Hans Waltrich, einer der ehrenamtlichen Stadthistoriker von Lychen, beschäftigt sich seit langem mit dem
"heißem" Thema Hohenlychen und hat darüber bereits viele Einzelbeiträge verfaßt. Jetzt liegt, unseres Wissens
zum ersten Mal, eine etwas längere, zusammenhängende Darstellung vor, die wir mit seiner freundlichen
Zustimmung allen Interessierten zugänglich machen.
Vielen LychenerInnen - Waltrichs gehören zu ihnen - liegt, genau wie uns ÖkostädterInnen, die Beschäftigung mit der
Geschichte Hohenlychens ebenso am Herzen, wie die Wiederbelebung dieses Stadtteils in einer Form, die die
Menschen und ganz Lychen fördert, vorhandene Denkmale würdigt und benutzt und auf neue Weise mit der
Natur harmoniert.
Obwohl oder gerade weil vieles in der Geschichte der Heilanstalten in Hohenlychen noch im dunkeln liegt, sollte begonnen werden, einiges aufzuhellen. Das wird schwierig, denn es fehlt an schriftlichen Quellen und Dokumenten, besonders nach 1933; das ist verständlich, denn, als man daranging, Ende April 1945 das Lazarett zu räumen, hat man sicherlich Besseres zu tun gehabt, als den Schriftverkehr zu retten. Die Nachfolger, Sanitätseinheiten der Roten Armee, haben ihn vielals "unnützen Kram" zum Fenster hinausgeworfen.
Für die erste Zeit ist genügend Material vorhanden, denn 1927 erschien in Berlin im renommierten Verlag Julius Springer eine "Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Heilanstalten und Berufsschulen Hohenlychen", herausgegeben vom damaligen Ärztlichen Direktor, Sanitätsrat Dr. A. Koch.
Aus dieser Abhandlung geht hervor, daß sich das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, gegründet 1895 in Berlin, noch im gleichen Jahr den "Volksheilstättenverein vom Roten Kreuz" schuf, dessen Zweckbestimmung war, "mustergültige Einrichtungen für den Kampf gegen die Tuberkulose zu schaffen". Zu den verschiedenartigen Schöpfungen gehören auch die Heilanstalten und Einrichtungen, die seit dem Jahre 1902 in Hohenlychen entstanden sind. Sie sollten vor allem der Fürsorge für Kinder und Frauen dienen.
Galt früher das Schlagwort "Schwindsucht ist unabwendbarer Tod", brach sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Erkenntnis Bahn, "die Lungenschwindsucht ist heilbar". War man anfangs der Meinung, nur der Aufenthalt in bevorzugten Gegenden (Hochgebirge der Schweiz, Mittelmeerraum) könnte den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, konnten Ärzte nachweisen, daß das auch in der Tiefebene der Fall sein kann, sobald man die Heilkräfte der Umwelt entnahm: Sonnenlicht, die Luft der Wälder, angemessene Ernährung und Bewegung.
Es war ein Lychener, der Geheimrat Prof. Dr. Gottthold Pannwitz, Sohn eines hiesigen Lehrers, der erkannte, daß unsere Gegend dafür hervorragende Bedingungen bot. An den Ufern des Zenssees in Hohenlychen wurde 1902 die erste Abteilung in drei vom Zentralkomitee vom Roten Kreuz geliehenen Döckerschen Baracken eingerichtet, die nach der Tochter des Kaisers benannte "Viktoria-Luise-Kinderheilstätte". Sie wurde mit etwa 25 tuberkulösen Kindern belegt; es sollte an ihnen die Wirkung des Klimas der märkischen Tiefebene erprobt werden. Wie erfolgreich diese Heilmethode war, geht schon daraus hervor, daß aus den anfänglich 25 kleinen Patienten zum 25-jährigen Bestehen der Heilanstalten mitgeteilt werden konnte, daß sich zu diesem Zeitpunkt ihre Zahl in großen, modernen, massiv errichteten Gebäuden auf 330 erhöht hatte (betreut von 250 Personen in Pflege und Verwaltung). Einer derjenigen, die diese Anstalten besonders unterstützten, war Kommerzienrat Cohrs ("Cohrsstift") aus Berlin. Die erste Abteilung erhielt die Nummer V, da sie als fünfte des Volksheilstättenvereins vom Roten Kreuz geführt wurde.
1903 erfolgt der Neubau der Abteilung V, die Viktoria-Luise-Kinderheilstätte, sowie der Abteilung VI, Ländliche Kolonie, in der die Geheilten mit Garten- und Feldarbeit beschäftigt wurden.
1904 Errichtung der Anstalts- (Helenen-) Kapelle (gestiftet von Prof. Venn). Ebenfalls zuerst in Döckerschen Baracken entsteht die Abteilung VII (Knochen- und Gelenktuberkulose), die nach der damaligen Kronprinzessin "Cecilienheim" benannt wurde (späterer Leiter war der weltberühmte Chirurg Prof. Dr. August Bier).
1905 Bau des Wohnhauses für den Chefarzt
1906 Neubau der Abteilung VII - Cecilienheim und der Augusta-Helferinnen- Schule (spätere Abteilung VIIb)
1907 Bau eines Wohnhauses für den Ärztlichen Direktor und Bau einer Badeanstalt (am Zens)
1908 Neubau eines Kinderferienheimes, der sogenannten Ferienkolonie (Abt. XII, später Märkisches Kindererholungsheim "Waldfrieden" für ganzjährige Aufnahme erholungsbedürftiger Kinder); Neubau des Wasserwerkes
1912 Neubau der Abt. XIV - Auguste-Viktoria-Sanatorium (für weibliche Lungenkranke des Mittelstands), Anbau eines Ost- und eines Westflügels sowie Verbindung der drei Gebäude, Neubau eines Verwaltungsgebäudes in der Cecilienstraße und Neubau des Marthahauses
1913 Neubau des Wernerkrankenhauses (allgemeines Krankenhaus, benannt nach dem damaligen Vorsitzenden des Heilstättenvereins Obergeneralarzt Dr. Werner).
In den Jahren 1914 bis 1925 wurden eine Reihe von Erweiterungsbauten der genannten Gebäude ausgeführt und eine Anzahl Wirtschafts- und Nebengebäude neu errichtet; mehr zu bauen verhinderte der Erste Weltkrieg und die dann folgende Inflation.
1926 folgte der Anbau an die Abt. VIIa.
Die ersten Jahren nach der Gründung des Heilstättenvereins waren zwar schwierig (Krieg und Inflation), aber trotzdem sehr erfolgreich. Lag die Anzahl der an Tuberkulose Gestorbenen auf je 10.000 Einwohner 1893 noch bei 26,1, so sank sie, auch dank der Arbeit in Hohenlychen, bis 1925 auf 10,7. Das führte dazu, daß die Heilanstalten in der Öffentlichkeit immer anerkannter wurden. So besuchte die Kaiserin Auguste Viktoria Hohenlychen (und damit auch unsere Stadt) am 22. Juni 1911, die Hygiene-Kommission des Völkerbundes (heutiger Nachfolger ist die UN) am 30. September 1927.
Zu diesem Zeitpunkt war der Gründer und Motor der Heilanstalten nicht mehr in deren Diensten. Über die Gründe der fristlosen Entlassung ist nichts Näheres bekannt. Da aber Pannwitz gleichzeitig Stadtverordneter in Lychen war, finden wir einen kurzen Vermerk im Protokollbuch der Stadtverordneten vom 13.11.1919: Der Stadtverordnete Dr. Pannwitz gab bekannt, "daß ihm vor einigen Tagen vom Vorstand der Heilstätten ein Kündigungsschreiben mit sofortiger Entlassung und Verbot der Ausübung der ärztlichen Praxis zugegangen sei ... die Gründe seien darin zu suchen, daß ihm ein Verwaltungsdirektor mit gleichen Befugnissen beigeordnet sei". Aus dieser trockenen Notiz geht nicht hervor, was der eigentliche Grund des Auscheidens dieses für die Heilanstalten und Lychen so verdienstvollen Mannes war. Er starb 7 Jahre später, am 29.11.1926, und wurde auf dem Langen Werder beerdigt. Ihm zu Ehren gibt es heute eine Pannwitzallee und eine Pannwitzschule. Eine späte, aber verdiente Ehrung.
Der Betreiber der Hohenlychener Santorien, der Volksheilstättenverein vom Roten Kreuz, war keine öffentliche Anstalt, die aus dem Haushalt der Regierung mit Steuergeldern unterstützt wurde, sondern ein privater gemeinnütziger Verein, der sich selbst finanzieren mußte. Die Folge war, daß man in Hohenlychen vollständig auf Spenden angewiesen war; es mußte kräftig die Werbetrommel gerührt werden, um die beträchtlichen Summen für den Ausbau der einzelnen Gebäude aufzubringen. Im vorigen Teil konnte man lesen, daß bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, also innerhalb von nur 12 Jahren, die wichtigsten Häuser fertiggestellt waren, die gewaltigen Mittel also in dieser Zeit aus privaten Spenden geflossen sind.
Dieses war möglich, weil die Verantwortlichen ein einfaches, aber wirkungsvolles Rezept anwendeten: Hohe und einflußreiche Persönlichkeiten des Kaiserreiches, einschließlich der Kaiserin selbst, warb man für das Vorhaben. Die spendeten nicht nur für die Heilanstalten, sondern veranlaßten auch oft kraft ihres Einflusses andere Persönlichkeiten, Betriebe, Institutionen und Vereine, das gleiche zu tun. Sie erhielten als Dank für ihren Einsatz wichtige ehrenamtliche Leistungstätigkeiten und wurden so in die Arbeit mit eingebunden. Wer einmal die Liste der Vorstände für die einzelnen Häuser während der Kaiserzeit durchliest, findet dort massenhaft Minister (und ihre ehrgeizigen Gattinnen), Kommerzien-, Regierungs-, Medizinal- und wirkliche Geheimräte, Professoren, Rittergutsbesitzer u.s.w., also die Spitzen der damaligen Gesellschaft. So waren die Vorstände im allgemeinen sehr staatstreu und staatsnah besetzt. Da dieses Verfahren auf die Dauer bequem, effektiv und lukrativ war, bürgerte es sich nach und nach ein. Das ging auch gut, solange die Regierenden selbst menschlich waren. Aber man setzte es auch fort, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht lamen und mit ihnen die Unmenschlichkeit. Was so erfolg- und segensreich in Hohenlychen begann, endete zuletzt in der Katastrophe. So gesehen war das jahr 1933, das Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, ein Entscheidungsjahr für die Heilanstalten. Als erstes wurde der Vorstand der Heilstätten völlig geändert. Ihm gehörten nun solche "Persönlichkeiten" an wie der Reichssportführer von Tschammer und Osten, der Reichsgesundheitsführer, Staatsrat und SS-Brigadeführer Dr. Leonard Conti (Vorsitzender des Vorstandes), der Reichsärzteführer Dr. Gerhard Wagner, der Reichsarbeitsminister Franz Seldte, der Generalinspekteur für das Straßenwesen Dr. Todt und ab 1936 der berüchtigte Reichsführer der SS Heinrich Himmler und der Reichsarzt der SS und der Polizei Dr. Ernst Grawitz.
Auch in der Leitung der Heilanstalten selbst änderte sich einiges. Die wichtigste Position, die des Chefarztes, wurde neu besetzt. Die Stelle erhielt Dr. Karl Gebhardt, Chirurg, Privatdozent an der Universität München. Obwohl er ein Bekannter und Freund Himmlers ist, erhält er keineswegs deswegen diese Berufung, sondern wegen seiner fachlichen Kompetenz (Gebhardt wird erst am 1. Mai 1933, also 3 Monate nach der Machtergreifung durch Hitler, Mitglied der NSDAP und der SS). Er war Assistent des weltberühmten Chirurgen Prof. Sauerbruch und ist durchaus in der Lage, dessen fachliches Erbe anzutreten. Er ist zu diesem Zeitpunkt ein äußerst fähiger, tüchtiger Arzt, also zunächst zweifellos ein Gewinn für Hohenlychen, was sich bald erweisen wird.
Unter seiner Regie werden bereits 1933 die Heilstätten Hohenlychen völlig umgestellt. Es gibt nun vier Abteilungen:
Damit war der Charakter der Heilanstalten Hohenlychen völlig verändert, was1902 zu ihrer Gründung führte (Bekämpfung der Tuberkulose), war nun an den Rand gedrängt und wurde nur in beschränktem Maße weitergeführt.
Hans Waltrich
Im nächsten Heft: Der Ausbau der Heilstätten zwischen 1933 und 1937 + Auszeichnungen und Ehrungen in Hohenlychen, das Kriegsende.
Der dritte und letzte Teil in Heft 29: Einzug der sowjetischen Armee und der Antrag auf Rückübertragung
| zuletzt aktualisiert am 07.10.1999 - © ÖKOSTADT e. V. | ÖKOSTADT-Nachrichten |