Demonstrative Fahrradtour Berlin - Lychen - Berlin 1999

Autofrei auf dem Grenzstreifen (Pankow/Reinickendorf)

Am 13. Mai war es soweit: die Premiere für die demonstrative Fahrradtour Berlin-Lychen-Berlin, um gemeinsam für einen komfortablen Fahrradfernwanderweg zwischen Berlin und Lychen und für die 50-Seen-Bahn Berlin - Fürstenberg - Lychen - Templin zu demonstrieren. An die zwanzig Personen hatten im Laufe der zwei vorangehenden Wochen ihr Interesse angemeldet, an der Tour teilzunehmen. Doch nun war der Himmel grau in grau, und an den Tagen zuvor hatte es immer wieder geschüttet. So hatte es allein am Vortag sechs Absagen gegeben. Doch nun war es soweit, der Anhänger gepackt, meine fünfjährige Tochter Rosa saß voller Erwartung vorn auf dem Kindersitz meines Tourenrades. "Wann geht's nun endlich los?" So rollten wir nun die Schönhauser Allee hinab zum Alex, wo an der Weltzeituhr um fünf vor zehn ganze sechs Leute warteten. Punkt zehn Uhr waren wir acht, und dabei blieb es auch bis zu unserer Abfahrt viertel nach zehn. Einer der wartetenden Polizisten fragte uns, ob wir mit oder ohne Polizeibegleitung fahren wollten. Wir entschieden uns für die Begleitung bis zum Grenzweg in Rosenthal, um gemeinsam über die Kreuzungen fahren zu dürfen und als geschlossene Gruppe unbehelligt von Autofahrern den vollen Fahrstreifen zu nutzen. Als wir auf den Grenzweg kamen und einige wenige Kilometer bis Schildow komfortabel und ungestört von Autos fahren konnten, waren wir bereits neun. Nach anderthalb Stunden erreichten wir den S-Bahnhof Mühlenbeck-Mönchmühle, wo noch weitere 3 RadlerInnen auf uns warteten.

Die Übersichtlichkeit der Gruppe bewirkte ein recht schnelles Kennenlernen und - manchmal nach längerer Diskussion - die Möglichkeit, auf einzelne Wünsche Rücksicht nehmen zu können. Wir waren alle tourenerfahren und einigten uns schnell auf ein recht zügiges Tempo, so dass wir voll auf unsere Kosten kamen. Rosa machte alles wunderbar mit und saß angesichts der kühleren Temperaturen viel im Anhänger. Sie aß eine erstaunliche Menge und schlief auch viel, so dass sie an den Übernachtungsorten immer herrlich ausgeschlafen war. Insgesamt fuhren wir am ersten Tag vom Alex 75 km. Eine Bade- und Essenspause hatten wir am Stolzenhagener See.

Die Strecke an sich war unterschiedlich zu genießen. Da hatten wir - insbesondere im Nahbereich zu Berlin - stark befahrene Bundesstraßenabschnitte wie auf der B109 bei Basdorf, aber auch asphaltierte Straßen mit wenig Autoverkehr, wobei der Straßenabschnitt zwischen Hammer und Schluft über Liebental ganz besonders schön ist und durchaus kurzfristig als Rad-Wanderroute ausgeschildert werden sollte. Schließlich hatten wir auch Kopfsteinpflaster, das härteste zwischen Schluft und Kurtschlag. Richtig kritisch war lediglich der Abschnitt zwischen Grunewald und Vietmannsdorf, der über ehemaliges Truppenübungsgelände führt. Hier mussten wir wirklich abschnittsweise unsere Räder durch den Sand schieben. Gerade auch hier müsste etwas für einen befestigten Radweg passieren, da dies ein Lückenschluss in einem Netz relativ wenig befahrener Straßen wäre.

Der Demeter-Hof Staudenmüller

Staudenmüller / Vietmannsdorf (Straßenansicht)

Unsere erste Übernachtung hatten wir bei Staudenmüller in Vietmannsdorf, wo wir sehr freundlich empfangen wurden. Staudenmüller, das steht eigentlich für Ortrun Staude und Martin Müller, die seit 1988 in der alten Mühle am Vietmannsdorfer Graben wohnen und auf 22 ha eine biologisch-dynamische Gärtnerei betreiben. "Wir suchten zwischen Binz und Hildburghausen", so Martin Müller, "bis wir hier in Vietmannsdorf fündig wurden. Die alte Müllerswitwe haben wir damals mitgekauft." Inzwischen nicht mehr mit der Müllerswitwe, dafür aber mit ihren drei Töchtern und ihrem Sohn bewohnen sie das Fachwerkhaus, das sie in mühevoller Kleinarbeit restauriert haben. Und das bedeutete angesichts des damals traurigen baulichen Zustands, das Dach und große Teile des Fachwerks neu zu bauen. Inzwischen ist außerdem ein Neubau in traditioneller Bauweise (Fachwerk/Lehm) entstanden, der Denkmalschützer schon in Erstaunen versetzt haben soll.

Angebaut wird auf dem Hof Gemüse nach Demeter-Richtlinien, z. T. in Gewächshäusern. Dabei kommen auch Ackerpferde zum Einsatz. "Das geht auf unseren kleinen Flächen, gerade in den Glashäusern, sogar schneller als mit einem Traktor, der mühsam gewendet werden muss," sagt Martin. Und es wird kein Boden (Fahrspuren) verdichtet, so dass mehr Fläche nutzbar ist. Statt Diesel riecht man den Boden, über dessen Zustand man so viel mehr mitbekommt. Die Pflüge hat Staudenmüller übrigens zum Teil aus den USA bezogen von Amisch- Gemeinden, die motorisierte Fahrzege ablehnen. Ganz so weit geht Staudenmüller nun doch nicht; zwei - offene - Schlepper stehen auch bereit.

Die Kühe bei Staudenmüller werden ausschließlich für den Eigenbedarf gehalten. Quark und Jogurt konnten wir zum Abendbrot und Frühstück probieren. Der Mist der Tiere geht vollständig in die Kompostierung. "Inzwischen sind wir so weit, dass wir nach einem halben Jahr mit einer Kompostmiete beste Komposterde gewonnen haben." Dabei ist ein ausgewogenes Verhältnis von Mist, Zweigen, Stroh und anderen Pflanzenabfällen notwendig. Die Temperaturen können dabei nämlich so stark steigen, dass wiederum Leben abgetötet wird.

Auf dem Hof gibt es ein Kommen und Gehen. Freaks und AnthroposophInnen geben sich hier die Klinke in die Hand. So war auch unser Besuch nichts Ungewöhnliches, und wir schliefen mit unseren Schlafsäcken im Neubau in frisch gedielten Zimmern. Am nächsten Morgen halfen wir beim Brennholztransport mit, so dass wir noch bis zum Mittagessen blieben.

Staudenmüller / Vietmannsdorf (Hofansicht)

Die zweite Etappe betrug lediglich gut 30 km, die wir angesichts des wechselhaften Wetters zügig auf asphaltierten Straßen über Templin nach Lychen fuhren, wo wir gegen 16 Uhr ankamen. Klaus-Peter wartete bereits mit einem Gemüseeintopf und einer leckeren Gerstengrütze auf uns. Nach dem Essen gab es noch für alle Gäste die Möglichkeit, das ÖKOSTADT-Projektzentrum ausführlich kennenzulernen und einen Spaziergang zum Siedlungsprojekt in Hohenlychen zu machen. Und wir bekamen sogar noch eine Berliner Radlerin als Zuwachs dazu. Auf Grund unserer begrenzten Zahl schliefen wir alle bei ÖKOSTADT in der Vogelgesangstraße 4.

Wir verlassen die Stadt Lychen

Am Sonnabend ging's nach einem guten Frühstück weiter bei bedecktem Himmel und niedrigen Temperaturen, aber immerhin regenfrei Richtung Tornow, bis wohin uns auch Klaus-Peter begleitete. In Tornow beteibt der Verein Ökowerk ein Schloss als Tagungszentrum. Eine Besichtigung war jedoch leider nicht möglich, da das Schloss an eine geschlossene Gesellschaft vermietet war und die Schlossherren auch nicht anwesend waren. Dafür konnten wir eine Fotoausstellung in der unmittelbar benachbarten Kirche besuchen. Schließlich fuhren wir über Zehdenick weiter nach Neuholland, wo wir in einer ehemaligen Schule übernachteten. Dort zeigte uns der Bürgermeister am nächsten Morgen noch ein paar ausgestellte Baumstümpfe aus der Umgebung, die von Bibern abgenagt worden waren.

Neu-Holland, Biber-Baumstümpfe

Am Sonntag hatten wir strahlenden Sonnenschein und nur noch wenige Kilometer vor uns. Den Oder-Havel-Kanal überquerten wir bei Friedrichstal mit einer Personenfähre, die für uns zweimal fahren musste, und erreichten kurz darauf den Bauernmarkt in Schmachtenhagen. Wir machten noch einem Abstecher zum Baden am Stolzenhagener See, so dass unser letzter Reiseabschnitt teilweise derselbe (nur umgekehrt) wie am Anfang der Reise war. In Berlin saßen wir dann noch lange bei einem Festmahl mit Speisen vom Schmachtenhagener Bauernmarkt und beschlossen, diese Demonstration auf jeden Fall im nächsten Jahr zu wiederholen.

Philip Jacobs

Nächste Demonstrative Radtour Berlin-Lychen-Berlin: Himmelfahrt 2000, 1. bis 4. Juni.
Wer hat Lust, bei der Vorbereitung mitzumachen?
Bitte E-mail an Philip Jacobs.


Demeter-Hof Staudenmüller (alte Wassermühle)
Ortrun Staude und Martin Müller
Templiner Str. 1
17268 Vietmannsdorf
Tel. (03 98 82) 2 63
Fax (03 98 82) 4 91 11

Jeden Mittwoch Vormittag Stand beim Wochenmarkt am Karl-August-Platz in 10625 Berlin-Charlottenburg


zuletzt aktualisiert am 30.06.2000   -   © ÖKOSTADT e. V. Aktuelles/Termine