Wir machen eine Kinderschule...

unter diesem Motto warb vor ca.2 1/2 jahre der Verein Freie Schule Prenzlau e.V. für die Eröffnung seiner Filiale in Templin. Inzwischen ist die "Aktive Naturschule mit Montessori-Orientierung in ihr drittes Schuljahr gegangen, und auch unser Sohn Felix hat seit dem 28. August als "Matrose" auf dem "Schulschiff" angeheuert.

Obwohl wir als Interessenten schon von Anfang an mitarbeiten und auch- zumindest theoretisch- von der Montessori-Pädagogik einiges wissen, waren wir doch gespannt auf den Einführungskurs, der allen neuen Eltern einen Sonnabend lang angeboten wurde.

Wie funktioniert eine Schule , in der jedes Kind machen kann "was es will"? Das ist wohl die zentrale Frage, die uns Eltern ganz besonders bewegt. Dabei geht es uns nicht nur um das täglicheZusammenleben mit unseren Kindern. Es geht dabei z.B. auch um die Skepsis, die uns von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten entgegengehalten wird, die wissen,dass unser Sohn eine "Freie Schule " besucht. Lernt er denn da überhaupt etwas? Da schafft er doch bestimmt nie den Übergang ins Gymnasium! Wie soll er sich denn später mal in dieser Gesellschaft zurecht finden? Dieses oder Ähnliches haben wir schon oft zu hören bekommen.

Nun saßen wir also an einem Samstag in lockerer Runde gemeinsam mit anderen Eltern, um uns unter Anleitung von Christina und Johanna einzustimmen. Dazu waren in unserer Mitte die verschiedensten Musik- und Rhythmusinstrumente angeordnet. Jeder durfte sich eines auswählen, es seiner Gefühlslage entsprechend anstimmen, und sich dann den anderen vorstellen und mitteilen, mit welchen Erwartungen er zu dieser Veranstaltung gekommen ist.

Anschließend machten wir einen Rundgang durch das "Schulschiff". Dabei freute ich mich einmal menr darüber, welche Fortschritte es gerade zu diesem Schuljahr bei der Gestaltung der Schule gegeben hat Alle- Kinder, Eltern und BegleiterInnen- hatten mit Hand angelegt, und das Ergebnis ist wirklich sehenswert:

Da gibt es zunächst das Navigationszentrum. Hier finden die Kinder vielseitige Materialien für den Bereich der Mathematik. Nebenan befindet sich die Schiffsbibliothek mit einer großen Auswahl an Büchern, Arbeitsmitteln und Spielen für Deutsch und Fremdsprachen. Hier können es sich die Kinder z.B. in einer Leseecke mit dicken weichen Sitzkissen gemütlich machen und schmökern. Im Salon gegenüber gibt es nur einen bequemen Teppichboden, verschiedene Matratzen, Rollen und Bälle: es darf getobt werden. An den Salon schließt sich die Werkstatt an, z.Zt. der bevorzugte Aufenthaltsort unseres Sohnes. Hier kann er nach Herzenslust hämmern, feilen, sägen, kneten, basteln oder sonst gestalten. Im Moment arbeitet z.B. eine Gruppe von Kindern daran, die noch fehlenden Kacheln für die Küche herzustellen. Nun fehlt noch der Raum der Stille, der verschiedene Musik- und Klanginstrumente beinhaltet und jedem die Möglichkeit zum Rückzug bietet.

Neu in diesem Jahr ist der Experimentierraum für den naturwissenschaftlichen Bereich. Mit Begeisterung mischen die Kinder hier die unterschiedlichsten Substanzen zusammen und beobachten, was passiert. Es kann auch ein elektrischer Schaltkreis gebaut oder mikroskopiert werden. Es gibt Materialien und Spiele, um sich geografisches Wissen anzueignen.

Die neuen Eltern haben zu diesem Schuljahr den Speise- und Mehrzweckraum gestaltet, in dessen Küchenteil auch die Kinder aktiv werden können.

Schließlich haben die Kinder auf dem Freigelände die Möglichkeit, sich an schönen selbst gebauten Spielgeräten zu tummeln.

Von dem Rundgang konnte jede/r ein Montessori-Material mitbringen, dass sie/er für besonders interessant hielt und den anderen vorführen wollte. Oder es konnte eines sein, bei dem es Verständnisschwierigkeiten gab. Dieser sehr praktische Teil wurde fortgesetzt mit verschiedenen Angeboten zur Einführung in die Materialien: Satzstern zum Erlernen grammatikalischer Satzsrukturen, Multiplikations- bzw Divisionsbrett, Fühlbuchstaben und Sandkiste zum Lernen der Schreibschrift, Blumentopf und Perlenstränge zum "Begreifen" des Vorgangs beim Wurzel ziehen in der Mathematik. Ich kann nicht alle aufzählen und habe auch vieles gar nicht ausprobiert. Aber so manches AHA-Erlebnis stellte sich auch bei mir ein.

Am Nachmittag erfuhren wir etwas über das Leben und Wirken von Maria Montessori und ihre pädagogischen Grundsätze. Das Entscheidende, so hörten wir einmal mehr, ist die vorbereitete Umgebung, eine Umwelt, die so gestaltet ist, "dass das Kind tätig und in Freiheit in einer zweckmäßig geordneten, ihm angepassten Atmosphäre Erfahrung zu sammeln und zu lernen vermag."

Eine solche Umgebung zu schaffen ist eine täglich aktuelle Herausforderung für uns Erwachsene.

Ingrid Stern



zuletzt aktualisiert am 07.10.1999   -   © ÖKOSTADT e. V. ÖKOSTADT-Nachrichten