ÖKOSTADT-Nachrichten - Zeitschrift des Fördervereins ÖKOSTADT e. V.

Januar 2002 • ÖN 35

Von der Ökostadt zum Öko-Haus
Mitgliederversammlung 8. März 2002, 20 Uhr

Inhalt der ÖN 35 (Januar 2002)

Zweimal Abschied (S. 2)
Mitgliederversammlung und Satzung (S. 2-3)
Demonstrative Fahrradtour (S. 3)
Beiträge zu Krieg und Frieden (S. 4-12)
Ethische Grenzen der Toleranz (S. 15-16)
Kunstausstellung Wilhelm Gehrs (S. 16-17)
Holzheizung in Lychen ist fertig (S. 18-19)
Widersetzen im Wendland (S. 20-21)
Zu einer Hofmosterei ÖKOSTADT (S. 22)
Strahlende mächtige Sonne (S. 23)
Kurt Kretschmann: Herbert (S. 23-27)

Abschied- in eigener Sache

Der Winter 2001/2002 bringt einen Umbruch für die Redaktion der ÖN mit sich. Zwei MitstreiterInnen, die zuletzt auch gleichzeitig im Vereinsvorstand mitwirkten - Marlies und Philip -, verlassen Berlin und Brandenburg in Richtung Süden bzw. Westen. Das bedeutet, dass die ÖN in ihrem bewährten Umfang nur dann weiter erscheinen können, wenn sich neue und vor allem begeisterte RedakteurInnen finden werden. Die ökonomischen Zwänge des real existierenden Kapitalismus, das Eingebundensein in familiäre Verpflichtungen haben sich wieder als stärker erwiesen als die Möglichkeiten, innerhalb eines Projekts ÖKOSTADT eigene Lebensperspektiven, wirtschaftliche und soziale Existenzen aufzubauen.

An der Fähigkeit des Projekts ÖKOSTADT, jenseits des alten Zieles einer neuen ökologischen Stadt andere Perspektiven zur Verbreitung und Sicherung eines ökologischen Zusammenlebens von Menschen aufzubauen, gewissermaßen eine permanente Zukunfts-Werkstatt zu sein, hängt die Chance ab, neue Kräfte zu gewinnen. In diesem Sinne wünsche ich ÖKOSTADT und besonders auch den ÖN eine in vielen Farben leuchtende Zukunft

Philip Jacobs

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Satzungsänderung - Abschied vom Bau der ökologischen Stadt

Auch für unsere wunderbare Vereinssatzung von 1992 (zuletzt geändert 1999) stehen Veränderungen an. Um weiterhin als gemeinnütziger Verein steuerfrei wirtschaften zu können, erlegte uns das Finanzamt für Körperschaften im Jahr 2001 Auflagen zur Änderung der in der Satzung formulierten Vereinzwecke auf. Diese Auflagen sind im Änderungsentwurf für den $ 2 der Vereinssatzung durch den Vorstand berücksichtigt. In einem Schreiben vom 2. Januar 2002 verwarf jedoch das Finanzamt einen Teil der von ihm selbst eingebrachten Änderungsvorschläge.

Ich betrachte persönlich die Streichung der alten Ziele mit zwei weinenden Augen, da ich das Ziel der Errichtung ökologischer Städte weiterhin für erstrebenswert halte. Tatsächlich nähert sich die Satzung mit diesen Änderungen jedoch der Realität von ÖKOSTADT im Jahre 2002 an. Die Bedingungen für die Entwicklung eines städtischen ökologischen Lebens, das über kleine Teilbereiche und Mikrokosmen hinausgeht, sind heute in dieser globalisierten kapitalistischen Welt nicht gegeben, und dies gilt in verstärktem Maß für die wirtschaftlich ruinierten Regionen Ostdeutschlands und -europas. Insofern ist richtig, die eigenen Möglichkeiten wirklichkeitsnaher zu formulieren. Die ökologische Bildung als eine Grundlage für einen verantwortungsvollen Umgang zukünftiger Generationen mit Mensch und Natur ist eine Aufgabe, die ÖKOSTADT mit Kraft angehen sollte, ebenso wie die Orientierung auf ÖKOSTADT als eine ökologische Gemeinschaft. Hier liegt auch eine Chance, bald wieder zu wachsen.

Das Verhalten des Finanzamts mit immer wieder nachgeschobenen Änderungsforderungen halte ich für sehr fragwürdig. Inhaltlich kann ich jedoch mit der Streichung der Unterhaltung eines Vereinshauses als Vereinszweck im Sinne des Zwecks der ökologischen Bildung und der Gemeinschaft gut leben, jedoch nur dann, wenn dies - das Haus bringt uns ja keine finanziellen Gewinne ein - zu keinen steuerlichen Nachteilen führt.

Philip Jacobs

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Einladung zur Jahresmitgliederversammlung 2002

des Fördervereins ÖKOSTADT e. V. am 8. März 2002 um 20.00 Uhr im Weidenweg Nr. 62 (Parterre, Café-Raum)

Der Vorstand schlägt folgende Tagesordnung vor:

Wir freuen uns auf Eure zahlreiche Beteiligung.

Liebe Grüße
Der Vorstand

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Demonstrative Fahrradtour Berlin-Lychen-Berlin 2002

Sie wird wieder stattfinden, aber diesmal wird jemand an Philips Stelle die Verantwortung übernehmen. Treffpunkt wie immer am Alex um 10 Uhr, am S-Bhf. Mühlenbeck-Mönchmühle um 11 Uhr. Übernachtungen diesmal zweimal bei ÖKOSTADT in Lychen und einmal bei Gerd und Ingrid in Altthymen.

1. Tag: Berlin - Mühlenbeck - Zehlendorf - Liebenwalde - Krewelin - Zehdenick - Burgwall - Bredereiche - Lychen

2. Tag: vormittags Holzaktion; nachmittags evtl. Rundtour (nach den Wünschen der TeilnehmerInnen)

3. Tag: Rundtour über Neustrelitz nach Altthymen

4. Tag: Altthymen - Himmelpfort - Bredereiche - Zehdenick - Falkenthal - Neuholland - Friedrichsthal - Oranienburg - Berlin

Bitte vorher bei ÖKOSTADT in Lychen (039888/4195) anmelden. Evtl. wird das Mitbringen von Schlafsack und Isomatte notwendig. Auf jeden Fall Verpflegung für unterwegs.

Viel Spaß!

Philip Jacobs

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Krieg und Frieden im dritten Jahrtausend n. Chr.

Dokumentation anlässlich der Anschläge gegen WTC und Pentagon sowie der NATO-Angriffe auf Afghanistan

Die Ereignisse des 11. September 2001 und der anschließenden Monate gingen auch an ÖKOSTADT nicht vorbei. Wir dokumentieren hier einige Beiträge von ÖKOSTÄDTERinnen und anderen. Meinungsäußerungen und Kritik sind erwünscht.

Mittwoch, 12. September 2001

Der Wendepunkt der Weltpolitik hin zu mehr Gewalt

Erste Einschätzung der Terroranschläge in den USA

Diskussionsbeitrag der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. zu den brutalen Anschlägen gegen das World Trade Center in New York, das Pentagon in Washington etc.

1. Die Mega-Anschläge und die Opfer

Die brutalen Flugzeug-Anschläge bzw. Mega-Attentate (keines dieser Worte trifft die riesige Tragödie richtig) auf das World Trade Center, das Pentagon etc. in den USA am 11. September 2001 sind aufs Schärfste zu verurteilen. Es hat wohl Tausende Tote gegeben. Es ist entsetzlich. In diesen Tagen und Stunden sind unsere Gedanken und Mitgefühle bei den Toten, den Ermordeten, den Verletzten und ihren Angehörigen und Freund/innen. Die Anschläge und ihre Folgen hinterlassen einen in Fassungs- , Rat- und Sprachlosigkeit. Wer meint, solche Mega-Morde politisch begründen zu können, irrt total. Jegliche Rechtfertigung, Genugtuung oder Freude ist völlig fehl am Platz. Solche Anschläge sind ausschließlich menschenverachtend und barbarisch.

2. Die möglichen Täter

Zum derzeitigen Zeitpunkt (12.09.2001, 12.00 Uhr) ist noch völlig ungeklärt, wer diese Mega-Anschläge auf Symbole der US-Macht verübt hat oder verübt haben könnte. Für eine Durchführung dieser unvorstellbaren Anschläge sind umfassendes Know-how (als Piloten, als Techniker etc.), genaue Koordination, Logistik und totale Skrupellosigkeit erforderlich. Wer ist dazu in der Lage? Derzeit wird in den Medien über die "üblichen Verdächtigen" spekuliert. Zuerst waren "die Palästinenser" im Blickfeld. Es ist fatal ganze Gruppen von Menschen bestimmter Herkunft für diese Mordanschläge verantwortlich machen zu wollen oder sie zu verdächtigen. Die Form der Spekulationen in einigen Medien ist zum Teil hoch problematisch. Es ist dringend vor Vorverurteilung zu warnen. Dann tauchte der Name Osama bin Laden auf und wird bisher immer wieder genannt. Was bisher fehlt sind Fakten und Hintergründe. Die Frage, was jemanden oder eine Gruppe dazu bringt, solche Mega-Anschläge durchzuführen, muss gestellt werden. Auch muss die Frage erlaubt sein, warum gerade die USA (und dort gerade das World Trade Center und das Pentagon) Ziel dieser Mega-Anschläge geworden sind. Sollte Osama Bin Laden hinter diesen Anschlägen stecken, muss kritisch angemerkt werden: Die US-Regierungen haben über Jahre ihn und seine Komplizen finanziert und aufgebaut, als er nützlich erschien, um in Afghanistan gegen die Invasion der Roten Armee der Sowjetunion zu kämpfen. Ähnliches gilt für die Unterstützung von Saddam Hussein durch die USA und für andere Gruppen, die einst "nützlich" erschienen. Jetzt zeigt sich der Effekt, dass die herbeigerufenen Zauberlehrlinge nicht mehr beherrschbar sind und sich gegen ihre einstigen Ziehväter wenden. Es muss endlich Schluss sein mit einer doppelbödigen Moral in der internationalen Politik, die die Attribute "gut" und "böse" je nach aktueller Weltlage oder Opportunität verteilt.

3. Die mögliche Reaktion der US-Regierung

Die weltpolitische Lage hat sich nun grundlegend geändert. Der 11. September 2001 ist wohl der Wendepunkt der Weltpolitik hin zu mehr Gewalt. Eine zentrale Frage lautet nun: Wie wird die US-Regierung reagieren? Es ist zu befürchten, dass sie in heftigster Form Rache üben wird. Die außen- und friedenspolitischen Implikationen dieser Mega-Anschläge könnten furchtbar sein. Die Außen- und Wirtschaftspolitik, aber insbesondere auch die Militärpolitik der Administration des derzeitigen US-Präsidenten George W. Bush waren schon bisher so, dass sie selten nach den Folgen ihrer Politik für Menschen außerhalb der USA, insbesondere in Gebieten außerhalb der westlichen Staaten fragte. Die Schwelle für die Anwendung von (militärischer) Gewalt war für die(se) Regierung der USA bisher immer sehr niedrig. Es ist zu befürchten, dass sich die Militärpolitik der USA weiter verschärfen wird. Weitere und direktere Kriege der US-Regierung gegen vermeintliche oder tatsächliche Gegner, staatlicher oder nichtstaatlicher Art, sind nach den brutalen Mega-Anschlägen leider sehr viel wahrscheinlicher geworden.

4. Verwundbarkeit der hochtechnisierten Welt

Die Mega-Anschläge zeigen die Verwundbarkeit der hochtechnisierten Welt. Der zivile und militärische Flugverkehr werden nach dem 11. September 2001 nicht mehr so durchgeführt werden können wie zuvor. Kommunikation, Mobilität und Finanzverkehr - drei zentrale Momente der westlichen Welt waren und sind durch diese Mega-Anschläge deutlich beeinträchtigt (Telefonverkehr und Internet waren und sind wegen Überlastung zum Teil zusammengebrochen, die Finanzmärkte spielen verrückt - nein, sie folgen ihrer eigenen immanent makabren Logik: die Kurse der Rüstungsfirmen und der Ölmultis steigen!) .

5. Die innenpolitischen Implikationen der Megaanschläge

Die innenpolitische Situation in den USA wird sich stark verschlechtern. Aber auch das innenpolitische Klima in Deutschland könnte sich enorm verschärfen. Repressionen gegen Menschen bestimmter Herkunft und gegen alle die berechtigte Kritik an der Politik der US-Regierung haben, sind zu befürchten. Jetzt werden viele diese Mega-Anschläge für ihre Politik instrumentalisieren, z.B. für eine verstärkte innen- und außenpolitische Aufrüstung. Für eine weitere Stärkung von Polizei und Militär, die Militarisierung wird wieder weiter vorangetrieben werden. Nein, es sind keine militärischen Reaktionen vonnöten, notwendig ist der Abbau wirtschaftlicher Ungleichheiten in der Welt. Statt repressiver und militärischer Reaktionen ist eine Veränderung von politischen Strukturen hin zu mehr Gerechtigkeit vonnöten. Die groß erklärte Freiheit, die Globalisierung, ist zumeist nur eine Freiheit, eine Globalisierung, des Handels, nicht der Menschen und dieser Handel, diese Globalisierung hat seine/ihre Opfer. Es ist Gerhard Schröder und Joschka Fischer entschieden zu widersprechen: Nein, es geht nicht um Solidarität mit dem Staat USA, um Solidarität mit der Regierung der USA, um Solidarität der "zivilisierten Welt". Nein, es geht um Solidarität mit den Menschen, die von den Mega-Anschlägen betroffen sind.

Tobias Pflüger u.a. nach Diskussion mit einigen IMI-Vertreter/innen, 12.09.2001 (http://www.imi-online.de; mailto:imi (Klammeraffe) imi-online.de). Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. Hechingerstr. 203, 72072 Tübingen, Tel 07071/ 49154, Fax 07071/ 49159, mailto:imi (Klammeraffe) imi-online.de, http://www.imi-online.de

Do., 13. September 2001, Julien Lamarche aus Ottawa. Übersetzt von Hans-Peter Richter, Deutscher Friedensrat

"Wie viele andere Menschen auch, war ich durch die aktuellen Ereignisse, die sich in den Vereinigten Staaten am Dienstag, dem 11. September abgespielt haben verwirrt. Die Verwirrung war aber nicht wegen Unverständnis, sondern einfach wegen des Ausmaßes dieser Ereignisse. Tatsächlich war ich nicht davon überrascht, was geschehen war. Um meinen Mangel an Überraschung zu verstehen, ist es wichtig, die Debatte auf die Frage zu verlagern, "Warum ist das geschehen?", anstelle von "War das richtig?", "Wer hat es getan?", "Wie sollten wir darauf reagieren?", oder noch dümmer: "Sollten wir mit militärischer Gewalt reagieren?". Im Gegensatz dazu wofür "Demokratie" und "Freiheit" stehen, ist der Gebrauch von Gewalt schon lange mit der Politik der USA verbunden, insbesondere mit ihrer Außenpolitik. Wenn der Plan für Kolumbien tatsächlich Drogen betrifft, wieso konnte dann ein Mitglied des kanadischen Solidaritätskomitees für Kolumbien in Ottawa sagen, dass das Militär rund um die Ölbohranlagen stationiert war und nicht um die Drogenfelder? Wie konnten bei dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien so viele Zivilisten getötet werden? Warum werfen die USA immer noch Bomben auf Vieques (Puerto Rico) entgegen dem Willen des Volkes und offizieller Anfragen der Lokalregierung (siehe: http://vermont.indymedia.org/display.php3?article_id=827&group=webcast )? Es ist tatsächlich nicht überraschend, was passiert ist, wenn man liest, was Richard K. Moore vom "Global Network Against Weapons & Nuclear Power in Space" sagt: " Die Politik des Militarismus, wie sie von den Vereinigten Staaten verfolgt wird, hatte als Ergebnis Millionen von Toten, bei der historischen Tragödie des Indochina-Krieges, über die Finanzierung von Todesschwadronen in Zentralamerika und Kolumbien, bis hin zu den Sanktionen und Luftangriffen gegen den Irak. Diese Nation ist der größte Versorger der Welt mit "konventionellen Waffen" - diese Waffen treiben den totalen Terrorismus von Indonesien bis Afrika immer weiter an." Wer das tat, startete keinen Krieg, die USA taten das die ganze Zeit. Tatsächlich hat keine Stellungnahme, wie jetzt die von Bush eine solchen Grad von Heuchelei erreicht, als er sagte: "die Freiheit selbst wurde an diesem Morgen angegriffen von einem gesichtslosen Feigling und die Freiheit wird verteidigt werden." Ein Land, das für die Freiheit ist, würde Vereinbarungen unterstützen, die den Frieden fördern. Keiner ist jedoch frei, wenn Länder militarisiert werden. Die USA gingen niemals in diese Richtung. In einer Studentenzeitung "L'entremetter" hat Eric Martel gefragt: "Warum sind die USA gegen die Konvention von 1997 mit der die Landminen geächtet werden, gegen die Konvention von 1994 die die Kindersoldaten ächtet, gegen die globale Ächtung von Atomwaffentests, gegen die Konventionen der Vereinten Nationen von 1966 über wirtschaftliche und soziale Rechte, gegen die Konvention von 1979 über die Rechte von Frauen, gegen die Konvention der OAS (Organisation der amerikanischen Staaten) von 1969 über Menschenrechte, gegen die Zusatzprotokolle von 1977 zu den Genfer Konventionen von 1949 über die erweiterten Rechte der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten und gegen die Konvention von 1982 über Seerechte, etc.." Tatsächlich geht der Plan der Raketenabwehr genau in die entgegengesetzte Richtung. Es gibt klare Beweise dafür, dass die USA in die Verletzung von Menschenrechten in Lateinamerika verwickelt sind. Die Organisation "School of the Americas Watch" klagt an: "Die US Army School of Americas" (SOA), die sich in Fort Benning in Georgia befindet, trainiert Lateinamerikanische Soldaten für den Kampf gegen Aufständische und Drogen. Absolventen der SOA sind verantwortlich für schwerste Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika." Diese Organisation hat eine spezielle Seite darüber im Internet, siehe http://www.soaw.org/. Die Menschenopfer, hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, sind sicherlich ein wesentlicher Punkt, den wir nicht vergessen können bei diesen Ereignissen. Aber es ist ebenso ein wesentlicher Punkt, festzustellen, dass viele andere Tote durch die Außenpolitik der USA verursacht wurden, und das diese Toten wahrscheinlich das Motiv für diese Ereignisse waren. Hier weitere Anmerkungen: "Wenn die Vereinigten Staaten sich vor dem internationalen Strafgerichtshof fürchten, könnte es interessant sein, sich ihre Außenpolitik anzusehen." (Christopher Hitchens, Autor des Buches "Trial of Henry Kissinger"). "Lokale Aktivisten in D. C. sind besorgt darüber, dass die Regierung der USA und das Militär als Antwort planen könnten, die Gewalt rund um die Welt zu verstärken." (D. C. Independent Media Center, 11.09.01). "Es scheint, dass man nicht anerkennen will, wie das mit der Wirtschafts- und Militärpolitik der USA und der Welthandelsorganisation zusammenhängt. Wie kann man davon überrascht sein, dass etwas passiert. Die USA müssen ihre Missachtung des Restes der Welt und der Armen ändern, oder sie werden sehen, dass noch mehr passieren wird. Das ist das perfekte Beispiel dafür, warum diese Politik geändert werden muss." (Bork, Aktivist der Antiglobalisierungsbewegung)

Do., 13. September 2001, Stellungnahme von der War Resisters League (WRL) in New York (David McReynolds)

Jetzt, wo wir das schreiben, ist Manhattan wie in einem Belagerungszustand, alle Brücken, Tunnel und U-Bahnen sind geschlossen, und Zehntausende von Menschen gehen langsam vom unteren Manhattan nach Norden. Hier in unserem Büro bei der WRL, gehen unsere Gedanken sofort zu den Hunderten, wenn nicht Tausendenden der NewYorker, die ihr Leben bei dem Einsturz des World Trade Centers verloren haben. Der Tag ist klar, der Himmel ist blau, aber riesige Wolken wabern über die Ruinen, wo so viele gestorben sind, einschließlich einer großen Zahl von Rettungskräften, die dort waren als der endgültige Einsturz geschah. Natürlich wissen wir, dass unsere Freunde und Mitarbeiter in Washington D. C. ähnliche Gedanken haben über die einfachen Menschen, die in Teilen des Pentagons eingeschlossen waren, als es von einem Flugzeug getroffen wurde. Und wir denken auch an die unschuldigen Passagiere der entführten Flugzeuge, die an diesem Tag in den Tod geflogen wurden. Wir wissen zu dieser Zeit nicht, von welcher Seite der Angriff kam. Wir wissen, dass Yassir Arafat die Bombardierung verdammt hat. Wir zögern, eine ausführliche Analyse zu machen, bis wir mehr Informationen haben, aber einige Dinge sind klar. Was den Plan der Bush-Regierung angeht, Hunderte von Milliarden für den Sternenkrieg auszugeben, ist das Betrug von Anfang an, wenn Terroristen so leicht mit einfachen Mitteln zuschlagen können. Wir fordern den Kongress und George Bush auf, wie immer auch die Antwort der USA sein wird, wird klar sein, dass diese Nation nicht länger Zivilisten trifft, oder irgendeine Politik von irgendeiner Nation akzeptiert, die Zivilisten zum Ziel hat. Das würde ein Ende der Sanktionen gegen den Irak bedeuten, die den Tod von Hunderttausenden Zivilisten verursacht hat. Das würde nicht nur die Verdammung des Terrorismus durch Palästinenser bedeuten, sondern auch die Verdammung der Politik der Ermordung von palästinensischen Führern und der ruchlosen Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung bei der anhaltenden Besetzung der Westbank und des Gazastreifens durch Israel. Die Politik des Militarismus, wie sie von den Vereinigten Staaten verfolgt wird, hatte als Ergebnis Millionen von Toten, bei der historischen Tragödie des Indochina-Krieges, über die Finanzierung von Todesschwadronen in Zentralamerika und Kolumbien, bis hin zu den Sanktionen und Luftangriffen gegen den Irak. Diese Nation ist der größte Versorger der Welt mit "konventionellen Waffen" - diese Waffen treiben den totalen Terrorismus von Indonesien bis Afrika immer weiter an. Die frühere Politik der Unterstützung des bewaffneten Widerstandes in Afghanistan führte zum Sieg der Taliban - und brachte Osama Bin Laden hervor. Andere Nationen haben auch bei dieser Politik mitgemacht. Wir haben in den vergangenen Jahren die Aktionen der russischen Regierung in solchen Bereichen wie Tschetschenien verdammt, die Gewalt auf beiden Seiten im Nahen Osten und im Balkan. Aber unser Land muss die Verantwortung für seine eigenen Aktionen tragen. Bis heute haben wir uns innerhalb unserer eigenen Grenzen sicher gefühlt. Wir sind an einem klaren kühlen Tag aufgewacht, und fanden unsere größte Stadt in einem Belagerungszustand, der uns an eine gewalttätige, nicht an eine sichere Welt denken ließ. Lasst uns das Ende des Militarismus anstreben, der unsere Nation seit Dekaden kennzeichnet. Lasst uns eine Welt anstreben, in der Sicherheit erreicht wird durch Abrüstung, internationale Zusammenarbeit und soziale Gerechtigkeit, nicht durch Eskalation und Vergeltung. Wir verdammen ohne Einschränkung solche Angriffe wie sie heute passiert sind, die Tausende von Zivilisten treffen - aber mögen diese schrecklichen Tragödien uns auch an die Folgen der US-Politik für andere Zivilisten in anderen Ländern erinnern. Insbesondere sind wir uns der Angst bewusst, die viele Menschen mit Abstammung aus dem Nahen Osten haben, die jetzt in unserem Land leben. Wir fordern, dass das in unserer Gemeinde beachtet wird. Wir sind eine Welt. Wir werden in einem Staat der Furcht und des Terrors leben oder wir werden uns in eine Zukunft bewegen mit friedlichen Alternativen zu Konflikten und mit einer gerechteren Verteilung der Ressourcen der Welt. Indem wir über die vielen verlorenen Leben trauern, rufen unsere Herzen nach Versöhnung, nicht nach Rache. Das ist keine offizielle Stellungnahme der WRL, sondern wurde unmittelbar nach den tragischen Ereignissen entworfen. Unterschrieben und herausgegeben von den Mitarbeitern und Geschäftsführung der WRL in ihrem Zentralen Büro am 11.09.2001.

Kontakt: WRL - 212 /228.0450 oder David McReynolds, 212 / 674.7268; Global Network Against Weapons & Nuclear Power in Space; PO Box 90083 Gainesville, FL. 32607 (352) 337-9274; http://www.space4peace.org -
E-Mail: globalnet (Klammeraffe) mindspring.com

Klaus-Peter Kurch, Sonntag, 16. September 2001

I. Ich bin gegen alle die verantwortungslosen, hetzerischen Reden und Taten zur Vorbereitung von Vergeltung und Krieg. Die USA verstehen sich als Rechtsstaat und müssen auf den schrecklichen Terroranschlag, den ich auf das Schärfste verurteile, eine rechtsstaatliche Antwort geben. Das bedeutet, die Schuldigen zu finden und vor ein internationales Gericht zu stellen. Jede Reaktion der USA, die das Leben Unschuldiger gefährdet, ist selbst terroristisch. Nichtamerikaner, vor allem Politiker, müssen in diesem Sinne auf die USA einwirken. Den Nato-Bündnisfall-Beschluss halte ich in diesem Zusammenhang zumindest für fragwürdig, wahrscheinlich ist er falsch.

II. Notwendig ist eine vorurteilslose gesellschaftliche Auseinandersetzung über Rolle und Wurzeln von Terrorismus in der Gegenwart. Diese Vorurteilslosigkeit muss sich sowohl auf Handlungen von Staatsterrorismus imperialer Mächte (z. B. USA seit Hiroshima) als auch auf den Terrorismus nichtstaatlicher Kräfte erstrecken und alle "heiligen Güter", die Terror rechtfertigen sollen, zur Disposition stellen. (Selbstverständlich darf es auch keinen Vorwand geben, der die terroristischen Handlungen Israels ausklammert.)

III. Die Vorurteilslosigkeit möge bis zu der Erkenntnis vordringen, dass der Terror ein besonders schlimmer aber unvermeidlicher Ausdruck der herrschenden Barbarei des kapitalistischen Profitsystems (Zwangssystems) ist. Die Einsicht eines/einer jeden Angehörigen des kleinen reichen Teils der Welt ist nötig, dass alle seine/ihre alltäglichen Verrichtungen, noch seine/ihre harmlosesten Konsum- oder/und Behauptungsgewohnheiten eine barbarische Komponente haben. Sie rauben anderen Menschen (auch Tieren und Pflanzen, diese aber reagieren nicht mit Terror) die Luft, das Wasser, den Boden und demütigen sie bis zur Verzweiflung.

Ich glaube, wenn sich eine einigermaßen beträchtliche Anzahl von Leuten über die Punkte I. bis III. einig würde (mit Konsequenz), könnte vielleicht wieder ein Schimmer von Hoffnung in die Welt kommen.

Klaus-Peter Kurch

Aus der "Zeitung gegen den Krieg (ZgK)"

Tübingen, Dortmund und Berlin, den 20. September 2001

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

mehr als eine Woche sind seit den Angriffen auf das World Trade Center vergangen. Nach den vielen Reaktionen von Trauer und Abscheu stehen inzwischen die Vorbereitungen von sogenannten "Gegenschlägen" und die Gefahr eines neuen Krieges im Zentrum.

In dieser Situation wollen wir eine neue Ausgabe der "Zeitung gegen den Krieg" herausbringen. Uns erscheint es wichtig, dass die Friedensbewegung und alle Kräften, die sich gegen eine Kriegstreiberei engagiert haben, über ein sinnvolles Mittel verfügen, um die Positionen für Frieden zum Ausdruck zu bringen.

Wie bei den vorausgegangenen Ausgaben wird die Zeitung getragen von einer Reihe von PDS-Bundestagsabgeordneten, von der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V., Tübingen und von einer Reihe von Einzelpersonen und Gruppen aus dem Spektrum PDS, Friedensbewegung u.a.

Die grundsätzliche Orientierung der Zeitung wird - entsprechend den Positionen, wie sie von der PDS und aus den Reihen der Friedensbewegung seit dem 11.September formuliert wurde, die folgende sein:

Zu den aktuellen PDS-internen Debatten wird diese "Zeitung gegen den Krieg" sich nicht explizit äußern. Deutlich aber wird sein, dass wir jede "militärische Antwort" falsch finden und bei einer Bejahung von solchen "Antworten" wissen, dass dies für die allgemeine Kriegstreiberei instrumentalisiert werden dürfte.

Wir bitten Euch, umgehend Bestellungen durch das beiliegende Formblatt vorzunehmen. Bis kommenden Mittwoch (25.September) können wir Bestellungen berücksichtigen. Die Zeitung wird 8 Seiten haben und je Ex. 0,20 DM kosten (also 100 Ex. 20.-DM; Porti bereits inbegriffen). Wir können aus technischen und finanziellen Gründen nur Bestellungen ab 20 Ex. aufwärts berücksichtigen. Die neue Zeitung gegen den Krieg liegt ab 28.9. gedruckt in Berlin vor; wir hoffen, sie noch am selben Tag, spätestens am 1. 10. in Vertrieb geben zu können.

Solidarische Grüße Tobias Pflüger / Ulrich Sander / Winfried Wolf

Kontakte per Telefon, Fax, Mail etc. bitte über das MdB-Büro Winfried Wolf, Platz der Republik, 11011 Berlin, Tel. 030 - 22 77 17 88, Fax 030 - 22 77 60 68, Mailto:winfried.wolf (Klammeraffe) bundestag.de.

IMI e. V. (Kreissparkasse Tübingen, BLZ 64150020, KontoNr. 166 2832, Stichwort: ZGK 18)

Sonntag, 30. September 2001
Beitrag von Klaus-Peter Kurch
Was geschah eigentlich am 11.September 2001?

Die öffentliche Diskussion, sprich Medienwirklichkeit, wird seit dem 11. September von Äußerungen unerhörter Erschütterung geprägt. Gegen das Gefühl, dass Erschütterung zunehmend instrumentalisiert wird, bemühe ich mich, selbständiges Denken zu setzen. So kam es zu der oben gestellten Frage. 1. Es gab eine Terroraktion mit mehr als 6000 Toten. Dieses Ausmaß ist ungewöhnlich. Einzigartig ist es nicht. Die Geschichte der letzten fünfzig, sechzig Jahre hat Dutzende von Terroraktionen mit tausenden und zehntausenden Menschenopfern gesehen. (Wer kann eine einigermaßen vollständige Liste solcher Akte vorlegen? Ist es nicht bezeichnend, dass uns diese Liste nicht gegenwärtig ist? Dresden, 1945, zehntausende Tote; Hiroshima, 1945, mehr als hunderttausend Tote; Nagasaki, 1945, mehr als hunderttausend Tote; Guatemala 1954, Ungarn, 1956, Suezkrieg, 1956, Chile, Kongo, Palästina, Uganda, Sabra und Chatila, Kambodscha, Vietnam, China - Kulturrevolution, Indonesien, Amazonasbecken, Algerien, Welthunger, Kurdistan, Afghanistan, Tibet, Irankrieg, China - Tien an Men, Golfkrieg usw.)

2. Zivile Linienflugzeuge wurden als Waffen benutzt. Das ist tatsächlich eine Neuigkeit. Doch zweifle ich, dass allein diese Tatsache für die anhaltende öffentliche Erschütterung verantwortlich ist. Auch in der Vergangenheit wurden große Terroraktionen oft mit der Erprobung von Neuerungen verbunden. Der Schrecken über den besonders skrupellosen Mitteleinsatz sollte nicht vergessen machen, dass weit schrecklichere Mittel längst geschaffen wurden (und zwar gleichermaßen von westlichen Freiheitsstaaten wie diversen Diktaturen) und jederzeit einsetzbar sind - chemische und biologische Waffen, die sich besonders für Terroraktionen eignen.

3. Der Terrorakt wurde frontal und symbolträchtig gegen das mächtigste Land der Erde und seine Machtzentren geführt. "Nadelstiche" gegen diesen Machtkörper hat es wiederholt gegeben. Aber ein vergleichbar direkter massiver Angriff ist mir seit Pearl Harbour nicht erinnerlich. Der Allmachtsutopie der Führungsmacht des real existierenden Kapitalismus wurde ein schwerer, vielleicht ein vernichtender, Schlag versetzt. Hier finde ich das eigentlich Neue diese Anschlags und den Schlüssel zum Verständnis aller folgenden Handlungen der Macht.

4. Es gibt Begleitumstände dieses Schlages, die ebenfalls einen gewissen Neuigkeitswert haben und mehr als beiläufige Beachtung verdienen. - Der Schlag war nicht nur ein Live-Medienereignis. Er stellte darüber hinaus, als angewandte Science-Fiction, die Verwirklichung medial vorgebildeter, allbekannter Szenarien her. Drastisch gesagt: Er verwirklichte, woran nicht nur amerikanische Medienproduzenten und -konsumenten sich hundertfach delektiert hatten. - Wenn Medienberichte zutreffen, dann wurde der Schlag zugleich benutzt, um am Finanzmarkt Extraprofit in gewaltigem Ausmaß aus "Insiderkenntnissen" zu schöpfen. - Es gehört nicht viel Phantasie zu der Annahme, dass der Schlag letztlich aus dem Ölgeschäft finanziert wurde, das nicht zu trennen ist, von unserer grenzenlosen (gleichsam allmächtigen) Mobilität. - In der von Anfang an einkalkulierten Vernichtung nicht nur des eigenen Lebens, sondern auch des Lebens hunderter völlig unbeteiligter Menschen kommt ein derart gleichgültiges Verhältnis gegenüber dem Leben zum Ausdruck, wie es sonst nur vom Wirken der Börse bekannt ist. In einer Gesellschaft des alltäglichen "Terrors der Ökonomie" (V. Forrester) und der Arroganz der Macht sind die Terroraktionen vom 11. September Blut vom Blut, Fleisch vom Fleisch, Geist vom Geist des herrschenden Systems. Zugleich sind sie Projektionsflächen des verzweifelten Hasses der Opfer, deren Leben für das System überflüssig ist. Letzteres sollte nicht mit Befreiungspotential verwechselt werden.

5. Es scheint, als ob Schwere und Präzision der Terroraktionen, die Machthaber der USA (samt Bündnispartnern) von einer vorschnellen Reaktion abhalten. Mir scheint, dass die herrschende Macht offenkundige Gefahren blinder Racheaktionen erkannt hat und vielmehr offensiv bestrebt ist, aus der Position des Terroropfers heraus, die Chancen für die weitere Formierung der Welt nach amerikanischen Herrschaftsanspruch (und dem der Bündnispartner) maximal, systematisch und unter Einsatz aller Mittel zu nutzen. Auf diesem Weg wurden in wenigen Tagen außerordentliche Erfolge erzielt, z.B.: - Vorab-Beschluss der NATO zum Bündnisfall - Anti-Terror-Solidarisierung fast aller Staaten einschließlich der Duldung/Unterstützung amerikanischer Militärhandlungen - militärlogistische Unterstützung durch alle mittelasiatische Republiken der früheren Sowjetunion - Installierung eines unbedingten (nationalistischen) Proamerikanismus in der öffentlichen Meinung, z: B. Deutschlands. - Die mit Hinweis auf die Erfordernisse des Anti-Terror-Kampfes ausdrücklich beanspruchte Freiheit von der Verpflichtung, die eigenen Handlungen rechtlich zu begründen und zu rechtfertigen, wird den USA faktisch nicht bestritten. - Blockierung jedes Versuchs einer kritischen Betrachtung amerikanischer Politik, von Systemkritik ganz zu schweigen. - Deutsche Führerschaft der NATO-Truppen in Mazedonien - Deutsche Beteiligung an weltweiten Angriffsoperationen

Ich erwarte, dass der realkapitalistische Ordnungsstaat und zugleich mit ihm die realkapitalistische überstaatliche Ordnung am Beginn einer neuen qualitativen Perfektionierung stehen; mit der Tendenz, dass die "Brauchbaren" noch strenger an das System gebunden und die "Überflüssigen" noch rigoroser abgestoßen werden. So werden sich die Widersprüche des Systems weiter verschärfen. Die Gefahren wachsen, ob auch das Rettende? Verschiedentlich wird davon gesprochen, dass sich nach dem 11. September die Welt verändert habe. Gibt es Veränderungen zu mehr Humanität?

Wir selbst liefern uns dem Terror aus.

1. Mein spontanes Gefühl nach Bekanntwerden der Terroranschläge war: Diese Barbarisierung darf nicht immer weiter unser Leben bestimmen. Der Mensch muss Wege zu gesellschaftlicher Bewusstheit finden. Die Hinwendung zahlreicher Menschen zu Gottesdiensten hat mir signalisiert, dass zahlreiche Menschen bewegt waren und Besinnung suchen - und dass sie dies auf den alten, wenig tauglichen Wegen tun.

2. Es gibt, vor dem Hintergrund der offiziell verkündeten, massiv propagierten und weithin akzeptierten Kriegspolitik, viele Stimmen gegen Krieg, Rache oder Vergeltung. Diese Haltung schlägt sich in einer Flut von Bittgesuchen und Unterschriftensammlungen nieder, diesen einfachsten Formen selbständiger politischer Bekenntnisse, die ständig Gefahr laufen, zu bloßer Politikbegleitung zu verkommen. Demgegenüber ist die wachsende Zahl von Straßendemos bedeutsam als Ausdruck wachsender gemeinsamer Aktivität gegen den drohenden Krieg. Nicht weniger und nicht mehr. Aktionen, die an den Systemursachen von Terror und Krieg direkt ansetzen kenne ich nicht. Sie kann es, nach meiner Überzeugung, zur Zeit nicht geben.

3. Die Analyse der Vielfalt der Terrorursachen tritt vergleichsweise zurück. Aufdeckung der tiefsten, der Systemursachen des Terrors wird fast völlig ausgeblendet. (Robert Kurz legt immer wieder den Finger auf diesen Punkt.) Ausgeblendet wird besonders die Frage der persönlichen Mitverantwortung für Terror, die sich einfach aus dem Alltagsleben als gesellschaftskonformes Individuum im Realkapitalismus ergibt. Die Einsicht, wie viel Terror nicht von religiösen Fanatikern ausgeübt wird, sondern Resultat zivilisierten Handelns zivilisierter Menschen ist, Menschen, wie Du und ich, ist tabu. Die Frage, ob ich durch meine bewusste Abkopplung von bestimmten Zusammenhängen der realkapitalistischen Gesellschaft einerseits und durch gleichzeitiges bewusstes Eintreten in neue verbindliche Zusammenhänge andererseits zur Überwindung der Systembarbarei beitragen könnte - eine Frage, deren Schwierigkeit gründlichste Diskussion und viele phantasievolle praktische Versuche verlangt - diese Frage wird weithin, auch von Leuten mit systemkritischen Ideen, ignoriert.

4. Es gibt viele Gründe für diese Tatsachen, die sowohl Ursache wie Auswirkung der andauernden Ohnmacht des radikalen Humanismus sind. Besonders wichtige sehe ich im existentiellen Charakter dieser Frage, sowie in der Vergötterung des Privatindividuums. Die Verdrängung dieser Fragen mit Hinweis auf den leider so starken Druck der Realökonomie ("Ich muss Geld verdienen.") führt zu ihrer Wiedergeburt als massive Existenzbedrohung und blinde Existenzvernichtung. Sie zu ignorieren im Namen der privaten Freiheitswillkür, hält das Individuum in der Gefangenschaft des Profitsystems.

Wenn uns die Zeit Anstöße gibt und mehr Menschen daraus in vertrauensvollem Austausch nützliche Gedanken entwickelten, würde humanitärer Geist selbst in dieser Zeit Einfluss gewinnen.

Klaus-Peter Kurch


Freitag, 2. November 2001
Unterstützt die Stadt Berkeley

Die Stadt Berkeley/USA - berühmt durch ihre Uni und deren Antikriegshaltung zu Zeiten des Vietnamkrieges - hat in einer Resolution den Stop der Bombardierungen und des Krieges gefordert:

(www.ci.berkeley.ca.us/council4 oder www.mercurycenter.com/premium/local/docs/berkeley18a.htm)

Berkeley gehört zum Wahlbezirk der einzigen US-Parlamentarierin, die gegen den Krieg stimmte.

Die Stadt wird nun aufgrund ihrer Antikriegshaltung von hasserfüllten Mails, Briefen und Anrufen überflutet. Es wird auch zum Boykott von Produkten aus Berkeley aufgerufen.

Ich denke, wessen Englisch einigermaßen taugt - und wenn es gar nichts taugt, dann in deutsch - und wer mag, sollte der Stadt per e-Mail seine Anerkennung ausdrücken. Zeigen wir den Menschen in Berkeley, dass sie auch positive Resonanz finden und dass ihre Haltung im Ausland Beachtung findet.

Dona Springs hat die Resolution eingebracht spring (Klammeraffe) ci.berkeley.ca.us

Sandra Gonzales ist Journalistin bei der Lokalzeitung Mercury News sgonzales (Klammeraffe) sjmercury.com

Gruß Axel Köhler-Schnura

Oekonzept . <oekonzept (Klammeraffe) mail.isis.de>

Waltraud Klöting
Weltfriedensallianzen mitgestalten
Donnerstag, 15. November 2001

Liebe Mitstreiter und Freunde, ich fühle noch die schmerzvolle Trauer mit den Terroropfern in den USA und Afghanistan und ihren Angehörigen, wie ihr auch und will mich wegen diverser empfangener Mails hiermit nun auch in diesem Weg artikulieren.

Ich denke deutsche Bürger haben aktiv Gewissensverantwortung für menschenwürdige Demokratisierung ihrer mitentwickelten globalen Wirtschafts- und Lebensräume zu tragen und mitzugestalten. Terrorismus ist leider eine Frucht unserer Wirtschaftsweise. Deshalb sind an erster Stelle politische Allianzen des Streitens für das Binden der Menschenrechte an Wirtschaftsräume zu entwickeln, mitzutragen und so grundlegend den Weltfrieden mit zu sichern. Der dafür gebotene notwendige Respekt vor regionalen kulturellen und nationalen Identitätsbildungen ist selbstverständlich impliziert. Nationale Feindbilder der jüngsten Vergangenheit sind offensichtlich überholt durch globale Wirtschaftsentwicklungen - und hoffentlich. Die globale Wirtschaftsschraube an die Menschenwürde und die Menschenrechte zu binden ermöglicht und erfordert wachsende Demokratisierungsprozesse in unseren eigenen Häusern und Gärten unserer Wirtschafts- und Kulturräume.

Demokratisch kontrollierte Nutzungen unserer entwickelten staatlichen deutschen Instrumentarien selbstverständlich einschließlich entsprechend intensiv kontrollierter militärischer Einsätze wird durch Neinsager offensiv befördert. Deshalb freue ich mich über das harte Ringen um die wenigen Gegenstimmen in der rotgrünen Koalition zum anstehenden Bundeswehreinsatz als eine Maßnahme deutscher Beteiligung am Kriegseinsatz der internationalen Allianz gegen die Talibanregierung von Afghanistan, den Gastgebern des Terrorismusnetzes um den Araber Bin Laden.

Kurz- und mittelfristig ist aus meiner Sicht nur u.a. letztlich mit demokratisch kontrollierten militärischen Maßnahmen menschenunwürdiger Terrorismus unter menschenwürdige Kontrolle zu bringen. Langfristig nur mit dem weltweiten vorbildbildenden ökologisch-orientierten Umbau unserer entwickelten Industriegesellschaften. Demokratisch kontrollierte, transparente, stabile, regionale kleinere ökologisch sinnvolle Wirtschaftskreisläufe gestalten und entsprechend bedenken und kontrollieren können wohin das Geld aus unseren persönlichen Verbraucher-Geldbörsen fließt macht Kriege überflüssiger. Eroberungskriege haben sich durch entstandene globale Wirtschaftsräume schon erübrigt. Jetzt geht es um Teilhabe am schnöden Mammon.

Ich denke alle menschlichen Kulturen und Staaten müssen sich neu besinnen auf die Ressourcen ihrer bürgernahen Regionen und auf solidarische Menschenrechts-Philosophien. Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssen gerichtlich geahndet werden können.

Ich begrüße den Mut zum Ringen der deutschen rotgrünen Regierungskoalition und denke das ist ein Zeichen für die entwickelte Demokratisierung in Deutschland nach dem deutschen Faschismus und dem von Deutschen entfachten 2. Weltkrieg, der Europa in Schutt und Asche legte und von den Alliierten gestoppt wurde.

Die Vertrauensfrage des Bundeskanzlers finde ich richtig bei einer so gravierenden Entscheidung einer Kriegsbeteiligung Deutschlands, egal wie das letztlich abgestimmt wird. Deutschland sollte sich nur so weit an Allianzen beteiligen wie der Stand der gesellschaftlichen Debatte die Regierungspolitik trägt. Das beinhaltet respektvollen Umgang mit mutigen Neinsagern und Minderheiten und ist Visitenkarte für unsere entwickelte Demokratie und bestimmt Lösungswege für die politische Gestalt der Kriegsbeteiligung für die Sicherung der Menschenrechte in unseren Lebenswelten und Wirtschafträumen und gegen Terror international und in unseren eigenen Reihen. Die jetzt entstandene öffentliche Debatte im deutschen Parlament, den Medien und an unseren Küchentischen halte ich für außerordentlich notwendig.

Die Abstimmung am Freitag im Bundestag beinhaltet nun auch u.U. die weitere Regierungsbeteiligung der Grünen. Das ist richtig und jetzt erneut abzuwägen: dafür müssen Verhandlungen der Koalition tragfähige Absprachen begründen. Dann werden mehr Abgeordnete zum deutschen militärischen Beitrag zur Allianz gegen den Terror und für den Weltfrieden politisch ja sagen können und sich selbst damit in der deutschen Verantwortung für die menschenwürdigere Humanisierung entwickelter globaler Wirtschaftsräume dabei mit sehen können einschließlich eigener Mitgestaltungsperspektiven.

In den dargelegten Zusammenhängen seht ihr eure Aktivitäten sicher auch selbst, aber Ermutigung die eigenen Möglichkeiten und Grenzen aufmerksam für das Handeln noch einmal und wieder und wieder abzuwägen hoffe ich tun wir alle an unserem selbst eingenommenen Platz - beteiligt sind wir grundlegend alle in diesen Entwicklungsprozessen unserer Lebensweisen und einzeln dabei in der Verantwortung für die Folgen. Ich würde für angemessen begrenzte deutsche militärische Maßnahmen als Mitglied des Bundestages votieren.

Waltraud Klöting, Berlin, 15.11.2001

Klaus-Peter Kurch
Antwort an Waltraud Klöting
Freitag, 16. November 2001

Das Thema ist zu bitter, als dass die Wortmeldung von Waltraud mit Schweigen zu übergehen wäre. Andererseits hatten wir beim Treffen in Altthymen kürzlich mehrere Stunden Gelegenheit zu diskutieren - es ist eigentlich genug gesagt.

Mir fallen an Waltrauds Argumentation zwei, drei Dinge besonders auf: 1. Krieg kennt sie nicht. Krieg löst sich für sie auf in "kontrollierte militärische Maßnahmen", in eine "militärischen Beitrag" in "angemessen begrenzte deutsche militärische Maßnahmen" usw., kurz, in die blutleeren Abstraktionen des "Diskurses über Weltfriedensallianzen", den die Satten führen.

2. Die verräterische Oberflächlichkeit mit der sie Terrorismus betrachtet. Er sei "eine Frucht unserer Wirtschaftsweise". Und Punkt. Wenn dies nicht bloße Phrase sein soll, dann ist nach zu Grunde liegenden Wirtschafts- (und geopolitischen) Interessen einerseits und/oder andererseits verletzten Lebens-/Existenzinteressen zu fragen.

3. Doch wenn Waltraut danach ernsthaft fragen würde, dann könnte sie es sich mit dem Gegenrezept nicht so leicht machen - der Demokratie, die alles zum Menschenwürdigen richten wird. Hier bringt sie einen geradezu religiös-fundamentalistischen Glauben an die politischen Werte des gegenwärtigen höchstentwickelten Kapitalismus zum Ausdruck.

Und noch einmal deutlich: Einen Ausdruck, wie "angemessen begrenzte deutsche militärische Maßnahmen" halte ich für eine Perversion.

Klaus-Peter Kurch

Ute Finckh

Liebe Waltraud,

ich möchte ebenso wie Klaus-Peter zu Deinem Beitrag einige Anmerkungen machen.

Du schreibst: "Terrorismus ist leider eine Frucht unserer Wirtschaftsweise." Das scheint mir zu eindimensional gedacht. Selbst wenn man die Frage, wie Terrorismus eigentlich genau zu definieren ist (dem einen sein Terrorist ist bekanntlich dem anderen sein Freiheitskämpfer), mal außer Acht lässt und zunächst mal festlegt, dass man sich für die Ursachen von nicht-staatlicher Gewalt, die gezielt Unbeteiligte treffen, interessiert, kann die "Wirtschaftsweise" nicht als alleinige Ursache herhalten. Es muss schon sehr viel Hass auf andere Menschen vorhanden sein, damit jemand zum Mörder wird, bei Selbstmordattentaten wie denen von New York und Washington muss ja auch noch ein fundamentaler Trieb des Menschen, nämlich der Selbsterhaltungstrieb, ausgeschaltet sein. Es gibt eine gesellschaftliche Institution, die seit Jahrtausenden darauf ausgerichtet ist, sowohl ihre Angehörigen zum Töten anderer Menschen zu erziehen als auch deren Selbsterhaltungstrieb systematisch auszuschalten, und das ist das Militär. Nicht zufällig sind viele Amokläufer in den USA Vietnam-Veteranen, so wie es der Oklahoma-Bomber auch war. Im Zusammenhang mit Militäreinsätzen von Humanität, demokratischer Kontrolle oder Sicherung der Menschenrechte zu sprechen, ist daher vollkommen absurd. Der Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wurde von den wenigen verbliebenen deutschen Demokraten mit Recht als Befreiung angesehen, aber der Krieg wurde eben nicht von den Alliierten angefangen, sondern von Deutschland. Seit Jahren haben wir mit Kriegen zu tun, wo im Namen der Menschenrechte genau die Regime oder politischen Gruppierungen bombardiert wurden oder werden, die vorher aus wirtschaftlichen Interessen unterstützt und aufgerüstet wurden. Golfkrieg, Kosovo, Afghanistan - es ist überall das gleiche Muster, überall setzt sich die zerstörerische Logik des Militärs durch, die den Tod von Zivilisten als "Kollateralschaden" abtut, und jedes Mal wird uns erst ein hehres Kriegsziel (Sturz von Saddam Hussein, Erhalt eines multiethnischen Kosovo, Bekämpfung eines terroristischen Netzwerkes) versprochen und dann irgend etwas völlig anderes als "Erfolg" präsentiert (die Zerstörung von möglichen B- und C-Waffenfabriken, die Durchsetzung eines Waffenstillstandsplans, mit Regelungen, die man 10 Wochen zuvor noch als völlig unannehmbar bezeichnet hatte und die erfolgreiche Rückkehr der Menschen, die erst nach Beginn der Luftangriffe fliehen mussten, das Recht der Frauen, in Kabul ohne Burka herumzulaufen, während die Terroristen von 1996 in der Stadt morden und plündern). Versetze Dich einen Augenblick in die Situation der Menschen, deren Kinder in Bagdad wegen des Embargos hungern oder keine medizinische Versorgung erhalten, die 1999 im Kosovo wegen der NATO-Luftangriffe aus ihren Häusern fliehen mussten und bei der Rückkehr nur Ruinen vorfanden, die in Belgrad in Luftschutzkellern um ihr Leben bangten, weil sie die Machtübernahme durch Milosevic nicht hatten verhindern können, die in Afghanistan hungern, weil die Drohungen der USA und die dann beginnenden Luftangriffe Nahrungsmittellieferungen durch UNICEF oder OXFAM unmöglich machten. Fordern wir doch erst einmal, die Konten terroristischer Netzwerke in aller Welt (es gibt beileibe nicht nur Al Qaida) aufzuspüren und zu sperren, wobei die Bestechungsgelder der Waffenhändler am besten gleich mit beschlagnahmt werden sollten, fordern wir, dass die Polizei die Hintermänner der Anschläge genauso sorgfältig aufzuspüren versucht wie nach dem WTC-Anschlag von 1993 (wo alle erwischt wurden). "Demokratisch kontrollierte, transparente, stabile, regionale kleinere ökologisch sinnvolle Wirtschaftskreisläufe" sind absolut wünschenswert, können auch ein wichtiger Beitrag dazu sein, die Kluft zwischen Arm und Reich auf der Welt so zu verringern, dass Menschen wie Bin Laden nicht mehr von Millionen von Armen als Held angesehen und gefeiert werden - die sorgfältige Untersuchung der Umstände, die zusammen dazu geführt haben, dass Menschen Anschläge wie in New York und Washington durchgeführt haben, bleibt uns nicht erspart. Vor allem deswegen, weil zumindest die Piloten der bei den Anschlägen benutzten Flugzeuge ja offensichtlich zu den Gewinnern unserer zentralisierten, ölbasierten Weltwirtschaft gehörten und nicht zu den Verlierern (welcher normale Hamburger Student hat schon einen Onkel, der ihm Monat für Monat 2.000 Dollar schickt?). Ach ja: Eroberungskriege machen im Ölzeitalter durchaus Sinn, siehe Saddam Husseins Versuch, sich Kuwait unter den Nagel zu reißen.

Gruß
Ute Finckh

Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Uni Hamburg

Auszug aus dem Artikel:
Die Terroranschläge sind auch eine Warnung - vielleicht die letzte. Stehen wir am Vorabend von Destruktion und Vernichtung? / Dieter S. Lutz über Fehler und Versäumnisse der reichen und mächtigen Staaten
http://www.ifsh.de/dokumente/artikel/72_lutzterror.htm

[...]

5. Empfehlungen

Zweifelsohne sind die terroristischen Verbrechen von New York und Washington ein Tabubruch in mehrfacher Hinsicht. Noch besteht aber die Chance, dass es sich nicht um den Beginn einer neuen Ära, sondern "lediglich" um den Abschluss einer nicht gänzlich bewältigten, aber abgelaufenen Epoche handelt. Allerdings müssen die Fehler und Versäumnisse des vergangenen Jahrzehnts rasch behoben und neue strikt vermieden werden. Was ist zu tun? Zum Ersten sollten gegenwärtig alle Entscheidungen in Reaktion auf die terroristischen Verbrechen in Ruhe und Besonnenheit getroffen werden. Alle Maßnahmen müssen mit dem Völkerrecht vereinbar und verhältnismäßig sein. Alle Aktivitäten sollten folgenorientiert sein, das heißt auch die Folgen für Unschuldige und die Rückwirkungen für das eigene Land und seine verwundbare Gesellschaft mitbedenken. Rache und Vergeltung scheiden damit aus. Weder sollten die USA entsprechende militärische Schläge durchführen, noch sollten sich andere Staaten, zum Beispiel Deutschland, an ihnen beteiligen. Verbrechen wie die terroristischen Anschläge von New York und Washington müssen, wenn sie nicht als konkrete und akute Bedrohung fortdauern, mit straf- und zivilrechtlichen Mitteln beantwortet werden. Rasch dagegen sollten Initiativen für strikte und obligatorische internationale Regeln, Mechanismen und Institutionen gegen den Terrorismus im Rahmen der Vereinten Nationen geschaffen werden. Sie müssen flankiert werden durch die Zugriffsmöglichkeit auf polizeiliche und militärische Streitkräfte. Terrorismus muss künftig präventiv und zwar weltweit, in jeder Form und ohne Ansehen von Personen oder Interessen, bekämpft werden. Dies gilt für Afghanistan genauso wie für Mazedonien oder Kosovo. Die dritte Empfehlung schließlich ist grundsätzlicher Natur. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges besitzt eine der grundlegenden Einsichten aus der Zeit des Ost-West-Gegensatzes uneingeschränkte Gültigkeit: Alle Menschen, Völker und Staaten, auch solche mit gegensätzlichen Ordnungen, Ideologien, Religionen, Interessen etc. sind bei der Sicherung des Lebens und Überlebens auf Partnerschaft angewiesen. Mehr noch: Die gegenwärtige Globalisierung mit ihren weit reichenden Gefährdungen, grenzüberschreitenden Verletzlichkeiten und gegenseitigen Verflechtungen und Abhängigkeiten macht eine gezielte Zusammenfassung und Erweiterung der Lehren und Erfahrungen aus der Zeit des Ost-West-Konfliktes im Sinne eines umfassenden obligatorischen Regelwerkes des internationalen Zusammenlebens geradezu unerlässlich. Soll sich Sicherheitspolitik angesichts der Verwundbarkeit hoch entwickelter Gesellschaften, ja der internationalen Gemeinschaft insgesamt, nicht lediglich in Katastrophenmanagement und Katastrophennachsorge erschöpfen, so muss elf Jahre nach dem Ost-West-Konflikt endlich damit begonnen werden, eine Weltordnung zu bauen, die auf der Stärke des Rechts und seiner Durchsetzung ruht, Weltinnenpolitik betreibt und sich den Namen "gerechter Frieden" verdient.

6. Epilog

Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik Mein amerikanischer Freund und ich sind uns in der Analyse und in den Empfehlungen weitgehend einig. Doch was nützt die Einigkeit unter Wissenschaftlern, zumal unter Freunden, wenn Analysen und Empfehlungen kein offenes Ohr in der Politik finden? Wissenschaft kann analysieren, kritisieren, vordenken, warnen. Sie kann Alternativen und Optionen wie die erwähnten aufzeigen. Sie kann Ratschläge geben. Ob diese Vorschläge dann von der Politik aufgenommen und umgesetzt werden, entzieht sich weitgehend ihrem Einfluss. Es ist deshalb kein Zufall, dass weite Teile des vorliegenden Beitrages einem Papier entnommen sind, das ich bereits für die Sitzung der "Kommission für Sicherheits- und Außenpolitik der SPD" am 25. September 1996 in Bonn geschrieben habe. In diesem Papier werden den Katastrophen von New York und Washington vergleichbare Szenarien bereits benannt: "Was wäre, wenn ein Supertanker wie die Exxon Valdez nicht vor der Küste Alaskas havarieren, sondern - von "Gerechtigkeitsfanatikern" gekapert - in der Deutschen Bucht oder in der Elbmündung zerstört würde? Was wäre, wenn das Gemisch aus Dünger und Dieselkraftstoff, welches das World Trade Center in New York 1993 in seinen Grundpfeilern erschütterte, von Terroristen nicht auf einem Kleinstlastwagen, sondern auf der Welt größtem Containerschiff zum Ziel und Detonationspunkt, zum Beispiel dem Hamburger Hafen, transportiert werden würde? Was wäre, wenn gegen eine deutsche Großstadt wie Hamburg der Tokioter Terroranschlag von 1995 wiederholt würde? Dieses Mal vielleicht sogar nicht mit dem chemischen Kampfstoff Sarin und auch nicht in der U-Bahn, sondern als Angriff aus der Luft mit gefährlichen biologischen Krankheitserregern, möglicherweise mit gentechnologisch manipulierten Mikroorganismen aus einem der vielen unkontrollierbaren "Küchenlabors"?" Obwohl in Auftrag gegeben, wurde das Papier von der Kommission, wie im Übrigen andere kritische Überlegungen auch, niemals behandelt. Vorsitzender der damaligen Kommission war der heutige Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Ich will deshalb nach diesen - und vielen weiteren vergleichbaren - Erfahrungen in den vergangenen Jahren den vorliegenden Beitrag mit denselben Worten wie bereits 1996 schließen: Wer die Alternative einer Weltinnenpolitik zur Prävention von Katastrophen und Katastrophenterror nicht für realisierbar hält oder gar die befürchteten Entwicklungen und möglichen Gefahren für alarmistisch und übertrieben ansieht, sollte zumindest die verbleibende Zeit für Maßnahmen eines umfassenden Katastrophenschutzes mit Vernunft und Verantwortungsbewusstsein nutzen - solange es noch möglich ist.

Dieter S. Lutz

Für jene, die diesen oder jenen Bericht gehört haben und verständlicherweise besorgt sind - ja, Robert Fisk wurde von einem Mob in Afghanistan angegriffen und schlimm verletzt. Der Angriff wurde jedoch abgewendet, und er ist jetzt anscheinend außer Gefahr.

Ich kenne Fisk nicht persönlich, aber ich bewundere seine Arbeit sehr. Er ist meiner Ansicht nach der heute bedeutendste Reporter der Welt, überaus mutig, und ebenso erstklassig in seinen Analysen. Ich habe nicht direkt von ihm gehört, aber seine Reaktion auf den Überfall, die im Independent erscheinen wird, folgt anschließend und erklärt sein Befinden. Und wie seine Reaktion auf die meisten Dinge, liefert er auch Kontext, einen Sinn von Verhältnismäßigkeit und Verständnis. Michael Albert, Sonntag, 9. Dezember 2001

Bericht von Robert Fisk in Kila Abdullah (Pakistan) nahe der afghanischen Grenze

Dass ich von Flüchtlingen geschlagen wurde, ist ein Zeichen des Hasses und der Wut auf diesen schmutzigen Krieg.

Mit Händeschütteln fingen sie an. Wir sagten "Salam aleikum" - Friede sei mit Ihnen - dann flogen die ersten Kieselsteine an meinem Gesicht vorbei. Ein kleiner Junge versuchte, meine Tasche zu ergreifen. Dann ein anderer. Dann schlug mich jemand in den Rücken. Dann zerbrachen junge Männer meine Brille, begannen Steine in mein Gesicht und an meinen Kopf zu werfen. Ich konnte nichts sehen von dem Blut, das mir von der Stirn floss und meine Augen überschwemmte. Und sogar dann verstand ich. Ich konnte sie nicht verantwortlich machen für das, was sie taten. In der Tat, wenn ich die afghanischen Flüchtlinge von Kila Abdullah nahe der afghanisch-pakistanischen Grenze wäre, hätte ich Robert Fisk dasselbe angetan. Oder jedem andern Abendländer, den ich finden könnte.

Warum also über meine wenigen Minuten von Schrecken und Selbstekel, wie ein Tier blutend und weinend, bei dem Angriff nahe der afghanischen Grenze berichten, wenn Hunderte - lasst uns offen sein und Tausende sagen - unschuldige Zivilisten unter amerikanischen Luftangriffen in Afghanistan sterben, wenn der "Krieg der Zivilisation" die Paschtunen von Kandahar verbrennt und verstümmelt und ihre Häuser zerstört, weil "Gut" über "Böse" triumphieren muss? Einige der Afghanen in dem kleinen Dorf waren schon seit Jahren dort, andere während der letzten zwei Wochen angekommen - verzweifelt und böse und ihre geliebten Angehörigen betrauernd. Es war eine schlechte Stelle für ein Auto, stehen zu bleiben. Eine schlechte Zeit, gerade vor Iftar, dem Ende des täglichen Fastens im Ramadan. Aber was mit uns geschah, war sinnbildlich für den Hass und die Wut und Heuchelei in diesem schmutzigen Krieg, als eine wachsende Zahl heruntergekommener afghanischer Männer, jung und alt, die Ausländer - Feinde - in ihrer Mitte sahen und versuchten, mindestens einen von ihnen zu zerstören.

Viele dieser Afghanen waren, wie wir erfahren sollten, davon empört, was sie im Fernsehen von den Massakern von Mazar i Sharif gesehen hatten, von den getöteten Gefangenen mit auf den Rücken gebundenen Händen. Ein Dorfbewohner sagte später einem unserer Fahrer, dass sie das Videoband von den CIA-Beamten "Mike" und "Dave" gesehen hatten, die einem knienden Gefangenen in Mazar mit dem Tod drohten. Sie waren ungebildet - ich habe Zweifel, ob viele lesen konnten - aber Sie brauchen keine Schule, um auf den Tod ihrer Lieben durch B -52-Bomber zu antworten. Bei der Gelegenheit hatte sich ein schreiender Teenager an meinen Fahrer gewandt und fragte allen Ernstes: "ist das Herr Bush"?

Es muss etwa 4 Uhr 30 am Nachmittag gewesen sein, als wir Kila Abdullah erreichten, das auf halber Strecke zwischen der pakistanischen Stadt Quetta und der Grenzstadt Chaman liegt; Amanullah, unser Fahrer, Fayyaz Ahmed, unser Übersetzer, Justin Huggler vom Independent - frisch vom Bericht über das Mazar-Massaker - und ich.

Das erste, was wir wussten, dass etwas falsch ist, war, als das Auto mitten auf der schmalen, überfüllten Straße stehenblieb. Ein Film weißen Dampfs stieg von der Haube unseres Jeeps auf, ein konstantes Hupkonzert von Bussen, Lastwagen und Rikschas protestierte gegen die Straßensperre, die wir verursacht hatten. Wir vier stiegen aus dem Auto und schoben es zur Seite. Ich murmelte etwas zu Justin, in der Art von "eine schlechte Stelle für eine Panne". Kila Abdulla war das Zuhause tausender afghanischer Flüchtlinge, armer und wirrer Massen, die der Krieg in Pakistan produziert hat.

Amanullah ging weg, um ein anderes Auto zu finden - es gibt nur eins, das schlimmer ist, als eine Menge von ärgerlichen Männern, und das ist eine Menge ärgerlicher Männer im Dunkeln - und Justin und ich lächelten die anfangs freundliche Menge an, die sich schon um unser dampfendes Fahrzeug versammelt hatte. Ich schüttelte viele Hände - ich sollte vielleicht an Herrn Bush gedacht haben - und sprach viele "Salam aleikums". Ich wusste, was geschehen konnte, wenn das Lächeln aufhörte. Die Menge wurde größer, und ich schlug Justin vor, uns vom Jeep weg zu bewegen und auf die offene Straße zu gehen. Ein Kind hatte seinen Finger hart gegen mein Handgelenk schlagen lassen, und ich sagte mir, dass es ein Zufall sei. Dann sauste ein kleiner Stein an meinem Kopf vorbei und sprang von Justins Schulter ab. Justin drehte sich um. Seine Augen zeigten Besorgnis, und ich erinnere mich daran, wie ich tief Luft holte. Bitte, dachte ich, dass es nur ein Streich war. Dann versuchte ein anderes Kind, meine Tasche zu ergreifen. Sie enthielt meinen Reisepass, Kreditkarten, Geld, Tagebuch, Adressbuch, mobiles Telefon. Ich riss sie zurück und zog den Riemen um meine Schulter. Justin und ich überquerten die Straße, und jemand schlug mir auf den Rücken.

Wie kommen Sie aus einem Traum heraus, wenn die Charaktere plötzlich feindlich werden? Ich sah einen der Männer, die immer gelächelt hatten, als wir Hände schüttelten. Er lächelte jetzt nicht. Einige der kleineren Jungen waren immer noch am lachen, aber ihr Grinsen verwandelte sich in etwas anderes. Der angesehene Ausländer - der Mann, der vor einigen Minuten nur "Salam aleikum" gewesen war - war aufgeregt, ängstlich, auf der Flucht. Der Westen wurde gedemütigt. Justin wurde herumgeschubst, und in der Mitte der Straße bemerkten wir einen Busfahrer, der uns zu seinem Fahrzeug winkte. Fayyaz, immer noch beim Auto, außerstande zu verstehen, warum wir weggegangen waren, konnte uns nicht mehr sehen. Justin erreichte den Bus und stieg hinein. Als ich meinen Fuß auf die Stufe setzte, ergriffen drei Männer den Riemen meiner Tasche und zogen mich zurück auf die Straße. Justins Hand kam heraus. "Halt aus," schrie er. Ich tat es.

Das war, als der erste starke Schlag auf meinem Kopf fiel. Ich stürzte fast unter dem Schlag, meinen Ohren klangen. Ich hatte das erwartet, allerdings nicht so schmerzhaft oder schwer, nicht so unmittelbar. Seine Botschaft war schrecklich: jemand hasste mich so sehr, dass er mich verletze. Es gab zwei weitere Schläge, einen von hinten auf meine Schulter von einer mächtigen Faust, die mich um gegen die Seite des Busses schleuderte, während ich immer noch Justins Hand festhielt. Die Passagiere schauten zu mir und dann zu Justin. Aber sie regten sich nicht. Niemand wollte helfen.

Ich schrie "Hilf mir, Justin", und Justin - der mehr tat, als ein Mensch tun kann, indem er sich an meinen lösenden Griff hängte, fragte mich durch das Schreien der Menge, was ich wollte, dass er tun soll. Dann bemerkte ich, dass ich ihn kaum hören konnte. Ja, sie schrien. Hörte ich das Wort "Kaffir" - Ungläubige? Vielleicht täuschte ich mich. Und dann wurde ich von Justin weggezogen.

Es gab zwei weitere Schläge auf meinen Kopf, einen auf jede Seite, und aus irgendeinem merkwürdigen Grund meldete sich ein Teil meiner Erinnerung - ein kleiner Sprung in meinem Gehirn - an einen Moment in der Schule, in der Grundschule vor mehr als 50 Jahren, als ein großer Junge, der Sandburgen auf dem Spielplatz baute, mir auf den Kopf geschlagen hatte. Ich hatte eine Erinnerung an den Geruch des Schlags, als ob meine Nase davon betroffen wäre. Der nächste Schlag kam von einem Mann, den ich sah, wie er einen großen Stein in seiner rechten Hand trug. Er traf meine Stirn mit ungeheurer Gewalt, und etwas Heißes und Flüssiges spritzte über mein Gesicht und meine Lippen und mein Kinn. Ich wurde getreten. In den Rücken, gegen die Schienbeine, gegen meinen rechten Oberschenkel. Ein anderer Teenager ergriff erneut meine Tasche, und ich hängte mich an den Riemen, als ich plötzlich aufsah und merkte, dass dort vor mir 60 Männer waren und heulten. Merkwürdigerweise war es nicht Furcht, die ich fühlte, sondern eine Art von Verwunderung. So ist das also, wenn es geschieht. Ich wusste, dass ich antworten musste. Oder, so folgerte ich in meinem betäubten Zustand, ich musste sterben.

Das einzige, was mich entsetzte, war meine eigene physische Wahrnehmung des Zusammenbruchs, mein wachsendes Bewusstsein des Flüssigen, das mich zu bedecken begann. Ich glaube nicht, dass ich zuvor jemals so viel Blut gesehen habe. Für eine Sekunde sah ich den Anblick von etwas Schrecklichem, ein Alptraumgesicht - mein Eigenes - gespiegelt im Fenster des Busses, überströmt von Blut, meine Hände durchnässt von dem Zeug wie Lady Macbeth, in meinen Pullover und im Hemdkragen lief es runter, bis mein Rücken nass war, von meiner Tasche triefte es purpurn, und plötzlich erschienen Spritzer auf meiner Hose.

Je mehr ich blutete, desto mehr sammelte sich die Menge und schlug mich mit ihren Fäusten. Kiesel und kleine Steine begannen von meinem Kopf und Schultern abzuspringen. Ich erinnere mich gedacht zu haben, wie lange dies noch gehen kann? Mein Kopf wurde plötzlich zur selben Zeit von beiden Seiten mit Steinen getroffen - nicht von geworfenen Steinen, sondern Steinen in den Händen von Männern, die versuchten meinen Schädel zu brechen. Dann schlug mich eine Faust ins Gesicht, die Brille auf meiner Nase zersplitterte, eine andere Hand griff die Ersatzbrille um meinen Hals und riß den Lederbehälter von der Schnur. Ich glaube, an dieser Stelle sollte ich dem Libanon danken. 25 Jahre habe ich die Kriege im Libanon beobachtet, und die Libanesen haben mich immer wieder gelehrt, wie man am Leben bleiben kann: triff eine Entscheidung - irgendeine Entscheidung - aber tu nicht nichts.

So entwand ich die Tasche zurück aus den Händen des jungen Mannes, der sie hielt. Er trat zurück. Dann drehte ich mich zu dem Mann auf meiner Rechten, der den blutige Stein in seiner Hand hielt und schlug meine Faust in seinen Mund. Ich konnte nicht sehr viel sehen - meine Augen waren ohne meine Brille nicht nur kurzsichtig, sondern von einem roten Dunst getrübt - aber ich sah den Mann so was wie husten und einen Zahn von seinen Lippen fallen, und dann fiel er zurück auf die Straße. Für eine Sekunde blieb die Menge stehen. Dann wandte ich mich zu dem anderen Mann, hielt meine Tasche unter meinem Arm fest und knallte meine Faust in seine Nase. Er brüllte vor Wut, und plötzlich wurde alles Rot. Ich verfehlte einen andern Mann mit einem Schlag, traf jemand anders ins Gesicht und lief.

Ich war zurück in der Mitte der Straße, konnte aber nicht sehen. Ich brachte meine Hände vor meine Augen, sie waren voll Blut, und mit meinen Fingern versuchte ich, das weiche Zeug wegzureiben. Es machte ein saugendes Geräusch, aber ich begann wieder zu sehen und merkte, dass ich schrie und weinte, und dass die Tränen meine Augen vom Blut reinigten. Was hatte ich getan, fuhr ich fort, mich zu fragen? Ich hatte afghanische Flüchtlinge geschlagen und angegriffen, gerade die Menschen, über die ich solange geschrieben hatte, die enteigneten, verstümmelten Menschen, die mein eigenes Land - neben anderen - im Begriff war zu töten, samt den Taliban, auf der anderen Seite der Grenze. Gott vergib mir, dachte ich. Ich glaube, dass ich es tatsächlich sagte. Die Männer, deren Familien unsere Bomber töteten, waren jetzt auch meine Feinde.

Dann geschah etwas ziemlich Bemerkenswertes. Ein Mann ging zu mir, sehr ruhig, und nahm mich am Arm. Ich konnte ihn kaum sehen bei all dem Blut, das in meine Augen lief, aber er war in einer Art Robe gekleidet, trug einen Turban und hatte einen weißgrauen Bart. Und er führte mich von der Menge weg. Ich schaute über meine Schulter. Es waren jetzt hundert Männer hinter mir, und einige Steine rutschten die Straße entlang, aber sie waren nicht auf mich gezielt - vermutlich um zu vermeiden, den Fremden zu treffen. Er war wie eine Figur aus dem alten Testament oder einer Bibelgeschichte, der barmherzige Samariter, ein moslemischer Mann - vielleicht ein Mullah im Dorf - der versuchte, mein Leben zu retten.

Er schob mich hinten in einen Polizeilastwagen. Aber die Polizisten bewegten sich nicht. Sie erschraken . "Helfen Sie mir," fuhr ich fort, durch das winzige Fenster auf der Rückseite ihrer Kabine zu schreien, wobei meine Hände Ströme von Blut auf dem Glas hinterließen. Sie fuhren einige Meter und blieben stehen, bis der große Mann mit ihnen wieder sprach. Dann fuhren sie noch 300 Meter.

Dort an der Straße stand ein Roter-Halbmond-Konvoi. Die Menge war immer noch hinter uns. Aber zwei der medizinischen Helfer zogen mich hinter eins ihrer Fahrzeuge, gossen Wasser über meine Hände und mein Gesicht und begannen Verbände um meinen Kopf, mein Gesicht und meinen Hinterkopf zu legen. "Legen Sie sich hin, wir bedecken Sie mit einer Decke, damit man Sie nicht sehen kann," sagte einer von ihnen. Sie waren beide Moslems, Bangladescher, und ihre Namen sollen aufgezeichnet werden, weil sie gute Männer waren und aufrichtig: Mohamed Abdul Halim und Sikder Mokaddes Ahmed. Ich lag stöhnend auf dem Boden, überzeugt, dass ich leben werde.

Innerhalb von Minuten kam Justin. Er wurde von einem stämmigen Soldaten der Baluchistan-Truppe beschützt - einem wahrem Geist des britischen Imperiums, der mit einem einzigen Gewehr die Mengen vom Auto weghielt, worin Justin jetzt saß. Ich fummelte an meiner Tasche herum. Sie haben die Tasche nicht bekommen, sagte ich mir ununterbrochen, als ob mein Reisepass und meine Kreditkarten etwas wie ein heiliger Gral wären. Aber sie hatten meine letzte Ersatzbrille - ich war blind ohne alle drei - und mein mobiles Telefon fehlte ebenso wie mein Adressbuch, das die Telefonnummern von 25 Jahren überall im Nahen Osten enthält. Was sollte ich tun?

Gottverdammt, sagte ich und versuchte, mit meiner Faust auf meine Seite zu schlagen, bis ich merkte, dass sie von einer großen klaffenden Wunde am Handgelenk blutete - ein Mal des Zahns, den ich gerade aus dem Kiefer eines Mannes herausgeschlagen hatte, eines Mannes, der wahrlich an jedem Verbrechen, außer dem, das Opfer der Welt zu sein, unschuldig war.

Ich hatte mehr als zweieinhalb Jahrzehnte damit verbracht, über die Demütigungen und das Elend der moslemischen Welt zu berichten, und jetzt hatte mich ihr Zorn auch umarmt. Wirklich? Da waren Mohamed und Sikder vom Roten Halbmond und Fayyaz, der zurück zum heißgelaufenene Auto kam, und Amanullah, der uns für die ärztliche Behandlung in sein Haus einlud. Und es gab den moslemischen Heiligen, der mich am Arm genommen hatte. Und - ich realisierte - es gab alle die afghanischen Männer und Jungen, die mich angegriffen hatten, was sie nie hätte tun sollen, aber deren Brutalität ganz und gar das Produkt von anderen war, von uns - von uns, die wir ihren Kampf gegen die Russen bewaffnet und ihren Schmerz ignoriert und über ihren Bürgerkrieg gelacht hatten, und sie dann bewaffneten und bezahlten für den "Krieg für Zivilisation", nur einige Meilen entfernt, und dann ihre Häuser bombardierten und ihre Familien zerrissen und das "kollaterale Schäden" nannten.

Also dachte ich, sollte ich darüber schreiben, was uns bei diesem furchtbaren, albernen, blutigen, winzigen Vorfall widerfuhr. Ich fürchtete, dass andere Versionen einen andern Hergang schildern könnten, wie ein britischer Journalist "von einem Mob afghanischer Flüchtlinge zusammengeschlagen" wurde.

Und das ist natürlich der Punkt. Die Leute, die angegriffen wurden, waren die Afghanen, die Narben wurden ihnen von uns zugefügt, von B -52-Bombern, nicht von ihnen selbst. Und ich sage es wieder. Wenn ich ein afghanischer Flüchtling in Kila Abdullah wäre, hätte ich genau das getan, was sie taten. Ich hätte Robert Fisk angegriffen. Oder jeden anderen Abendländer, den ich finden könnte.

Dieser Bericht und andere Beiträge sind zu finden bei http://www.talknet.de/~helmut_fiedler/

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Nachweihnacht

Natürlich hat das Weihnachtsfest eine Berechtigung. Wenn wir so wollen, liegt es da wie eine Schwelle der Besinnung wenige Tage bevor der Jahreskreis sich schließt Dank des unbeirrten Laufes der Sonne.

Seid Ihr schon einmal über einen Gletscher gegangen, habt Euch an seinem Rande bewegt? Ein trügerisches Gemisch unter den Füßen von schwarzem Eis, schmutzigem Schnee, lockerem Geröll, alles durchtränkt von kalter Nässe. Neben Dir tun sich Spalten auf, Wände, senkrecht, schluchttief, aus brüchigem Eis, Felsbrocken und gepresstem Schnee, scharfkantig und morsch zugleich. Abbruch, Sturz, nirgends ein Halt.

Das chaotische Ende des majestätisch in der Sonne glänzenden Feldes.

Gleicht er nicht der Bruchkante des Gletschers, unser Lebensraum seit dem 11. September 2001?

Die menschenverachtende Tat der Vernichtung mehrerer tausend Menschen durch Terroristen, selbst Protagonisten des Systems, ist wüstenweit als hinreichender Grund akzeptiert für die Vernichtung beliebig großer Mengen anscheinend unwerter Menschen.

Die Mächtigen der Welt handeln als Herren über Leben und Tod. Sie führen den unbegrenzten Krieg. Sie führen ihn effizient, gestützt auf die Banden der einheimischen Schlächter, bei größtmöglicher Schonung - Dank High-Tech - der eigenen hochwertigen Soldaten. Das Leben des Feindes hat keinerlei Wert. Die Anwendung jeder Art von Massenvernichtungswaffen ist zur Frage der militärtaktisch passenden Gelegenheit geworden. Folter und Mord demokratisch legitimierter Institutionen gegen Personen ist erklärte Alltagspraxis.

Deutsche Politiker platzten schier vor Geilheit, rechtzeitig zur Stelle zu sein und die Militärgewalt der halbstarken Großmacht zu erproben, oder sie spielten Hauptrollen im Schmierentheater-Mehrteiler "Zerrissenes Gewissen".

Gewiss, all diese Scheußlichkeiten hat es bereits im 20. Jahrhundert gegeben. Und schon im 19. Jahrhundert wussten englische Gewerkschafter, wie Karl Marx überliefert hat, "Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, wie die Natur vor der Leere... 100 % Profit und das Kapital stampft alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 %, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens."

Heute greifen die Mächtigen zum Kriegsterror, ohne dass ihr System wirklich in seiner Existenz bedroht ist. Oder? Oder wissen sie zu gut, dass eine wirkliche Überwindung des Terrors nicht halt machen wird, vor dem Terror der kapitalistischen Ökonomie, der Menschenferne des bürgerlichen Rechts?

Die zivilisierten Tagelöhner des Systems, Steuerzahler und Steuernutznießer, narkotisiert vom Dunst der Medien, leiden unter den Exzessen. Nur widerstrebend stimmen sie zu. Aber so viele stimmen doch zu. Denn das Gebot, dass die Menschen ungleichwertig sind, dass mein Wohlergehen einige Flüchtlingsverzweiflungen aufwiegt, haben sie - Gewohnheitsrassisten - zu gut gelernt.

Resigniert schweigen Menschen, die noch gestern gegen den Krieg aufstanden.

Resigniert ducken sie sich unter dem Fluch der Verhungernden, Erfrierenden.

Hilflos grübeln und sprechen Menschen, die Terror und Krieg jeder Art ablehnen, die eine friedliche Welt menschlicher Bindungen für möglich halten.

Eine politische Kraft sind sie nicht.

Doch es gibt diese Stimmen, die nicht schweigen.

ÖkostädterInnen stimmen seit langem mit dem radikal-pazifistischen Lebenswerk von Kurt Kretschmann überein. In den 20 er Jahren hat Ernst Friedrich mit seiner Friedensbibliothek Kurt Kretschmanns Entwicklung beeinflusst.

Auch wir haben im ÖKOSTADT-Haus in Lychen schon mehrmals mit der Friedensbibliothek zusammengearbeitet, Ausstellungen und andere öffentliche Veranstaltungen durchgeführt.

Lasst uns Wege finden, gemeinsam mit der Friedensbibliothek in Berlin, unser ÖKOSTADT-Haus zu einem Ort zu machen, in dem laut und deutlich, andauernd und für Jede und Jeden zugänglich gegen allen Terror und Krieg, für eine friedliche Welt geworben und gestritten wird.

Klaus-Peter Kurch

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Ethische Grenzen der Toleranz

Toleranz statt Fundamentalismus
ein Beitrag von Karl-Heinz & Sabine Meyer von der Delphin-Gemeinschaft vom Oktober 2001

Zig Millionen Menschen sind in Geschichte und Gegenwart durch politischen, religiösen und wirtschaftlichen Fundamentalismus ums Leben gekommen. Klar, dass Toleranz gegenüber Andersgläubigen /-denkenden dadurch einen hohen Stellenwert in der Alternativbewegung bekam. So z.B. auch für einige der bekanntesten Lebensgemeinschaften der Gegenwart: Findhorn (Schottland) und Lebensgarten (BRD).

Der Lebensgarten z.B. nutzt seit seiner Gründung 1985 die Gebäude einer ehemaligen Nazi-Arbeitersiedlung. Deshalb empfinden die BewohnerInnen es dort als innere Verpflichtung, es anders als die Nazis zu machen: Alle sollen dort mitleben dürfen, unabhängig von Religion, sozialem Status, politischer Überzeugung... (nur harte Drogen sind unerwünscht).

Auch als wir 1995 die "Delphin-Gemeinschaft - Wege zu Gott" gründeten, war Toleranz einer unserer zentralen Begriffe, was sich noch heute in unserer Präambel ausdrückt: "Wir helfen uns gegenseitig auf dem Weg zum Göttlichen und auch Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft, die dies wünschen." (Wobei wir Gott nicht als etwas sehen, das nur außerhalb von uns existiert). Inzwischen haben wir unsere Präambel durch folgende Erfahrungen ergänzt:

Toleranz ohne Grenzen ?

In den letzten Jahren haben wir u.a. durch unsere Arbeit in der Gemeinschaftsbewegung festgestellt, dass die Überbewertung von Toleranz zu einer fast grenzenlosen Beliebigkeit führt, die kaum noch gemeinsame ethische Grundwerte kennt. Dadurch wird auch Gemeinschaft (und große Teile der Alternativbewegung) zu einer leeren Hülse, für die sich ein Engagement immer weniger lohnt. Auf Schlagworte wie ökologisch, sozial, spirituell... hat mensch sich in Netzwerken wie HOLON, ComeTogether etc. zwar schnell geeinigt. Doch was heißt das konkret? Keinen Konsens gibt es z.B. zu Fragen wie

Ethische Grundwerte

In der Delphin-Gemeinschaft sind wir auch noch nicht erleuchtet oder allwissend, bemühen uns aber, an all diesen Fragen sehr gewissenhaft zu arbeiten. Dabei haben wir für uns die ethischen Grundwerte der Weltreligionen übernommen, da die Grundwerte in allen ursprünglichen Lehren sich sehr ähneln. Gut zusammengefasst sind sie u.a. von Jörg Zink in der Neuinterpretation der christlichen 10 Gebote: Wahrheit, nicht stehlen, nicht töten, nicht ehebrechen, Eltern ehren, den Sonntag heiligen... Diese Gebote markieren für uns die Grenzen der Toleranz.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen in den letzten Jahren u.a.

Dialog mit unseren befreundeten Gruppen

Wir wünschen uns einen Dialog v.a. mit befreundeten Netzwerken, bei denen wir Mitglied sind, um möglichst zu gemeinsamen ethischen Grundwerten zu kommen: HOLON (v.a. AG Reiche Dörfer), Come Together der deutschsprachigen Gemeinschaften, Global Ecovillage Network GEN, Netzkraftbewegung...

Literatur:

K.-H. Meyer lebt seit 1980 in Gemeinschaften, 1987-95 Lebensgarten Steyerberg, 1992 Gründung des ÖKODORF-Instituts (Beratung bei Gemeinschaftssuche/-gründung).
Sabine Meyer ist Musikerin und singt seit über 10 Jahren regelmäßig in einer Gruppe Lieder aus verschiedenen spirituellen Traditionen. 1995 zusammen mit Ihrem Mann K.-H. Gründung der Delphin-Gemeinschaft Schwarzwald.

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Wilhelm Gehrs, Dabelow

Reliefs, Möbel - Titelbild: Fliegender Rabe

Ausstellung vom 13.12.2001 - 22.01.2002 im ÖKOSTADT-Haus in Lychen

Die Haida, ein Indianerstamm, leben an der kanadischen Westküste. Ihre Kunst und ihre alte Kultur waren in Vergessenheit geraten und wurden vor ca. 25 Jahren von jungen Künstlern wieder aufgegriffen.

Heute ist die alte Kunst an der Westküste sehr populär. In Museen, auf öffentlichen Plätzen, in Flughäfen findet man verschiedene Werke junger Künstler.

Willi Gehrs hat drei Jahre in Kanada gelebt und gearbeitet und dort die Kunst der Haida studiert. Seine Kunst lehnt sich an die Kunst der Haida an, bezieht sich aber auf die Natur und Tierwelt im mecklenburgisch-brandenburgischen Raum.

Die hier ausgestellten Reliefs schuf Willi Gehrs neben seiner beruflichen Arbeit als Möbel- und Bautischler.

Verzeichnis der Arbeiten von Wilhelm Gehrs

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Die Holzheizung ist fertig

Klaus-Peter Kurch am Freitag, 23 November 2001

Liebe Leute, heut war ein großer Tag in unserem ÖKOSTADT-Haus in Lychen.

Gestern wurde unsere Holzheizung fertig und probeweise angeheizt. Und heute, nachdem zuletzt auch die dicke Wärmedämmung unseres Pufferspeichers vollendet war, sind wir zum "regulären Heizbetrieb mit Holz" übergegangen. Die Gastherme haben wir abgeschaltet (Sie soll im kommenden Winter als Reserve noch erhalten bleiben.) Gas brauchen wir jetzt nur noch zum Kochen. Und prompt ist unser Tagesverbrauch von zehn auf einen Kubikmeter gesunken. (Übrigens haben wir von Juni 2000 bis Juni 2001 2409 Kubikmeter Gas verbraucht und dafür 2410,27 DM bezahlt.)

Es war schon ein eigenartiges Gefühl, jetzt Holzscheite in den Kessel zu schieben, die Meta, Birgit und ich vor mehr als einem Jahr im Wald zusammengetragen hatten. Das Anheizen heute früh war kinderleicht. (Ich hatte einigen Respekt vor den dicken Stämmen, konnte mir nicht recht vorstellen, wie die Feuer fangen sollten - auf Kohleanzünder wollte ich von vornherein verzichten.) Gleich beim ersten Startversuch mit Papier, Pappe, einigen Kiefernzweigen von Bäumen unserer Waldausstellung und etwas trockenem Kleinholz legte der Kessel mit seinem Gebläse los, und schon nach einer Minute sagte Wolfgang: "Tür kannste jetzt zumachen. Der brennt schon." Jetzt erzeugen wir also die notwendige Wärme unseres Hauses, in dem wir uns mit Säge, Axt und Picknickkorb bei Vater Wald einfinden. Jeder kann dabei mittun, der Alte gibt mit vollen Händen. (Da wird die Absurdität greifbar, irgendwo am Hindukusch das Öl oder Gas aus der Erde zu reißen und um die halbe Welt zu leiten, so den Boden zu untergraben, auf dem die Menschen dort ungestört leben wollen. - Nee, nie wieder warmer Arsch auf Knopfdruck!)

Es war ein langer Weg mit vielen mühsamen Diskussionen, doch das Ergebnis jetzt kann sich sehen lassen. Wolfgang hat einen entscheidenden Anteil an der Vorbereitung und schließlich praktischen Verwirklichung dieses Projekts - in den letzten zweieinhalb Monaten in enger Zusammenarbeit mit Otto. Ihnen möchte ich auch hiermit herzlich danken. Es war ja weit mehr zu tun, als einen Raum für Heizkessel und Speicher herzurichten. Im Grunde wurde es notwendig, eine Teilsanierung des Stalles zu leisten. So "beiläufig" wurde das Dach neu gedeckt und das Obergeschoss steht vor seiner, sagen wir, Überarbeitung zum zweckmäßigen Abstellraum. Etliche Mauerabschnitte mussten gründlich saniert werden und Vieles mehr.

Das Ganze hat gekostet. Die Holzheizung einschließlich Heizraum kostet voraussichtlich 22-23 TDM (Material + Arbeit). Die Teilsanierung der Remise kostete bisher weitere 7 TDM, ebenfalls Material und Arbeit.

Wir haben diese Mittel aufgebracht, ohne Kredite in Anspruch zu nehmen, die uns nur einem Druck aussetzen und letztlich ärmer machen. Beträchtliche Geldmittel haben Berthe und mein Freund Joachim Dreibholz zur Verfügung gestellt, ich ebenfalls. Den Erstgenannten sei gedankt.

Also ein freudiges Einhalten.

Neue Pläne gibt es genug. Die Mosterei wirft ihren Schatten voraus. Beflügelnd zwar, dass wir für die Schaffung solchen Gewerbes 45% der Investitionskosten als Zuschuss kriegen. Aber die restlichen kleinen 55% müssen von uns aufgebracht werden. Schauen wir mal.

Herzliche Grüße an alle von Klaus-Peter Kurch

Heizung, Remise und Hofgestaltung

Das Ökostadthaus in Lychen wird weiter ausgestaltet

Vorbedingungen

Um Heizkosten zu sparen, auf nachwachsende Energieträger umzustellen und damit das ökologische Profil unseres Projektzentrums in Lychen auszuprägen, hatte die Ökostadt Genossenschaft im Sommer 2001 beschlossen, noch vor Beginn der Heizperiode eine Holzscheitheizung in der Vogelgesangstraße 4 einzubauen.

Da Brenner und Speicher in das Verbindungsgebäude zwischen Haupthaus und Seitenflügel (Remise) kamen, erfolgte zugleich dessen (einfache) Sanierung. Wände wurden versetzt, Türen und Fenster repariert oder ersetzt und das Dach erneuert. Dabei bleibt die Möglichkeit erhalten, bei entsprechender Finanzkraft eine Foto-Thermik- oder Fotovoltaik-Anlage nachzurüsten. Neben der Heizungsanlage erhält in der Remise künftig auch der Bioladen und ein weiterer nutzbarer Raum seinen Platz.

Um schon in diesem Winter mit Holz heizen zu können, mussten mehrere Festmeter Stammschnitte in der Vogelgesangstraße trocken untergebracht werden. Dazu gab es Ende August/Anfang September 2001 eine Holzaktion. Für die von ihnen ausgeführte schwere Arbeit ist Klaus-Peter und Otto sehr zu danken.

Diskussionen

Aus Anlass der Holzlieferung und Bauarbeiten gab es einige Diskussionen über die weitere Hofgestaltung mit Blick auf künftige Nutzungen. Zum Teil kontrovers hatten sich Otto und Klaus-Peter über Sinn oder Unsinn dieser oder jener Arbeit und auch über den Entscheidungsstil im Vor- und Umfeld der geplanten Baumaßnahme auseinandergesetzt.

Während der Sommerlagerzeit im August beteiligten sich unter anderem Regina, Berthe, Doris, Andreas, Thomas, Otto, Klaus-Peter, Anne und Micha an den Gesprächen. Die wichtigsten Ergebnisse seien hier kurz dargestellt.

Ergebnisse

1. Die neuen (mindestens 3) großen Holzstapel mit Überdachung sollen nicht im oberen Hofbereich aufgebaut werden. Zwar wäre von hier der Weg zum Brenner in der Remise am kürzesten, aber andere, vor allem kulturelle oder gastronomischen Hofnutzungen würden angesichts des Holzstapelvolumens spürbar eingeschränkt. Und gerade für solche Nutzungen durch uns und andere gestalten wir ja das Objekt! Auch das optische Bild dieses öffentlichsten Teiles unseres Grundstücks könnte auf anderem Wege günstiger gestaltet werden (s.u.).

2. Gegenüber dem Eingang des Seitenflügels, vor der Mauer des südlichen Nachbargrundstücks (ehem. Grieche) ist Raum sowohl für die Holzlagerung, als auch für die Neugestaltung der "Außenküche": Eingefasst von zwei jeweils 2,50 m breiten, 1,50 m tiefen und ca. 2,20 m hohen Schleppdachschuppen für Holzscheite wird auch die Herdstelle in einer Breite von ca. 2,00 m überdacht. Um die Geländestufe zur Sitzecke links abzufangen und zu gestalten, sollen hier Holzabschnitte von ca. 0,50 m Länge als "Raumteiler" quer bis zu einer Höhe von ca. 1,00 m und einer Tiefe von ca. 2,00 m aufgestapelt werden. Einen ähnlichen, eventuell etwas höheren "Raumteiler" könnte es auch als rechten Abschluss dieses Holzlager- und Kochbereiches geben. Dahinter (rechts) wäre dann ein geeigneter Standplatz für die Mülltonnen und der Ort zum Holzschneiden oder Hacken sowie auch für die Lagerung ggf. noch vorhandenen Materials. Sinnvoll erschiene hier auch die Installation eines wetterfesten Stromanschlusses.

3. Vor der o.g. Mauer gegenüber dem Seitenflügel bis zur Flucht mit der östlichen Ecke des Gebäudes (in der auch unsere Linde steht) könnte (z.B. über Eck gebaut) ein größerer, mehrstufiger und bei sicherer Bauweise z.B. für Kinder "begehbarer" weiterer Holzstapel eingerichtet werden. Er würde die nachvollziehbare Abgrenzung des Hofes vom Garten darstellen und zugleich Sichtschutz für ggf. notwendige weitere Lagerungen (z.B. unserer Baugerüstteile) sein. Die Holzschuppen und Stapel werden ebenfalls von Otto und Klaus-Peter errichtet, die sich über jede helfende Hand freuen. Die Stirnseite des Seitenflügels zum Garten hin soll einmal eine Terasse erhalten und wird bis dahin wohl noch eine Weile den unansehnlichen Schuppen tragen müssen. Nach einer Beräumung könnte er die leider schon wieder reparaturbedürftigen Paddelboote und unsere Gartengeräte schützend aufnehmen.

4. Den Holzlagerungen und Bauarbeiten sollten sich (spätestens nächstes Frühjahr) folgende Gestaltungsaktionen anschließen:

- Abfuhr allen (auch des "versteckten" alten) Bauschutts,

- Errichtung eines Fahrradstandplatzes links neben der jetzigen Bühne möglichst mit künstlerischer Gestaltung aus Holz oder Metall

- Rodung derjenigen Sträucher (Holunder), die krank sind, Gebäude schädigen oder wichtige Flächennutzungen unmöglich machen,

- Verlagerung des "Gurkenbeetes" aus der ehemaligen Abwassergrube in der Hofmitte und Einrichtung des Regenwassersammelbeckens, Abschluss/Abdeckung mit sicherem Holzboden als künftige (zentral gelegene und flexibel bespielbare) Bühne, bzw. als erweiterte nutzbare Hoffläche,

- Bau von den Hof überspannenden Pergolen (die bewachsen sollen) in diesem Bereich und zum Teil vor der Remise möglichst aus Holz,

- Begrünung freier Wandflächen zum südlichen Nachbargrundstück mit wildem Wein, Hopfen, Kletterefeu und ähnlichem (und auch andersartige Gestaltung)

- Weitere Grüngestaltung des Hofes in großen mobilen Pflanzkübeln, die je nach Bedarf hier oder da aufgestellt werden könnten

- (Feldstein) Pflasterung viel begangener unbefestigter oder versiegelter Flächen

Fazit

Wir haben derzeit offenbar (mal wieder) zu selten Gelegenheit, miteinander über anstehende Aktivitäten und ihre Folgen zu sprechen. Wenn wir sie uns nehmen, die Beratung miteinander suchen, finden wir in aller Regel einen von allen zu akzeptierenden Weg.

Prinzipiell wollen wir weiterhin alle weitreichenden Entscheidungen in der Genossenschaft (wie auch im Verein) breit und öffentlich diskutieren und möglichst im Konsens treffen. Da wo es um das Alltägliche geht, muss der Vorstand selbständig entscheiden _ das gehört zu seinen Aufgaben. Und da wo es Einwände gegen vom Vorstand vorbereitete oder getroffene wichtige Entscheidungen gibt, steht erstens der Aufsichtsrat und zweitens jedes Genossen-schaftsmitglied als Ansprechpartner zur Verfügung.

Jeder Fortschritt muss aber eben praktisch und konkret organisiert werden und jede Organisation bedarf bestimmter verabredeter Regeln, zu denen auch die Entscheidungswege und _befugnisse gehören. Als Ökostadt-Gemeinschaft wollen wir uns damit allerdings nicht bescheiden und wünschen daher gemeinschaftlichen Austausch von Ideen, Vorstellungen, Argumenten und Meinungen. Für die Unterstützung der o.g. Gestaltungsschritte böte sich ein gemeinsames Wochenende im April 2002 an.

Micha Diehl

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Wendland 11.-14.11.2001

Vorspiel

Sonntagmorgen, den 11.11.2001 reiste ich gegen Mittag im Wendland an. Das letzte Stück bis Dannenberg nahm mich ein Journalist mit, wir landeten direkt auf der von Traktoren und einigen hundert Menschen besetzten Nebenstedter Kreuzung. Ich entdeckte keinen Bekannten, so lief ich zur Esso-Wiese und mußte erstaunt feststellen, daß statt der Atomgegnerschaft nun die Bullen darauf hausten. Die neue Infowiese war sehr abgelegen am Ortsausgang Richtung Lüneburg, was mir jetzt und auch die folgenden Tage viel Lauferei bescherte.

Auf der Infowiese erfuhr ich, daß die Kirche viele Schlafquartiere hat. Ich hinterließ Nachrichten an evt. anreisende Strohsäcke (Till und C.K. konnten nicht kommen), brachte mein Gepäck zur Diakonie neben der Kirche und lief wieder zur Nebenstedter Kreuzung. Von dort sollte eine "Widersetzen"-Aktion (ex X1000 mal quer) mit dem Ziel einer Straßenblockade starten. Ich entdeckte zum Glück Wolfgang, der mir erzählte, daß er Ralf nicht erreichen konnte. Die "Volksküche" kam und verkürzte mit ihrem leckeren Essen die Warterei.

Endlich begann die "Widersetzen"-Aktion, es nahmen ca. 1000 Menschen teil. Wir umgingen das abgesperrte Nebenstedt und liefen auf die Splietauer Straße zu, allerdings so lahmarschig, daß die Bullen schneller waren. Wolfgang und ich liefen die Polizeikette entlang, unterhielten uns mit freundlichen Hamburger PolizistInnen. Am Ende der Kette war es möglich, diese nach Splietau zu umgehen. Während wir das mit einigen anderen machten, fasste auch "Widersetzen" den Beschluß, dies zu tun. Doch die Umsetzung ging wieder so langsam vonstatten, daß die Polizei nachrücken konnte und somit die meisten Menschen in die Hundekette bzw. Pferdestaffel hineinrannten.

Trotzdem kamen einige Gruppen in Splietau an, manche besetzten eine Kreuzung, anderen stand der Sinn nach handfesteren Tatsachen und bauten hinter dem Ort Barrikaden. Die Bullen waren schneller da als gedacht, so erkundeten Wolfgang und ich den Wald und liefen dann zurück nach Splietau.

Auf einem Umweg ging es dann nach Dannenberg zurück. Wir aßen Abendbrot auf der Infowiese, trafen einen Bekannten vom Frühjahr. Zu dritt fuhren wir mit der "Volksküche" zur Nebenstedter Kreuzung mit. Ein "Musikkampfwagen" mit Band war aufgefahren, doch die Musik nervte uns. Und so begaben wir uns nach einen Einschlafbier im "Einstein" in unsere Schlafsäcke.

Widersetzen ohne "Widersetzen"

Nach dem Ausschlafen am Montag erfuhr ich über unsere "Funkzentrale" C.K., daß Lennard nicht kommt. Auf der BI-Wiese besuchten Wolfgang und ich die Pressekonferenz. Dann trampten wir nach Hitzacker und weiter nach Dahlenburg. Unterwegs gab es eine Auto-, Gepäck- und Personalienkontrolle. Bei Dumsdorf brachten wir die Polizei in Bewegung, indem wir zu acht einige Male Richtung Gleis liefen. Dann versteckten wir uns im Wohnwagen zweier Göttinger Frauen, bis der Regen nachließ. In der Nähe gab es eine Blockade der Bundesstraße, an der wir teilnahmen, daraus wurde eine Demo nach Dahlenburg.

Dort gab es die Information, daß Hitzacker abgesperrt wird (18 Uhr ist eine BI-Kundgebung geplant). Wir fuhren gleich mit einem Berliner Geschwisterpaar los, nach einer weiteren ausführlichen Kontrolle kamen wir nach Hitzacker. Die Kundgebung wurde vorbereitet, da kam die Meldung, daß in Bahnhofsnähe Trecker auf den Gleisen stehen. Mit 3 Einheimischen liefen Wolfgang und ich dorthin. Aber die Traktoren standen hinter der Schranke, auf dem Übergang stand ein Räumpanzer, und ca. 30 BGSler ließen Leute einzeln passieren.

Wir liefen zurück, plötzlich kamen uns mehrere hundert Menschen entgegen, denen schlossen wir uns an und blitzschnell waren wir auf dem Bahndamm. Wir wurden immer mehr, zeitweilig waren ca. 2000 Menschen anwesend. Bald hatten die Bullen alles abgesperrt, es ging nicht mehr rein, nur noch raus. Räumkommandos des BGS standen bereit. Der Regen wurde stärker, ab und an richtig heftig. Es gab eine Riesenplane, zu der wir uns gesellten. Darunter wurde das Gleis ausgehöhlt, teilweise hingen die Schwellen in der Luft.

Später, es waren noch ca. 1000 AtomgegnerInnen auf dem Bahnübergang, begann nach einem von uns abgelehnten Vermittlungsangebot die Räumung. Wir wurden von den Polizeiketten Meter für Meter Richtung Ort gedrängt. Es hat wohl mindestens eine Stunde gedauert, bis wir bei der Hin- und Herschubserei aus der 50-Meter-Verbotszone waren. In diesem Pulk (wie bei einem Rockkonzert vor der Bühne) wurde uns wieder warm. Es gab viele lustige Gesänge ("Ihr seid nur ein Karnevalsverein" zu den Kölner BGSlern) und Sprüche. Allerdings wurden auch einige DemonstrantInnen durch uniformierte Schläger verletzt.

Später, als wir zurückgetrampt waren, hörten wir, daß "Widersetzen" in der Dannenberger DISCO "Apex" tagte. Das Bekanntwerden der gelungenen Besetzung führte nur zu weiteren Palaver statt zur schnellstmöglichen Unterstützung. So fand die einzige große BürgerInnenblockade ohne "Widersetzen" statt.

Auf´s Gleis _ doch wer kommt mit?

Eine unruhige Nacht, und als gegen 5 Uhr schon hunderte Menschen von "Widersetzen" vor der Kirche zusammenkamen, standen Wolfgang und ich auch auf. Da wir nicht erfuhren, ob "Widersetzen" Richtung Schiene geht, schlenderten wir zur Infowiese. Ein schöner Tag brach an. Der Castor war noch nicht in Lüneburg. Mit einigen Wolfsburgern liefen wir auf den stillgelegten Lüchower Gleis Richtung Bahnhof, in der Hoffnung auf "Widersetzen" zu stoßen. Doch die rannten sich wieder bei Splietau fest. Wir setzten etliche Bullen in Bewegung, doch wie weiter?

An der Esso-Tankstelle trafen wir mit vielen Grüppchen zusammen. Doch unsere Überlegungen wurden durch Personalienkontrollen unterbrochen. So lief ich mit Wolfgang wieder zur BI-Wiese. Der Castor steht vor Lüneburg, angekettete Menschen und Lokschaden die Ursachen. Wir fanden 3 Einheimische, die an die Strecke wollten. Mit ihnen fuhren wir im weiten Bogen nach Ahndorf, wo uns die Polizei stoppte und umkehren ließ. Wir fuhren zur Mahnwache in Neetzendorf, da war auch Schluß. Allerdings konnten wir durch den Wald bis direkt ans Gleis laufen, und so standen wir plötzlich an dem uns vom Frühjahr her gut bekannten Süschendorfer Einschnitt. Wir setzten uns außerhalb der 50-Meter.Zone und überlegten, was zu tun ist. Mutig vor den Zug springen, ihn kurz stoppen und dann "Ingewahrsamnahme"? Oder die Bullen beschäftigen? Warum sind hier nicht hunderte von uns?

Die Bullen hatten uns bemerkt, die nächste Personalienkontrolle und dann sollten wir verschwinden. Doch wir liefen über Wiese und Acker entlang des Gleises in etwa 50 Meter Abstand, mit uns die BGSler auf dem Gleis. Aus Richtung Dahlenburg kamen Hubschrauber über dem Gleis entlang und kündigten den Castor an. Und da kam er, ein Hubschrauber flog T. direkt an, da er sich am dichtesten zum Gleis befand.

Der lange Zug mit den 6 Castorbehältern (jeder enthält die atomare Strahlung von 20 Hiroshima-Bomben) ruft Wut bei mir hervor. Die brisante Ladung wird in der "Kartoffelscheune" bei Gorleben abgestellt, um zu suggerieren, daß es eine Lösung für den Atommüll gibt. Wut über die Politiker und Medien, die das Problem überhaupt nicht mehr wahrnehmen wollen. Stattdessen produzieren die AKW´s weiter Strom auf der Basis von Uranerz, dessen Gewinnung in der Vergangenheit und Gegenwart verseuchte Regionen hinterläßt. Es bleibt der Atommüll, der heute und in der Zukunft die Erde verseucht. Warum kommen der Staat und damit die Steuerzahler für das Hin- und Herschieben des Atommülls auf, während sogar jede Frittenbude ihre Altölentsorgung nachweisen und selbst bezahlen muß?

Wir liefen zurück nach Neetzendorf und fuhren Richtung Dannenberg. Wir hörten, daß der Castor vor Tangsehl stand, da sich dort an einer Brücke Menschen angekettet hatten. Darum versuchten wir über Govelin zur Trasse zu gelangen. Keine Polizei hielt uns auf, wir fuhren immer tiefer in den Wald, und plötzlich befanden wir uns neben den Bahneinschnitt. Da sahen wir Qualm, und als wir raussprangen, fuhr der Castorzug unter uns vorbei. Wieso konnten wir bis zur Strecke fahren?

Als der Zug durch war, wollte eine BGS-Kolonne an uns vorbei. Der Weg war schmal, es gab keine Wendemöglichkeit, und wir sahen keine Ausweichstelle. So fuhren wir im Schneckentempo rückwärts bis zur nächsten Weggabelung. Wir fuhren nach Dannenberg und kamen an, als der Zug gerade einfuhr. An der Esso-Wiese war nicht viel los, obwohl zahlreiche Menschen in der Stadt unterwegs waren. Mit Wolfgang ging ich zum Schlafsaal, wir ruhten uns aus, bevor wir 18 Uhr zur BI-Kundgebung auf dem Markt gingen.

Dort war es wesentlich leerer als im Frühjahr und die Stimmung war weniger kraftvoll. Es gab die Vermutung, daß am Abend noch der Straßentransport stattfindet. Es wurde aufgefordert, sich in Richtung Transportstrecke auf den Weg zu machen. Und so waren einzelne und Grüppchen wie wir Richtung Splietau auf dem Deich unterwegs, andere versuchten nach Laase oder in die Nähe des Verladekrans zu kommen.

In Splietau sammelten sich Gruppen und zerfielen wieder. Es war sehr chaotisch. Letztendlich waren wir 16, die Richtung Wald weiterliefen. Dort konnten wir die Südstrecke überqueren und stolperten im Wald Richtung Nordstrecke. Ab und an aufblitzende Lampen sowie über uns kreisende Hubschrauber machten uns nervös. Hoffentlich können wenigstens zahlreiche Flüchtlinge an den Grenzen ausnutzen, daß der BGS mit seiner Technik hier versammelt ist.

Wir sahen die dunkle Nordstrecke, und mir wurde klar, daß heute nichts mehr passiert. So liefen wir wieder nach Splietau und nach einigen Gesprächen mit Leuten, die an der Strecke wachten, gingen Wolfgang und ich nach Dannenberg. Wir entschieden uns, im Morgengrauen nicht dem Castor hinterherzurennen.

Epilog

Ca. 6 Uhr am Mittwochmorgen kam der Ruf: "Der Castor ist losgefahren.". Ich packte, trampte nach Salzwedel (mittlerweile war er in Gorleben) und fuhr nach Hause.

Ich werde wiederkommen, besser vorbereitet, mit mehr Leuten (Kontakte sind geknüpft). Sowohl Gleis als auch Straßenstrecke sind erreichbar und blockierbar, wenn genügend Leute entschlossen und gewitzt vorgehen. Das Wendland braucht unsere Solidarität, und das nicht nur beim Castor. Und wo werden schon Linke mit offenen Armen empfangen?

Soweit mir bekannt ist, gab es diesmal keine nennenswerten Angriffe auf die Polizei, aber trotzdem zahlreiche verletzte DemonstrantInnen (viele Hundebisse) und über 700 Ingewahrsamnahmen. Da wurden vor allem Menschen weggesperrt, die sich nicht an das Demonstrationsverbot an und auf der Strecke hielten. Besonders betraf dies "Widersetzen", also eine Aktion, deren Gewaltfreiheit angekündigt war. Das hat natürlich Methode, denn X-tausende friedliche DemonstrantInnen können zum Problem für die Herrschenden werden.

Dies ist eine subjektive Sicht und es ist natürlich viel mehr passiert. Weiterführend empfehle ich die Internetseiten: www.bi-luechow-dannenberg.de, http://de.indymedia.org., www.x1000malquer.de. Alle enthalten weiterführende Links. ZeitschriftenleserInnen ist "anti atom aktuell" empfohlen.

T.Held

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Thesen zu einer Hofmosterei ÖKOSTADT in der V4 und erste Aufwands- und Ertragsschätzung

1. Ich halte die Einrichtung einer Mosterei/Saftproduktion bei ÖKOSTADT in der Vogelgesangstr. 4 besonders aus folgenden Gründen für zweckmäßig: Der Investitionsaufwand kann niedrig gehalten werden, und zugleich sind Erträge schnell zu erzielen. Mit der Entwicklung des Absatzes kann die Produktion mit überschaubarem Aufwand schrittweise erhöht werden. Die räumlichen Bedingungen in der V4 reichen für den Anfang aus. Das ist wichtig, damit alle Arbeitsbereiche der Geno, die Erträge bringen - nämlich Beherbergung, Biohandel und Mosterei - zunächst in der Hand einer einzigen Person entwickelt werden. Ein/e engagierte/r Interessent/in kann aus diesen drei "Säulen" in einer überschaubaren Zeit für sich einen Arbeitsplatz entwickeln. Wenn später dann der Arbeitsumfang zu groß wird, kann der Bereich Mosterei ausgegliedert werden.

2. Der Betrieb der Mosterei/Saftproduktion soll sich in das Gesamtnutzungskonzept für die V4 einfügen. Er soll insbesondere die Herbergsgäste nicht stören, sondern im Gegenteil den Besuch des ÖKOSTADT - Hauses noch attraktiver machen. Das kann gelingen, wenn Ausstellung(en), Bio-Hofladen, Hof-Imbiß und Mosterei als Einheit entwickelt werden. Die von der Mosterei benötigten Betriebs-, Lager- und Transportflächen müssen angemessen sein. Günstig wirkt dabei, dass die Haupttouristensaison und die Hauptmostsaison sich nicht überschneiden, sondern aufeinanderfolgen.

3. Bei der Entwicklung der Most-/Saftproduktion soll von Anfang an mit dem Amt Lychen und dem Arbeitslosenverein zusammengearbeitet werden, bei denen es Überlegungen zur Entwicklung einer Feinkostproduktion gibt (Konfitüren, Gelees, verarbeitete Früchte). Die Zusammenarbeit kann sich auf gemeinsame Investitionsvorbereitung (Fördermittel), Produktionskooperation, Lagerflächen, Vertrieb und anderes erstrecken.

4. Die Mosterei kann in dem an den Seitenflügel angrenzenden Raum der Remise eingerichtet werden. Außerhalb der Mostsaison bleibt dieser Raum für andere Zwecke nutzbar. Die Ausrüstung der Mosterei ist transportierbar und kann daher nach außerhalb verliehen werden. Lagerfläche außerhalb der Remise wird benötigt für a)die produzierte Mostmenge, die wir im Verlauf des Jahres verkaufen oder selbst verbrauchen wollen b) das als Vorrat benötigte Leergut an Flaschen und Kästen c) den Preßrückstand (Trester), der wertvolles Viehfutter darstellt aber sicherlich nicht täglich abgeholt wird d) das angelieferte Obst/Gemüse.

Zu a) Der produzierte Most ist frostfrei im sog. Speicherkeller zu lagern. Die Lagerkapazität dieses Raums beträgt mühelos 3000 l und mehr (Zum Vergleich: Von Oktober 2000 bis Oktober 2001 haben wir 525l Apfelmost verbraucht oder verkauft.) Zu b) Leergut sollte für die Anforderungen einer Wochenproduktion in der Nähe des Produktionsraums gelagert werden. Angenommen diese Produktion sei 1200l (Flaschen), die in 200 Kästen gestapelt werden, so wird hierfür ein Volumen von etwa 4 m3 benötigt. Darüber hinaus vorhandenes Leergut sollte in Kooperation mit dem ALV Lychen gelagert werden (ehemaliges Schirokko-Gelände). Zu c) Bei einer Tagesproduktion von 350l Most fallen 100 bis 150 kg Trester an; es müssen mehrere Tagesmengen in abdeckbaren Behältern zwischengelagert werden. Zu d) Angeliefertes Obst/Gemüse soll nur in geringen Mengen zwischengelagert werden (vielleicht 10 bis 20 Zentner). Sofortverarbeitung ist Trumpf. Das setzt exakte Zeitplanung und Terminvergabe voraus.

5. Es würde 100% Direktsaft naturtrüb hergestellt. Die Produktion soll alle erdenklichen Obst- und Gemüsearten umfassen. Durch diese Breite soll eine Verlängerung der Saison erreicht werden. Dadurch soll auch die Herstellung attraktiver Mischsäfte erleichtert werden. Von vornherein ist die Produktion auf den Markt gerichtet. Das bedeutet auch, dass Gesundheitsschutz und Hygiene peinlichst zu beachten sind und einer ständigen Kontrolle unterliegen.

6. Die Mosterei kann in drei Formen produzieren: a) Eigenproduktion, d.h. Saftherstellung aus eigenem Obst/Gemüse zum Verkauf bzw. Eigenverbrauch b) Lohnmosterei, d.h. Saftherstellung für Kunden aus deren mitgebrachtem Obst/Gemüse (einschließlich Abfüllung in die eigenen Flaschen der Kunden) c) Leihmosterei, Verleih der Mostausrüstung an Kunden, die nach entsprechender Anleitung ihren Most selbst herstellen.

7. Ich denke an eine (Mindest-)Ausrüstung (Obstmühle, Presse, Pasteurisiergerät), die eine Kapazität von (Beipiel Äpfel) 70l Most/Stunde hat, was bei fünf Stunden Produktion einer Tagesleistung von 350l entspricht. Diese minimale Ausrüstung kostet weniger als 4000,-DM. Sie könnte leicht um eine Filtereinheit und eine Abfüllanlage erweitert werden. Hinzu kommen die Kosten für die Herrichtung des Betriebsraumes sowie Kosten für das Leergut. Bei einer unterstellten Saisondauer von 45 Arbeitstagen könnten somit bei täglich fünf Stunden Mosten 15750l Apfelmost hergestellt werden.

8. Würden alle beim Mosten, wie auch beim Äpfelsammeln anfallenden Arbeiten mit 10,-DM/Stunde vergütet, würde uns ein Liter Apfelmost naturtrüb rund 0,85 DM kosten. Er könnte für 1,70 DM bis 1,80 DM angeboten werden (Natürlich wären Rabattstaffeln möglich, nicht zuletzt für Ökostädter, die ihren ganzen Jahresbedarf abnehmen - "Familienmosten", "Mostfest".) Beim Lohnmosten hätten wir pro Liter Kosten von rund 0,45 DM. Diese Leistung könnten wir für 0,80 bis 0,90 DM/l anbieten. Bei der Leihmosterei würden wir Leihgebühren von 15,- bis 20,-DM/Stunde verlangen.

9.Versuch einer einigermaßen realistisch-optimistischen Schätzung, welcher Ertrag im ersten Jahr möglich wäre: Eigenproduktion und Verkauf 1500l - bringen Ertrag von 1350 DM. Lohnmosterei 15x100 l = 1500l bringen Ertrag von 600 DM. Leihmosterei vier halbe Tage bringen Ertrag von 300 DM. Das macht einen Gesamtertrag für die Geno von 2250 DM. Diese Produktionsmenge (rund 3000l) liegt also noch weit unter der oben berechneten Kapazität. Sie erfordert Arbeit, die mit 1625,-DM vergütet würde.

10. Zusammen mit den Erträgen aus Beherbergung und Biohandel entsteht ein Finanzvolumen, das die Einrichtung eines geförderten Arbeitsplatzes ("Arbeit statt Sozialhilfe" oder Fünfjahresförderung älterer Langzeitarbeitsloser) in greifbare Nähe rückt.

Klaus-Peter Kurch

(Seitenanfang)

Sonne

Du strahlende mächtige Sonne!

Weltenwanderin!

Herzenskönigin!

Sinnbildgewinnender Kraft auftauender Hoffnung, selbstloser Liebe

Sei gegrüßt!

Du schenkst mit reinem Angesicht ohne Vorbehalt und den geheimen Wünschen verborgener Gedanken.

Immer schmückt Dich das

Kleid der Wahrhaftigkeit und deine Gaben fließen aus den Toren verstehender Gnade.

Sei nochmals gegrüßt!

Dein Einzug ist strahlend, Dein Abgang verheißend,

Deine ewige Wiederkehr ein Bronnen allgöttlichen Wirkens.

Opferfülle des Lichtes!

Schale geborgenen Glanzes!

Sphärenlied der Harmonie!

Zum drittenmal sei gegrüßt!

Kurt Kretschmann

(Seitenanfang)

Herbert

Der vom Naziregime angezettelte Krieg gegen Polen reißt die Freunde Kurt und Herbert auseinander. Herbert, vom Stellungsbefehl verschont, entscheidet sich gegen Herta und für Ernale.

Eine herrliche Zeit der Liebe brach nun an und erfüllte das kleine Häuschen am Waldessaum mit lustigen Liedern und fröhlichen Gesängen. Doch schon nach wenigen glücklichen Wochen, stellte mich schwarze Herta vor eine schwere Entscheidung. Noch jetzt bei der Niederschrift spüre ich jene seltsame Erregung wieder, die mich damals ergriff, als ich nach einer Liebesnacht erwachte und einen Zettel mit folgendem Inhalt fand: "Liebster, nimm deine Geige. Rufe, locke mich aus dem Schlafe mit weichen Melodien. Ich muß mit dir reden..."

Eine Weile schien es mir, als tanzten die Buchstaben auf dem weißen Papier. Diese kurze Notiz hatte etwas besonderes zu sagen. Ich fühlte es deutlich. Die wenigen Worte waren nur ein Hinweis. Zwischen den Zeilen stand eine ungeschriebene Frage oder Erklärung, eine Änderung, etwas völlig Neues.

Endlich trat ich unbemerkt ans Lager zurück und schaute sie fragend an. Was mochte sie mir sagen wollen? Lange betrachtete ich ihre roten Lippen, die noch vom letzten Kusse glühten und suchte nach dem Sinn ihrer Worte. Da sah ich ein Buch "Liebesklarheit" von Werner Zimmermann, worin sie wohl gelesen haben mochte, halb aufgeschlagen liegen. "Also doch", ging es durch meinen heißen Kopf; mir war mit einem Male, als wüßte ich schon was kommen würde.

Danach trat ich zurück, kleidete mich an, prüfte leise die Saiten der Violine und begann zu spielen. Schon nach wenigen Strichen verlor sich die anfängliche Unsicherheit. Meine geliebte Fiedel gab mir wieder Kraft und Halt und jubelte oder klagte in endlosen Phantasien was das Herz zu sagen und zu fragen hatte. Nur einmal schaute ich zur schwarzen Herta hinüber. Sie lag mit geschlossenen Augen und dehnte wohlig ihre Glieder. Dann lauschte ich nur noch meiner eigenen inneren Stimme und spielte vom Glück der vergangenen Zeit.

Als ich geendet hatte und absetzte, rührte sich nichts im Raum. Nur die Morgensonne spann ihre goldenen Fäden und hing sie über Tisch und Bank. Von draußen, durch die offene Tür, klang ein Vogelruf herein, wie eine Antwort auf die letzten Sätze und Töne der Geige, die nun zum Himmel schwebten.

Da wandte sie halb den Kopf herum und sagte: "Ich danke dir. Du hast mich aus einem schönen Traum herbeigeholt. Aber davon will ich jetzt nicht sprechen. Etwas anderes, das dich tief berühren wird, muß ich nun sagen. Ich denke mir, du wirst es verstehen, so schwer es dir fallen mag. Hör bitte zu. Komm aber näher, daß ich deine Augen sehe."

Ich trat, wie sie wünschte, beugte mich über sie herab, ohne ihren vollen Mund zu küssen, wie es mich verlangte.

"Heut´ in der Nacht, als du schliefst, habe ich lange wach gelegen und große Freude empfunden. Ich fragte mich, kam mir wohl je ein Mensch so nahe wie du? Ist mir ein Mann begegnet, dem ich so ganz vertrauen konnte, der so frei zu leben, so innig zu lieben und sicher seinen Weg zu gehen weiß, wie ich es von dir sagen kann? Ach Kurt, ich danke dir von Herzen und werde mich der verflossenen Wochen immer gern erinnern. Und doch (sie schaute mich lange mit ihren unergründlichen Augen an) kann es nicht mehr sein. Was ich dir mitgeben wollte auf deinen ferneren Lebensweg, das habe ich getan. Ich weiß, und das macht mich so froh, du wirst nach mir keine Geringere nehmen können. Dieses Erlebnis hat dich wachsen und reifen lassen... Warum sage ich dir das jetzt in dein jungenhaftes, sehnsüchtiges Herz hinein? Weil ich dir die Liebe zu einem Manne nicht länger verschweigen kann, dem ich im Laufe mehrerer Jahre näher und näher kam und einmal ganz zu erringen hoffe." Sie nannte den Namen eines bedeutenden Arztes, der seine unversöhnliche Gegnerschaft zur Hitlertyrannei mit langen Freiheitsstrafen bezahlen mußte und 6 Jahre in deutschen Konzentrationslagern verbrachte. Den die faschistischen Spitzenfunktionäre immer wieder aus dem Kerker holen mußten, weil er als Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane unersetzlich war.

"Ob ich mein Ziel erreichen werde", so fuhr sie fort, "weiß ich nicht. Trotz der Ungewissheit muß ich mich bereit halten. Es ist mir eine zwingende Verpflichtung. Wirst du das mitfühlen können? Gerade jetzt, wo sich dir zum ersten Mal eine Frau genähert hat? Wie bange ich um deine Antwort. Ich möchte dir nicht weh tun. Könnte ich dich aber im Unklaren lassen und lügen? Das würdest du nicht wollen, so schmerzvoll dir meine Bitte sein mag, unsere Liebesbindung aufzulösen. Nie möchte ich deine Freundschaft verlieren. Sag mir ein Wort dazu, Lieber, ein befreiendes Wort."

Ich zögerte mit der Antwort. Wie sollte ich sie in der Qual jener Stunde geben können. Schwarze Herta stellte eine schwere Forderung, und das, obwohl unsere körperlichen und seelischen Beziehungen nicht die geringsten Trübungen erlitten hatten.

Sie streichelte mein Haar und zog meinen Kopf herab: "Kurt, von keinem anderen möchte ich das verlangen. Du wirst es schaffen. Denk an Herbert, deinen treuen Kameraden. Auch er hat sich überwinden müssen." Da sagte ich zu ihr: "Durch meine persönlichen Wünsche sollst du nicht gehemmt werden. Ich will deine Bitte erfüllen, obwohl sie mich tief erschüttert und noch lange auf mir lasten wird. Du bist älter, kennst das alles was mir jetzt entgegentrat. Ich habe aber viel dabei zu verwinden. Wenn du mir helfen wirst und nachsichtig bist, wird es gehen."

Damit gab ich ihr die Hand, küßte sie und taumelte hinaus. In der Tür rief sie mich zurück, überhäufte mich noch einmal mit Zärtlichkeiten und flüsterte: "Ich kenne dich. Du wirst damit fertig werden."

Dann ging ich schnell in den Wald, weit in die sandige Heide und irrte stundenlang umher. Erst am Nachmittag kam ich wieder heim. Du warst gekommen, kurz nach dem ich fort war, und saßest mit der schwarzen Herta im munteren Geplauder zusammen. Sie hatte dich schon unterrichtet. Ich brauchte nicht mehr viel zu sagen und fügte nur hinzu: "Das eine wie das andere, ihre Zuneigung und Trennung, ist wie ein Fels auf mich herabgestürzt und hätte mich fast erschlagen. Noch immer bin ich wie betäubt und wage die neue Tatsache zu bezweifeln, obwohl sie greifbar nahe vor meinen Augen steht. Das kann ich nicht von heut´ auf morgen glauben und begreifen. Allmählich erst werde ich erkennen, was sich zugetragen hat."

Da lachtest du leise und eindrucksvoll: "Nur Mut, das ist ein Sturz, bei dem man nicht auf den Kopf fallen darf. Was willst du nun tun? Kannst ja mitherüberkommen in meine Klause. Das wird gut sein. Ich habe dir vieles Neue und Schöne im Garten zu zeigen." "Nein", entgegnete ich, "mir ist der Gedanke gekommen, daß ich mein Ränzel schnüren werde und vielleicht morgen schon die Wanderung nach Italien antrete, die ich erst, wie du weißt, im Spätsommer ausführen wollte." Ich war in den verflossenen Jahren wiederholt durch Deutschland und die angrenzenden Länder gezogen. Aber immer allein. Mein Freund nahm nicht daran teil. Er hatte wohl die Sehnsucht danach, verschob es dennoch auf eine spätere Zeit und wollte erst sein käuflich erworbenes Grundstück bezahlen. Ich nahm hingegen nur Pachtland und konnte alle geldlichen Überschüsse, die sich durch irgendwelche Arbeiten ergaben, für große Fahrten verwenden.

"Ja", antwortest du mir damals, "das erleichtert dir sicher viel. Es ist aber jetzt kein günstiger Moment. Du solltest die Wanderung nicht überstürzen und gründlich vorbereiten. Diesmal willst du doch rund zehn Monate fortgehen."

Auch die schwarze Herta stellte sich dagegen. Sie wollte meinen Garten gern verwalten und wohnen bleiben, machte aber denselben Einwand. Schließlich sagte ich zu und sah ein, daß ich mich überhastet hatte. Es waren noch einige dringende Arbeiten zu erledigen und etwas Geld zu verdienen.

Die weiteren Wochen verliefen sehr fröhlich. Wie Geschwister tollten wir im Walde und lebten unser freies Menschentum in Sonne und Sommerschönheit. Zwischen den sandigen Heidehügeln, die hinter der nächsten Schonung lagen, trieben wir Sport und Spiel, pflegten den Langstreckenlauf und gymnastische Übungen mit dem Ziel, unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu steigern. Im Schoße der gütigen Mutter Erde tummelten wir mit unseren braunen, nackten Körpern herum, wie sorglose Kinder. Herrlich war es, daß wir uns vor aller falschen Scham und verlogenen Moral befreit hatten und einer dem anderen vertrauen konnte. Wir fühlten, daß der Mensch erst zum Mensch wird, wenn er seine sinnlichen Kräfte weder unterdrückt noch auslebt, sondern mit Hilfe des Geistes zu guten Freunden macht, deren Stimme er lauscht, die er führt und lenkt, die ihm dienen, ohne daß er ihnen als Herr oder Sklave gegenübertreten müßte. Besonders du, Herbert, hattest darin eine wunderbare Entwicklung genommen. In deiner Gegenwart wurde jeder sauber und natürlich. Man spürte deine körperliche Reinheit und konnte sich ihr nicht entziehen. Wer mit dir zu tun hatte, mußte seine falschen Umgangsformen und Vorstellungen beiseite werfen. Du warst wie die Sonne, tatest allen wohl mit deiner Wärme, den hellen und dunklen, wie den guten und bösen Menschen.

Mir fiel das wesentlich schwerer. Ich habe dich oft bestaunen müssen. Hätte ich ohne deine Hilfe mit den inneren Schwierigkeiten fertig werden können, die durch schwarze Herta entstanden, als sie so plötzlich anderen Sinnes wurde und die Liebesbeziehung abbrach? Ich glaube es nicht. Du hast mir viel geholfen. Dein Beispiel wirkte beruhigend auf mich. Damit ging alles leichter und schneller. Vielleicht wäre es doch zu einem beschämenden Zwischenfall gekommen. Hart genug fiel mir die Trennung in der ersten Zeit. Ich weiß noch gut den kritischen Abend in der Hütte, wo die schwarze Herta mit mir am Feuer saß und jeder seinen Gedanken nachhing, bis die vorgerückte Stunde ans Schlafengehen mahnte. Draußen regnete es tüchtig. In langen Fäden rieselte das Wasser am Fenster herunter und pladderte auf die Bänke, welche sich um das ganze Häuschen herumzogen. Als ich mich zögernd anschickte mein Zelt aufzusuchen, schien es mir, als wollte sie noch etwas sagen. So war es auch. Sie rief mich beim Hinaustreten an und bat: "Bleib doch hier. Geh nicht fort. Die Nacht ist so stürmisch und kalt. Schlaf bei mir (der Raum hatte nur ein Bett), du wirst mich nicht betrüben und still an meiner Seite liegen. Ich vertraue dir, komm, ich bitte dich."

Ich widersprach: "Laß mich gehen. Wenn ich auf meiner Wanderung bin, kann ich Wind und Wetter auch nicht scheuen. In den Bergen, am Meer und in den tiefen Wäldern, überall begleitet mich mein Zelt, warum sollte ich mich heute fürchten?"

"Bleib", warf sie von Neuem ein, "ich kann dich nicht draußen wissen. Du bist noch so oft allein und gehst bald fort." "Nun gut", entgegnete ich ihr und dachte, jetzt kannst du dir selber den Beweis vollkommener Beherrschung geben.

Wir löschten das Licht und begaben uns zur Ruhe. Kein Laut, als die fallenden Tropfen auf dem Dache, störte die Stille im Raum. Schläfrig trommelte der Regen, Stunde um Stunde. Trotzdem schlief ich nicht. Auch schwarze Herta lag wach und unruhig. Mochte auch sie mit den Bedürfnissen des Leibes ringen, mit den instinktiven Kräften der Natur, die mir das Herz bewegten und denen ich mit tausend Gründen der Vernunft zu begegnen suchte.

Im Schatten dieser Nacht vollzog sich ein letzter Kampf. Hin und her kreuzten die Gedanken und strebten dem Lichte zu, während das Blut mit unheimlicher Gewalt durch die Adern preschte und nach Erfüllung rief. Oft glaubte ich am Ende zu sein. Mir war, als müßte ich alle Bedachtsamkeit, alle Einwände des Verstandes beiseite tun und nur noch dem Augenblick leben. Ich warf mich herum oder zuckte gelegentlich wie vom Schlag getroffen.

Es ließ sich nicht verbergen. Die Aufgabe war zu schwer für mich, schon brach ich unter ihrer Wucht zusammen, riß die schwarze Herta an mich und umfing sie leidenschaftlich. Ruhig ließ sie es geschehen. Sie dachte also ebenso wie ich? Ich konnte es mir nicht anders deuten. Doch da kam sie mir ganz nahe und fragte mich ruhig: "Kannst du es nicht? Fällt es dir schwer? Du bist doch stärker als dein Blut und wirst dich bezwingen."

Ich fiel zusammen. Die wenigen Worte gaben mir das Vertauen zu mir selber und meinen guten Vorsätzen zurück. Wie konnte ich beeinflussen oder zwingen wollen? Es dünkte mich eine Sünde, nur daran zu denken.

Bald verebbte der Sturm. Ich legte mich still an ihre ruhig atmende Brust. War es nicht eine Gnade gewesen, der ich mich dankbar erweisen mußte, daß ihr Weg ein Stück mit dem meinen zusammenlief? Fühlte ich mich nicht geborgen und sicher bei ihr? Ich ahnte, daß mir die Begegnung mit der schwarzen Herta nur von Nutzen sein würde und alle inneren Auseinandersetzungen meiner Entwicklung dienten.

Bald schlief ich ein. Die Schönheit unserer verflossenen Liebesbindung schwebte wie ein weißes Wölkchen über der restlichen Nacht und hüllte mich in friedlichen Schlaf. Endlich fand ich Ruhe, tiefe gesammelte Ruhe und wunderte mich fast des Sturmes, der noch vor kurzem in mir tobte und alles umzuwerfen drohte. So lag ich, bis die Sonne hell ins Fenster schien und zum Aufstehen mahnte. Ohne schwarze Herta zu wecken, sprang ich hinaus und sauste durch die engen Waldwege, die noch von Tauperlen glänzten, zu den Hügeln hinauf, um meine Freude weit ins Land zu jubeln. Wie schön war das Leben, wie herrlich ein jeder Tag! Ich rief es empor zum Licht, über die ausgedehnten Kiefernschonungen und schallend in die Felder und Wiesen hinein. Himmel und Erde sollten es hören, sollten wissen wie unermesslich groß ein Menschenherz empfinden konnte.

Dann kehrte ich um, suchte ein Büschel Blumen und Gräser und reichte es der schwarzen Herta als Morgengruß. Sie dankte mit dem Bemerken: "Fast hätte ich mich in dieser Nacht vergessen. Als du eingeschlafen warst, ließ der Regen nach, der Mond kam mit silbernem Lichte hervor und beschien dein lächelndes Gesicht. (Das Häuschen hatte ein Oberlicht und ließ Sonne und Mond hereinschauen.) Still blickte ich dich mit immer stärkerem Verlangen an. Nur schwer gelang es mir, meine wachsende Erregung zu meistern. Nun ist es gut und vorbei. Auch mir sind die verflossenen Stunden nicht leicht geworden."

Etwas später kamst du, um den Tag mit uns zu verbringen. Es war ein Sonntag, schwarze Herta ging nicht ins Büro. Ohne daß wir von der Nacht zu berichten brauchten, sagtest du: "Wie klar es um uns steht. Wie prächtig wir zusammen leben und jeder am Glück des anderen teilnimmt. Ach, würden sich mehr Menschen so begegnen und mit wirklicher Liebe, die keine Forderungen aufstellt, die nichts beansprucht, selbst keine Wiederliebe, beschenken lernen. Dann säh´ es besser um die menschliche Gesellschaft aus. Sie sollte sich weniger Vorschriften und Gesetze machen und nicht so viele Schranken errichten. Ist es denn so schwer zu begreifen, daß der Egoismus die Erde verengt und entwürdigt und jede Gemeinschaft fließende, weitende, lösende Liebe braucht? Seht nur, wie wenige uns verstehen und insgeheim die Köpfe schütteln. Sie sollten sich nicht so viel belügen und etwas freier denken, dann würden sie unsere Freundschaft begreifen und ebenfalls zu sonnigen Menschen werden können."

Danach sprachen wir von Ernale. Sie glaubte, daß es zwischen der schwarzen Herta und mir zu einer festen Verbindung gekommen sei und war über die letzten Veränderungen nicht unterrichtet. Mit scheuen Augen, in denen eine bittere Träne zu glänzen schien, sah sie dem Lauf der Dinge zu, schwieg aber wieder beharrlich und äußerte sich nicht. Wir bemerkten wohl, daß ihr die Ereignisse der letzten Monate nicht gleichgültig waren. Dennoch ließ sie ihren inneren Schmerz nicht fühlen und verwirrte uns mit vielen kleinen Geschenken und Freundlichkeiten. Dabei trat sie selber in den Hintergrund und überraschte uns gewöhnlich mit einem Korb Früchte oder Blumen, die sie zur Hütte brachte, wenn wir im Walde waren. Bei unserer Rückkehr fanden wir häufig diese stillen Grüße aus ihrer Hand.

Was mochte sie nur zu so uneigennützigen Tun bewegen? Schwarze Herta staunte über Ernales selbstlose Liebe, wir aber, du und ich, kannten sie viel zu gut, um nach einer Erklärung zu suchen und wussten wie rein sie in ihrem Denken und Handeln war. Hatten wir es nicht oft erlebt, daß Besucher, die zum ersten Mal mit Ernale in Berührung traten, schon nach wenigen Minuten feststellten: "Was für ein prächtiges Menschenkind!" um dann gewöhnlich kopfschüttelnd hinzufügten: "Wie kam sie nur an diesen Mann?"

Bald nahte der Tag, an dem ich meine Wanderung antreten wollte. Die Vorbereitungen waren auf das Sorgfältigste getroffen, das kleine Spezialzelt hergerichtet und die wenigen, aber bedachtsam gewählten Ausrüstungsgegenstände bereitgestellt. Nun hieß es Abschied nehmen von den Wäldern und Feldern, vom Garten und dem Häuschen, das während meiner Abwesenheit an schwarze Herta überging.

Noch einmal riefen wir alle Freunde zusammen. Mit Spiel und Gesang ging es zu den Hügeln hinauf. Die Jüngeren maßen ihre Kräfte in sportlichem Wettkampf und die Älteren bildeten kleine Zirkel, in denen politische und weltanschauliche Fragen besprochen wurden. Danach versammelten wir uns zum Liederkreis und ließen Geige und Gitarre klingen und singen.

Viel zu schnell kam der Abend, die Stunden verrannen wie im Fluge. Mit guten Ermahnungen und Wünschen überschüttet, nahm ich Abschied und geleitete alle hinaus. Zuletzt reichte ich dir, Herbert, die Hand. Dabei kam es noch zu einer lustigen Szene.

Ich wies auf schwarze Herta und bemerkte: "Wenn ich nun das Feld räume, so sind dir alle Möglichkeiten gegeben. Du weißt, daß sie mich etwas plötzlich und überraschend verabschiedet hat, nun steht dir die Aufgabe bevor, es besser zu machen."

Lächelnd quittiertest du den Spaß: " Ich will dir häufig Nachricht geben, wie nahe wir uns gekommen sind, und hoffe, daß ich dich zufrieden stellen kann und als Freund keine Schande mache."

Noch eine Nacht. Im Aufbruch des neuen Tages zog ich davon. Absichtlich wählte ich den Weg an der höchsten Kiefer vorbei, um sie zu ersteigen und von ihrer Spitze noch einmal das geliebte Land zu grüßen. Wie weit sich die Felder dehnten, wie still die mächtigen Wälder standen, wie rot die Sonne leuchtete.

Doch ich riß mich los. Das neue große Ziel erforderte einen ganzen Menschen, der vorwärts schaute und nur seiner Aufgabe lebte.

Häufig erhielt ich unterwegs Nachricht von dir, Briefe, die du postlagernd an vorher vereinbarte Orte schicktest, aus denen ich entnehmen konnte, daß du oft tagelang mit der schwarzen Herta zusammen warst. Auch sie schrieb mir wiederholt. Ich sah, daß es euch gut ging und ihr in brüderlich-schwesterlichem Verhältnis zueinander standet. Von euren Grüßen und guten Wünschen geleitet, wanderte ich quer durch Brandenburg und Sachsen bis ins Sudetenland hinein.

Dort kam der furchtbare Schlag. Die Kriegsfurie tobte los und öffnete ihr rotes Maul, um die blühende fruchtbeladene Erde zu verschlingen. Die Waffen klirrten. Kanonen und Panzer rollten. Bombenflugzeuge trugen ihre tödliche Last zu den befohlenen Abwurfsstellen.

Nie werde ich diese Tage vergessen können, mit den verweinten Frauen und Kindern - denen man über Nacht die Männer nahm, um sie auf schnell herbeigeholten Lastkraftwagen in die Kasernen zu verfrachten - die hilflos auf Straßen und Plätzen standen und nicht wussten, was sie zu den politischen Ereignissen sagen sollten, aber die Größe des kommenden Unglücks ahnten.

Auch mich betraf es schwer. Ich wußte, daß unser Leben nicht mehr wie bisher verlaufen konnte und war verzweifelt und niedergeschlagen.

Dennoch durchquerte ich den herrlichen Kaiserwald und die Böhmischen Bäder. Aber es wollte mir keine Freude mehr machen. In der Oberpfalz erreichte mich dann die Nachricht von deiner Einberufung. Als ich sie las, stürzten mir die Tränen in die Augen. Ich hätte der ganzen Welt entgegenschreien mögen, daß sie wahnsinnig sei und jene Menschen, die noch eine friedfertige Seele hatten, aus dem Spiele lassen sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß man dich mit in den blutigen Wirbel des Krieges hineinziehe, daß du daran teilnehmen müßtest, wo dir Haß und Gewalt, alles Gemeine absurd und unmenschlich erschien. Und doch standen die wenigen Worte "Herbert gestern eingezogen" auf dem Papier.

Ich ließ die hochgespannten Pläne fahren. Die schönste Wanderung hatte mir nichts mehr zu sagen. Die Seen und Berge wurden trist und schal. Es gab keinen Flecken auf der großen Erde, über den nicht die Schatten des kommenden Leides fielen. Ein Wunsch beseelte mich nur in jenen Tagen, mit dir zu sprechen, dich noch einmal zu sehen und zu hören.

In Eilmärschen ging ich zurück und marschierte auch nachts, um keine Stunde zu verlieren. Dabei passierte ich ein Dorf, das mir den Würger Krieg in seiner ganzen Hässlichkeit vor Augen führte. Ich sah durch die schwach beleuchteten Fenster einer Bauernstube, etwa um Mitternacht, vor dem Mutter-Gottes-Bild ein junges Weib am Boden knien und herzzerreißend schluchzen. Als ich nahe beitrat, um den Grund des Schmerzes zu erfahren, hörte ich, daß sie ihren erst vor wenigen Tagen angetrauten Mann beweinte, den ihr der Kriegspolyp entrissen hatte. Ihre Klage war kein Schrei, keine Empörung, weder Wut noch Verbitterung, sondern jenes hilflose Weh, das Menschen befällt, die sich selber in ihrem Kummer vergessen, und von ihrer Not wie vom Blitz getroffen werden. Ihr Barmen und Stöhnen war so taub und trocken, wie das Echo des Windes, der ein hohles Gewölbe durchfährt. Sie litt an ihrem Leid tiefer als mancher weltliche Herrscher an dem Verlust seiner Krone.

Nach mehreren Tagen erreichte ich einen Eisenbahnknotenpunkt. Dort beschloß ich die achtwöchige, an Erlebnissen reiche Wanderung und fuhr zurück.

Als ich den Zug nach zwölfstündiger Fahrt in Berlin verließ, konnte ich noch mit der Vorortbahn bis Bernau fahren und meine Siedlung in der selben Nacht erreichen. In wilder Hast lief ich die letzten fünf Kilometer durch den schweigenden Wald. Was würde ich nun erfahren? Wo fand ich meinen Freund?

Hell schien der Mond. Doch ich hätte die vertrauten Wege auch ohne seine Hilfe gefunden. Er ließ mich aber noch schnelleren Schrittes eilen. Nur einmal, auf den Hügeln blieb ich stehen, unter den knorrigen Kiefern, wo wir so oft in übermütiger Lust beisammen gewesen waren. Vorbei! Zertrümmert! Vernichtet und zerstört!

Eine Weile stand ich still. Hier hatten wir gespielt, dort gesonnt, etwas weiter im Schatten einer Birke mit den Freunden geplaudert. Jedes Fleckchen lebte auf. Trotzdem mir in der Fremde soviel begegnet war, ließ die Erinnerung nicht das geringste vermissen. Wie hatten wir getollt und gescherzt, der Freiheit uns erfreut!

Nun riß man mir den besten Gefährten hinweg und sagte, er müsse fürs Vaterland kämpfen. Bot die Erde nicht Raum für alle? Gab sie nicht Nahrung und Wohnung genug? Mußten unschuldige Menschen sterben, um einer handvoll Parasiten die gierigen Bäuche mit Gold zu füllen? Waren die großen sozialen Gegensätze innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die ich am deutlichsten auf den Wanderungen kennen lernte, nicht Schuld an dem Krieg, den man wieder mit dem nationalen Mäntelchen behängte, damit dem Volke der Götze Geld verborgen blieb?

Mich packte der Ekel. Die Saat des Teufels war gut gelungen und schickte sich an, den Acker der Menschheit zu verseuchen. Gäbe es doch mehr Streiter für Freiheit, Recht und Frieden!

Darauf schritt ich langsam zu meinem Häuschen herunter, trat durch das offene, von wildem Wein umrankte Gartentor, ging die Brombeerhecke entlang, freute mich an ihrem kräftigen Wuchs, der auch im Mondlicht zu erkennen war, und stand wieder vor der Hütte. Wie sie so still dahinträumte, von erhabener Ruhe umgeben, einfach, schlicht und schön.

Plötzlich blickte ich betroffen auf und sah, daß die herumlaufenden Bänke abgerissen und auch die Fensterläden entfernt waren und allenthalben Unordnung herrschte. Auch die Tür stand ausgehoben an der Hauswand neben einigen Rollen Rohrgeflecht und anderem Baumaterial.

Sonderbar! Was mochte geschehen sein? Ich konnte mir keine Erklärung geben. Wie würde es wohl im Innern des Raumes aussehen? Leise trat ich ein und schaute mich um. War es möglich? Schwarze Herta lag auf dem Lager und schlief. Wieder schien der Mondenschein wie damals in der entscheidenden Nacht durch das Oberlicht und ließ mich alles gut erkennen. Ich überlegte, ob sie mit meiner Rückkehr rechnete? Sicher würde sie sich erschrecken. Schon wollte ich fortgehen, als sie die Augen öffnete: "Herbert?" Eine Weile zögerte ich mit der Antwort. Mir lag das Licht im Rücken, sie konnte mich nicht erkennen: "Nein, Kurt." Überrascht streckte sie die Arme aus: "Du?" "Ja, wo ist er?" "Fort. Aber nicht weit. Man kann ihn noch sprechen. Morgen früh mußt du hinfahren, er liegt in Spandau bei Berlin."

Ich begrüßte sie nun. "Denke dir", so berichtete schwarze Herta, "wir wollen mit Hilfe mehrerer Freunde den schadhaften Außenputz des Hauses erneuern, und waren gerade bei der Arbeit, als der Gestellungsbefehl für Herbert kam. Nun blieb alles unvollendet liegen. Du wirst dich erschrocken haben, als dein Häuschen dich so begrüßte."

"Das ist nicht wichtig. Wie denkst du über den Krieg?" "Es wird doch noch zu einem guten Ende führen. Dieses Gefühl beherrscht mich ganz. Ich bin nicht sehr beunruhigt." "Ein Krieg", entgegnete ich scharf, "führt nie zu einem guten Ende, immer nur in Unglück, in Not und Tod, Mord und Blut. Was hast du noch für eine Hoffnung? Jetzt, wo Granaten krepieren und Menschenleiber zerfetzten. Wo Millionen zugrunde gehen und wie schlachtreifes Vieh verenden?"

Sie stand erregt auf und verließ die Hütte mit dem Bemerken: "Leg dich nur schlafen. Du bist überanstrengt. Ich komme erst gegen Morgen zurück."

Todmüde warf ich mich unausgekleidet aufs Lager und schlief bis zum nächsten Mittag. Gegen Morgen, so war es mir noch im Gedächtnis geblieben, kam schwarze Herta von ihrem nächtlichen Spaziergang zurück, und ging ins Büro, ohne daß wir noch gesprochen hatten. Ich lag mit bleischweren Gliedern und konnte mich, von den Gewaltmärschen ermattet, nicht bewegen. Ich sah sie wohl am Herd hantieren, war aber zu erschöpft, um mit ihr zu sprechen.

Am Nachmittag fuhr ich zu dir, konnte die Kaserne aber nicht betreten. Ein Wachposten stand vor dem vergitterten Eingang und wehrte die Besucher ab. Viele Frauen wollten gleich mir ihre Männer oder Angehörigen noch einmal sprechen, und baten den Soldaten mit weinenden Augen um Genehmigung. "Ach was", antwortete er roh, "ob ihr ihn noch mal seht oder nicht. Im Stillen freut ihr euch alle und könnt jetzt ungestört mit einem anderen flanieren."

"Wir aber auch", entgegneten lachend ein paar Kameraden von ihm, die hinter dem Gitter in einer Gruppe zusammenstanden.

"Ja", dachte ich, "so geht es, das ist der Krieg. Wohin sollte er sonst führen?"

Ich blieb bis gegen 10 Uhr abends und wartete. Erst kurz vor dem Zapfenstreich holte man dich ans Tor. Groß und ruhig kamst du geschritten. Aber dein Auge schaute mich bekümmert an. Stumm reichte ich dir die Hand. Was sollte ich auch sagen? Ich fühlte die furchtbare Qual, die dich innerlich verzehrte, und wusste, daß es dafür keine Worte gab. So verrann die Zeit, bis das erste Signal zur Nachtruhe gegeben wurde. Da löste sich deine Zunge. Du sprachst aber nicht von dir und dem Soldatendaseinmüssen, von der seelischen Not, die dich bedrückte, denn die Erinnerung an die früher verbrachte aktive Dienstzeit beim Kommiß war noch nicht verblasst - sondern nur von dem Zusammensein mit der schwarzen Herta und vor allem von Ernale.

"Grüß mir das Mädel herzlichst", fügtest du am Schluß hinzu, "ich habe wieder Hoffnung, daß sie gänzlich zu uns finden wird. Diese Freude begleitet mich in die dunkle Zukunft. Denk an sie, noch hat man dich nicht geholt. Hilf ihr, wo du nur kannst. Als ich ging, sagte sie mir, sie würde mir jeden Wunsch erfüllen, um meine Militärzeit leichter zur machen. Ich antwortete ihr, sie wüßte, was ich wünsche, daran sollte sie unermüdlich arbeiten." "Von hier will ich nicht sprechen, es lohnt sich nicht", riefst du mir noch zu, als der Posten kam und uns trennte. Deine festen Schritte verhallten über den Hof. Das Eisen klirrte, der Riegel schnappte...

Der Krieg mit Polen war bald beendet. Du mußtest noch ins Feld, aber nicht mehr an den direkten Kampfhandlungen teilnehmen, und bliebst nur zur Besetzung dort. Schon im November sahen wir uns wieder, als du 14 Tage Urlaub erhieltest und uns mit deinem Besuch überraschen konntest. Inzwischen hatte sich vieles geändert. Der Weg zu Ernale war frei geworden. Nun konnte ich dir erzählen, wovon ich brieflich nur andeutungsweise gesprochen hatte. Endlich nahm Ernale meine Hilfe an und öffnete eines Abends ihr Herz, um von der Zerrüttung ihrer Ehe zu berichten. Ganz schnell geschah es, in einem Augenblick als die Demütigungen ihres Mannes den Höhepunkt erreichten.

Meinem Bericht darüber kamst du mit den Worten entgegen: "Kurt, wenn du noch immer gezögert hättest, wäre ich jetzt dazwischen getreten. Meine Geduld ist am Ende. Länger konnte ich dem traurigen Spiel nicht zusehen. Nun hast du die Arbeit vorweggenommen und ich bin sehr froh darüber. Daß sie dir gehören wird, werde ich überwinden lernen. Entscheidend ist doch ihre Rettung. Jetzt wird sie wieder Hoffnung und Zuversicht gewinnen und zum Leben zurückkehren."

In freudiger Erregung umschlang ich damals deinen Kopf und sah dir in die treuen Augen: "Herbert, liebster Freund, als ich zu ihr ging, beseelte mich nur der Gedanke der Hilfe. Bald wird sie frei, darüber gibt es keinen Zweifel mehr. Doch werde ich sie nicht beeinflussen wollen, sie mag sich selber entschließen, ob sie einem von uns ihre Liebe schenken will."

Kurt Kretschmann
Fortsetzung im nächsten Heft

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