbeitung gingen. Schwerpunkte waren die Finanzsituation,
die Befindlichkeiten der Einzelnen, der Zusammenhalt in der
Gruppe und das Verhältnis zu den bereits ansässigen
Einwohnern des zukünftigen Standorts der ÖKOSTADT. Bei dem
Abschluss der Kritikphase am Samstagmittag berichteten alle
Arbeitsgruppen über ihre Diskussionen. Die Standort-Kontakt-Gruppe
hatte sogar kurze Interviews mit Bewohnern eines möglichen
Standortes machen können. Aus der Befragung ergab sich, dass
für die Leute eine Vielzahl von Problemen existieren, die einer
möglichen gemeinsamen Bearbeitung harren. So kamen immer
wieder die starke Verkehrsbelastung durch eine Bundesstraße,
das mangelnde Freizeit- und Kulturangebot, sehr viel
sanierungsbedürftiger Wohnraum und fehlende Arbeitsplätze zur
Sprache. Die vielen Militärflächen in und um die Stadt wurden
von allen als ein nicht allein zu bewältigendes Problem benannt.
Am Samstagnachmittag folgte die Phantasiephase. Dort
versuchten wir, von den uns bedrängenden Problemen abzusehen
und Träume - entsprechend den Arbeitsthemen - zu entwickeln.
Die Resultate präsentierten wir auf einem abendlichen Fest auf
dem Stechlinsee. Die Stimmung war unheimlich schön - der
Sonnenuntergang, die Kerzen, das Gefühl der Nähe und der
Gemeinsamkeit und v.a. die kurzen Vorstellungen ließen uns fast
abheben.
Am nächsten Vormittag erwartete uns aber in
der Realisierungsphase noch ein großes Stück Arbeit. Nun galt
es, einen Teil dieser Utopien der Realität näher zu bringen. In
drei Gruppen, die einander ergänzten, wurden erste konkrete
Schritte umrissen, Verantwortlichkeiten und Termine festgelegt.
So bereiteten wir z.B. die Ausgestaltung der
ÖKOSTADT-Info-Abende der Arbeitsgruppen, ein gemeinsames Zeltlager
zu Pfingsten u.ä. Maßnahmen vor. Für die Klärung der
Finanzprobleme wurde die Durchführung eines Geld-Seminars
und die Eröffnung eines Beteiligungsfonds in Angriff
genommen. An konkreten Projekten gab es außerdem die Suche nach
einem auszugestaltenden Stützpunkt an einem
ausgewählten Standort und ein Sommercamp. Da hier nicht die ganze
Vielfalt der Vorschläge und Maßnahmen vorgestellt werden kann,
sei auf die großen Wandzeitungen verwiesen, die wir
abschließend diskutierten und wo alles festgehalten ist. Sie können
im ÖKOSTADT-Büro eingesehen werden. Insgesamt war
dieses Wochenende für uns alle äußerst ermutigend und hat uns
bei der Bewältigung der weiteren Arbeitsschritte viel
geholfen. Kamen doch hier Sachverstand, Engagement und der Wille
zur Gemeinschaft zusammen. Auch für den weiteren Weg
unseres Projektes sollten wir auf diese Methode zurückgreifen,
denn sie lässt sie sich auch ohne weiteres im kleineren Rahmen
anwenden.
Ich unterstütze seit ca. 2 Jahren die Kampagne
x-tausendmal quer" _ für eine gewaltfreie Blockade des
nächsten Castortransports.
Am 24.3. fuhr ich nach Lüneburg zur
Auftaktkundgebung gegen den geplanten Castortransport La Hague -
Gorleben. Die Beteiligung lag bei ca. 15000 Menschen, ich kam
allerdings erst gegen Ende der Kundgebung an.
Nachdem ich genug durchgefroren war, suchte ich den
Sammelpunkt auf, von dem wir mit einem Bus ins
x-tausendmal quer"-Lager bei Wendisch Evern gefahren wurden. Im
Vorfeld waren ja alle Camps verboten wurden. Auf einen Parkplatz
zwischen Wendisch und Deutsch Evern wurde eine
Dauerversammlung genehmigt. Die Versorgungsinfrastruktur
durfte aufgebaut werden, Zelte zum Schlafen allerdings nicht.
Auch Autos waren dort verboten, schwierig für Leute, die
vorhatten im Auto zu schlafen.
Auf Grund der Campverbote öffneten viele Kirchen der
Region ihre Pforten für AtomkraftgegnerInnen. Für den
Abend wurde für die Menschen (mittlerweile ca. 300 in
Wendisch Evern), die nicht im Freien übernachten wollten, ein
Bustransport zurück nach Lüneburg organisiert. Auf der Fahrt und
anschließend in der Johanniskirche Lüneburg freundete ich mich
mit Christoph und Till aus Essen an. Den Abend verbrachten
wir bei einem Einschlafbier an der Bar des Medlay", hörten
live eine Lüneburger Dixielandband (die waren Klasse!).
Nach der morgendlichen Begrüßung durch ein
kraftvolles Orgelspiel in dieser riesigen Kirche ging es per
Schienenersatzverkehr (die Strecke wurde wegen des Castrotransportes
und den erwarteten Protesten nicht befahren) oder Privatautos
zurück nach Wendisch Evern. Lennard aus Essen stieß noch
zu uns. Auf Grund unserer gegenseitigen Symphatien
entschlossen wir 4 uns, eine Untergruppe zu bilden. x-tausendmal
quer" baut ja auf dem Prinzip der Bezugsgruppen auf, die etwa
10 Mitglieder haben sollen. Pro Bezugsgruppe wird ein
Delegierter gewählt, mit diesem Prinzip sollen Entscheidungen
relativ zügig und möglichst im Konsens getroffen werden. Bis
zum Beginn von Vorstellung des SprecherInnenrates, Bezugsgruppenfindung und gewaltfreien
Aktionstrainings versammelten sich gut 300 Leute. Dies war für uns
allerdings eine enttäuschende Zahl, da es ja immerhin mehr als 2500
Absichtserklärungen gab, bei x-tausendmal quer" den
CASTOR zu blockieren. Dafür war die Stimmung unter den bisher
Angereisten gut, ich verspürte Lust, mit den vielen
symphatischen Leuten gemeinsame Aktionen zu machen.
Die Zeit schlich dahin, die Kälte kroch in die Glieder,
während wir uns vielerlei theoretisches anhörten. Unser
Vorschlag, ein spontanes Jogging Richtung Wendisch Evern zu
machen, um uns und die Polizei zu erwärmen, um zu sehen, ob
letztere überhaupt reagiert, verhallte ungehört, paßte ja auch nicht
in den Zeitplan. Ich traf eine Bekannte von den
Pfingstradtouren auf Rügen. Die Rostockerin machte mit uns vieren einen
Spaziergang Richtung Wald. Dort begann gleich ein
Übungsgelände der Bundeswehr, wir entdeckten die Einfahrt
zum Biwakplatz Breslau"! Unterwegs ließen wir unserer
Unzufriedenheit über x-tausendmal quer" freien Lauf.
Hauptkritikpunkte waren: zu wenig Leute (vielleicht auch, weil nicht offensiv
ein akzeptabler Campplatz besetzt wurde), zu feste Strukturen _
zu wenig spontanes Agieren, kein Kampfgeist gegen die
schikanösen Auflagen der Polizei ( z. B. daß alle Zelte aufbauen
oder wir den Versammlungsplatz in den Ort oder Richtung
Wendland verlagern), das Harmoniegetue einiger SprecherInnen...
Während Till und Chris trotzdem eher bleiben wollten, waren
wir anderen für eine Dannenberg-Besichtigung. Meine
Bekannte fand gleich eine Mitfahrgelegenheit, wir anderen machten
erst mal die gewaltfreien Aktionstrainings mit. Wir übten in
Gruppen verschiedene Situationen, z. B. wie die Polizei
Blockierer wegträgt oder wie DemonstrantInnen durch eine
Polizeikette laufen, möglichst ohne aggressiv auf die Polizei zu wirken.
Dadurch wurde uns wenigstens warm.
Am Nachmittag machten wir vier eine Ortsbesichtigung
in Wendisch Evern, vor allem in Hinblick auf den Bahndamm
und die Brücken (Räumpanzer und Wasserwerfer gehörten
zur Standardeinrichtung jedes Bahnübergangs), die darüber
führten. Till und Chris brachten dann Lennard und mich zur
Straße Richtung Dannenberg. Binnen 5 Minuten saßen wir in
einem Auto. Ein Päarchen, das eigentlich nach Hitzacker wollte,
fuhr uns nach Dannenberg. Bei der Ankunft sahen wir noch
die Reste der Stunkparade, bei der ca. 600 Traktoren und
Zugmaschinen rollten, um gegen den bevorstehenden Transport
zu protestieren. Lennard und ich trafen gleich auf Schüler, die
die hiesige Turnhalle seit Freitag besetzt hielten _ als
Schlafquartier für die AtomkraftgegnerInnen. Auch dies war eine
Solidaritätsaktion gegen die Campverbote.
Während Lennard schlief, besichtigte ich die von der
BI Lüchow-Dannenberg gepachtete Esso-Wiese". Hier
standen Wohnwagen (Infomobil, Schlafplatzbörse), Zelte,
Suppenküchen, Traktoren, Toiletten bis hin zu Verkaufsständen mit
Ansteckern, Aufklebern, T-Shirts und Pullovern, also eine
grundlegende Infrastruktur. Ich las die neuesten Informationen,
vor allem über den Zwischenfall bei der Stunkparade, als ein
stadtbekannter Rechtsradikaler mit seinem Auto eine
zuschauende Frau an- und überfuhr. Sie kam schwer verletzt ins
Krankenhaus, er auch, da die dabeistehenden Bullen mit ihm nicht
sehr zimperlich umgingen.
Wieder in der Turnhalle traf ich Peter aus Wuppertal,
wir hatten uns schon in Lüneburg kennengelernt. Gemeinsam
mit Lennard liefen wir Richtung APEC-Disco, wo das Konzert
mit Neues Glas aus alten Scherben" stattfinden sollte.
Plötzlich standen Till und Chris vor uns. Sie hatten sich
entschlossen, uns nachzutrampen. Die Disco war gerammelt voll mit
einem eher untypischen Publikum. Das Konzert selbst berührte
mich nicht so, die Scherben-Versionen gefallen mir besser.
Obwohl so viele Leute beisammen waren, entstand danach leider
keine Aktion.
Während Till und Chris zeitig lostrampten, um nichts
zu verpassen, ließen wir anderen es geruhsamer angehen.
Den Termin 9 Uhr hielt ich auf Grund vieler Übernachtungen in
Lüneburg für unrealistisch. Das Wetter war uns endlich
wohlgesonnen, die Sonne lachte, als Peter, Lennard und ich
zur Bundesstraße liefen. Wir ließen den Großteil unseres
Gepäcks in der Turnhalle (es hatten ca. 220 Leute übernachtet), da
sich unser Aktionsradius mehr nach Dannenberg verlagern sollte.
Wir waren noch nicht mal auf der Ausfallstraße, als
schon ein Auto hielt, eine Reporterin der Berliner Zeitung fuhr
uns nach Wendisch Evern. Sie begleitete dort eine
Bezugsgruppe für eine Reportage. Natürlich sprachen wir auch über das
Konzept von x-tausendmal quer", sie fand es Retro", wir
nicht, hätten eher den Begriff Pseudo" gelten lassen. Die Idee
einer großen friedlichen Blockade sprach uns immer noch aus
dem Herzen, aber dieses gesamte gewaltfreie Konzept bringt
natürlich für Presseleute wenig verkaufbare Bilder. Dank ihres
Presseausweises fuhren wir direkt zum Versammlungsort, der
mittlerweile gut gefüllt war (ca. 800 _ 1000 Leute). Wir trafen
Till und Chris, die sich mittlerweile mit anderen zur
Bezugsgruppe Strohsack" zusammengeschlossen hatten. Bei den
ganzen symphatischen Leuten (Boris aus Essen, Klaus aus
Österreich, Wolfgang und Ralf aus Dresden, Felix und Raul aus
Frankfurt/M.) waren wir sofort dabei. Chris, Lennard, Boris, Klaus
und ich entschlossen uns zu einem Spaziergang. Am
Biwakplatz Breslau" vorbei schlenderten wir durch Feld und Wald
Richtung Wendisch Evern, argwöhnisch beäugt von
grüngekleideten Herren. Wir besichtigen noch die 3. Brücke
über das Gleis (Richtung Wendland). Dort standen
Wilhelmshavener Polizisten, mit denen wir schwatzten. Witzigerweise war
auf ihren Helmen immer ein Bulle zu sehen. Sie meinten, das
hat schon mit ihrem Spitznamen zu tun. Wir entschlossen uns,
am Bahndamm entlang (das Gleis verläuft in einem tiefen
Einschnitt) zur mittleren Brücke und dann zurück zu laufen. Der Weg
endete in einem kleinen Wäldchen, dort war auch eine ideale
Stelle für eine Gleisblockade. Während wir weiter durchs
Gestrüpp kletterten, wurde auf der anderen Seite schon der BGS
nervös und versuchte uns zu filmen. Sie empfingen uns an der
Straße, es gab erst einmal eine Personalienüberprüfung, in der
Zeit diskutierten wir mit ihnen über den Sinn und Unsinn
von AKW´s und Castortransporten. Gängige, immer
wiederkehrende Argumentationen bei den Bullen: Wenn bei uns zu
Hause Atommüll gelagert werden sollte, würde ich auch anders
gekleidet auf der Straße stehen und demonstrieren, aber ich
habe Familie und kann meinen Job nicht auf´s Spiel setzen.
Mittlerweile war es so spät, daß wir das Mittagessen verpaßten.
Wir mußten eilen, denn 13 Uhr startete die Aktion.
Plötzlich ging es los, vielleicht 800 Leute im Eilmarsch
übers Feld, durch Wald, über Wiesen und Koppeln, an
Wendisch Evern östlich vorbei Richtung Gleis. Presse und
Kameraleute umschwärmten uns zahlreich.
Ein Polizeihubschrauber kreiste über uns. Wir hasteten ca
3 km, bis wir zum Gleiseinschnitt kamen. Das Unglaubliche
war geschehen: Die Bullen waren nicht in der Lage, ihre
zahllosen Fahrzeuge vom Ort die 500 m bis zur entsprechenden Stelle
zu fahren. Nur zwei Wannen" aus Oldenburg standen da,
die hatten natürlich keine Chance. Also hinab den ca. 10
Meter hohen Wall und bequemes Niederlassen auf den Gleisen.
Mitgebrachte Strohsäcke dienten als Sitzunterlage.
Die Oldenburger Polizisten waren nicht nur am
schlauesten, sondern auch sehr angenehm. Sie sicherten gerade
unseren Abschnitt. Wir führten viele Gespräche und hofften, wenn
wir geräumt werden, daß es durch sie passiert.
Es saßen etwa 680 Leute auf dem Gleis, an den Seiten
hielten sich weitere auf, die uns versorgten bzw. anderweitig
unterstützten. Vor den zahlreichen Medienvertretern gab es
kaum ein Entrinnen. Mittlerweile begann die Polizei Kräfte
zusammen zu ziehen, BGS wurde mittels Transporthubschrauber
eingeflogen. Es sah nach schneller Räumung aus. Die Stimmung
bei uns war gut, Sonnenschein und der windgeschützte
Gleisabschnitt trugen nicht unwesentlich dazu bei.
Dann kamen vom Einsatzleiter des BGS
Aufforderungen, die Gleise zu verlassen. Delegiertenversammlungen
fanden statt. Jochen Stay _ Pressesprecher von x-tausendmal
quer" wurde als Rädelsführer" in Gewahrsam genommen.
Mittlerweile begann der BGS von beiden Seiten mit der Räumung,
sie trugen einige Leute den steilen Hang hoch, merkten
schnell, daß es so nur ganz langsam ging und anstrengend war.
Plötzlich kam ein Zug aus Richtung Lüneburg _ 3 Wagen, vorn
und hinten eine Lok. Uns war sofort klar, was das werden sollte
_ ein Gefangenenzug. 2 Gruppen verließen das Gleis, weil
sie sich nicht festnehmen lassen wollten. Auch bei uns gab
es intensive Gespräche, bestand doch die Möglichkeit, für
die Zeit des Castortransportes ausgeschaltet zu werden.
Letztendlich verließen Chris, Klaus und Boris das Gleis, nachdem
wir die Dannenberger Turnhalle als Treffpunkt ausgemacht
hatten.
Schon ertönten die ersten Rufe Wir sind friedlich, was
seid ihr?" Nicht von den angenehmen Polizisten, die die Seiten
sicherten, sondern von eingeflogenen BGS- und Leipziger
Bullen wurde die Räumung durchgeführt. Und die ging recht
unsanft von statten und mir war ganz schön mulmig zumute.
Als sie mich erst mal hochgezerrt hatten, ging ich auch
freiwillig, ließ mich nicht tragen oder gar schleifen. Der Typ, der mich
zum Zug führte, zerrte trotzdem so wild an mir rum, daß ich
wütend wurde und gar zurückschubste. Ich mußte mich bremsen,
landete letztendlich in einem Abteil mit Lennard, Till,
Wolfgang, Ralf und einen weiteren Strohsack" aus Melle _ mit
Bewachung davor. Das Fenster war verschlossen, aber als wir
sahen, wie hart manche angefaßt wurden, hämmerten wir
immer wieder vor die Scheibe und regten uns darüber auf, daß
die dabeistehenden Konfliktlotsen" der Kirche den Mund
nicht aufmachten.
Bis der Zug mit über 200 Leuten gefüllt war, verging
bestimmt noch 1 Stunde. Wir hatten mittlerweile eine nette
Polizistin aus Lüneburg vor der offenen Abteiltür, die Stimmung
stieg, wir erzählten uns lustige Geschichten, vor allem darüber,
wie der gute alte C. K." (Christoph K.) uns herausholen wird.
Endlich setzte sich der Zug langsam Richtung Lüneburg
in Bewegung. Gegen 20 Uhr rollten wir auf den kleineren
Westbahnhof gegenüber dem Hauptbahnhof in Lüneburg ein.
Jetzt begann eine elende Warterei, fast 2 Stunden für uns.
Abteilweise wurden 6 Leute rausgeführt, wir waren im letzten Wagen.
Draußen standen 5 Reisebusse, davor wurden unsere
Personalien aufgenommen, wir wurden fotografiert und das Gepäck
durchsucht.
Lennard, Till und ich landeten im 4. Bus. Auf dem
Bahnhofsvorplatz hatten sich ca.100 Menschen angesammelt,
die gegen unsere Festnahme protestierten. Plötzlich kam aus
dem Hauptbahnhof eine Band, vor allem mit Blasinstrumenten,
die dann neben den Bussen spielten. Draußen begann eine
Tanzparty und wir machten auch mit, brachten die Busse zum
Schaukeln, die Stimmung war grandios.
Dann starteten die ersten 3 Busse, unter den Protesten
der Außenstehenden, doch unser sprang nicht an. Es dauerte
noch mal 30 min., ehe ein Reparaturdienst kam. Unseren
Aufforderungen, den Bullen nicht zu helfen, kam er leider nicht
nach. Überhaupt verweigerte sich niemand, z. B. Lokführer,
Busfahrer...
Dann fuhren wir los. Nach einer ganzen Weile bekamen
wir aus dem ersten Bus die Info, daß sie in Soltau _ mehr als 50
km westlich von Lüneburg _ rausgeschmissen worden sind.
Es war ihnen wohl zu teuer und zu anstrengend, so viele Leute
in Gewahrsam zu nehmen. Wir (ca. 40 Leute) wurden
bis Schneverdingen gefahren und dort nach Mitternacht bei _ 4
°C abgesetzt. Ich war froh, wegzukommen von den Bullen,
andere verweigerten das Aussteigen, wollten zurückgefahren
werden. Erst bei der Erpressung, sie noch 30 km weiter zu fahren,
stiegen alle aus.
Wir sammelten uns, 2 Frauen waren von Lüneburg aus
nachgefahren, mit ihnen und mit einem Einwohner der anbot, 4
Leute nach Lüneburg zu fahren, kamen die ersten Leute weg.
Weitere Fahrten wurden per Handy organisiert. Mittlerweile
war einer von uns in die Kirche gleich nebenan gegangen. Der
Pfarrer und seine Frau zeigten sich sofort solidarisch, luden
uns ein. In zwei großen Gemeinderäumen konnten wir uns
aufhalten, viele legten sich hin. Die Pfarrersleute brachten
Gebäck, Wasser und Saft, kochten Kaffee und
Tee. Schon kamen weitere Abholautos. Die Autos fuhren nach Wendisch Evern,
was uns - Till, Lennard und mir - nichts nützte, da unser Gepäck in Dannenberg
war. Zum Glück kam noch einer, der mit seinem Kumpel nach Kalbe (Altmark)
fuhr. Sie brachten uns nach Dannenberg. Ca. 4 Uhr lagen wir endlich wieder in der
Turnhalle.
Relativ zeitig wurden wir durch das Getümmel in der Turnhalle (ca. 600
Leute) geweckt, denn eine Demo nach Splietau sollte stattfinden. Die
bekannt gewordene Greenpeace-Aktion an der Seerauer Brücke löste Jubel aus.
Mit Lennard, Ralf und Wolfgang lief ich bei der Demo mit. An einer großen
Kreuzung in Richtung Verladekran fand gerade eine Blockadeaktion statt (wie zur selben
Zeit auf vielen Kreuzungen im Wendland). Mit ca. 150 Leuten, einigen Traktoren,
bald auch einer Greenpeace _ Suppenküche und einem PDS-Wahlkampfauto
hielten wir die Kreuzung besetzt. Die Polizei zog sich nach anfänglichen Überwachen
wieder zurück, obwohl wir die B 161 blockierten. Höhepunkt war der Auftritt
einer Mädchentanzgruppe, die unter dem Motto Wir sind heiß auch ohne Atom"
Stimmung verbreiteten. Ein Typ vom NDR regte sich auf Alles Kinderkram". Wollte
er Randale, Blut sehen?
Da immer mehr Leute kamen, entschlossen wir vier uns,
einen Erkundungsgang Richtung Verladekran zu machen. Zuerst gingen wir zum
Bahnhof. Das Bahngelände war ringsum mit Zaun und Natodraht abgesichert _
ein unangenehmes Zeug. Sofort kreuzte auch der BGS auf. Wir schlenderten
entlang der Umzäunung weiter, vorbei an der
Pressetribüne (Hier erleben Sie live die
Einfahrt des Castorzuges."). Je dichter wir an den Verladekran kamen, desto
mehr grün Uniformierte umgaben uns. Räumpanzer und Wasserwerfer standen
in Massen herum. Wir hatten das Gefühl, in dem Bereich gibt es keine Chance
für Blockaden, schlenderten zur Bundesstraße zurück. Gerade da wurde das
ganze Gelände zwischen Bahngleis und Bundesstraße dichtgemacht, inklusive
der Tankstelle darin. Ein älterer Mann, der dort sein Auto abholen wollte,
wurde rüde rumgeschubst, weil er nicht bereit war, sich dafür auszuweisen. Und 5
Minuten vorher konnten wir noch frei da lang laufen!
Wir liefen zurück zur blockierten Kreuzung, in dem Moment gab es einen
Aufbruch Richtung Verladekran mit einigen Traktoren und dem Großteil der Leute.
Wir schlossen uns an, d. h. wir ließen uns fahren. Ein Zwischenstop unterwegs
kostete wahrscheinlich wichtige Zeit, denn wir kamen bloß noch bis zu der Stelle,
an der wir eben waren, die eigentlich wichtige Kreuzung befand sich einige 100
m weiter. Doch mittlerweile hatte die Polizei alles abgesperrt. Nichts ging mehr
dahin, obwohl einige Treckerfahrer und eine Motorradgang es probierten.
Wir vier entschlossen uns, essen zu gehen und uns auf den Abend
vorzubereiten, Entspannung in einer Pizzeria. Als wir wieder rauskamen, war Zeit für die
große Kundgebung der BI am Marktplatz. Dort trafen wir mit allen
Strohsäcken" wieder zusammen. Auch Amadeus
von ÖKOSTADT" traf ich dort.
Wir erfuhren, daß in Wendisch Evern heute 1400 Leute in 2 Gruppen
versucht hatten, die Gleise zu besetzen. Ca. 300 Leute wurden wieder per
Gefangenenzug abtransportiert in den Westen, eine
Gruppe wurde von den Schienen"
geknüppelt. Es wundert mich nicht, daß
gerade die gewaltfreien Demonstranten kriminalisiert werden.
Den Auftakt der Kundgebung machte Pfarrer Adler mit einer
aufwühlenden Rede über die Bosheit und die
Dummheit, über die Liebe und die Klugheit. Auch die Vorsitzende der BI sprach
aufrüttelnde Worte. Dann setzten sich tausende von Menschen in Bewegung,
Richtung Verladekram, wo die Kreuzung immer noch besetzt gehalten wurde.
Mit vielen anderen dachten wir _ wir müssen auf die Gleise _ also vorher
abbiegen. Tatsächlich bog vor der Essowiese"
die Spitze des Zuges ab, Richtung Gleise. Und wir _ sehr weit vorne _ natürlich
hinterher. Doch plötzlich lösten sich aus
der Spitze ca. 30 vermummte Gestalten, die mit brachialer Gewalt einen
Polizei-VW-Bus angriffen, der an der Seite stand.
Steine, Flaschen und wohl auch ein Gullideckel flogen, Sylvesterraketen
wurden in die zerstörten Fenster geschossen. Sekunden später war es vorbei,
wir waren stehen geblieben, total sauer über diesen sinnlosen Gewaltsausbruch
gegen Menschen, und die Gleisbesetzung hatte sich auch erledigt.
Wir liefen zurück, und plötzlich
stürmte ein Trupp der schwarzgekleideten SEKler (Sondereinsatzkommando) in
die Demo. Wie Kampfhunde sprangen sie ständig mit ihren Knüppeln vor, ich
hatte zu tun, mich außer Reichweite zu
halten. Die Situation war auf´s äußerste
gespannt, denn mittlerweile waren sie von Demonstranten umringt. Langsam
bewegten wir uns im Halbkreis um sie
vorwärts. Endlich beruhigte sich alles, doch zu
einem weiteren Gleisbesetzungsversuch kam es nicht. Der Demozug ging
weiter bis zur letzten besetzten Kreuzung. Ab da war alles weiträumig abgesperrt.
Wir versuchten noch über die Felder zu kommen, doch wieder eröffneten
vermummte Idioten das Feuer mit Steinen, Flaschen, Sylvesterraketen. Ich denke,
es waren auch hier nicht mehr als 30 Gestalten, die dieser Art aus einem Rohbau
aus agierten. Sie gefährdeten genauso uns Demonstranten wie die Polizei.
Diese stürmte massiv und unterstützt mit
Wasserwerfern auf die Wiese. Letztendlich wurden wir alle zurück zur Straße
gedrängt. Selbst der Wall an der Straße,
auf dem ca. 1000 Menschen Platz gefunden hatten, wurde rabiat mit
Wasserwerfern und Runterschubsen von dem steilen Hang geräumt.
In dem ganzen Gedränge waren noch Till, Ralf, Wolfgang und ich
zusammengeblieben. Wir diskutierten mit Hamburger PolizistInnen, die unsere Ecke
absicherten. Auf das Argument: Wie es in den Wald hineinruft, so kommt es
auch wieder zurück" zählten wir die
ganzen Polizeiübergriffe und _schikanen auf,
die wir bisher erlebt hatten und denen immer kein Angriff auf die Polizei
vorausging. Zumindest eine Polizistin schien sich
das Gesagte zu Herzen zu nehmen. Die Stimmung wurde ruhiger. Es gab Musik,
Leute tanzten. Wir spielten zum Aufwärmen mit einer Büchse Fußball. Später gab
es die umjubelte Durchsage von den einbetonierten Robin Wood-Leuten und
das sich dadurch der Castor ca. 1 Tag verspäten wird. Außerdem kam die
Information, daß eine Pastorin beobachtet
hatte, wie die Polizei mit Flaschen und Dachlatten bewaffnete, als Autonome
verkleidete Provokateure in die Demo einschleuste, und zwar kurz bevor die
Bullenwagen gestürmt wurden! Sollten so die
Bilder fürs Fernsehen und die
Kriminalisierung der AKW-GegnerInnen erreicht werden?
Der Castor ließ sich Zeit, so schliefen Lennard, Chris, Till, Boris, Klaus und
ich in der mittlerweile überfüllten
Turnhalle aus (die anderen Strohsäcke"
waren früh schon voller Elan), aßen
ausgiebig Frühstück und regten uns über Artikel
in der hiesigen Elbe-Jeetzel-Zeitung"
auf, die bei beiden Angriffen auf die Polizei von 300 _ 400 Chaoten sprach. Also
wir alle wurden mitgezählt, obwohl wir gar nichts damit zu tun hatten.
Die Mittagszeit rückte heran, als wir erst zum Infoladen und dann zur
Esso-Wiese" spazierten. Gespräche,
neuester Informationsstand, plötzlich wurde durchgesagt, daß bei Süschendorf
eine Gleisblockade stattfindet. Viele Autos fuhren, wir trampten mit. Ein
eindrucksvolles Bild, als wir in der Nähe der
Blockade hunderte von Autos auf den Feldern herumstehen sahen. Von
überallher kamen Leute angeströmt. Wir kamen
zum Gleis, hunderte von Menschen saßen darauf, viele standen herum, auch
zahlreich Presse war anwesend. Das Loch von den Robin-Wood-Leuten war noch
zu sehen. Eine lockere bayerische Polizeikette, die uns nicht hinderte, wieder
auf den Schienen Platz zu nehmen. Wir saßen nicht lange, da begann der
BGS (ständig wurde mehr angekarrt) mit der Räumung. Ziemlich brutal wurden wir
vom Gleis geschmissen bzw. geschliffen. Doch das reichte nicht, massiv wurden wir
den Hang heraufgedrängt, weiter raus aus dem Wald und rauf auf´s Feld. Wir
versuchten immer wieder, zu den Gleisen zu gehen, doch schnell wurden
wir runtergescheucht durch BGS und auch SEK. Sie stürmten auf´s Feld, Leute
wurden umgerannt, Frauen rumgezerrt. Als wir sahen, daß eine immer größer
werdende grüne Armada auffuhr, machten wir uns Richtung Bundesstraße davon.
Es hieß, im nächsten Ort Eichdorf gibt´s
die nächste Aktion.
Mitfahrgelegenheiten fanden sich schnell. In Eichdorf gab es eine
genehmigte Mahnwache, dort standen vielleicht 200 _ 300 Menschen. An
verschiedenen Stellen liefen Leute über die
Felder Richtung Gleis, beschäftigten den BGS. Insgesamt große Gereiztheit bei
den Bullen, die auf das Nahen des Castors hindeutete. Und da wurde auch der
Zug sichtbar. Wir liefen ihm voraus, an den Gleisen entlang, immer wieder für
Sprinteinlagen beim BGS sorgend.
Dann fuhr er an mir vorbei, es war nicht dieses eklige Gefühl wie in
Ahaus, allerdings war mir hinterher ganz
schön flau im Magen. 2 Leute von der BI nahmen mich mit nach Dannenberg
(wir Strohsäcke" waren mittlerweile
vereinzelt), intensive Gespräche im Auto, bis wir beim Treffpunkt Esso-Wiese"
landeten. Mit Stops _ immer wieder waren Leute auf den Schienen _ rückte der
Zug, den wir überholt hatten, langsam
näher. Ich traf Lennard und Boris,
schlenderte mit ihnen zum nächsten
Bahnübergang, an dem sich immer mehr Leute vor
der Polizeikette und den Wasserwerfern sammelten. Zahlreiche Hubschrauber
über uns deuteten das Nahen des Castors an. Eine unwirkliche Stimmung. Und
dann kam er, ein gellendes Pfeifkonzert, viele Menschen mit Tränen. Er rollte
vorbei, plötzlich wieder Leuchtspurmunition. BGS und SEK rannten in die Menge.
Wir flohen Richtung Tankstelle gegenüber der Wiese. Wasserwerfer schossen
ohne Ankündigung in die Menge. Einen Vermummten sah ich
Leuchtspurmunition abschießen und dann in eine
Seitenstraße rennen. Ein SEKler stürmte auf
mich zu, mir rutschte das Herz schon in die Hose, doch er rannte vorbei. Mit
Lennard flüchtete ich in eine Seitenstraße, und
als wir Till auf der Essowiese"
entdeckten, gingen wir dorthin, obwohl sie gerade eingekesselt wurden.
Verwundete Leute wurden versorgt, vermummte wurden aggressiv
angemacht. Obwohl sich der Polizeiring enger zog, entspannte sich nach und nach
die Stimmung. Bei Rampenplan (holländische Küche) gab´s leckeres Essen.
Zahlreiche Diskussionen mit der Polizei fanden
statt. Als wir von einem Ausgang erfuhren, gingen Lennard und ich, trafen
unterwegs auch Boris, Klaus, Rolf und Wolfgang wieder.
4.30 Uhr war Wecken in der Turnhalle. Schweres Aufstehen, denn die
ganzen Tage mit wenig Schlaf steckten in den Knochen.
Leute mit Privatautos versuchten zur geplanten x-tausendmal quer" _
Aktion nach Laase zu kommen. Wir anderen begannen 5.30 Uhr mit einer Demo
Richtung Südroute des Castortransportes, wo
wir mit der Demo aus der Stadt (BI und Kirche) zusammentreffen wollten. Doch
zuerst führte uns der Ortskundige" in
eine Sackgasse. Nach der Streiterei darüber und langen Beratungen blieben
vielleicht noch 200 Leute übrig. Wir liefen
über Felder und kleine Wege nach Splietau. Überall waren Menschen unterwegs
Richtung Gorleben. Wir erfuhren, daß der Transport losgefahren war. Jetzt
hatten wir nur noch die Chance, überhaupt ranzukommen, wenn er irgendwo
ernsthaft blockiert wird. Auf der Straße
nach Klein Gusborn _ es regnete mittlerweile _ versuchten wir immer wieder die
anfahrenden Polizeikolonnen aufzuhalten, mit Straßenblockaden, mit kleinen
Barrikaden, indem wir Holz aus dem Wald schleppten.
In Klein Gusborn erfuhren wir, daß der Castortransport am Zwischenlager
ist. Ralf, Wolfgang, Till, Lennard und ich entschlossen uns, zurückzugehen,
räumten dabei das Holz wieder von der Straße.
In der Turnhalle
Abschlußfrühstück, Adressenaustausch, mittlerweile
sehnten sich alle Strohsäcke" nach Hause.
Bis Ludwigslust per Anhalter, dann mit der Bahn fuhr ich zurück.
Nach diesen intensiven Erlebnissen fallen mir klare Urteile schwer.
Wesentlich war wohl die Demonstration, daß
der Widerstand gegen die Atomindustrie und die damit verbundenen
Castortransporte nicht schwächer geworden ist.
Enttäuscht war ich von der Beteiligung an x-tausendmal quer".
Warum sind viele Leute, die ihre Absicht zur Blockade schriftlich erklärt haben, nicht
gekommen? Lag es am Wetter, an den unwirtlichen Bedingungen in
Wendisch Evern, daran, daß vielleicht viele nur
für den Aufbau von politischem Druck unterschrieben haben?
Gorleben ist auf die Dauer nicht durchsetzbar, dazu ist der
Widerstand dort zu sehr regional verankert. Ich
habe allerdings die Befürchtung, daß nach
Alternativen gesucht wird, um die anderen Atomanlagen ungestört
weiterbetreiben zu können. Immerhin sind 15
weitere Transporte bereits für 2001
genehmigt, die meisten von AKW´s nach La
Hague bzw. Sellafield, aber auch z. B. 4 Castorbehälter von Rheinsberg
nach Lubmin im Mai.
Bei den nächsten Transporten wird sich entscheiden, ob der Druck auf
die Atomindustrie aufrecht gehalten werden kann, und die
ungelöste Endlagerproblematik endlich das
Mittel ist, um alle Atomanlagen zum Abschalten zu zwingen.
Und ich habe sympathische Menschen kennen gelernt, so können
und wollen wir Strohsäcke" beim
nächsten Mal als eingespielte Gruppe wirken.
Das Gerede von der nationalen Verantwortung (Wir" müssen
unseren" Müll zurücknehmen.) entpuppt sich
als Heuchelei und Bevölkerungsverdummung, jedenfalls für
diejenigen, die es vorher nicht wahrhaben wollten. Kaum standen die 6 Castorbehälter
im Zwischenlager Gorleben, wurde und wird mit fieberhafter Betriebsamkeit
darangegangen, Transporte von den an Atommüll erstickenden AKW`s zu den
größten radioaktiven Dreckschleudern
Europas (WAA La Hague, WAA Sellafield) durchzuprügeln. Wo bleibt die
Verantwortung, wenn Menschen, Landschaften, Luft, Meere... in Frankreich und
Großbritannien durch unseren" Müll
verseucht werden?
Diese verbrecherischen Transporte sorgen dafür, daß wir uns im Herbst
diesen Jahres und noch viele Jahre lang wieder die Mär von unserem" Müll,
den wir" zurückholen müssen, anhören
können. Vielleicht geschieht dies dann Richtung Lubmin (gar auf dem Seeweg? -
weniger angreifbar). Als Testballon dient der unsinnige Castortransport von
Rheinsberg nach Lubmin Anfang Mai.
Wir stellen uns quer!" ist solange nötig, bis der Atommafia endlich
das Handwerk gelegt wird. Es geht um die Stillegung aller Atomanlagen!
Also dann, auf die Gleise!
Vor einiger Zeit landete im Büro ein Schreiben von Herrn Rendtel, indem
er um Unterstützung gegen die geplante Marina-Erweiterung bat. Zur Zeit
erwägen Umweltverbände gegen die Marina-Erweiterung zu klagen, mit
Erfolgsaussichten, da keine
Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wurde. Dem
Schreiben beigelegt waren 2 Widerspruchsbegründungen gegen den
Befreiungsbescheid Marina Lychen (von Grüne Liga/NABU und von Ernst Pries _
liegen in der V 4 aus) Vor allem geht es um die Frage, wieviel Motorboote verträgt
der Große Lychensee? Die Umweltverbände weisen nach, daß jetzt schon die
Grenze der Belastbarkeit überschritten ist.
Bei Zunahme der bisher vorhandenen 200 Motorbootliegeplätze durch die
geplanten 90 bei der Marina ist ein Umkippen des Sees nicht mehr aufzuhalten.
Dies geschieht vor dem Hintergrund, daß auch die Zahl der Tages-/Mehrtagesgäste
per Motorboot in den letzten 7 Jahren um ca. 30 % gestiegen ist.
Hinzu kommt, daß vor einigen Wochen größtenteils ungeklärte
Abwässer in den See flossen, die Kläranlage
war durch Gifte aus der Galvanikfirma mattgesetzt wurden.
Im Februar gab es einen Verhandlungstermin bei der unteren
Naturschutzbehörde, bei dem u. a. der
Geschäftsführer der Marina, Amtsleiterin Frau
Wienhold, Vertreter der Umweltverbände und des Naturparks am Tisch saßen.
Dabei machte die Verwaltung den Kompromißvorschlag, daß entsprechend den
Festlegungen des Landschaftsplans als Ausgleich für die punktuelle
Mehrbelastung an der Marina besonders
gefährdete Buchten des Sees für den
Motorbootverkehr gesperrt werden könnten. Die Beteiligten stimmten dem Kompromiß
zu. Doch die Lychner Stadtverordneten waren damit nicht einverstanden,
insbesondere die, die Motorboote besitzen.
In letzter Zeit gab es ein paar richtig eklige Artikel gegen Ökologie und
Naturschutz in der Templiner Zeitung". Naturschützer sind
Touristenverhinderer und treiben die Stadt in den Ruin,
war da sinngemäß zu lesen. Kein Wort davon, daß die Masse der Touristen
sich motorlos in, auf und um die Seen bewegt, und daß diese sich meist sehr
gestört durch den Motorbootverkehr fühlen.
Ich meide z. B. weitestgehend die Seen, auf denen Motorboote fahren.
Nur durch Erhalt der Seen, der landschaftlichen Vielfalt, des
Artenreichtums kann sich Lychen zu einer Perle
entwickeln, die auch in folgenden Generationen noch Menschen anzieht. Insofern ist
der oben genannte Kompromißvorschlag nur das kleinere Übel, denn auch wenn
mehr Boote auf eine kleinere Fläche konzentriert werden, geht die Zerstörung
und der Lärm weiter.
Am 16.Mai wird es den nächsten Verhandlungstermin im Amt Lychen
geben. Wer auf dem Laufenden über das Thema bleiben möchte, melde sich im
Lychener Büro.
Nach Angaben der Bahn AG wird (auf Drängen des Verkehrsverbunds
Berlin-Brandenburg) die Strecke zum Fahrplanwechsel am 10 Juni wieder in Betrieb
genommen. Wie in ÖN 32 berichtet, wurde die Einstellung technisch"
begründet. Reparaturarbeiten an der Strecke
wurden durchgeführt (gelesen im
Schienenbus"). Wir glauben es, wenn wir es
sehen. Dann herzliche Gratulation. Warum geht das eigentlich nicht mit
Fürstenberg-Lychen-Templin?
Diesmal waren es insgesamt 14 Leute, die teilnahmen. Es ging wieder am
ersten Tag zur Übernachtung nach Vietmannsdorf, wo Ortrun inzwischen
ihr fünftes Kind geboren hat und deshalb weniger Zeit für uns hatte. Nach
unserem dortigen Arbeitseinsatz fuhren wir am Freitag die 30 Kilometer über
Templin nach Lychen. Wir übernachteten
diesmal zweimal bei ÖKOSTADT in der V4. Am dritten Tag machten wir eine
Rundtour nach Neuglobsow, zum AKW Stechlinsee und nach Zechlinerhütte. Auf dem
Rückweg besuchten wir Gerd in Altthymen (Ingrid war gerade auf dem 50.
Geburtstag ihrer Schwester), der uns zusammen mit seinen Gästen von der
Berliner Naturschutzjugend im NABU zu einer Suppe einlud. Am letzten Tag ging
es besonders zügig zurück nach Berlin.
Wir badeten noch einmal in einem Torfstich bei Mildenberg. Die Strecke
zwischen Liebenwalde und Wensickendorf war wegen einer Baustelle südlich
Liebenwaldes für Autos dicht und deshalb besonders angenehm zu fahren. Darum
benutzten wir sie in beiden Richtungen (Donnerstag und Sonntag). Bereits
zwischen vier und halb fünf waren wir wieder zu Hause, und das ohne uns
abzuhetzen (wir hatten mehrere Pausen, darunter länger als eine Stunde in
Zehde-nick; Start in Lychen war kurz nach neun).
Um den dritten Tag vollständig für die Erkundung der Region und
für ÖKOSTADT zu haben, werden wir weiterhin sowohl die zweite als auch die
dritte Übernachtung wie 2001 in Lychen oder bei Gerd und Ingrid in Altthymen
machen.
Wir setzen den Abrudck der Manuskripts von
Kurt Kretschmann fort mit der Beschreibung der Lust der
Freunde am gemeinsamen Musizieren und über ihre Liebe zu Ernale. Wurde uns die Arbeit schon zur Lust, wieviel mehr
Freude mußten wir an einem Musikzirkel haben, den wir bald
zusammenbringen konnten. Wir pflegten Gesang und Spiel in
einem Maße, daß sie zu unserm Leben gehörten und nicht mehr
fortzudenken waren. Mochten wir in langen Aussprachen
über philosophische und weltanschauliche Probleme diskutieren,
der Schalk und Frohsinn unserer Jugend übertrumpfte alle
ernsten Debatten.
Wir spielten mit einer Leidenschaft und Begeisterung,
die nur der verstehen konnte, der unser fröhliches Dasein
teilte; der wie wir alle Bindungen, alle Ketten der Gesellschaft
zerrissen hatte. Von früh bis spät, vom Morgengrauen bis zur
dunklen Nacht jubilierten unsere Geigen und Lauten, besonders
als ein Zigeuner und Heidi, das frische, rotwangige Mädel,
unsern Kreis erweiterten. _ Wie merkwürdig das erste
Zusammentreffen mit dem Zigeuner war! Wir lernten ihn beim Baden
kennen. Dort kam er plötzlich aus der Tiefe des Sees herauf (er
schwamm wie ein Fisch und konnte unvorstellbar lange tauchen!),
ohne daß wir gesehen hätten, wann und wo er ins Wasser ging.
Er schüttelte seinen rotgebrannten, massigen Körper, dessen
Urwüchsigkeit erschreckte, war bald so breit wie groß
geraten, und mit Muskeln überladen, die seine Arme und Beine
dickwulstig umgaben. Wir erstarrten bei dem Anblick und
fragten uns, ob wir jemals einen derartigen Menschen gesehen
hätten, mit solchem sonderbaren Gesicht, weit zurückfliegender
Stirn, klobig-häßlicher Nase, unruhigen Augen, spitzem
schwarzem Bart und lockigem Haar, das weit über die Schultern herabfiel.
Ob Heiliger oder Räuber, das ließ sich schwer erraten,
und selbst als er zu uns zog und zwei Jahre mit im Holzhaus
lebte, wurden wir uns bis zur letzten Stunde nicht klar, in welche
Gruppe er hinein gehörte.
Das einzige was er an materiellen Gütern besaß, war
ein burschikoser, frecher Schalk, unzählige Lieder und eine
beneidenswerte Gesundheit, welche ihn in seinem
Wanderdasein die schwersten Strapazen überstehen ließ. Er hatte, wie er
kurz darauf erklärte, sein Elternhaus vor 15 Jahren verlassen
und zog nun kreuz und quer umher, war oftmals wegen
Landstreicherei aufgegriffen worden, und mochte, wenn man sich
von dem Eindruck leiten ließ, den er äußerlich hervorrief, allerlei
auf dem Kerbholz haben. Genaues ist uns davon aber nie zu
Ohren gekommen. Er wich diesbezüglichen Gesprächen aus,
ebenso jeder handfesten Arbeit, obwohl sein Körper von Kräften
strotzte und ihn zu tollen Streichen verlockte. Wenn er kein
Geld mehr hatte, fuhr er nach Berlin, spielte auf seiner Geige,
und kam mit vollen Taschen wieder.
Was haben wir über unseren Zigeuner-Hans" gelacht!
Seine phantastischen Einfälle, sein wildes Blut, das ihn zu
immer neuem Jux und Unfug führte! Er mochte tun, was er
wollte, richtig zornig konnte man über ihn nicht werden. Man
mußte ihm alles verzeihen, dem verwegenen Gesellen, der die
ganze Menschheit foppen und auf den Arm nehmen konnte.
Auch wir blieben nicht davon verschont. Er ermunterte
uns, zusammen auf große Fahrt zu gehen und entwickelte einen
Plan, nach dem wir zu dritt durch halb Europa wandern wollten.
Mit unsern Instrumenten", sagte er, spielen wir uns von Land
zu Land. Ihr werdet sehen, daß ist das schönste Leben, das es
auf Erden gibt!"
Von diesem Gedanken gepackt, musizierten wir nun Tag
für Tag und manche Nacht hindurch, übten den ganzen Winter,
um unsere Wanderung im Frühjahr zu beginnen. Als wir aufs
Beste eingespielt waren, und schon Vorkehrungen trafen, um
das Häuschen und die Bienen in andere Obhut zu bringen,
verschwand er eines schönen Tages mit der Heidi, jenem
bildschönen Mädel, das so leiblich singen und Laute spielen konnte.
Er zog mit ihr, anstatt mit uns, durch Deutschland,
ging über die Alpen, quer durch Italien bis nach Sizilien,
wanderte dann auf der anderen Seite der Halbinsel zurück, besuchte
die Riviera und Südfrankreich, tippelte in Spanien herum und
landete schließlich nach anderthalb Jahren wieder in unserer
Klause, bei den Freunden, die er so treulos verlassen hatte.
Auch Heidi kam mit ihm zurück. Leider verließ sie ihre so
anziehend wirkende Schlichtheit und Natürlichkeit und wurde zur
mondänen Dame, die statt ihrer Barfußsandale nun Lackschuhe trug.
Wir mußten die Verbindung zu ihr bald lösen.
Wir haben weder dem Zigeuner-Hans noch der Heidi
den Abstecher nachgetragen und denken noch heute gern an
jene Abende zurück, die wir mit ihnen im Kreise sangesfroher
Menschen verbrachten. Welch überreiches Leben spielte sich
damals in unserem Hüttchen ab, wenn viele Menschen
kamen und dicht gedrängt beisammen hockten, die immer wieder
neue Lieder hören und sich auch in tiefer Nacht nicht von uns
trennen wollten. Sie mochten spüren, daß unsere Freude nicht
gemacht wurde und zum Vergnügen herabsank, sondern aus
jungem, überquellendem Herzen kam. Diese Zusammenkünfte
werden ihnen wie auch uns in steter Erinnerung bleiben.
Das hier geschilderte Leben mit meinem Freund wurde
durch die Wiedereinführung der aktiven Dienstpflicht jäh
unterbrochen. Während es mir gelang, für ein Jahr zurückgesetzt
zu werden, (ich hatte vor der Musterung eine längere
bewusste Nahrungsenthaltung durchgeführt und trat dem
untersuchenden Arzt mit starkem Untergewicht entgegen, so daß er
meine Tauglichkeit anzweifelte), wurde mein Kamerad sofort
eingezogen und zwei Jahre als Soldat schikaniert. In der
Abwesenheit des Freundes verwaltete ich den Bienenstand und wohnte
mit einem Manne zusammen, der als deutscher,
buddhistischer Mönch" zu uns gekommen war. Er kam eines Tages von
der Wanderschaft, mit wallendem, kuttenähnlichem Gewande,
machte uns mit der Wahrheit des Ostens" bekannt und blieb, da
wir ihm Unterkunft boten und mit ihm diskutieren wollten.
Lange Zeit, schon vor Einberufung meines Freundes, bei uns. Er
verdiente sich den Lebensunterhalt mit Pilzen und Kräutern, die
er sammelte, trocknete und an einen Naturheilkundigen in
Berlin verkaufte. Da er wie wir, äußerst anspruchslos war, konnte
er sich auf diese Weise ernähren und in unserer Klause ein
seltsames, weltabgewandtes Dasein führen. Seine
militärfeindliche und der bürgerlichen Welt abträgliche Anschauung ließ
ihn mit uns viele Berührungspunkte finden.
Die Erinnerungen" überspringen diese Zeit, in der ich
ebenfalls, aber nur auf 5 Monate, die Bekanntschaft mit dem
Kommiß machen mußte, - darüber schrieb ich in meinem Buch
Zehn Jahre Kampf und Widerstand gegen den deutschen
Militarismus" _ und wenden sich wieder dem Freunde zu, als er aus
der Kaserne entlassen wurde und in die Freiheit zurückkehren
konnte.
Wenn ich nun versuchen will, unsere ersten
Liebeserlebnisse zu schildern, die dich vor ganz besonders
schwere Probleme stellten, und die unpersönliche Größe deines
Charakters veranschaulichen, so werde ich es nicht zu tun
vermögen, ohne deiner Freundschaft mit tiefer Dankbarkeit zu gedenken.
Obwohl ich gerade diese Ereignisse ausführlicher
bringe, sie erfüllen mich ja mit stürmischer Freude, wird es mir
dennoch schwerfallen, die seelischen Zusammenhänge klar
herauszuschälen. Wir haben zweimal denselben Frauen Neigung
und Hingabe entgegengebracht und jedesmal mußtest du dich
mit einer Freundschaft begnügen, wenn mir das Glück der Liebe
zu teil wurde. Wie du das getragen, wie du dich überwunden,
wie du den herben Schmerz bezwungen hast, kann ich nur
schwerlich wiedergeben. Es erscheint mir noch heute wunderbar,
daß dein Gemüt weder von einem Schatten verdunkelt noch
von leisester Bitternis getrübt, nach kurzem, hartem Kampf
wieder im reinsten Lichte leuchten konnte. Das Leid hat deine
Sinne nicht verfinstern können, es läuterte dein Wesen und trug
dich über alle körperlichen Schwächen hinweg zu edlem
Menschentum empor. Unsere Freundschaft war nicht eine Stunde in
Gefahr und brachte gerade in dem Augenblick der Prüfung
ihre schönste Blüte hervor: durch freiwilligen Verzicht dem
Glück des Freundes und seiner Geliebten zu dienen.
Laß mich, o Herbert, davon erzählen und die Seiten im
Buche der Vergangenheit bis zu dem Tage zurückschlagen, da
wir unsere Aufmerksamkeit zum ersten Mal einem jungen
Mädel zuwandten. Das war schon etwas besonderes, denn wir
gingen, auf Grund der Erfahrungen, die wir so nebenher
gemacht hatten, dem weiblichen Geschlecht bewußt aus dem Wege.
Alle Frauen, insbesondere die jungen Mädchen in unserem
Alter erschienen uns flach und leer. Sie waren es auch und
ödeten uns an, sobald wir einmal ein Gespräch mit ihnen führten.
Ihren Modetorheiten, Tanz- und Filminteressen konnten wir
nichts abgewinnen, und daß sie nur zu tändeln oder spielen
verstanden, wollte uns nicht gefallen. Was sollten wir mit ihnen
beginnen? Wir vermieden jede nähere Berührung und kamen in
den Verdacht weiberfeindlich" zu sein, eine Annahme, die
jeder Grundlage entbehrte. Die vielen Freuden unseres Lebens,
unsere Freiheit, Musik und Bücher entschädigten uns
reichlich für den der Welt als Opfer erscheinenden Verzicht auf die
Frauen", den wir nicht als Verlust empfinden konnten.
Diese Einstellung änderte sich erst, als Ernale kam, und
mit ihrem köstlichen Frohsinn unser beider Herzen eroberte.
Wir fanden in ihr alle jene Eigenschaften, die einem Manne
fehlen und die er braucht, um seine Anlagen harmonisch zu
ergänzen. Ihr weiches, empfängliche Gemüt ließ uns gern ihre Nähe
suchen und ohne daß wir es merkten, gewannen wir den
Glauben an die hohe Mission der Frau zurück. Sie konnte denken, ja
sie war klug und tatkräftig zugleich, und überraschte uns mit
vielen sympathischen Charakterzügen. Ihre Seele war noch
begeisterungsfähig geblieben, das entnahmen wir aber weniger
aus ihren Worten als ihren blanken Augen. Was sie uns aber
so besonders lieb und wertvoll machte, ihr stilles, immer
wirksames Dienen, ihr gütiges Wesen, ihre Hilfsbereitschaft, die
jeden, der in ihrer Nähe weilte, umfing, waren jene
Eigenschaften, die wir an den uns bisher begegneten Frauen
gesucht, aber nie gefunden hatten.
Unseren Gedanken, unserem Leben stand sie fremd,
aber nicht ablehnend gegenüber. Sie erwog und prüfte was wir
sagten und taten und wuchs uns zu, ohne daß wir je den
geringsten Versuch einer Beeinflussung unternommen hätten.
Auch ihr war die Verlogenheit der bürgerlichen Welt
aufgegangen. Sie wußte, daß der Schein trog, und daß die Wahrheit wo
anders liegen mußte. Bald hatten wir mit Ernale enge
Freundschaft geschlossen. Wie lange währte es aber, ehe sie gänzlich zu
uns kommen konnte! Wie viel Kummer und Leid mußte sie
noch ertragen, bis sich die Fesseln einer verfehlten Ehe lösten, einer Verbindung,
die sie mit einem weitaus älteren Manne eingegangen war, der sie mit schönen
Worten und Ideen betörte, und dann gewissenlos enttäuschte. Ihre Jugend, ihre
Unerfahrenheit wurden schändlich mißbraucht. Sie schenkte einem Manne
das Vertrauen, der _ bar aller männlichen Eigenschaften nichts sein Eigen nannte,
als einen Haufen phantastischer Gedanken, die er niemals durchzuführen
vermochte, und die ihn deshalb zu einem seelisch-krankhaften, ewig nörgelnden
Zeitgenossen machten.
Wie nicht anders zu erwarten war, brach die Ehe, deren Anfang und
Ende wir erlebten, innerlich schon nach wenigen Monaten zusammen. Die
offizielle Trennung fand jedoch erst nach fünf
Jahren statt.
Wenn ich heute zurückdenke, kann ich nicht verstehen, warum wir uns
nicht eher zu einem festen Entschluß
aufraffen konnten und die unmögliche
Verbindung lange Zeit hindurch noch gefördert
haben. Wir sprachen zwar viel über den unvermeidlichen Zusammenbruch der
Ehe und konnten uns nicht einmal ermuntern, an Ernale kurz vor der
entscheidenden Zusage heranzutreten und ihr die
Augen über den Mann, den wir genügend
kannten, zu öffnen. Wir sahen die dunklen Wolken ihrer Zukunft heranziehen,
und entschloßen uns doch nicht, der inneren Stimme zu folgen, und zu versuchen,
die zweifellos zum Scheitern verurteilte Heirat zu verhindern. Wenn wir auf die
Umstände hingewiesen hätten, die zur
Scheidung seiner ersten Ehe führten, bei der er auch eine klägliche Rolle spielte,
wäre es wahrscheinlich zu erreichen gewesen.
Wir waren aber zu jung, zu unerfahren in diesen Dingen und ließen uns
von dem Gedanken hemmen, daß jeder Mensch seinen eigenen Weg finden
müßte, daß man seine persönliche
Freiheit, selber zu entscheiden, nicht antasten dürfte, auch wenn sie ihn ins
Unglück führe. Diesen Standpunkt haben wir
später unter dem Eindruck aller für die
junge Frau und Mutter so schweren Enttäuschungen ändern müssen. Man darf
nicht schweigen, wenn es um das Schicksal eines guten Menschen geht, und
mitschuldig werden, indem man ihn in Unkenntnis läßt. Wie einem Wanderer,
der sich zu verirren droht, weil er das fremde Gelände nicht kennt, muß man ihm
zurufen: " Du bist auf dem falschen Wege!"
Aber wir wagten unsere Befürchtungen nicht zum Ausdruck zu bringen.
Eine unerklärliche Scheu hielt uns zurück,
wir suchten der seelischen Belastung, die wir dabei empfanden, mit billigen Worten
zu begegnen.. Erst als die Zeit in traurigster Weise bestätigte, was wir
vorausgesehen hatten, fanden wir die Kraft, den
Fehler gut zu machen und Ernale in ein neues Leben zu führen. Da hatte sie schon
selber erkannt, daß sie sich trennen
müsse. Trotzdem war unsere Hilfe nötig.
Ernale konnte den inneren Zusammenbruch nur langsam überwinden und stand mit
ihren zwei Kindern, die sie mit sich nahm, vor schweren wirtschaftlichen Nöten.
Ohne geldliche Unterstützung wäre es ihr
kaum möglich gewesen, über die Anfangsschwierigkeiten hinwegzukommen.
Daß du, mein Kamerad, sofort zur Stelle
warst, und ohne viele Worte zu machen, geholfen hast, wird sie dir nicht
vergessen. Eine Weile glaubten wir, daß Ernale,
die sich geistig schnell entwickelte, den negativen Gedankengängen ihres
Mannes entgegentreten und der Ehe eine andere, positive Richtung geben würde.
Das konnte sie nicht. Ihre weibliche Natur suchte den zielstrebigen,
kämpferischen Lebensgefährten und wollte eher die
Enttäuschung ihrer Sehnsucht
überwinden, als den Mann, der keiner war, zu
lenken und zu leiten.
In den Jahren, die die Ehe bestand, verkehrten wir viel im Hause ihres
Mannes. Unsere Lieder und unser Lachen sollten die freudlosen Tage leichter
machen. Wir wollten ihr damit sagen, du weißt, daß wir nur deinetwegen
kommen. Sei nicht so traurig. Fasse neuen Mut. Laß dir die Sonne nicht untergehen,
die auch für dich noch einmal scheinen wird.
Oft hat sie uns mit einem Blick gedankt, sich aufgerafft und die Last
ihres gequälten Herzens abgeschüttelt.
Dann sang sie wieder, fröhlich, übermütig wie in den ersten
Wochen, da sie kam, und ihr Jungmädelfrohsinn alle Welt entzückte.
Allmählich jedoch ermattete ihr Wille. Immer seltener
wurden die Stunden, da sie ihre Lage vergaß und schließlich
konnte sie weder singen noch lustig sein Ein unaufhörlicher
Verfall _ der körperlich in Krankheit und seelisch in
Gemütsdepressionen zum Ausdruck kam _ ließ sie wie eine
geknickte Blume dahinwelken.
Warum, so fragten wir uns wiederholt, lehnt sie sich
niemals auf, weshalb hält sie dem Manne die Treue, der ihrer
Liebe keine Anerkennung zollt, und niemals über sein eigenes
Ich hinwegsehen konnte. Glaubte sie noch immer, daß sich
eine Besserung einstellen würde, war sie von Mitleid beseelt
und wollte ihn nicht verlassen, weil er in seiner Schwäche nicht
mit dem Leben fertig werden konnte? Ihn, der seine Fehler
und Mängel nicht zu kennen vermochte und für ihr Opfer
weder Verständnis noch Dankbarkeit empfand? Der sie nur
geheiratet hatte, um sein graues Alter aufzuhellen und sie in jenem
Augenblick zur Entscheidung zwang, als sie heimat- und
elternlos wurde. Der wie in seinem Beruf als Bankangestellter auch
mit der Liebe spekulierte und schon wußte, warum er das 20
Jahre jüngere Mädel an sich fesselte. Der ihre Tüchtigkeit und
ihren Fleiß, ihre hauswirtschaftlichen und fraulichen
Eigenschaften erst schätzen lernte, als sie ihn verließ und trotz aller
Bettelei nicht mehr wiederkehrte. Der es so eilig mit der
Eheschließung hatte, kaum daß er Ernale kannte und aus Furcht, sie
könnte noch rechtzeitig bemerken, welcher Zwiespalt zwischen
seinen Worten und Taten lag und sich ihm dann verweigern...
täglich drängend an sie herantrat. Der mit bewußter Absicht noch
Kinder zeugte, als die Ehe schon längst in Scherben lag und
rücksichtslos über die seelische Qual hinwegging, die Ernale in
der erzwungenen körperlichen Berührung empfinden mußte,
nur um sie zu binden und gleichzeitig seine triebhaften
Bedürfnisse zu befriedigen.
Wie häufig haben wir uns diese Fragen vorgelegt und
über unsere laufenden Beobachtungen gesprochen. Immer
deutlicher sahen wir, daß Ernales sonnige Natur zugrunde ging.
Wir hatten sie so gern in unsere Mitte genommen und waren
um diesen Gewinn glücklich gewesen. Nun zeigte sich, daß
sie trotz unserer Anstrengungen ermüdete. Ihre Lieder, die sie
Tag um Tag gesungen, wurden leiser und seltener, bis die
Quelle ihrer Munterkeit gänzlich versiegte. Zwischen Anfang
und Ende lag jedoch eine Art der Selbsttäuschung, in der sie
uns mit gemachter Freude empfing, kaum daß wir, stürmisch
wie immer, über die Schwelle traten. Im Blick ihrer Augen und
im Druck ihrer Hand, die uns dankbar zu begrüßen pflegte,
mischten sich Unsicherheit und Zaghaftigkeit. Ernale begann
wie hinter einem Vorhang, einer Maske zu leben und suchte
mit krampfhafter Stimme Zufriedenheit und Frohsinn
vorzuheucheln. Das wirkte aber unnatürlich und wir bemerkten
bald, welches Leid sich dahinter versteckte. Sie wollte nicht
eingestehen, daß die eheliche Vereinigung ein unverzeihlicher
Fehler war und die sich daraus ergebenden Entschlüsse
ziehen, ohne zu ahnen, daß der innere Zerfall damit nur
beschleunigt wurde.
Du hast diese Versuche schneller als ich durchschaut.
Hinter deiner Lustigkeit verbarg sich eine scharfe
Beobachtung, die Ernale unaufhörlich begleitete, mochtest du dich auch
bei unserem Zusammensein noch so ungezwungen bewegen.
Wie schnell bestätigten sich deine Vermutungen. Ich weiß
noch, wie du eines Abends ins Hütt`le kamst, und vor innerer
Erregung nicht sprechen konntest, obwohl es dich danach
sichtlich drängte. Ich ahnte, daß du etwas Besonderes
wahrgenommen haben mußtest, was dich tief erschüttert hatte und
deine lieben Augen mit Tränen füllte. Leise kam ich auf dich zu,
du standest mitten im Raum und zucktest vor Qual, legte
meine Arme um deinen Hals und stellte die Frage: Ernale?"
Still hast du damals deinen Kopf gesenkt und dann
gesagt: Komm auf unser Lager, ich will es dir erzählen." Als wir
in unsere Decken eingehüllt waren, gabst du mir folgenden
Bericht: Nachdem ich sie heute Abend sah, habe ich keine
Hoffnung mehr. Denke dir, sie saß am Tisch in der Küche und
spielte Flöte. Das überraschte mich freudig, als ich den
Gartenweg herunterkam, und war, wie du weißt, schon lange nicht
geschehen. Halb unbewußt hatte ich plötzlich das Verlangen,
nicht wie üblich, in die Haustür einzutreten, sondern durch den
Ausschnitt der Lade, die das Küchenfenster verschloß,
hineinzusehen. Vorsichtig trat ich deshalb näher und sah ihr zu,
ohne bemerkt zu werden. Ich konnte sie genau beobachten, die
Lampe brannte auf dem Tisch vor dem Fenster. Nach ein paar
Liedern hörte sie zu spielen auf, legte das Instrument mit
einer verzweifelten, nicht wiederzugebenden Müdigkeit aus der
Hand und blickte dann stumm vor sich hin. Ich stand und wartete
der Dinge, die da kommen würden, ohne mich im geringsten
zu bewegen. Da sah ich eine Traurigkeit, einen so wehen
Schmerz aus ihren schönen blauen Augen treten, daß ich bis ins
Innerste erschrak. Mir war, als müßte ich hineinstürzen und sie
bitten, wieder froh zu werden, aber nicht so verlassen in die
Welt zu schauen, so verirrt und verwirrt, ohne den kleinsten
Hoffnungsschimmer. Dennoch blieb ich wie angewurzelt stehen
und beobachtete weiter. Sie sank in sich zusammen, beugte
sich vornüber, als wäre ihr der Kopf zu schwer und weinte dann
_ weinte, wie ein Mensch, der nichts mehr hat auf dieser Erde
als seinen abgrundlosen Schmerz. Wie lange es so ging, weiß
ich nicht mehr. Ich mag wohl 40 Minuten gestanden haben,
um dieses kummervolle Bekenntnis entgegenzunehmen. Sie
hält sich für verloren und hat sich mit dem Unglück abgefunden,
an der Seite eines Mannes versklavt zu sein, den sie in
jugendlicher Naivität erwählte, ohne ihn zu kennen. Wie bitterlich
sie weinte. Es waren die Tränen einer Gefangenen..."
Nach einer längeren Pause, auch mich erregte diese
Nachricht heftig, suchte ich dich zu beruhigen. Ich fühlte, daß
du nun Tag und Nacht auf Abhilfe sinnen und nicht rasten
würdest, bis Ernale wieder frei und fröhlich wäre. Einmal mußte
hier die Änderung kommen, wir sträubten uns, daran zu
zweifeln. Ich schlug vor, noch abzuwarten. Vielleicht würde sie uns
um Hilfe bitten, dann konnten wir eingreifen und die nötigen
Schritte besprechen. Das ist nicht richtig", riefst du unmutig, wie
lange willst du noch zusehen, daß sie in ihrem Käfig hockt
und von dem alten Streitkopf Not und Qual zu erdulden hat.
Sonst möchtest du jeden Gedanken sofort verwirklichen und hier
versagst du kläglich. Was würdest du tun, wenn sie mit
ihrem Jungen zu uns, sagen wir mal zu dir käme?"
Ich zögerte mit der Antwort und sagte schließlich,
obwohl ich wußte, daß du mir diese Worte nicht verzeihen
würdest: Sie bitten, es nochmals zu versuchen."
(Fortsetzung im nächsten Heft)
Brauchen ÖKOSTÄDTERinnen eine Gemeinschaft?
Hat ÖKOSTADT eine Zukunft?
Was ist eine Zukunftswerkstatt?
Zukunftswerkstatt von ÖKOSTADT 1993
Wendlandtagebuch
Auftakt 24.3.
25.3. Gewaltfreies Aktionstraining und Neues Glas aus
alten Scherben"
26.3. Auf die Gleise!
Nacht 26./27.3. Gefangen und wieder frei
27.3. Friedlicher Aufbruch und gewalttätige Aktionen
28.03. Katz und Maus
29.3. Schluß und Heimreise
Eine subjektive Betrachtung
Kurze Zeit später 24.04.
Marina-Ausbau am Gr. Lychensee
Wiedereröffnung Brandenburg-Belzig
Demonstrative Fahrradtour Berlin-Lychen-Berlin
Für Eisenbahn auf allen Ästen des Templiner Kreuzes + Radweg Berlin-Lychen-Neustrelitz
Herbert
Adresse:
ÖKOSTADT Nachrichten
Weidenweg 62
10247 Berlin (Friedrichshain)
Tel.: (030) 42 08 56 54
Konto-Nr: 353 57 02, BfS Berlin, BLZ: 100 205 00
zuletzt aktualisiert am 03.06.2001 -
© ÖKOSTADT e. V.
ÖKOSTADT-Nachrichten