ÖKOSTADT-Nachrichten - Zeitschrift des Fördervereins ÖKOSTADT e. V.

August 2001 • ÖN 34

ÖKOSTADT-Kulturfest in Lychen

Esel am Horn von Afrika, 25.08.2001

Inhalt der ÖN 34 (August 2001)

Sommerlager und Kulturfest (S. 2)
Bericht von der Zukunftswerkstatt (S. 3)
Uckermark-Radtour (S. 4)
Horn von Afrika: Länderinfos (S. 4)
Politik in Eritrea (S. 8)
Esel-Initiative: Das Projekt (S. 13)
Rezepte vom Horn von Afrika (S. 11)
Zur Lage der ÖKOSTADT eG (S. 15)
Die Holzheizung kommt (S. 16)
Sozialgenossenschaften (S. 17)
Wettbewerb Genossenschaftspreis (S. 17)
Kurt Kretschmann: Herbert (S. 18)

5. ÖKOSTADT Sommerlager und Kulturfest International

19. August bis 2. September 2001 in Lychen

Im Mittelpunkt dieser Ausgabe stehen die Inhalte des fünften Lychener internationalen Kulturfests von ÖKOSTADT, bei dem es diesmal um Wüstenkulturen und Wüstenprobleme in Afrika geht. Auch die Ausstellung der Eselinitiative sollte nicht verpasst werden. Mehr dazu auf den Seiten 4 bis 13.

Philip Jacobs

Programm

Radtour "Auf stillen Wegen durch die Uckermark"

Am 21.8. wird es im Rahmen des Ökostadt-Sommerlagers eine gemütliche, familienfreundliche Radtour geben. 10 Uhr soll der Start vor dem Ökostadt-Haus erfolgen. Wir fahren überwiegend Wald-, Feldwege und wenig befahrene Straßen, also möglichst robuste Fahrräder mit breiteren Reifen mitbringen.

Zuerst fahren wir an Türkshof, Marienheim und dem Waschsee (evt. baden) vorbei zur Krüseliner Mühle, von dort über Thomsdorf, Funkenhagen, Mellenau nach Buchenhain. Im dortigen preisgekrönten "Landhaus Arnimshain" werden wir Mittag essen. Die Fahrt führt dann auf einem abenteuerlichen Feldweg am Dragonerberg vorbei nach Weggun, wo wir uns evt. Eberhards Grundstück ansehen können.

Es folgt eine Rundtour durch die atemberaubende (was die Schönheit und die Steigungen betrifft) Zerweliner Heide (mit Bademöglichkeit). Von einem Aussichtspunkt werfen wir einen Blick über den Altkreis Prenzlau. Weiter geht es nach Hardenbeck, dabei werden wir streckenweise den alten Bahndamm Fürstenwerder-Templin befahren. Durch eine Lärchenallee bis Düster Moll, dann führt unsere Fahrt über Mahlendorf, Küstrinchen, Fegefeuer zurück nach Lychen.

Wir werden eine wunderschöne Landschaft durchradeln, es wird an einigen Stellen was zu erzählen geben (ich bereite mich darauf vor). Die Streckenlänge beträgt ca. 60 km, wofür wir den ganzen Tag Zeit haben. Eine kürzere Variante (ohne Zerweliner Heide) ist möglich. Bei Schlechtwetter versuchen wir die Radtour zu verlegen.

Thomas Held

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Zukunftswerkstatt "ÖKOSTADT - eine Gemeinschaft?"

Am Wochenende vom 22. bis 24. Juni 2001 fand in Altthymen bei Ingrid und Gerd unsere Zukunftswerkstatt mit dem Thema "ÖKOSTADT - eine Gemeinschaft?" statt. Moderator war Manuel Goße (Mediator und Sozialpädagoge). Insgesamt elf ÖKOSTÄDTERinnen und SympathisantInnen nahmen teil, davon waren acht die ganze Zeit dabei. Deutlich wurde bei der Zukunftswerkstatt, dass wir für eine Stärkung der Gemeinschaft bei ÖKOSTADT bestehende Konflikte nicht leugnen dürfen, sondern offen austragen müssen. Dies ergaben nicht nur die in der Kritikphase geäußerten Beispiele. Ein während der Veranstaltung aufgetretener Konflikt um die Verwendung von Bildaufnahmen bot die Gelegenheit, mit Hilfe des Moderators und anderer TeilnehmerInnen zu einer Übereinkunft zwischen den KontrahentInnen zu kommen. Aus den Ergebnissen der Phantasiephase kristallisierten sich drei Eigenschaften heraus, welche wir in unserem Wirken bei ÖKOSTADT praktizieren wollen: Echtheit, Lust und Offenheit. Unserem in der Umsetzungsphase erarbeiteten Programm haben wir eine diesem Sinn gemäße Überschrift gegeben:

Lust auf Gemeinschaft

Auf folgende geplante Aktivitäten haben wir uns verständigt (in Klammern: wer ist zuständig):

Ob diese Projekte stattfinden können, hängt auch von der Beteiligung (der Lust auf Gemeinschaft bei ÖKOSTADT) von Menschen ab, die hier nicht anwesend waren. Deshalb konnte nur die Vorbereitung, nicht jedoch die letztendliche Durchführung der Aktivitäten beschlossen werden.

Vielen Dank an Manuel Goße für die gelungene Moderation. Ebenso danken wir den GastgeberInnen Ingrid und Gerd.

Die bei der Zukunftswerkstatt entstandenen Texte, Bilder und Plakate sind an den Wänden im Berliner ÖKOSTADT-Büro Weidenweg 62 angebracht und nach vorheriger Anmeldung einsehbar (das Büro ist nur unregelmäßig besetzt). Ein ausführlicher Bericht ist in Arbeit und wird als Sonderausgabe "ÖN intern" für ÖKOSTADT-Mitglieder im Berliner und im Lychener ÖKOSTADT-Büro erhältlich sein.

Für Oktober oder November 2001 ist ein Nachbereitungstreffen geplant. Infos bei Philip (030 / ###).

Philip Jacobs

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Länder am Horn von Afrika: Länderinformationen

Somalia

Zeittafel Somalia

Äthiopien

Zeittafel Äthiopien

Eritrea

Zeittafel Eritrea

Djibouti (Dschibuti)

Zeittafel Djibouti

Quellen:

Politik in Eritrea

Nachfolgend drucken wir mit freundlicher Genehmigung einen Artikel aus dem "Überblick" Nr. 1/2001 zur aktuellen Lage in Eritrea ab. Die Autorin Stefanie Christmann ist am 24. und 25. August 2001 im ÖKOSTADT-Haus in Lychen. Am 24. 8. gibt es mit ihr um 20.30 Uhr eine Veranstaltung zur Lage am Horn von Afrika, am 25. 8. stellt sie zum Kulturfest die Esel-Initiative vor. "Der Überblick" ist eine Quartalsschrift des kirchlichen Entwicklungsdienstes und heißt im Untertitel "Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit" (Kontakt: Redaktion "Der Überblick", Postfach 30 55 90, 20317 Hamburg, Tel: 040-341444, Fax: 040-353800, e-mail: ###, www.der-ueberblick.de).

Philip Jacobs

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Der Verlierer steht als Sieger da

Ende Dezember soll in Eritrea gewählt werden, und der Präsident sitzt wieder fest im Sattel

Der Krieg gegen Äthiopien hat Eritrea wirtschaftlich weit zurückgeworfen. Doch den Präsidenten Afewerki und seine Partei hat das nicht geschwächt. Aus der Bevölkerung sind kaum Vorwürfe gegen ihn und kaum Rufe nach mehr Demokratie zu hören. Der Zorn richtet sich vielmehr auf die herrschende Schicht in Äthiopien. Afewerki hat Eritrea schwer geschädigt, aber die Macht seiner Partei gesichert.

Von STEFANIE CHRISTMANN

Nach einem zweijährigen, am Ende verlorenen Krieg steht der eritreische Präsident Isaias Afewerki wieder dort, wo er schon im Mai 1998 stand: vor einer Wahl. Damals entzog er sich der Kritik und den Wahlen, indem er in Badme einmarschierte und so mit Hilfe eines äußeren Feindes das Volk wieder hinter sich brachte.

Der Krieg hat sein Land in der Entwicklung zurückgeworfen, dem zuvor vielfach kritisierten Präsidenten paradoxerweise aber zu großer Popularität verholfen. Nachdem der Mythos der militärischen Unbesiegbarkeit zerstört ist, bleibt nur noch die Person von Isaias als Identifikationsfigur. Isaias, der den gerade beendeten Krieg de facto vom Zaun gebrochen hat, hat für viele im Land lebende Eritreer das Image, im Krieg die Unabhängigkeit verteidigt und bewahrt zu haben. Ein Grund dafür ist die Art, wie die Staatspartei People's Front for Democracy and Justice (PFDJ) während des Krieges das Volk mit Propaganda mobilisiert hat: Äthiopien wolle ganz Eritrea erobern. Folglich wird nun aller Schaden den Woyane angelastet. (So nennen Eritreer - den Buchstaben der Abkürzung entsprechend - die Kämpfer der Tigrayan People's Liberation Front TPLF, die in der an Eritrea grenzenden Provinz Äthiopiens verwurzelt ist und die Linie der äthiopischen Regierung bestimmt. Die TPLF und die EPLF stürzten 1991 gemeinsam die Militärregierung Äthiopiens.)

Die vor allem vom Ausland geforderten Parlamentswahlen in Eritrea sind für Dezember 2001 angekündigt. Dass sich dadurch viel ändert, ist nicht zu erwarten. Zu geschickt ist die Zeitplanung der PFDJ-Regierung: Zwei Kommissionen beraten über ein Parteien- und ein Wahlgesetz. Die Ergebnisse sollen mit dem Volk beraten werden, das Parlament im Sommer entscheiden. Die Kandidaten hätten dann nur ein knappes halbes Jahr, sich bekannt zu machen.

Unklar war bis Mitte Februar nach Auskunft der eritreischen Botschaft in Deutschland, ob für die Wahl Parteien gegründet werden dürfen oder ob nur Kandidaten der PFDJ und Unabhängige zugelassen werden. Offen ist auch noch, welche Wahlrechte Auslandseritreern zugestanden werden sollen. Und unklar ist, ob das zu wählende Parlament dann im Winter 2001/2002 einen Präsidenten wählen soll oder ob diese Parlamentswahl das Amt von Isaias gar nicht tangiert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Clique ehemaliger EPLF-Kämpfer die Macht künftig mit vielen Zivilisten oder mit ehemaligen Angehörigen der ELF teilen muss, ist gering. Die Eritrean Liberation Front ELF war die erste militärische Befreiungsbewegung in Eritrea; die EPLF des heutigen Präsidenten Afewerki hat sich 1970 abgespalten, die ELF in den Bruderkriegen der siebziger Jahre besiegt und sich inzwischen in PFDJ umbenannt. Yemane Gebremeskel, der Bürochef und die rechte Hand des Präsidenten, verwies im Juni 2000 auf den seiner Meinung nach breiten Konsens in allen Fragen; es gebe keine Streitfragen, an denen sich Parteibildungen orientieren könnten.

Ethnische und religiöse Parteien verbietet die Verfassung ebenso wie Parteien, die vom Ausland finanziert werden. Letzteres sei nötig, um das Land vor dem Import von islamischem Fundamentalismus zu schützen, sagten Mitglieder der Verfassungskommission im Winter 1994-95. Da Radio und Fernsehen aber staatlich und die Printmedien regierungstreu sind, haben politisch Andersdenkende kaum Möglichkeiten, sich bekannt zu machen, wenn ihnen Geldquellen außerhalb des Landes versagt sind.

Die Folgen des Krieges sind hart. Eritrea hat seinen Haupthandelspartner Äthiopien verloren; das Land hatte vor 1997 vor allem Getreide aus Äthiopien importiert und Blumen und Fertigwaren (Textilien, Schuhe) dorthin exportiert. Nun setzt Eritrea wirtschaftspolitisch noch stärker auf Weltmarktintegration. Erfolge werden, sollten sie sich überhaupt auf diesem Wege einstellen, einige Zeit brauchen. Hoffnungsträger Nummer Eins ist eine integrierte Meerwasserfarm nördlich der Hafenstadt Massaua, wo Garnelen, Feldfrüchte und Obst gezüchtet und Touristen angelockt werden sollen.

Eine erste sichere Einnahmequelle bringen die 4000 Blauhelme aus 27 Ländern, die die Pufferzone zu Äthiopien im Süden bewachen. Aber die Stationierung von ausländischen Soldaten inmitten der notleidenden Bevölkerung ist immer ein Geldborn mit fatalen Nebeneffekten.

Die Kluft zwischen Reich und Arm ist seit dem Krieg enorm gewachsen, die Zahl der Bettler rapide gestiegen. Der Staat, der sich mit Waffenkäufen völlig verausgabt hat, hatte im Sommer keine Devisen mehr, um auch nur Getreide zu kaufen. Das Land ist jetzt noch mindestens ein Jahr abhängig von Nahrungsmittelhilfe - wahrscheinlich länger, denn auch wenn die Ernte gut ausfallen sollte: Anders als in Äthiopien sind in Eritrea die Böden zu schlecht, als dass das Land sich selbst versorgen könnte.

Die Binnenflüchtlinge aus den südlichen Grenzgebieten, mehrere hunderttausend Menschen, müssen in Lagern leben, bis alle Minen und Blindgänger entschärft sind. Sie sind noch einige Jahre von Nothilfe abhängig, verurteilt zu weitgehender Untätigkeit. Bis sie zurückkehren können, wollen sie so nah wie möglich an ihren Dörfern wohnen. Damit wächst die Gefahr, dass sich rings um Städte wie Barentu und Mendefera oder Orte wie Saganeiti spontan Armutsgürtel bilden.

Verändert haben sich auch die Geschlechterrollen: Anders als der Unabhängigkeitskampf hat dieser Krieg die Frauen in die zweite Reihe zurückgeschoben und die Gesellschaft stärker zweigeteilt, als sie es vorher war. Die Frauen sind eindeutig die Verliererinnen des Krieges. Das Fernsehen zeigte noch Wochen nach dem Waffenstillstand stundenlang Bilder, in denen Männer mit Kalaschnikows und Panzern das Land verteidigten, während Frauen mit Kindern und Alte als die zu Beschützenden präsentiert wurden.

Das werde Konsequenzen für die Zukunft haben, meint Meaza Tseggai. Sie wurde als Kämpferin im Unabhängigkeitskrieg schwer verletzt und lebt in einem Behindertenheim. Sie sagt: "Wir Frauen waren an der Front körperlich schwächer und damit gefährdeter. Damals gab es zu wenig Kämpfer, also mussten wir politisch denkenden Frauen auch an die Front, aber nun gibt es genug Soldaten. Die Frauen heute wollen heiraten und Kinder haben." Fatma Suleiman, die ihr halbes Leben bei der EPLF war, ist dagegen brüskiert: "Mein Mann und meine sechs Brüder wurden eingezogen, ich wollte auch an die Front, aber mich haben sie ja wegen meiner zwei Kinder schon 1994 demobilisiert. Die Frauen müssen genauso wie die Männer an die Front. Nun werden wir die Gleichberechtigung wieder verlieren."

Luul Gebreab, die Vorsitzende der Nationalen Frauenunion Eritreas und früher selbst Kämpferin, berichtet von erbitterten Diskussionen unter ehemaligen Kämpferinnen. Aber schließlich habe die Frauenunion "akzeptiert", dass nur Männer rekrutiert wurden. "Letztlich entscheidet sich die Frage der Gleichberechtigung nicht an der Front, sondern in den Berufen, in der Politik, im gesellschaftlichen Leben. Und wir hätten die erste gut ausgebildete Generation junger Frauen vor die Geschütze der Äthiopier schicken müssen. Übrigens haben sich auch einige Frauen freiwillig gemeldet und gekämpft."

Die wirtschaftliche Lage der weit überwiegenden Zahl der Eritreer ist äußerst prekär. Dennoch will kaum jemand dem Präsidenten Fehler nachsagen. Sondern man setzt die im Unabhängigkeitskrieg erfolgreiche Verhaltensweise fort: Man hält zusammen - zum Präsidenten. Ihn zu demontieren hieße, die eigene narzisstische Kränkung über den Verlust der vermeintlichen militärischen Unbesiegbarkeit noch zu vergrößern. Der Krieg hat den irrationalen Charakter der Beziehung zwischen Volk und Präsident noch verstärkt und zugleich den Wunsch nach Demokratie nachrangig werden lassen. Sogar jene würden Isaias wieder wählen, die erkennen, dass Eritrea diesen Waffenstillstand und Frieden auch ohne die Zehntausende toter Soldaten, ohne die zeitweise 1,4 Millionen Binnenflüchtlinge, ohne den Verlust der Geldreserven, ohne den Verlust von Aussaat und Ernte und ohne die neue Abhängigkeit von auswärtiger Hilfe hätte bekommen können.

Isaias zu entschuldigen und sich wenig für Demokratie zu engagieren, ist keine Generationenfrage. Bisrat Salomon, ein älterer Lehrer aus der Hauptstadt Asmara, und Naseret, eine junge Linguistikdozentin an der Universität Asmara, sagen wie viele: "Isaias konnte im Mai 1998 unmöglich voraussehen, dass wir den Krieg nicht gewinnen könnten." Und Fatma Suleiman begründet ihre Treue zum Präsidenten so: "Nur Gott macht keine Fehler." Früher einte der Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit die Eritreer, jetzt ist es die Identifikation mit ihrem ersten Präsidenten. Demokratie, die den Krieg vielleicht hätte verhindern können, gilt als Luxus für gute Zeiten, nicht als ein Mittel, Frieden zu erhalten. Tekle Abraha, ein älterer Juraprofessor an der Universität Asmara, sagte kurz nach dem Waffenstillstand von Algier: "Was nutzt uns Demokratie ohne eigenes Land?" und drückte damit aus, was zu jener Zeit fast alle dachten.

Und die Auslandseritreer? "Dieser sinnlose Krieg hat keinen Gewinner", sagte der Politologe Yonas Endrias im Juli 2000 bei einer Veranstaltung der Böll-Stiftung in Berlin. So denken viele. Aber sich klar zu machen, dass dieser Krieg unzweifelhaft zwei Gewinner hatte, nämlich die Präsidenten der beiden Länder, ist die Voraussetzung dafür, sich für Demokratie einzusetzen, um einen weiteren Krieg zu vermeiden. Differenzierter sieht man die Rolle des Präsidenten im Umfeld ehemaliger ELF-Angehöriger. Aber für sie ist es noch schwerer, in Eritrea Einfluss zu gewinnen, als für andere Auslandseritreer.

Welchen Einfluss haben die Forderungen der Diaspora überhaupt auf die Entscheidungen in Asmara? In der Vergangenheit wurden zwar einige hochkompetente Auslandseritreer in die Regierung aufgenommen, aber zuweilen auch von einem Tag auf den anderen von der alten Kämpferriege wieder entlassen. In den engsten Zirkel der Macht ist keiner vorgedrungen. Dieser kleinen, etwa zwölfköpfigen Gruppe gehören nur alte Kämpfer an - Isaias selbst, Yemane Ghebreab (der Leiter der politischen Abteilung der PFDJ), die Köpfe des Office für Macropolicy (das ist das beim Präsidenten angesiedelte Amt zur Stärkung der Exekutive und in der Funktion dem Bundeskanzleramt vergleichbar) sowie einige andere.

Die PFDJ-Regierung zwingt die Auslandseritreer sogar, sie zu unterstützen, nämlich Steuern zu zahlen. Egal, ob sie inzwischen eine andere Staatsangehörigkeit haben, egal, dass sie auch in ihrer neuen Heimat Steuern zahlen müssen: Wer nicht zahlt, erhält kein Visum für eine Reise, klagen Auslandseritreer.

Alt-neue Feindbilder sind nach dem Krieg wieder zu bemerken. Eritrea fühlt sich nach wie vor nicht sicher vor einem äthiopischen Angriff. Der ist zwar unwahrscheinlich, so lange die UN-Truppen im Land sind, grundsätzlich jedoch ist die Angst nicht unbegründet.

Die eritreischen Medien beugen nicht nur Kritik an der PFDJ-Regierung vor, wenn sie sich in Hasstiraden gegen die Tigray überschlagen, sondern sie bereiten auch den Boden für die nächste "Verteidigung" gegen äthiopische Angriffe. Die Woyane sind das Feindbild. Die Wochenzeitung Eritrean Profile spricht von "periodischem Schlachten", "Nazis", "Konzentrationslagern", "Ethnofaschismus", "Genozid". Selbst unter Ladenbesitzern der Hauptstadt traf man im Sommer auf Männer, die allen Ernstes glaubten, Meles wolle alle männlichen Eritreer töten.

Die Liste von Menschenrechtsverbrechen an Eritreern in äthiopischen Gefängnissen, die das eritreische Außenministerium Mitte Januar 2001 veröffentlicht hat, schockiert zusätzlich und trifft den Nerv der eritreischen Bevölkerung. 1998/99 hatte Meles 70.000 Eritreer, die teilweise seit ihrer Geburt in Äthiopien lebten, von einem Tag auf den nächsten enteignet (das Geld verwandte er unter anderem für Waffenkäufe). Die in Äthiopien lebenden Eritreer wurden teilweise inhaftiert, die meisten einfach über die Grenze nach Eritrea geschickt. Über diese ethnische Vertreibung empörte sich die Staatengemeinschaft nicht einmal. Nur die Amerikaner formulierten damals eine schlappe Stellungnahme.

Mitte Januar 2001 erklärte nun das eritreische Außenministerium, 1.500 Eritreer seien in Äthiopien seit 1998 spurlos verschwunden und mehr als 30 junge Frauen und Männer in äthiopischen Gefängnissen getötet worden. Es gebe geheime Gefängnisse, Folter, gezielten Nahrungsentzug, Verweigerung ärztlicher Versorgung, Vergewaltigung und Haft in Dunkelzellen über einen Zeitraum von bis zu vier Monaten. Prof. Asmarom Legesse wandte sich bereits im Oktober mit einer umfangreichen Veröffentlichung über Menschenrechtsverletzungen in der von Äthiopien besetzten Pufferzone an die Öffentlichkeit. Er beklagt, dass trotz regional begrenzter Untersuchungen des Internationalen Roten Kreuzes und von UNICEF bisher zur Verhinderung weiterer Menschenrechtsverletzungen wenig geschehen sei.

Der Schutz der Menschenrechte erfordert dringlich, die äthiopischen Gefängnisse und die Pufferzone im Süden Eritreas von unabhängigen internationalen Experten inspizieren zu lassen. Aber auch vorbeugende Sicherheitspolitik erfordert das. Denn auf Grund der brutalen Menschenrechtsverletzungen aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges müssen diese Berichte entlassener Gefangener in der Bevölkerung als authentisch und zutreffend aufgefasst werden. Sie heizen damit den Hass auf die Woyane erneut an. Solche Meldungen und die Notsituation schweißen Volk und Präsident zusammen.

Andererseits werden Gebiete, die von den Äthiopiern 2000 erobert worden waren, zunehmend wieder zugänglich, und das ermöglicht den Eritreern, sich selbst ein Bild zu machen. Während des Krieges verkündete die staatliche Propaganda zum Beispiel, ganz Barentu sei zerstört, alles Ruinen. Wer aber nun zurückkehrt, ist schon von weitem irritiert. Zwar haben die Äthiopier alle Regierungs- und Infrastrukturgebäude mutwillig zerstört, alle Hotels gesprengt, Geschäfte und Hütten ausgeraubt, aber bis auf wenige abgebrannte Hütten sind die Häuser der Einheimischen intakt. Allerdings gibt es keinen öffentlichen Raum und keine Medien in Eritrea, in denen diese Erfahrungen diskutiert werden könnten.

Diese Folgen des Krieges sind umso bedrückender, als die erste Zeit nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1961-91 für Eritrea und Äthiopien eine Zeit des Aufschwungs war. Über Jahre ging es vielen sichtlich immer besser. Die eritreische Regierung investierte in die Infrastruktur, in den Straßen- und Wohnungsbau und sehr viel in Bildung und Gesundheit, sie schuf landwirtschaftliche Großbetriebe, und der Handel florierte - vor allem mit Äthiopien. Bei jedem Besuch in Eritrea konnte man nur staunen, wie viel sich getan hatte. Allerdings stand der staatlichen Geschäftstätigkeit noch wenig privatwirtschaftliche gegenüber - und noch weniger Kaufkraft.

Es gab auch umfangreiche Bemühungen, eine Verfassung auszuarbeiten, die letztlich Wahlen verhieß. Die Verfassung, die zwar einen starken Präsidenten vorsah, aber auch ein starkes Parlament und einen überzeugenden Grundrechtskatalog, hätte die Macht der PFDJ und die Macht von Isaias Afewerki erheblich eingeschränkt.

Der Umschwung kam im Winter 1997-98. Isaias sah sich zu dieser Zeit wachsender Opposition gegenüber. Gebildete Eritreer forderten endlich Demokratie. Sie warfen dem Präsidenten über 3000 Inhaftierungen ohne rechtsstaatliches Verfahren vor; ein Bericht der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigte den Vorwurf. Der Präsident zögerte jedoch die Umsetzung der Verfassung immer weiter hinaus, und just als das Komitee zur Wahlvorbereitung den Wahltermin hätte verkünden sollen, marschierte Isaias im Mai 1998 in Badme ein.

Mit dieser Machtdemonstration lenkte er auch von wachsenden ökonomischen Problemen ab. Die waren entstanden, nachdem die Eritreer Ende 1997 eine eigene Währung, den Nakfa, eingeführt und die Äthiopier darauf mit der Forderung geantwortet hatten, künftig den Handel zwischen beiden Ländern nur noch in Dollar und über Akkreditive abzuwickeln. Das scheiterte in der Praxis, und die Grenze zu Eritreas Kornkammer war nun de facto geschlossen. Für Mai 1998 erwarteten die eritreische Regierung und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) eine akute Hungersituation für Eritrea. Zweiter Nebeneffekt des Wirtschaftsstreits mit Äthiopien war die Schließung der ehemals gemeinsam genutzten Raffinerie bei Assab, so dass Treibstoff nun teuer auf dem Weltmarkt eingekauft werden musste.

Aus der Umklammerung all dieser Probleme löste sich Isaias durch die Eroberung der Region um Badme. Dieses Gebiet war bis dahin von äthiopischen Behörden verwaltet worden. Der Streit um den nie präzise definierten Grenzverlauf hatte 1992 begonnen und war zur Muskelprobe zwischen den ehemaligen Waffenbrüdern Isaias und Meles geworden. Meles war übrigens in einer ähnlichen innenpolitischen Lage: Dem Chef der von Tigray dominierten Regierung Äthiopiens warfen die größeren Volksgruppen vor, er habe 1991 äthiopische Interessen verletzt, als er seinem Cousin und Waffenbruder die Unabhängigkeit Eritreas zugesagt habe. Außerdem ließe er sich von Eritrea fremdbestimmen. Auch Meles holte die Opposition wieder ins eigene Lager, indem er gegenüber dem Nachbarn auftrumpfte.

Isaias, der alte Guerillakämpfer, reagierte auf jede Provokation aus Äthiopien reflexhaft mit militärischen Mitteln. So eskalierte ein lokaler Grenzkonflikt, von dem bis Mai 1998 in Eritrea kaum jemand wusste, zum Krieg. Isaias war daraufhin wieder unangefochten, die Woyane waren alles schuld und Wahlen kein Thema mehr.

Bleibt Asmara nach dem Krieg und nach den Wahlen im Dezember politisch-intellektuell ein Museumsdorf, das bei der nächsten äthiopischen Provokation wieder Märtyrer produziert, wie es ein europäischer Botschafter in Asmara formuliert? Weil für die Machthaber Krieg - der lange Befreiungskrieg, aber auch die Konflikte mit Jemen und Sudan in den neunziger Jahren - normal ist? Weil Zivilisten nicht an der Macht beteiligt sind? Weil nicht in Zweifel gezogen wird, dass die Eritreerinnen und Eritreer die Unabhängigkeit ausschließlich aus eigener Kraft erkämpft haben? Dass das Ende des Ost-West-Konflikts zum Fall Mengistus beigetragen haben könnte, ist völlig außerhalb des eritreischen Horizonts; das trägt zur militärischen Selbstüberschätzung von Präsident und Volk erheblich bei.

Die bi- und multilateralen Hilfsorganisationen, vor vier Jahren fast alle vom Präsidenten ausgewiesen, kehren nun nach Eritrea zurück. Die Ankunft von Carol Bellamy vom Kinderhilfswerk Unicef - noch während der Kämpfe im Juni! - war ein Medienereignis, dem die eritreischen Medien die Botschaft unterlegten: "Die internationale Gemeinschaft steht hinter uns."

Weitere Vereinnahmungen dieser Art sind absehbar. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes erklärt, auch Deutschland wolle im Infrastrukturbereich - bei der Wasserversorgung - mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der Kreditanstalt für Wiederaufbau wieder in Eritrea einsteigen. Auch Äthiopien solle wieder Partnerland werden. Aufträge locken, jeder will den Fuß in der Tür haben. Die Bevölkerung aber wird die Erfolge ihrem Idol Isaias zuschreiben. Tatsächlich wird der eritreische Präsident der "Eigner" dieser Projekte sein. So sieht es das "owner-Konzept" der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit vor. Der Norden stützt auf diese Weise kriegsbegünstigende Strukturen und Militärregime im Süden und erhöht damit die Gefahr weiterer Kriege.

Dass Äthiopien irgendwann erneut angreifen wird, gilt auch unter internationalen Beobachtern als sicher. Isaias ließ am Tag der Märtyrer, am 20. Juni 2000, keinen Zweifel daran, dass er für diesen Fall wieder auf militärische Reaktionen setzt. "Das eritreische Volk ist bereit, für den Militärhaushalt zu hungern", sagt Tekle Abraha. Und die Amerikaner haben längst gefordert, das Waffenembargo aufzuheben. Wegen des wiederholten Einspruchs der Russen war es erst viel zu spät, erst in der Endphase des zweijährigen Schlachtens, eingeführt worden.

Wer wirklich einem neuen Krieg vorbeugen wollte, müsste das Waffenembargo beibehalten und die Zivilbevölkerung stärken - sowohl wirtschaftlich als auch durch Bildungsangebote, durch Internet-Cafés in der Hauptstadt und Bibliotheken auf dem Land, durch Filme und Diskussionen, durch Finanzierungsangebote für Seminare, die zu finanzieren die Weltbank kein Interesse hat, durch beherztes Engagement für Pressefreiheit und für die Zulassung wirklich staatsunabhängiger Zeitungen und Radiosender.

Leider werden in der Debatte über Konfliktprävention zuweilen solche heiklen Themen umgangen. Zum Beispiel sparte eine mehrtägige, vom BMZ finanzierte internationale Tagung der Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF) vor einigen Monaten Themen wie Menschenrechte und Pressefreiheit aus und diskutierte stattdessen über Luftschlösser wie "Frauen als Friedensförderer" (women as peace-enablers). Aber Krieg bedeutet immer eine Machtkonzentration; der jüngste wurde sogar zu diesem Zweck vom Zaun gebrochen. Wie sollte ausgerechnet in einer Zeit solcher Machtkonzentration gerade die marginalisierteste Gruppe, die Frauen, Einfluss auf die Politik nehmen können? Wenige Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Unabhängigkeitskrieges trifft in Eritrea zudem die übliche patriarchalische Sicht nicht, nach der starke Männer an die Front gehen, während Mütter, Töchter und Ehefrauen für ihre baldige Heimkehr auf der Straße demonstrieren und Briefe schreiben. In Eritrea glauben die Frauen, sie würden einen Beitrag zum Frieden leisten, wenn sie ihre Söhne, Männer und Väter zur Front schicken.

Wer sich in Eritrea für Frieden einsetzen will, muss die Bevölkerung in ihrer Selbstständigkeit stärken, statt mit der Kriegerkaste zu kooperieren und sie indirekt zu unterstützen. Die Entwicklungshilfe schickt sich jedoch an, genau dies zu tun. Der Krieg hat nicht nur das eritreische Volk mit seinem Präsidenten wieder zusammengeschweißt, sondern die daraus entstandene Notlage hat auch die großen Geber wieder Isaias näher gebracht. Manche, die in Asmara Regierungen oder Institutionen vertreten und über das eritreische Volk wegen seiner "blinden Treue" gern die Nase rümpfen, könnten sich auch an die eigene Nase fassen.

Stefanie Christmann

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Dr. Stefanie Christmann ist Journalistin und Vorsitzende der Esel-Initiative e.V., eines gemeinnützigen Vereins zur Förderung alleinerziehender Frauen in Eritrea (www.esel-initiative.de). Sie ist Autorin mehrerer Bücher, zuletzt zusammen mit Dieter S. Lutz "Die Zerstörung der Vernunft in Zeiten des Krieges. Demokratieverlust seit 1989".

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Die Volksgruppe der Kunama

In Eritrea leben 9 verschiedene Volksgruppen, die, sofern sie in den Provinzen Gash-Barka bzw. Sahel leben, alle von der Esel-Initiative berücksichtigt werden.

In der Provinz Gash-Barka leben südlich von Barentu die etwa 100 000 Kunama (2,7 % der Gesamtbevölkerung). Sie sind nilotischen Ursprungs und ursprünglich alle AnhängerInnen einer Naturreligion, an der etwa die Hälfte noch festhält Die anderen haben den Islam oder das Christentum angenommen.

Die Kunama sind matrilinear organisiert, vererbt wird also von der Mutter an die Tochter - nicht vom Vater auf den Sohn. Die Frauen genießen sehr viel mehr Freiheiten und Entscheidungsgewalt als die Frauen der anderen Volksgruppen. Die Kunama sind außerdem die einzige Gruppe in Eritrea, die keine Genitalverstümmelung der Frauen kennt.

Auf Grund des Krieges und der Umsiedlungspolitik der eritreischen Regierung werden die Kunama aus ihren alten Siedlungszusammenhängen herausgerissen und stärker mit den anderen Volksgruppen gemischt, was den Erhalt ihrer Kultur zusätzlich gefährdet. Verarmung würde den Verlust der eigenen Kultur noch beschleunigen, den Status der Frauen senken. Es ist gemeinsames Ziel von Frauenunion und Esel-Initiative, mit der Esel-Vergabe auch einen Beitrag zum Erhalt der Kultur der Kunama zu leisten.

Stefanie Christmann, http://www.esel-initiative.de/

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Esel-Initiative: Das Projekt

Die Esel-Initiative e.V. hat sich im Sommer 1995 gegründet, um besonders notleidende allein erziehende Frauen in Eritrea von der Schwerstarbeit des Wasserschleppens zu entlasten und ihnen eine Starthilfe zu geben. Wasser holen ist in Eritrea Arbeit der Frauen und der Mädchen. Die Töchter können wegen des zeitraubenden, weiten Weges oft nicht zur Schule gehen. Außerdem behalten sie von der schweren Arbeit meist Rückgratschädigungen zurück.

Kooperationspartnerin der Esel-Initiative ist die Nationale Eritreische Frauenunion (NUEW oder Hamade), eine halbstaatliche Organisation vor allem ehemaliger Kämpferinnen. Sie hat selbst in den kleinsten Orten noch Ansprechpartnerinnen. 1996 begann die Eselverteilung in der Westprovinz Gash-Barka, im Frühjahr 1998 wurde sie auf die gebirgige Nordprovinz Sahel ausgedehnt, während des Krieges (Mai 1998 bis Juni 2000) auch auf die südliche Rotes-Meer-Provinz und auf das Hochland südlich von Asmara. Jetzt konzentrieren wir uns wieder auf Gash-Barka (Binnenflüchtlinge, die in ihre Dörfer zurückkehren) und auf den nördlichen Sahel, eine besonders arme Region.

Die Esel-Initiative überweist alle Spenden in voller Höhe (Verwaltungsausgaben und Werbekosten trägt der Vorstand) an die Frauenunion in Asmara. Die NUEW leitet das Geld an ihre Büros in Barentu, der Hauptstadt der Westprovinz Gash-Barka, bzw. in Nakfa, der Hauptstadt der Provinz Sahel, weiter. Die Frauenunion verwendet das Geld ausschließlich zum Kauf von Eseln, die an besonders bedürftige alleinerziehende Frauen verschenkt werden.

Die Frauen erhalten weibliche Tiere, damit sie selbst Nachwuchs aufziehen können. Mit der Eselin bekommt jede Frau einen 80-Liter-Wassercontainer aus Kautschuk. Ein Esel plus Wasserbehälter kostete vor dem Krieg durchschnittlich 600 Nakfa, das sind etwa 150 Mark. Seit dem Krieg sind die Preise gestiegen, die Frauenunion bezahlt jetzt im Schnitt 750 Nakfa, das sind derzeit ca. 180 Mark.

Nun haben Frauen, die in der Vergangenheit oft nicht mal ein Huhn besessen haben, einen Esel. Von der Aussicht beflügelt, sich mit dem Esel eine zuverlässige Einkommensquelle zu verschaffen, durchbrechen viele Eselempfängerinnen das traditionelle Rollengefüge: Sie machen sich selbständig, brechen in Männerdomänen ein, demonstrieren, dass alleinerziehende Frauen nicht zu Armut verdammt sind, sondern dass sie mit einer kleinen Starthilfe Wohlstand für ihre Familie erreichen können. Wohlstand, den sie so definieren: genug Wasser, Brennholz zum Kochen, drei Mahlzeiten am Tag, Schule für die Kinder, frei sein von der Angst, am nächsten Tag keine Arbeit zu finden. Der erste größere Wunsch, den sich die Frauen mit dem selbst erwirtschafteten Geld erfüllen, ist es vielfach, das Dach ihres Hauses auszubessern oder es neu zu decken.

Der Esel bringt eine neue Rollenverteilung in die Familien: Wasserschleppen ist Aufgabe nur der Frauen und Mädchen, aber mit einem Esel gehen auch Jungen Wasser holen. Für die Töchter bedeutet das: mehr Zeit zu haben, zur Schule gehen zu können, vielleicht sogar mal Zeit zum Spielen zu haben.

Die Esel-Initiative ist ins Bonner Vereinsregister eingetragen und als gemeinnütziger Verein anerkannt. Für Spenden und für Mitgliedsbeiträge können wir seit Anfang 2000 selbst Spendenbescheinigungen ausstellen.

Esel-Initiative e. V.
http://www.esel-initiative.de/
Konto 180 590 7017
Volksbank Bonn
BLZ 380 601 86
bitte eigene Adresse angeben

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Rezepte vom Horn von Afrika

Rote Pfefferpaste - Awaze

2 Tage ruhen lassen

5 kg rote Peperoni
1,5 kg Knoblauchzehen
1,5 kg Ingwerwurzeln
250 g Weinraute
½ Tasse Basilikum
1 Tasse gehackte rote Schalotten
¼ Tasse gemahlener Zimt
¼ Tasse Gewürznelken
¼ Tasse Kardamompulver
1 Tasse Salz
Rotwein, Met oder Wasser

Die Peperoni halbieren, entkernen, waschen und trocknen. Knoblauch, Ingwer, Weinraute und Basilikum hacken. Mit den Schalotten und 1/8 l Wein unter die Peperoni mischen. Die Mischung zugedeckt zwei Tage ruhen lassen. Anschließend in der Sonne oder im Backofen trocknen.

In einer Pfanne die übrigen Zutaten kurz rösten. Mit der Peperoni-Mischung vermengen und zu Pulver mahlen. Nach Belieben mit Rotwein zu einer Paste verrühren.

An einem trockenen Ort aufbewahren.

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Fladenbrote - Qitta (Äthiopien) für 8 Stück

4 Tassen Weizen-, Mais- oder Gerstenmehl

In einer Schüssel Mehl, eine Prise Salz und Wasser miteinander vermischen und zu einem Teig kneten, bis er sich vom Boden der Schüssel löst. Eine schwere gußeiserne Pfanne erwärmen und den Teig mit der feuchten Hand ½ cm dick darin ausstreichen. Den Teig mit den Fingerspitzen eindrücken und von beiden Seiten goldbraun backen - die Pfanne darf nicht zu heiß werden.

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Basilikum-Linsen - Yedifen Miser Alicha Wet (Äthiopien)

1 ½ Tassen Linsen
1 Peperoni
½ Tasse Öl
1 Tasse feingehackte Zwiebeln
4 Knoblauchzehen
½ TL gemahlener Ingwer

nach Geschmack:
½ TL Kurkuma
einige Basilikumblätter

Die Linsen verlesen, waschen und etwa 30 Minuten weich kochen. Herausnehmen und zerdrücken. Die Peperoni halbieren, entkernen und in Streifen schneiden.

In einem Topf Öl erhitzen und die Zwiebeln darin glasig werden lassen. Linsen, zerdrückten Knoblauch, Ingwer und Salz hineingeben, 1 bis 2 Minuten umrühren. Unter gelegentlichem Umrühren 2 Tassen Wasser zugießen und alles 15 bis 20 Minuten kochen.

Vom Herd nehmen, eventuell mit Kurkuma bestreuen, mit Peperoni und Basilikum abschmecken. Warm oder kalt servieren.

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Reis mit Lammfleisch - Skudahkharis (Somalia)

Für 3 bis 4 Personen

500 g Lammschulter oder Knochen
2 Tomaten
8 EL Öl
1 gehackte Zwiebel
2 gehackte Petersilienstengel
1 zerdrückte Knoblauchzehe
1 TL Kreuzkümmel
1 TL gemahlener Zimt
3 Gewürznelken
3 Kardamomsamen
Salz
80 g Tomatenmark
200 g Reis

Das Fleisch in feine Würfel schneiden. Die Tomaten würfeln.

In einem großen Topf Öl erhitzen und das Fleisch darin anbraten. Die Zwiebel hinzufügen und kurz bräunen. Tomaten zugeben und unter ständigem Rühren weitere 3 Minuten braten.

Die Petersilie mit den Gewürzen im Mörser fein zerstoßen und mit etwas Wasser verdünnen. Mit Tomatenmark und Reis unter das Fleisch rühren. Unter Rühren 3 Tassen Wasser zugießen und aufkochen. Den Topf schließen und alles bei mittlerer Hitze etwa 30 Minuten fertiggaren.

Alle Rezepte aus "Ostafrikanisch Kochen" von Ketsela Wubneh-Mogessie, Göttingen 1999.

In der ansprechend aufgemachten Reihe "Gerichte und Ihre Geschichte" des Göttinger Verlags "Die Werkstatt" sind weitere Bände erschienen (z.B. Arabisch kochen, Brasilianisch kochen...). Der aktuelle Katalog kann angefordert werden bei Verlag "Die Werkstatt", Lotzestr. 24a, 37083 Göttingen.

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Zur Lage der ÖKOSTADT eG im Geschäftsjahr 2000

(Informationen für die ÖN zusammengestellt von Klaus-Peter Kurch nach dem Lagebericht des Vorstands der ÖKOSTADT eG vom 12.07.2001)

Der Lagebericht beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen Ergebnissen der Genossenschaft im Jahr 2000. In dem ein Verlust von rund 15.000,-DM entstanden ist.

Der weitaus wichtigste Sachwert, über den die Geno verfügt, sind Haus und Grundstück der Vogelgesangstr. 4 in Lychen, folglich sollten die Erträge aus der Nutzung dieser Immobilie, insbesondere aus Wohn- und Gewerberaumvermietung ihr wichtigstes wirtschaftliches Standbein sein.

Die Refinanzierung/Reproduktion des Hauses erfordert Erträge aus Wohnraumvermietung von 14.500,-DM/Jahr. Erreicht wurden im Jahr 2000 15.500,-DM.

Die notwendigen Erträge aus Beherbergung/Gewerberaumvermietung müssen zur Sicherung der einfachen Reproduktion rund 24.000,-DM/Jahr betragen. Erreicht wurden 7.800,-DM.

Es besteht also ein Defizit von rund 15.000,-DM.

Ein neuer Wirtschaftsbereich wurde im Jahr 2000 geschaffen, der zum zweiten Standbein werden kann, der Biohandel in Lychen und Berlin.

Damit wurde im ersten Jahr bereits ein Umsatz von rund 12.000 DM erzielt.

Im wirtschaftlichen Ergebnis des Jahres 2000 aber schlägt sich der Biohandel noch als Verlust nieder (-2.000 DM). Gründe dafür sind der Lageraufbau und andere Anfangskosten, sowie die enge Kalkulation (Handelsspanne von knapp 30%).

Diese beiden wichtigsten Angebote der Genossenschaft (Wohnen, Beherbergen, Bioprodukte) wurden nur von wenigen Mitgliedern in Anspruch genommen. Zugleich fördern durch ihren Umsatz vor allem diese wenigen Mitglieder die Genossenschaft.

Das heißt jedoch auch, daß wir vom Grundprinzip einer jeden Genossenschaft - der gegenseitigen wirtschaftlichen Förderung a l l e r Mitglieder durch a l l e Mitglieder - in der Praxis noch weit entfernt sind.

Ein weiteres Geschäftsfeld haben wir begonnen zu entwickeln: Keramik.

Die Anfangserfahrung des Biohandels - ein Überschießen der Anlaufkosten über die ersten Erträge - gilt auch für die Keramikwerkstatt. Allerdings sind hier die Absolutbeträge noch klein.

Auch dieses Angebot wird nur von verschwindend wenigen GenossInnen wahrgenommen.

Ein wesentlicher ungeplanter Kostenfaktor im Jahr 2000 waren Sofortabschreibungen Geringwertiger Wirtschaftsgüter. Der Hauptteil dieser Kosten resultiert aus dem Kauf von Gütern (Werkzeugen, Geräten, Materialien) der in Liquidation gehenden Bau GmbH.

In Hinblick auf künftige Bautätigkeit der Genossenschaft (und sei es nur für den eigenen Bedarf) war es zweckmäßig und notwendig, diese Güter zu übernehmen, auch wenn damit Abschreibungsaufwendungen von mehr als 4.500,-DM entstanden sind.

Das Jahr 2000 war das erste volle Jahr des vollen Betriebs der V4, was sich in den deutlich erhöhten, jedoch nicht außerhalb der Norm liegenden, Betriebskosten niederschlägt. Einsparpotentiale besonders bei Gas sind vorhanden.

Öffentlichkeitsarbeit erfolgte in konzentrierter und praktischer Weise vor Ort in Lychen vor allem durch das Veranstaltungsgeschehen im ÖKOSTADT - Haus und die dementsprechende Berichterstattung in der Presse sowie durch die Marktpräsenz in Lychen.

Auf diesen Gebieten wurden erhebliche Fortschritte erzielt, nicht aber in der überregionalen Darstellung von ÖKOSTADT, in der zumindest berlinweiten Verbreitung unserer Angebote und in der Internetpräsentation.

Wir müssen also in der Öffentlichkeitsarbeit im umfassenden Sinne erhebliche Lücken und große Reserven feststellen.

Für das Jahr 2001 zeichnen sich weiter steigende Umsätze in allen betrachteten Geschäftsfeldern ab. Nach der bisherigen Entwicklung werden sie beitragen, daß o.g. Defizit von 15.000,-DM, das sich aus der zu geringen Inanspruchnahme der Leistungsangebote unserer Genossenschaft durch die meisten ihrer Mitglieder ergibt, um etwa ein Drittel zu verringern, jedoch nicht, es zu decken.

Die Liquidation der Bau GmbH bedeutet einen Verlust von 17.000,-DM, der voraussichtlich im Jahr 2001 bilanzwirksam wird.

Die Investitionen der Genossenschaft im Jahr 2001 (Holzheizung, Teilsanierung des Stalles, Photovoltaik eventuell) sollen bekanntlich mehrere 10.000,-DM betragen. Damit diese Investitionen keine Belastung für die künftige Ergebnisentwicklung der Genossenschaft darstellen, soll gelten, daß wir "nur soviel Kredit aufnehmen, daß die erzielten (Strom-)erträge bzw. (Gas-)einsparungen Zins und Tilgung Jahr für Jahr im Laufe von 10 Jahren decken und danach noch ein spürbarer Gewinn zurückfließt. Das wird uns gelingen, wenn einerseits strengste Sparsamkeit beim Bauen herrscht und wir andererseits die Kredithöhe von vornherein durch einen beträchtlichen Eigenkapitalanteil begrenzen."

Die jährlichen Abschreibungen der geschaffenen Anlagen müssen ebenfalls durch die erzielten Erträge bzw. Einsparungen erbracht werden.

Weitere Ereignisse von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung nach dem Ende des Geschäftsjahres sind nicht zu verzeichnen. Besondere Risiken über die dargestellten hinaus sind gegenwärtig nicht zu erkennen.

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Die Holzheizung kommt!

Zu einigen Beratungen und Beschlüssen der ÖKOSTADT eG

Am 17.7.2001 fand die Jahreshauptversammlung der ÖKOSTADT eG statt. Im Tagesordnungspunkt 5 ging es um "Bauvorhaben in der Vogelgesangstraße 4 in Lychen für dieses Jahr - Pläne, Finanzierung, Stand und was von uns dabei zu tun ist.

In einem erläuternden Papier des Vorstands hieß es: "Mit diesen Baumaßnahmen werden wir einen spürbaren Fortschritt in der ökologischen Qualität unseres Projekts erreichen.

Die Photovoltaikanlage wird nicht nur unseren eigenen Strombedarf decken, sondern uns auch in die Lage versetzen, überschüssigen Strom ins Netz zu liefern. Wir werden tatsächlich frei von Atomstrom sein und einen Beitrag zur Dezentralisierung und Regionalisierung leisten.

Die ökologischen Vorzüge der Holzscheitheizung noch einmal zu begründen, hieße wohl Eulen nach Athen zu tragen. Verweisen möchten wir aber erneut auf ihr Einsparpotential: Unsere Gasrechnung von Juni 2000 bis Juni 2001 beträgt sage und schreibe 2410 DM!

Schließlich verbinden wir mit dem Bau von Heizung und PV-Anlage eine zumindest Teilsanierung unseres Stalles (Dach, Obergeschoss, Außenmauer, Fußböden Erdgeschoss), die uns nicht nur neuen Raum schafft, sondern auch beträchtliche Auswirkungen auf die ganze Hofathmosphäre haben wird."

Zu Fragen war aber, ob wir uns soviel ökologische Qualität überhaupt leisten können.

Die Genossenschaft ist im Jahr 2001 das dritte Jahr in Folge in der Verlustzone. Wie betriebswirtschaftliche Betrachtungen und Diskussionen ergaben, würde die Investition Photovoltaikanlage (immerhin mit einem Volumen von netto 35.000,-DM), dauerhaft ein Verlustobjekt sein.

Auch wenn das Problem einer langfristigen Verschuldung nicht besteht, denn die Stromerträge decken unter den gegebenen Förder- und Eigenkapitalbedingungen die Zins- und Tilgungsaufwendungen für eine solche Anlage Jahr für Jahr zu (fast genau) 100%, bleibt die Erwirtschaftung der Abschreibungen nicht befriedigend gelöst. Auch nach 20 Jahren fehlerfreien Betriebs, hätte die Anlage immer noch keinen Gewinn erbracht.

Es wäre diese Investition also ein ökologisches Beispiel, bei dem wir von vornherein erneut auf den Rückfluss eines Teils unserer eingesetzten Mittel verzichten würden. Für diesen Weg fand sich keine Mehrheit der GenossInnen.

Die Holzscheitheizung, unser zweites Investobjekt, kostet 24.500,- DM netto + 4.000,-DM Mwst = 28.500,-DM brutto. Im Unterschied zur PV "rechnet sich" die Holzscheitheizung, nicht zuletzt "dank" der gestiegenen Gaspreise.

Uns stehen jetzt Eigenmittel von 23.000,-DM zur Verfügung und auch die Mittel zur Zwischenfinanzierung der Mehrwertsteuer werden aufgebracht.

Es bleibt eine Deckungslücke von 1.500,-DM.

Wer trägt dazu bei, z. B. durch ein langfristiges zinsloses Darlehen, die Lücke von 1.500 DM zu schließen?

Eine Teilsanierung unseres Stalles wird mit dem Einbau der Heizung unerläßlich. Sie kostet ca. 6.000,- DM netto + 1.000,-DM Mwst = 7.000,-DM brutto.

Eigenmittel von 2.000,-DM stehen hierfür zur Verfügung, und auch hier werden die Mittel zur Zwischenfinanzierung der Mehrwertsteuer aufgebracht.

Es bleibt eine Deckungslücke von ca. 4.000,-DM. Es ist absehbar, dass sie durch Eigenleistungen verringert wird, dennoch bleibt die Frage:

Wer trägt dazu bei, z. B. durch ein langfristiges zinsloses Darlehen, diese Lücke von 4.000 DM zu verringern oder zu schließen?

Mit ihrem Beschluss, den Bau der Holzscheitheizung in wenigen Wochen zu beginnen, nachdem die restlichen, noch offenen Finanzierungsfragen gelöst sind, hat die Genossenschaftsversammlung ein praktisch bedeutsames Signal gegeben.

Zugleich wurde in der Versammlung klar, dass ein großer Diskussionsbedarf besteht, um den Weg für eine positive Entwicklung von ÖKOSTADT zu finden. Im Herbst soll dazu eine gründliche Diskussion stattfinden. Vielleicht - so wurde angeregt - treffen wir uns zu diesem Zweck einmal außerhalb unseres gewohnten Nestes, z. B. in einer "benachbarten" Genossenschaft, der Wendlandhof eG in Prezelle/Wendland.

Klaus-Peter Kurch

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Sozialgenossenschaften - Wege zu mehr Beschäftigung, bürgerschaftlichem Engagement und Arbeitsformen der Zukunft

Tagung zum Thema Sozialgenossenschaften

von Martina Racki

Sozialgenossenschaften können Modelle für die Zukunft der Arbeit sein. Zu diesem Zweck müssen allerdings auftretende Schwierigkeiten besser bewältigt werden. Hierfür einen Beitrag zu leisten, ist Anliegen der Tagung "Sozialgenossenschaften - Wege zu mehr Beschäftigung, bürgerschaftlichem Engagement und Arbeitsformen der Zukunft". Sie wird vom Verein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens in Kooperation mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband ausgerichtet.

Die wichtigsten Ziele der Veranstaltung sind:

  1. Einen Überblick über bestehende Beispiele ermöglichen;
  2. Beschäftigungpolitische Alternativen aufzeigen;
  3. Die Diskussion um bürgerschaftliches Engagement bereichern;
  4. Anregungen für genossenschaftliche Initiativen geben;
  5. Politische Unterstützungen für genossenschaftliche Lösungen anstoßen.

Breites Spektrum

Wirtschaftlichkeit und sozialpolitisch verantwortliches Handeln müssen sich nicht widersprechen. Das verdeutlicht das breite Spektrum vorhandener Sozialgenossenschaften, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Sie reichen von Unternehmen zur Arbeitsplatzsicherung für benachteiligte Gruppen über Betriebsgenossenschaften, die Tagesstätten für behinderte Kinder oder Schulen führen, bis hin zu neuen Dienstleistungskooperativen im Altenbereich.

Eine Auseinandersetzung damit kann helfen, Sozialgenossenschaften zu einem breiteren Durchbruch zu verhelfen. Gleichzeitig besteht so die Chance, ihnen eine Identität bzw. einen eigenständigen Stellenwert innerhalb des breiten Spektrums genossenschaftlicher Unternehmen in Deutschland zu ermöglichen. Dies läßt sich nur erreichen, wenn es gelingt, den Blick der verengten bundesdeutschen Genossenschaftsdiskussion in Richtung einer offeneren europäischen Denkweise zu lenken.

Genossenschaftliche Besonderheit

Dem Begriff Sozialgenossenschaften lässt sich ein breites Spektrum, in sehr unterschiedlichen Bereichen wirtschaftlich tätiger Genossenschaften zuordnen, deren Mitglieder oder Beschäftigte im sozialen Sektor arbeiten. Unterscheiden lassen sich:

· Professionelle Sozialgenossenschaften gleichen am stärksten herkömmlichen Genossenschaften. Sie bieten ihr Leistungsspektrum am Markt wie jedes andere Unternehmen an. Das geschieht oftmals für öffentliche Einrichtungen, aber auch direkt für Klienten.

· Sozialgenossenschaften Betroffener fördern Personen, die zur Lösung eines sozialen Problems in Selbsthilfe oder mit Hilfe von in diesem Bereich beruflich Tätiger zur gestützten Selbsthilfe greifen. Dies können Arbeitslosengenossenschaften, Blinden- und Kriegsversehrtengenossenschaften sein.

· Solidarische Sozialgenossenschaften greifen verstärkt auf die im Sozialbereich verbreitete Form des Ehrenamts zurück. Das bedeutet, zumindest ein größerer Teil der innerhalb der Genossenschaft zur Verfügung gestellten Leistungen werden nicht entlohnt, sondern durch Arbeitsaustausch oder Arbeit zugunsten anderer ohne Entgelt eingebracht.

Weitergehende Informationen

Die Bezeichnung eines Teils neuer Genossenschaften als Sozialgenossenschaften verdeutlicht ihren eigenständigen Charakter. Wenn sie erfolgreich sind, können sie helfen, zahlreiche Ziele gleichzeitig zu verwirklichen: mehr Arbeitsplätze, bessere soziale oder gesundheitliche Versorgung, attraktives Wohnen für unterversorgte Teilgruppen und selbstbestimmtes Arbeiten. Zielgruppen der Tagung sind besonders: Sozialgenossenschaften, soziale Verbände und Organisationen, Genossenschaftswissenschaftler, Vertreter der genossenschaftlichen Verbände, Kommunen, Mitglieder des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Mitglieder des Vereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V. Inhaltliche Rückfragen können gerichtet werden an Burghard Flieger, Erwinstr. 29, 79102 Freiburg, Tel.: 0761/709023 und Fax: 0761/709084, E-mail: Genossenschaft (Klammeraffe) t-online.de

Tagung: 14./15. September 2001 in Frankfurt am Main im Haus der Parität

Das Tagungshaus liegt 10 Minuten vom Hauptbahnhof, bietet 55 Übernachtungsplätze und fasst bis zu 80 Teilnehmende. Auch Räume für Workshops bzw. kleinere Foren stehen zur Verfügung.

Tagungsbeitrag einschließlich Verpflegung und Übernachtung: 240 DM.

Ausführlichere Informationen auch zum Veranstalter selbst: Verein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V., Wernerstraße 24, 42653 Solingen , Fax: +49 (0212) 3837556, E-mail: pro-geno (Klammeraffe) t-online.de

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BUNDESVEREIN ZUR FÖRDERUNG DES GENOSSENSCHAFTSGEDANKENS e.V.

Genossenschaften: Kooperation eröffnet Zukunft

Wettbewerb Genossenschaftspreis 2001 für Ideen und Engagement - "Mitglieder engagieren sich"
Ehrenamtliches Engagement

Mit der bundesweiten Ausschreibung dieses Preises gerade im Jahr 2001, dem "Internationalen Jahr des Ehrenamtes", will der Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V. seinen spezifischen Beitrag zur Stärkung des freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements in unserer Gesellschaft leisten.

Mitmachen !

Ansprechen möchten wir alle in und für Genossenschaften engagierte Menschen und Initiativen.

Beteiligen können sich an unserem Wettbewerb eingetragene Genossenschaften und Genossenschafts-initiativen ebenso wie Mitgliedergruppen, Vereine oder Projekte, die innerhalb einer Genossenschaft

angesiedelt sind und auf ehrenamtlichem Engagement beruhen.

Viel Glück !

Zur guten Idee muss noch ein wenig Glück hinzukommen. Drei Preise werden vergeben mit Preisgeldern in Höhe von 3.000,-DM, 2.000,-DM und 1.000,-DM.

Was wir von Ihnen brauchen:

  1. Ihre Anschrift mit Telefon/Fax/E-Mail
  2. Einen/n Ansprechpartner/in
  3. Eine Kurzbeschreibung Ihrer Initiative auf 1-2 Seiten zu den Fragen:
Zeitungsartikel oder Selbstdarstellungen mitschicken.

Ideen sind keine Grenzen gesetzt.

Wir möchten Ideen prämieren und veröffentlichen, die durch privates, freiwilliges und ehrenamtliches

Engagement in Genossenschaften einen spezifischen Beitrag zur Stärkung des Ehrenamtes in unserer Gesellschaft leisten oder geleistet haben. Denn mit Sicherheit kann die eine oder andere Idee auch an anderen Orten genutzt werden und Früchte tragen. Hat eine Genossenschaft eine Initiative ergriffen, die ehrenamtliches Engagement bewirken konnte oder sind Mitglieder selber aktiv geworden?

Beispiele können zahllose genannt werden, ganz gleich ob ein Jugendtreff entstanden ist, ob Waschmaschinen gemeinsam genutzt werden oder sogar eine Genossenschaft mit einer zündenden und attraktiven Geschäftsidee gegründet wurde.

Wir freuen uns auf jeden Beitrag !

Einsendeschluss ist der 15. September 2001.

Die Preisverleihung findet statt im Dezember 2001 beim Träger des 1. Preises.

Die Jury besteht aus Mitgliedern des Bundesvereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V. und aus unabhängigen Fachleuten.

Weitere Informationen erhalten Sie unter

Tel: 0212-383 7555 Fax: 0212-383 7556 oder pro-geno (Klammeraffe) t-online.de.

Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V.
Wernerstraße 24, 42653 Solingen

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Herbert

Wir setzten Kurt Kretschmanns Text fort. Ernale bekommt von ihrem Mann eine Tochter. Und die schwarze Herta tritt in das Leben des Autors.

Eine Weile blieb es still im dunklen Raum, ehe du enttäuscht, aber mit Nachdruck erwidertest: "Und ich würde sie mit großer Freude aufnehmen und nie mehr in das tote Haus ihres Mannes zurückkehren lassen. Ach, käme sie noch heute, wie würde es mich glücklich machen!"

Diese Gespräche kehrten oftmals wieder, wenn wir von einem Besuch in der Familie heimkamen und dehnten sich bis in die Nacht hinein aus. Du rechnetest bald felsenfest, daß Ernale eines Tages da wäre, wir wohnten ja nur 20 Minuten entfernt, und ganz wie selbstverständlich sagen würde: " Ihr wißt ja, daß ich das Leben so nicht mehr weiterführen kann, und nun zu euch gekommen bin, weil ihr mir helfen werdet. Wo soll ich hingehen? Niemand weiß wie ihr, was sich in den verflossenen Jahren zugetragen hat. Ich kann ja selbst nicht begreifen, wie es zu dieser Ehe kam, aber davon wollen wir nicht sprechen, das liegt nun hinter mir, weit zurück, wie ein häßlicher Traum, den ich vergessen muß."

Dieser Gedanke bemächtigte sich deiner immer stärker. Mir schien es fast, als hättest du daran gedacht, Ernale als Lebenskameradin zu gewinnen. Ich konnte mir die Anteilnahme und Besorgnis, die du ihr entgegenbrachtest, nicht anders deuten. Hatte ich nicht aber, wenn auch von mir selber uneingestanden, halb unbewußt, ebenfalls mit dieser Möglichkeit zu rechnen angefangen? Wuchs der Wunsch nun gleichzeitig in uns empor? Konnte es dahin kommen, daß die Frage, für wen sich Ernale entscheiden würde, einmal zwischen uns stünde? Sollte unsere Freundschaft, in der es nichts Eigenes sondern nur Gemeinsames gab, auch in der Liebe zu gleichem Ziele streben?

Wir sprachen lange nicht darüber, obwohl uns diese Frage mehr und mehr bewegte. Schließlich mußte doch Klarheit geschaffen werden. Ich sah, daß nicht nur Mitleid, sondern Liebe, die erste große schrankenlose Liebe dein Herz beseelte. Als ich dich fragte, ob es so wäre, sagtest du rasch. "Ja, aber auch dir geht es nicht anders. Was soll man tun? Wir wollen sie befreien, und dann mag sie wählen. Wer weiß denn, ob sie unsere Neigung erwidert? Sie ist so verschlossen jetzt. Hat sie dir gesagt, wie sie über ihre Zukunft denkt, ob sie ihn verläßt und wohin sie sich wendet? Sie hat es dir nicht offenbart, denn dann hätte ich es aus deinem Munde erfahren. Wenn sie zu uns finden sollte, so wollen wir (du gabst mir die Hand), einer dem andern zur Seite und nicht im Wege stehen. Unsere nächste Aufgabe ist, ihr zu helfen. Sie muß das Leben wieder lieben und bejahen." Ich hielt deine Hand umschlossen und schaute dich an: "Unsere Freundschaft wird ihre schwerste Probe bestehen." Im Stillen aber dachte ich bei mir: "Werde ich noch einmal einen solchen Kameraden haben?"

Es war nur zu natürlich, daß wir Ernale noch stärker beobachteten und wissen wollten, wem sie am nächsten stehen mochte. Lange ließ sich keine Unterscheidung treffen. Wir sahen, daß sie uns beide in gleich herzlicher Weise begrüßte, und sich bemühte, unsere Freundschaft mit vielen kleinen Gefälligkeiten zu erwidern. Mir schien es fast, als müsse sie dir mehr als mir zugetan sein. Du gewannst viele Freunde, konntest prächtig lachen und warst allen ein guter Geselle. Dich hatte jeder gern. Ich war dagegen herbe zu nennen, viel zurückhaltender und konnte mich nicht so frei und offen zu anderen Menschen geben.

Eines Tages sagtest du zu mir: "Dir ist sie stärker zugetan. Deine Hand hält sie länger und inniger, beim Kommen und Gehen, beim Gruß und Abschied und ihre Augen leuchten heller, wenn sie dich sieht."

"Das kann nicht sein", antwortete ich zweifelnd, "du wirst dich irren. Bei dir wäre sie besser aufgehoben. Du lebst leichter und bist mir in vieler Hinsicht voraus. Dir wird sie die Hand zum Leben reichen, wenn sie einen von uns lieben sollte. Ich kann mich deiner Vermutung nicht anschließen."

Eine Zeit lang blieb es still, nur dein Atem ging mühsam und schwer. Ich fühlte, wie du deine eigenen persönlichen Wünsche zurückdrängtest. Endlich brachst du das Schweigen und gabst mir zur Antwort. "Ich will mich für euch freuen, wenn sie mit dir geht, wird sie wieder jung und schön wie vor Jahren werden. In der Liebe darf man nicht fordern und zwingen. Sie muß sich völlig frei entfalten können, wie eine Blüte, die sich öffnet, wenn es warm und sonnig ist. Du weißt, wie ich zu Ernale stehe. Wollen wir richten, wer ihr mehr entgegenbringt, du oder ich? Das wäre ein törichtes Beginnen. Sie kann nur einem ganz gehören. Wenn ich sie nicht als Frau gewinne, so werde ich sie doch als Schwester haben."

Die Anzeichen der ehelichen Zerrüttung traten immer drohender in Erscheinung. Ernale begann merklich zu altern und verlor ihre Jugend wie im Fluge. Ihr munteres Wesen wich scheuer Verschlossenheit. Trübe Gedanken schwebten um die kummervolle Stirn, die sich auch von Spiel und Gesang nicht mehr erheitern lassen wollte. Immer mehr verschloß sie sich selbst den engsten Freunden und suchte auch uns auszuweichen, wenn wir sie zu Lust und Freude locken wollten. Aber trotz aller Bitternis, die Sie in jener Zeit erfuhr, hörten wir sie niemals klagen. Sie litt still und duldsam, ohne der ewigen inneren Zerrissenheit ihres Mannes entgegenzutreten, der sie mit seinen Begierden und Launen peinigte. Ergab sie sich ihrem Geschick? Sah sie keinen Weg aus dem Elend? Es schien, als wenn sie in dumpfer Verzweiflung zugrunde gehen wollte. So mutlos und kraftlos hatten wir sie noch nicht gesehen.

Was war nun zu tun? In tiefer Erregung sahen wir dem traurigen Schauspiel zu. Sollten wir dazwischen treten? Du drängtest und verlangtest von mir, ich müßte mit ihr sprechen. "Du bist kühler und kannst mit dem Verstande reden. Mich überwältigt mein Herz, wenn ich hingehe, nehme ich sie auf den Arm und trage sie aus dem verfluchten Haus heraus. Es ist besser, du erklärst ihr, daß sie nicht verzweifeln dürfe, und öffnest ihren Mund, damit wir wissen, was sie selber zu tun gedenkt und uns mit einschalten können."

Das war alles richtig. Trotzdem zögerte ich noch und wagte den Schritt erst, als sie einer schweren Krankheit entgegenging, die nur als Folge der langen Gemütsdepression anzusehen war. Ich stellte sie in der Küche und bat sie, doch endlich zu sagen, was wir längst wußten und schon am Tage ihrer Heirat vorausgesehen hatten, daß sie unglücklich wäre und nun im Elend stecke. "Sie dürfen sich nicht selbst aufgeben", legte ich ihr dar, "alle Menschen, die sie lieb haben, werden ihnen helfen und wir würden auch gern behilflich sein wollen."

Sie ließ mich reden, schaute mir aber nicht in die Augen und stand wie ein gescholtenes Kind, nachdem sie erst den Versuch machte, aus dem Raum zu fliehen. Statt einer Antwort erwiderte sie mit großen, schweren Tränen. Dann ging sie ins Nebenzimmer, nahm ihren goldlockigen Jungen auf den Arm und herzte ihn, als wollte sie damit sagen, daß sie seinetwegen blieb und alles zu ertragen beabsichtigte.

Das stimmte mich traurig. Konnte ihr Kind in einer zerrissenen Ehe gedeihen? War es nicht besser an ihrer Seite aufgehoben, wenn sie fortging und wieder das Lachen erlernte.

Beim Abschied fragte ich sie noch: "Dürfen wir nicht an ihren Nöten teilnehmen?" "Ich will es allein tragen", gab sie zurück.

Zweifelnd kam ich zu dir. Würden wir es schaffen? Du sagtest: "Man muß diese Vorstöße hartnäckig wiederholen. Dann wird sie mehr aus sich herausgehen und nicht nur der verpfuschten Gegenwart, sondern auch der Zukunft gedenken."

Wenige Tage nach diesem Gespräch trat ich ein zweites Mal an sie heran. Es kam so zwingend und plötzlich über mich, daß ich ohne Absicht handeln mußte. Aber auch dieses Mal schwieg sie beharrlich. Kein Wort kam über ihre blutlosen Lippen. Keine Entgegnung auf meine Bitten, Einwände und Forderungen. Mir war, als wenn ich ihr lästig fiele. Bei den ersten Worten zuckte sie merklich zusammen und machte eine abwehrende Handbewegung, die mir zu sagen schien, was beschäftigt ihr euch mit meinem Leid, ihr habt kein Recht dazu, laßt mich untergehen. Es ist meine eigene Schuld, warum habe ich diesen Mann geheiratet.

Zum Schluß, als es bedrückend still zwischen uns wurde, fügte ich unsicher hinzu: "Verzeihen sie mir. Ich werde nicht wiederkommen. Sie wollen es nicht. Es quält sie nur. Ich habe damit auch Herberts Bitte, an sie heranzutreten, entsprochen. Es war unser beider ehrliches Verlangen, wir werden warten; und wenn sie uns rufen sollten, zu Rat und Hilfe bereit sein."

Darauf wollte ich sie schnell verlassen. Als ich die Türe öffnete und ging, rief sie mir nach: "Sie dürfen immer kommen. Es ist schon richtig so."

Ich schaute mich um. Wieder weinte sie. Ihre Augen glänzten dunkel.

Als ich mit dir über das Vorgefallene sprach, meintest du vorwurfsvoll: "Weshalb bist du nur davongegangen? Anstatt sie einfach an die Brust zu nehmen! Sicherlich hätte sie sich ganz still gehalten und ihren Kummer ausgeweint. Lange wird sie sich nicht mehr sträuben, sie schleppt sich nur noch dahin und muß jetzt gehen. Schade um jede Stunde, die sie noch bleibt. Sie fällt immer mehr zusammen und wird elender von Tag zu Tag. Der Mann aber sieht nichts, fühlt nichts, denkt nur an sich, spinnt seine undurchführbaren, extremen Gedanken, redet von der christlichen Liebe und liebt nur sich selbst und sonst niemanden auf der Welt, möchte auf seinem Siedlungsgrundstück eine Gemeinschaft reiner Gottesmenschen aufbauen - der Tor, wo ihm alle Frauen davonlaufen und seine beiden Kinder aus der ersten Ehe ihm kaum die Hand zum Gruße bieten, so unsympathisch ist er ihnen. Soll er sein Bankleben weiterbetreiben, der Schwärmer, er kann ja nicht einmal Axt und Hammer oder einen Spaten bedienen. Wie konnte sie nur auf seine Phantasien vom natürlichen, gottnahen Leben hineinfallen, wo es noch nicht mal zum Spießbürgerdasein reicht? Er ist und bleibt ein Utopist, ein ewiger Nörgler, ein krankhafter unfähiger Mann. Er darf sie nicht unglücklich machen."

Kurz danach sprachen wir mit einer älteren Siedlerfrau, Ernales Nachbarin, über die zerrüttete Ehe.

"Jetzt", sagte sie bitter, "wo er merkt, daß sie ihm bald davonlaufen wird, sucht er sie noch fester zu binden. Ich sah ihr gestern im Vorübergehen in die Augen, sie bekommt bald ihr zweites Kind. Das hat der Narr gut gemacht. Nun kann sie noch schwerer fort."

Wir wurden wie vom Schlag getroffen. Sollte es möglich sein? Wenn sich diese Behauptung bewahrheitete, verstanden wir sogleich, warum Ernale gerade in den letzten Wochen zusammenbrach und nur noch einem Schatten ihrer einstmals blühenden Jugend glich. Sie hatte, wie wir deutlich fühlten, schon in der Vorstellung gelebt, sich bald zu lösen und wollte es nicht noch einmal dahin kommen lassen. Nun wurde sie sich, wie wir es bestätigt fanden, neuer Mutterschaft bewußt. Dieses Ereignis warf alle Pläne weit zurück und stellte die Auflösung der Ehe überhaupt in Frage. Was mochte sich inzwischen zugetragen haben? Wir kannten den Charakter des Mannes genügend und ahnten, wie brutal er vorging, um sich das durch Gesetz verbriefte, sogenannte "körperliche Recht auf Liebe" zu holen, trotz der Antipathie seiner Frau, die sich ihm sicher lange zu verweigern suchte.

Uns betrübte diese Nachricht auch noch in anderer Hinsicht. Hier wurde wieder ein Kind geboren, das nicht gewünscht, nicht ersehnt war, das nur der Mann gewollt hatte, um seine zwei Jahrzehnte jüngere Frau zu fesseln, jener Mann von dem wir so viele Lobgesänge über die allein seligmachende, christliche Gemeinschaft gehört hatten.

Ernale schien sich von dieser neuen Last nicht mehr zu erholen und machte uns große Sorge. Besonders dich, du guter Kamerad Herbert, ergriff um ihrer Not willen eine unwiderstehliche Abneigung gegen ihren Ehepartner, die mich verwunderte und ganz im Widerspruch zu deiner gutmütigen Anlage stand.

"Wenn sie nur käme", sagtest du immer wieder, "wenn sie ihn nur verlassen wollte! Er redet von Liebe und Freiheit und quält ein Menschenkind zu Tode, das überreich mit diesen Eigenschaften ausgestattet ist. Oh, wenn er mir nur noch einmal von diesen Dingen spricht! Ich werde mich vergessen und den häßlichen Zwerg zur Rechenschaft ziehen."

"Laß die Finger davon!", mahnte ich dich häufig, "vermeide eine derartige Szene. Du mußt dich dafür zu schade halten. Er zahlt noch einmal für seine Schuld."

Aber wie schwer fiel es mir, dich versöhnlicher zu stimmen. Doch durfte ich keine Mühe scheuen. Wenn du tatsächlich tätlich werden würdest, der du sonst keinem Menschen ein Haar krümmen konntest, mußte man das Resultat deiner starken Arme fürchten.

Wieder gingen ein paar Monate ins Land. Ernale brachte ein Mädel, Christel, zur Welt. Noch heute sehe ich sie in den weißen Kissen liegen, ermattet von allem Leid, zermürbt von dem Gedanken, ein Kind zu gebären, das unter so tragischen Umständen gezeugt und erzwungen wurde. Ihr kleines Köpfchen, die stillen, wehmütigen Augen sind mir noch deutlich erinnerlich. Sie lag so verlassen, so einsam, daß mir das Herz blutete und eine Empörung gegen das Unrecht ihres Mannes erfaßte, wie ich sie noch nicht empfunden hatte. Wäre ich nur meinem inneren Wollen nachgekommen, hätte sie geherzt und geküßt und ihre Not vergessen gemacht. Aber noch immer fehlte mir der Mut zu diesem Entschluß. Ich ging und lieferte sie weiter den Taktlosigkeiten ihres Mannes aus, der über ihre schweren Stunden hinwegging und sie nicht einmal mit den geringsten Liebesbeweisen zu trösten versuchte.

So verging ein weiteres Jahr. Ernale hatte mit dem neugeborenen Mädel große Sorge. Es entwickelte sich nur schwer und bedurfte ihrer vollen Aufmerksamkeit. Die seelische Bedrückung und Belastung der Mutter wirkte sich deutlich im Kinde aus und erst allmählich, durch unermüdliche Pflege und Liebe gedieh das kleine, unschuldige Wesen besser.

Unser enger Kontakt mit Ernale blieb weiterhin bestehen. Wir gingen ein und aus in ihrem Hause. Da sie uns aber noch immer im Unklaren ließ, und kein Wort über ihre zukünftigen Absichten sagte, wurden wir schließlich müde und zweifelnd. Drei Jahre waren bereits vergangen, seit wir die ersten Anzeichen einer Ehezerrüttung bemerkt hatten und nach dieser langen Zeit schien die Lösung, eine Trennung, schwieriger denn je zu sein. Dieser schleppende Verlauf mußte uns zermürben und hoffnungslos machen.*

*Unsere lange geübte Zurückhaltung und Nichteinmischung in Ernales Ehe war vor allem auf die jähzornige Veranlagung ihres Mannes zurückzuführen. Wir vermuteten, daß er bei einem von uns mitheraufbeschworenen Konflikt, zu dem im dritten Reich beliebten Mittel der politischen Denunziation greifen würde. Dieser Mann wußte, wie ablehnend wir zum Faschismus standen und wie meine Militärzeit verlaufen war. Tatsächlich ließ er dem Berliner Gericht ein Schreiben zugehen, worin er von der "staatsfeindlichen Haltung" und der Zersetzungsarbeit sprach, die meine vorfristige Entlassung als Soldat hervorgerufen hatte. Nur dem Richter, der nicht darauf einging, ist es zu verdanken gewesen, daß keine ernsten Folgen zutage traten und die äußerst gefährlichen, politischen Anwürfe unbeachtet blieben.

Da trat die zweite Frau in unser Leben. Wir lernten sie auf einer geheimen Zusammenkunft kennen, die in einem Kaffee im Berliner Westen stattfand, zu der rund 30, dem Hitlerismus feindlich gesonnene Personen erschienen waren. Bei diesem Treffen, das keine besonderen Ergebnisse zeitigte, da zu viele verschiedene politische und religiöse Gruppen zusammenkamen, hatten wir die erste Berührung mit einer gesinnungsmäßig nahestehenden Frau, die uns bald darauf besuchte. Sie bat, ihre Ferientage bei uns verbringen zu dürfen und kam darauf an den Osterfeiertagen hinaus.*

*Hier muß ich einschalten, daß wir inzwischen unser Häuschen im Walde, welches nur auf Pachtland stand, verloren hatten. Der Besitzer, ein Berliner Geschäftsmann, errichtete auf seinem 80 Morgen großen Gelände ein Umschulungslager für Juden, die aus Deutschland nach Palästina auswandern wollten. Das war noch im Anfang der faschistischen Diktatur möglich, wenn auch unter großen geldlichen Verlusten für die Beteiligten, die den Gartenbau in halbjährlichen Kursen erlernen mußten, ehe sie ihre alte Heimat aufsuchen durften. Später 1938, setzte dann die planmäßige Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Rasse in Deutschland ein. Durch diese Veränderung ging uns auch unser Bienenstand und unser Garten verloren.

Da ich neben Ernales Haus ein neues Stück Land nehmen konnte, mein Freund aber der Bienen wegen, die dort am Rande ausgedehnter Wälder nicht genügend Nahrung fanden, einen anderen Platz ausfindig machte und kaufte, kamen wir räumlich etwas auseinander. Dennoch waren wir fast täglich zusammen.

Die Freundschaft und Liebe zu der zweiten uns begegnenden Frau spielte sich also nicht mehr im alten Häuschen, sondern auf meiner neuen Siedlung, in Ernales unmittelbarer Nähe ab. Dahin kam die "schwarze Herta", wie sie bald allgemein genannt wurde, um uns näher kennen zu lernen, mit uns zu wandern, zu schwimmen, zu singen, zu lesen, kurz alle Freuden zu teilen.

Es gefiel ihr wohl. Sie lebte sich schnell ein und war von unserem Häuschen und der einsamen schönen Lage begeistert. Schon am ersten Tage - ich hatte sie von Bernau, der Endstation einer nördlich gelegenen Vorortstrecke Berlins abgeholt und auf entlegenen Waldwegen herangeführt - kamen wir uns sehr nahe.

Dafür sorgtest du, Herbert, der jeden Menschen, natürlich auch die schwarze Herta, mit einer unvergleichlichen Selbstverständlichkeit begrüßte und in unsere Welt einführte, als wäre sie dir schon jahrelang bekannt gewesen.

Am nächsten Morgen, du kamst alle Tage, ging es hinaus. Wir wollten sehen, wie sich die schwarze Herta im Walde bewegen würde, wie sie unsere Gedanken und Erlebnisse aufnähme und was ihr, dem Großstadtkind, die Natur überhaupt bedeute. Häufig genug hatten unsere Berliner Freunde enttäuscht, die von den Wäldern und Seen, den Wiesen und Äckern nur so lange schwärmten wie sie in ihren trostlosen Mauern hockten. Sobald sie aber draußen waren, kaum hinter den Toren der Stadt, sehnten sie sich aber schon wieder nach ihrem Tingeltangeldasein zurück. Sie konnten uns deshalb nur selten folgen und vermochten unsere Empfindungen, Vorstellungen und Freuden, auch wenn sie den guten Willen hatten, nicht oder nur wenig aufnehmen. Die moderne Zivilisation nahm ihnen das Verständnis für die großen kosmischen Zusammenhänge der Natur und zertrat jene heilige Scheu vor den Wundern der Schöpfung, die uns beseelte und zu glücklichen Menschen machte! Wir liebten alles - alles was war! Den Sturm ebenso wie den Sonnenschein, den grauen Nebel und die klare Frostnacht ebenso wie die Frische des Frühlings und die betäubende sommerliche Wärme. Unsere Verbundenheit mit dem All suchte und fand die Zweckmäßigkeit und den Zusammenhang der Erscheinungen. Wir fühlten uns als ein Teil des Ganzen und näherten uns der gütigen Mutter Erde nicht, um sie zu beherrschen und auszubeuten, sondern um sie zu lieben. Die Großstädter aber verkehrten gewöhnlich mit der Natur als wäre sie ihnen feindlich gesonnen und traten ängstlich oder herrisch an sie heran.

Schwarze Herta zeigte sich uns von der besseren Seite. Kaum waren wir einige Stunden draußen, da fanden sich schon unsere Hände zusammen und wir stürmten, sie in die Mitte nehmend, im schnellen Lauf und jubelnder Freude durch die frühlingsahnende Heide.

Sie wußte sich den neuen Eindrücken vorbehaltlos hinzugeben und wir wurden nicht müde die Besonderheiten des Waldes zu zeigen, die Welt der Tiere und die Vielfalt der Pflanzen, ihre wunderbaren Eigenschaften und Kräfte.

Willig ließ sie sich durch die tiefen Wälder führen. Immer weiter ging es mit munteren Sinnen, ohne an Zeit und Umkehr zu denken. Wir liefen uns müde und lagerten dann auf einer Wiese, wo sie von ihren vielen Wanderungen im In- und Ausland erzählte, von den Menschen, ihren Freuden und Leiden, Arbeit und Weltanschauung. Interessiert folgten wir ihren Ausführungen und verplauderten den Tag, um erst im Dämmern heimzugehen, froh über diese kluge und einfache, intelligente und natürliche Gesinnungsfreundin.

Wie alt war sie eigentlich? Wir hatten noch keine Zeit gefunden, danach zu fragen und nahmen an, daß sie, wie wir 25 Jahre zählen möge. Doch wie groß war unsere Überraschung als sie uns ein Bündel Briefe gab, aus dem hervorging, daß hinter ihr schon eine siebenjährige Ehe lag, und sie 8 Jahre älter war, als wir es angenommen hatten. Das hielt niemand für möglich, der sie sah, und machte uns im Moment leicht befangen.

Dem Osterfest schloßen sich bald ihre richtigen Ferien an - sie war als Büroangestellte tätig -, die sie ebenfalls bei uns verbrachte. Wir schloßen enge Kameradschaft und zogen zu dritt an die Seen und Bäche der Umgebung, oder in die weite sandige Heide hinaus. Wie schön das war! Wie sie sich freuen konnte, wenn wir unsere, den Wäldern abgelauschten Geheimnisse offenbarten, sie mitnahmen in den schwermütig-dunklen Wacholdergrund, zu den Ginsterbüschen oder auf die Feldmark, wo eine riesige Weide blühte, die tausende nektartrunkene Bienen umschwärmten. Wo der Himmel blaute und uns der Frühling auf Schritt und Tritt begrüßte.

Das gefiel ihr gut. Bald trug sie die Bitte an uns heran, den ganzen Sommer in meinem Häuschen wohnen zu dürfen. Sie wollte den 5 km weiten Weg zur Vorortbahn gern machen, wie sie erklärte, aber mit uns zusammenbleiben.

Wir willigten selbstverständlich ein. Ich stellte ihr meine Behausung zur Verfügung und zog selber in ein Zelt, daß ich dicht dabei unter einem Apfelbaum errichtete, während du, Herbert, des abends deine eigene Siedlung aufzusuchen pflegtest.

Mit der schwarzen Herta verkehrten wir auch in Ernales Haus. Gleich beim ersten Zusammentreffen schloßen die beiden Frauen enge Freundschaft. Wir hatten damit gerechnet und freuten uns über die schnelle Verbindung. Vielleicht vertraute Ernale ihrer Artgenossin leichter an, was sie zu tun gedachte und uns so hartnäckig verschwieg. Die schwarze Herta war ja ebenfalls durch eine missglückte Ehe hindurchgegangen und mußte ihr schon deshalb nahe stehen. Sie konnte nur von Nutzen sein, so dachten wir, und Ernale neue Lebenskraft geben. Schwarze Herta fühlte auch sofort wie nötig ihre Hilfe war und wandte sich freundlichst der unglücklichen Kameradin zu. Das tat uns wohl, dir wie mir. Wir hätten es auch nicht verwinden können, wenn es anders gewesen wäre, und sagten ihr, was Ernale bedrückte und wie lieb sie uns war.

Bald bemerkte ich, daß mir schwarze Herta näher zu kommen suchte, als es eine Freundschaft erlaubte. Diese Feststellung verwirrte mich sehr. Ich hatte nicht daran gedacht. Meine Sehnsucht war bei Ernale, aber das ewige Warten machte mir doch zu schaffen. Was sollte ich tun? Meine Überlegung ging schließlich dahin, durch eine offene Annäherung an schwarze Herta, Ernale endlich zur Stellungnahme zu zwingen. Mußte sie mir nicht einmal ein vertrauliches Wort sagen? Ich wartete wieder vergebens. Sie brach ihr Schweigen nicht. Die blauen, treuen Augen schauten mich freundlich an wie immer und riefen Zweifel und Kummer in mir hervor.

Da geschah es eines Abends, ich wollte gerade in mein Zelt zum Schlafen gehen, daß mich die schwarze Herta küßte. Ihre Lippen berührten mich kaum, es war wie ein Hauch, aber doch das Bekenntnis der Liebe. Ohne mich zu wehren, stand ich überrascht, wollte fortlaufen und konnte es nicht.

Still ging ich hinaus mit widerstrebenden Gefühlen, um bald darauf mit dir das Geschehene zu besprechen. Was würdest du sagen? Ich fühlte, daß dich die schwarze Herta mehr interessierte als du eingestehen mochtest und wollte Klarheit haben. Unsere Freundschaft sollte sie nicht trüben. Ich war eher geneigt, eine Frau zu verlassen, als dich zu verlieren.

Wir sprachen lange, auch über Ernale. Ich sagte dir, daß ich ihr gegenüber nicht mehr wüßte, was ich tun sollte.

"Auch mich", so antwortetest du, "hat die Unsicherheit mürbe gemacht. Das mag der Grund sein, warum ich in letzter Zeit viel an schwarze Herta gedachte habe. Ich weiß, sie ist uns beiden zugetan, und doch kann man einen feinen Unterschied, jenen Unterschied, der zwischen Freundschaft und Liebe besteht, in ihrer Stellung zu uns bemerken. Wir wollen es wieder so halten, gleich wie sich die Dinge entwickeln mögen, daß einer dem andern als Freund und nicht als Rivale entgegentritt. Die Menschen, die uns abträglich gesonnen sind, denen unser freies Leben ein Dorn im Auge ist, und die noch immer hoffen, daß wir an einem Liebeserlebnis scheitern, werden wieder enttäuscht sein. Unsere Freundschaft wird sich nicht lockern, sondern noch mehr verinnerlichen. Wie wird sich nur Ernale stellen, sie ist so unergründlich still." Diese Aussprache beruhigte mich. Vielleicht ging meine Annahme zu weit? Vielleicht war der Kuß der schwarzen Herta doch nicht so ernst gemeint wie ich ihn empfunden hatte?

In den folgenden Tagen sprachen wir oft über Fragen, die junge Menschen bewegten und hörten der schwarzen Herta zu, die viel von ihrer ersten Ehe berichtete und uns auch einen Blick in ihre späteren Liebesbeziehungen gewährte. Sie konnte so unbefangen plaudern, behandelte die schwierigsten Probleme frei und offen, aber niemals schlüpfrig oder würdelos. Ihre Gedanken gingen mit unseren parallel. Wir hatten aber in der Liebe bisher nur theoretische Kenntnisse gewinnen können, während sie mit reichen praktischen Erfahrungen kam. Sie war uns deshalb weit überlegen und wir fühlten und anerkannten gern, daß wir nur Gutes von ihr lernen konnten. Sie gab uns viel in jener Zeit. Wir durchwanderten mit ihr die Landschaft der menschlichen Seele, wie sie mit uns durch die Felder und Wälder der Natur zu ziehen pflegte.

Kurz darauf knüpfte schwarze Herta die Fäden fester, die sie schon mit ihrem ersten Kuß gesponnen hatte und ging mit mir eine Liebesbeziehung ein. Sie tat das bewusst (wie sie später selbst erklärte) mit dem Ziel, mir die erste körperliche Berührung mit einer Frau zu einem beglückenden Erlebnis und nicht zur Enttäuschung werden lassen. Es war ein An-die-Hand-nehmen, ein Hineinführen in die Geheimnisse der Liebe, ein Bekanntmachen mit den erotischen und seelischen Kräften, die mich heute, wenn ich zurückschaue, zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet. Damals wusste ich natürlich nichts von einer bestimmten Absicht der schwarzen Herta und wurde von dem Geschehen tief erschüttert.

Warum wählte sie mich und nicht dich, Herbert, zu diesem Erlebnis? Ich weiß es nicht mit Sicherheit zu sagen. Die Frage kann sie nur selbst beantworten. Wenn du aber keinen direkten Anteil an unseren Liebesbeziehungen nehmen konntest, so bist du trotzdem mitbeteiligt gewesen. Ich ließ dich alles wissen. Nicht das Geringste blieb dir verborgen oder verschwiegen.

Welche wunderbaren Früchte unsere Freundschaft hervorbrachte. Wie rein und selbstlos du das Glück des Kameraden mitempfinden konntest. Noch jetzt erfüllt mich deine charakterliche Größe - eben deshalb, weil dir die schwarze Herta so wenig wie Ernale gleichgültig sein konnte.

Ich berichtete dir das Liebesgeschehen mit der schwarzen Herta von jenem Abend an, da ich sie bei einem Waldspaziergang in die Arme nahm und mit stürmischen Küssen herzte. Wie wir in einem, bis auf die Erde herabgebogenen Kiefernzweig saßen, der uns mit seinen knorrigen Ästen vertraulich umrankte. Wo ich sie stundenlang liebkoste, bis sie aufsprang und mit mir in schnellem, fröhlichen Lauf, durch die dämmrigen Waldschneisen eilen, zur Hütte lief. Atemlos erreichten wir unser Häuschen. Ich zündete die Lampe an, setzte mich an den Tisch. Legte den Kopf auf die verschränkten Arme und lauschte den neuen seligen Kräften, die mein Herz bewegten und entzündet hatten.

Wie lange mochte ich so gesessen haben? Ich fühlte plötzlich die weichen Hände der schwarzen Herta, die mich langsam aufrichtete und zu sich herüberzogen. Von süßen Träumen bestrickt, schlug ich endlich die Augen auf und erschrak... sie hatte sich entkleidet und stand verlockend schön und bittend vor mir. Ein Augenblick verstrich, in dem ich noch zögerte. Dann war mir klar geworden, wozu sie sich entschlossen hatte, und ich ging, alle Bedenken fallen lassend, zu ihr.

Wie zwingend ihr dunkles Auge leuchtete! Wie weich ihr schwarzes Haar über die hellen Brüste floß. Wie wenige Worte sie zu mir sprach, die ich kaum hörte, kaum verstand: "Es liegt bei dir, ich habe mich entschieden!"

Demütig, freudig, still, stürmisch... wie soll ich´s sagen, wie den Rausch und das Verlangen nennen, das mich ihr nun entgegenführte. Hätte ich es wagen dürfen, das Geschenk, die schrankenlose Hingabe eines reifen Weibes abzuweisen? Ich konnte und wollte es nicht, fühlte mich so wohl und geborgen und erlebte im Schatten der Nacht zum ersten Mal die Kraft der Liebe.

Als ich am nächsten Morgen erwachte - schwarze Herta schlief noch mit lächelndem Munde - dachte ich an Ernale. Würde sie das alles verstehen und begreifen können? Hatte ich sie nun verlassen? Liebte ich in der schwarzen Herta nicht eigentlich sie, die mich jahrelang hoffen ließ?

Noch ehe ich mir eine klare Antwort darauf geben konnte, schlug meine neue Geliebte die Augen auf und nahm mich wieder gefangen.

Wenig später kamst du, Herbert, munter, scherzend wie immer. "Sag´s ihm nur", meinte schwarze Herta, "kannst deinem Freund ja doch nichts verbergen. Ich gehe und sonne mich solange, bis ihr zusammen kommt und mich zurückholt."

Ich erzählte dir alles. Du hörtest aufmerksam zu: "Überraschen tut mich nur," fügtest du am Schlusse bei, "wie schnell es ging. Ich hatte mir die Entwicklung langsamer vorgestellt. Wie dem auch sei, ich will mich dazu freuen. Komm, laß uns schwarze Herta suchen. Ich muß ihr noch etwas sagen."

Wir gingen und fanden sie bald. Du reichtest ihr lachend die Hand: "Das hast du fein gemacht (im Gegensatz zu Ernale hatten wir mit ihr gleich das vertrauliche Du aufgenommen), ich bringe dir immer Blumen, die dir sagen, wie lieb ich dich habe und muß mich nun mit einer Freundschaft begnügen; Kurt dagegen tut nichts dergleichen und erntet doch bessere Früchte. Trotzdem, ich bin dir nicht böse. Wir wollen uns gemeinsam des schönen Lebens freuen."

Kurt Kretschmann
Fortsetzung im nächsten Heft

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zuletzt aktualisiert am 11.08.2001   -   © ÖKOSTADT e. V. ÖKOSTADT-Nachrichten