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Mit der Übernahme der Heilstätten durch die Nazis wurde nicht nur deren Charakter verändert, sondern auch neue Schwerpunkte gesetzt. Nicht mehr die Bekämpfung der Tuberkulose stand im Zentrum der Arbeit, sondern die auf Wunsch des Reichssportführers von Tschammer und Osten errichtete Klinik für Sport- und Arbeitsschäden, die auch gleichzeitig eine soziale Funktion für verdiente Sportler erfüllte. |
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Verletzte und erholungsbedürftige Sportler erhielten Freiplätze, damit sie, falls erforderlich, operativ versorgt und krankengymnastisch behandelt werden konnten. Diese neue Abteilung sollte die Leistungsfähigkeit der Verletzten (ob Sport- oder Arbeitsunfall) ganz oder zumindest teilweise in kurzer Frist wiederherstellen. Finanziert wurde das alles durch die am 8. Oktober 1933 gegründete "Deutsche Sporthilfe", die den "Sportgroschen" erhob. Da diese Mittel reichlich flossen und der Vorstand hochkarätig besetzt war, konnte nun wieder großzügig gebaut werden.
Um die gesteckten Ziele erreichen zu können, brauchte diese neue klinische Abteilung zunächst entsprechende Sportanlagen.
Die Schwierigkeiten lagen in den Bodenverhältnissen im Gelände der Heilstätten. Es fehlten freie, ebene Flächen. 1934 wurde zunächst ein kleiner, behelfsmäßiger Sportplatz hinter der VII eingerichtet, der aber den Anforderungen bald nicht mehr genügte. Ein neuer wurde im Sommer 1935 im Waldgelände vor der VII begonnen (scherzhaft das "kleine Reichssportfeld" genannt). Dazu mußten 120 Kiefern gefällt und das Hügelgelände eingeebnet werden (1.000 Kubikmeter Erdmassen wurden dazu bewegt). Es entstand eine Rasenfläche für Gymnastik und Bodenturnen zu Übungszwecken für Körperbehinderte, Leichtathletikanlagen sowie Duschbecken mit Kalt- und Warmwasserzufluß. Eine Aschenbahn, 4 m breit und 110 m lang, wurde angelegt. Ein Rasenstreifen trennte sie vom eigentlichen Rasenübungsplatz. Die Schaffung dieses Platzes erforderte viel Mühe. Eine 25 cm starke Schicht aus Humuserde, Dung und Torfmull mußte geschaffen werden als Unterlage für die 15 cm dicken Platten des Sportfeldrasens. Am nördlichen Ende wurden 4 Hürden aus immergrünen Sträuchern geschaffen für Sprungübungen der Körperbehinderten. Spaziergänger konnten beobachten, wie Sportverletzte Handball spielten, Hürdenläufe machten und von Kinderlähmung heimgesuchte Jugendliche mühsam Gehversuche unternahmen.
Ein Nachbehandlungsplatz mit vier Massagebänken, mit Duschanlagen, Sportgeräten und Elektroanschlüssen für eine Behandlung im Freien durch elektro-medizinische Geräte sollte in der wärmeren Jahreszeit den Sportverletzten die vielfachen Möglichkeiten einer Nachbehandlung bieten.
Neben den Sportverletzten wurden auch körperlich schwer Behinderte (durch Kinderlähmung sowie Amputierte) zunächst durch sportliche Übungen allgemein körperlich geschult und dann für den Beruf physisch und psychisch vorbereitet. Ende 1935 nahm man sich auch der Behandlung der Arbeitsschäden an, es kamen die ersten Männer der Reichsautobahn als Patienten. Es war das Jahr, von dem die "Sportkameradschaft Hohenlychen" (Mitteilungsblatt für alle ehemaligen Kranken, für Mitarbeiter und Freunde der "Klinischen Abteilung für Sport- und Arbeitsschäden" der Heilstätten Hohenlychen, Nr. 3 vom 1. Oktober 1936) jubelte:
"Herrlich das Jahr 1935, als der Führer erstmals Dein Gast war und Du Reichsminister Heß und Reichsleiter Rosenberg der Gesundung zuführen konntest". In der gleichen Nummer wird auch darauf hingewiesen, daß die Heilstätten für Tuberkulose 1933 nur mit 180 Kranken belegt waren und daß die nunmehrige Belegung 500 Betten beträgt. 1936 wird "das neue SS-Lazarett" eingeweiht.
Im Jahre 1937 begann ein weiterer Bauabschnitt mit den Neubauten an der Kinderstation. Sie wurde erweitert, die alten Holzliegehallen verschwanden, neue Terrassen wurden angelegt. Zwischen der VIIb und der VIIa wurde eine moderne Turnhalle gebaut. Sie liegt an der Seeseite, an der anderen steht eine große Schwimm- und Badehalle. Sie bekam ein riesiges Glasdach, das in westlicher Richtung fortbewegt werden kann, so daß in der warmen Jahreszeit die Schwimm- und Behandlungsbecken (Unterwassermassagen) offen daliegen.
Die Badeanstalt am Zenssee wurde ebenfalls umgebaut. Sie erhielt einen 3m-Sprungturm. Wegen der zunehmenden Zahl der Boote (12 Ruder- und Motorboote, 30 Paddelboote) mußte ein neues Bootshaus errichtet werden. Die Frauenstation erhielt ein Sonnenbad und einen eigenen Sportplatz, eine Turnwiese, die zum See errichtet wurde. Der Nachbehandlungsraum der VII wurde in den Keller verlegt und in einen Tagesraum verwandelt.
In einer Grußadresse an den "Reichssportführer" zu dessen 50. Geburtstag (1937) wird mit Stolz darauf hingewiesen, daß in der 1934 gegründeten "Abteilung der Deutschen Sporthilfe in Hohenlychen" seither 3.400 Sportleute versorgt wurden. Die "heutige Belegungsstärke Hohenlychens" (25.10.1937) wird mit 650 Betten angegeben.
So wird die Heilstätte Hohenlychen durch Dr. Gebhardt zum führenden Behandlungszentrum für Sportgeschädigte und durch Unfall Verletzte ausgebaut. Bei der Weltausstellung 1937 in Paris spricht Dr. Gebhardt vor dem Internationalen Sportärztekongreß über Erziehungsbehandlung und zeigt dort den Hohenlychener Film ("Erziehungsbehandlung"). Was in Hohenlychen geleistet wird, ist Weltspitze.
So kommt es, daß die gesamte Nazi-Prominenz sich hier behandeln läßt wie auch Angehörige verschiedener Herrscherhäuser aus ganz Europa. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen (Winterolympiade) und Berlin (Sommerolympiade) sowie beim Deutschen Turn- und Sportfest 1938 in Breslau hat Prof. Gebhardt mit seinem Stab die ärztliche Gesamtleitung.
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Nach der Erteilung der Konzession im Mai 1936 wurde unverzüglich mit dem Bau der neuen Apotheke begonnen. Sie wurde in den ehemaligen Bade- und Kellerräumen des Südbaus des Sanatoriums eingerichtet. Der Apotheke war eine Wetterstation angeschlossen. |
Dort wurden die Berichte des Reichswetterdienstes mit den Aufzeichnungen der eigenen Station in Übereinstimmung gebracht mit dem Ziel, die Zusammenhänge des Wetters mit dem Verlauf der Erkrankungen zu erforschen. Selbstverständlich durfte auch nicht das Steckenpferd Himmlers, der Arznei- und Gewürzpflanzengarten, fehlen. Er mußte von dem Apotheker mitbetreut werden.
War die Klinik für Sport- und Arbeitsschäden (später Reichssportsanatoriums), die unmittelbar von Dr. Gebhardt als Chefarzt geleitet wurde, zweifellos das Paradestück der Hohenlychener Anstalten, durch die sie erneut zu Weltruhm kamen, so war für die Nazis aus weltanschaulichen Gründen die Abteilung für Mutter und Kind nicht minder wichtig. Sie wurde am 22. Januar 1935 feierlich in Betrieb genommen und sollte die nationalsozialistische Familien- und Geburtenpolitik mit durchsetzen helfen. Es war eine Erholungsanlage für erholungsbedürftige Mütter mit drei Abteilungen, eine für Mütter und Säuglinge, die zweite für ältere Mütter und ein Freizeitlager für jugendliche Mütter.
Da die Heilanstalten große Erfolge erzielten und das Gelände auch als Sanatorium für europäische Prominenz und pflegebedürftige Parteibonzen diente, blieb nicht aus, daß alle davon profitierten. Sowohl die Stadt Lychen durch einen regen Fremdenverkehr, als auch die dort Beschäftigten. So wurde im "Leistungskampf der deutschen Betriebe" 1938 den Heilanstalten Hohenlychen das Gaudiplom für hervorragende Leistungen verliehen. Höhepunkt war die Auszeichnung des Betriebes als "Nationalsozialistischer Musterbetrieb" und die Verleihung der "Goldenen Fahne" durch den Führer am 25. Mai 1941.
Stolz wurde dabei hervorgehoben, daß in 8 Jahren (1933 - 1941) "25.000 Patienten klinisch und zugleich psychologisch geholfen" wurde. Als weitere Auszeichnung wurde die 4. (und letzte) Arbeitsberatung der Militärärzte im Sommer 1944 (16. bis 18. Mai) im Lazarett Hohenlychen durchgeführt.
Es ist klar, daß bei diesen vielen Ehrungen der Chef nicht vergessen wurde. Im Dezember 1937 wurde Gebhardt an der Berliner Universität ein Lehrstuhl für Sportmedizin übertragen, ihm wurde das Medizinische Institut des Reichsamtes für Leibesübungen unterstellt, zu den Feierlichkeiten anläßlich seiner 10-jährigen Chefarzttätigkeit am 1.11.1943 ließ sich der damals wohl bekannteste Mediziner Deutschlands, Professor Sauerbruch (Staatsrat und Generalarzt), der sich mehrere Tage in Hohenlychen aufhielt, ausführlich über die von Gebhardt durchgesetzten Veränderungen in der ehemaligen Tbc-Heilanstalt berichten, er erhielt das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern, wurde zum SS-Gruppenführer (Generalleutnant) befördert (sicher nicht wegen medizinischer Verdienste) und war letzter NS-Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.
Kurz nach Kriegsbeginn verändert Gebhardt die Bettenkapazitäten, er stellt alles auf Kriegsbedarf um, indem er den zivilen Bereich stark reduziert: Vierhundert stehen nun als Reservelazarett für die Wehrmacht bereit, dreihundert für die SS und nur noch dreihundert für Sport- und Arbeitsverletzungen sowie spinale Kinderlähmung. Zuletzt ist Hohenlychen nur noch Kriegslazarett.
Kurz vor Kriegsende tritt Hohenlychen unfreiwillig in die Nähe der Weltpolitik, ohne daß die meisten Lychener zu diesem Zeitpunkt etwas davon wissen. Dr. Gebhardt, der erkannt hat, daß es tatsächlich zu Ende geht, und der weiß, was er alles auf dem Kerbholz hat, will versuchen, das Morden zu beenden und Pluspunkte für die Zeit nach dem Krieg zu sammeln, arrangiert ein Treffen zwischen dem Chef des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler (als Ort der Begegnung stellt er das Sanatorium Hohenlychen zur Verfügung).
Er weiß, daß beide etwas voneinander wollen. Bernadotte möchte die etwa 13.000 skandinavischen Häftlinge (vornehmlich Norweger und Dänen) aus den Konzentrationslagern herausholen und sie nach Schweden in Sicherheit bringen. Himmler, der auch an die Zeit "danach" denkt, will den schwedischen Grafen als Mittelsmann zu den Westalliierten gewinnen, um eventuell den Westmächten ein separates Kapitulationsangebot zu unterbreiten. Himmler sperrt sich zunächst, genehmigt dann aber den Zugang des Schwedischen Roten Kreuzes zu den Lagern, in denen die Skandinavier untergebracht sind, verspricht sogar deren Überstellung in das KZ Neuengamme, von wo Bernadotte sie nach Schweden bringen will.
Die erste dieser Begegnungen fand schon Anfang des Jahres 1945 statt. Bernadotte schreibt (in "Das Ende. Meine Verhandlungen in Deutschland im Frühjahr 1945 und ihre politischen Folgen"): "Am 19. Februar um 17 Uhr wurde ich von Schellenberg (Mitarbeiter Himmlers) abgeholt und fuhr mit ihm nach Hohen-Lüchow (so die Schreibweise, H.W.) hinaus, einem Riesenlazarett, 120 Kilometer nördlich von Berlin. Prof. Gebhardt, der Chefarzt, ... empfing mich ... und teilte mir mit, es sei ganz überfüllt. Unter den Flüchtlingen, die aufgenommen worden waren, befanden sich viele Kinder und allein an ihnen hatten etwa 80 Amputationen ... vorgenommen werden müssen. Das Bild, das mir Prof. Gebhardt in wenigen Worten von der Lage gab, war erschreckend". Ob Gebhardt mit dem Hinweis an Bernadotte, daß unter dem Schutz des Roten Kreuzes in Hohenlychen auch viele Frauen und Kinder liegen, die Bombardierung des Lazaretts verhindert hat, ist eine oft geäußerte Vermutung, die durch keinerlei Hinweise bewiesen werden kann.
Am 2. April ist Graf F. Bernadotte "wieder in Hohenlychen, im Sanatorium, das der Leitung von Prof. Gebhardt, Himmlers einstigem Klassenkameraden (was so nicht stimmt, H.W.) unterstand" und verhandelte mit Himmler und Schellenberg (es geht noch immer um die dänischen und norwegischen KZ-Häftlinge, deren Ausreise Himmler aus Angst vor Hitler noch immer nicht genehmigt hat).
Zur letzten Fahrt nach Hohenlychen bricht Bernadotte am 20. April, Hitlers Geburtstag, auf. Schellenberg hatte ihm mitgeteilt, daß er dort in der Nacht vom 20. zum 21. April treffen könne. Gebhardt zeigte Bernadotte "das Lazarett, das mit Verwundeten von der Ostfront voll belegt war" und lud ihn ein, "der Operation einiger Soldaten beizuwohnen", da Himmler noch nicht eingetroffen war. Beim Frühstück um 6.00 Uhr trafen sie sich. Dabei konnte Bernadotte Himmler die Zusage entlocken, daß das Schwedische Rote Kreuz mit Bussen im KZ Ravensbrück vorfahren darf, um auch noch die französischen Häftlingsfrauen herauszuholen.
Gebhardt, der vollauf beschäftigt ist mit der Beratung Himmlers und der planmäßigen Räumung des Lazaretts Hohenlychen, erhält in diesem Chaos noch eine erfreuliche Nachricht: Sein unmittelbarer Vorgesetzter, der Reichsarzt SS und Präsident des DRK, Dr. Grawitz, begeht Selbstmord, und damit ist ein wichtiger äußerst neutraler Posten frei. Am 24. April ist Gebhardt in der Berliner Reichskanzlei, am nächsten Tag ist er schon Präsident des Deutschen Roten Kreuzes - und damit Inhaber einer zivilen Funktion, die in der Welt sehr geachtet ist.
Am 27. April verläßt der letzte Lazarettzug überstürzt Hohenlychen. Zurückgelassen werden nur einige Schwerverwundete, die nicht transportfähig sind. Da alles sehr schnell gehen muß, hat man nicht einmal Zeit, die letzten Toten zu bestatten, obwohl die meisten von ihnen eingesargt sind.
Zwei Tage später sind schon die Russen in Hohenlychen, sicherlich erfreut, ein so gut ausgestattetes Lazarett unversehrt in die Hände zu bekommen.
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Obwohl es mit großer Wahrscheinlichkeit feststeht, daß in Hohenlychen selbst keine Versuche an Frauen aus dem KZ Ravensbrück vorgenommen wurden, kann ein geschichtlicher Abriß über die Heilanstalten nicht an dieser Tatsache vorbeigehen, waren es doch Ärzte aus diesen Sanatorien, die sie durchführten oder an ihnen maßgeblich beteiligt waren. |
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Konnten die Mitarbeiter 1927 zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Heilanstalten mit Recht auf ihre aufopferungsvolle und segensreiche Arbeit Glückwünsche aus aller Welt in Empfang nehmen, wurden ihre Nachfolger wegen ihrer scheußlichen Taten nach 1945 von der Menschheit verflucht und der Ort Hohenlychen von vielen nur mit Abscheu genannt. Der Mann, der die Kliniken noch einmal weltberühmt machte, endete als Verbrecher gegen die Menschlichkeit in einem Zuchthaus ehrlos am Galgen.
Die Gründe, die Dr. Gebhardt veranlaßten, vom geachteten, von allen bewunderten Chefarzt und Helfer der Kranken zum von vielen verfluchten Scheusal zu werden, sind nicht genau zu ergründen. War es verletzte Eitelkeit (man lastete ihm den Tod von Heydrich an, dem Chef der Sicherheitspolizei und stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, den er nach dem Attentat tschechischer Widerstandskämpfer in Prag erfolglos behandelte), war es Ehrgeiz, Sucht nach Ruhm?
Bevor auf die Versuche an wehrlosen Frauen kurz eingegangen wird, muß darauf hingewiesen werden, daß es seit 1931 in Deutschland "unmißverständliche ärztliche Vorgaben für Versuche an und mit Menschen gab. Regeln, die auch von den Nationalsozialisten offiziell nie außer Kraft gesetzt wurden: Prinzipiell nur als Ergänzung zu Tierversuchen gedacht, ist jedes Herumexperimentieren am Menschen untersagt. Das oberste Gebot dieser Vorgaben: absolute Freiwilligkeit der Versuchspersonen!"
Nachdem im Mai 1942 festgestellt wird, daß durch das Massenaufkommen an Verwundeten in den Frontlazaretten ein Versorgungsnotstand eingetreten ist, wird fieberhaft nach einem zuverlässigen Chemotherapeutikum gegen die bakterielle Wundinfektion gesucht (der Gegner soll eines haben, das "Penicillin" genannt wird und das das Wachstum vieler Bakterien hemmt, was unter Frontbedingungen äußerst wichtig ist), zumal in Deutschland nur ein einziges Mittel vorhanden ist, das Sulfonamid. Über seine Anwendung gehen aber die Meinungen weit auseinander. Da das Problem äußerst dringlich ist, weil die Zahl der Verwundeten an der Ostfront ständig zunimmt, entschließt man sich, die Forschung voranzutreiben und zu erweitern, da vom Ergebnis das Leben unzähliger Verwundeter abhängt.
Einer derjenigen, die sich sofort dieser Aufgabe annehmen, ist Gebhardt. Sein wichtigster Mitarbeiter wird ein weiterer Hohenlychener Arzt, Dr. Fritz Fischer. Gegen jedes Recht und Gesetz werden die Versuche sofort an Menschen begonnen, zuerst an männlichen deutschen Schwerverbrechern, dann an polnischen Widerstandskämpferinnen aus dem KZ Ravensbrück, die zum Tode verurteilt sind. Den Befehl dazu gibt der Reichsführer SS Himmler, der auch davon spricht, daß die Versuchspersonen anschließend begnadigt werden. Weder das, noch ob sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben, überprüft Gebhardt. Er informiert nicht einmal die Frauen darüber, was überhaupt mit ihnen geschieht, er führt seiner Ansicht nach nur einen militärischen Befehl aus. Die Auswahl der polnischen "Versuchskaninchen" (so werden sie bald genannt) nimmt die Lagerärztin Dr. Oberheuser vor (sie wird später auch in Hohenlychen tätig sein).
Den "Patienten" wird über einen 10 cm langen Einschnitt am Unterschenkel eine Bakterienkultur eingeführt, später fügt man Hobelspäne (!) hinzu, um einen Gasbrand zu erzeugen (wie bei verschmutzten Wunden an der Front), der dann mit Sulfonamid behandelt werden soll. Ende Juni 1942 werden 70 polnische Frauen für diese Versuche ausgewählt. Die Frauen, die gar nicht wissen, was mit ihnen eigentlich geschieht, erleiden furchtbare Schmerzen. Die infizierten Wunden reichen vom Knöchel bis zu den Knien. Aber Himmler ist mit der Arbeit nicht zufrieden. Er verlangt echte Schußverletzungen, wie sie an der Front vorkommen. Gebhardt, Fischer und der neu hinzugezogene Assistenzarzt Dr. Stumpfegger erfüllen ihm zwar nicht diesen Wunsch, aber zehn hilflose Frauen werden mit einem Bakterienstamm infiziert, der lebensbedrohliche Krankheitserscheinungen hervorruft. Es gibt die ersten Todesfälle. Im Oktober werden die Versuche brutaler. Wieder sterben Frauen, andere werden zu Krüppeln, behalten für den Rest ihres Lebens schwere Spätschäden zurück.
Parallel zu den Sulfonamidversuchen gibt es auch Experimente zur Verpflanzung von Knochen und Muskeln (federführend ist hier Dr. Stumpfegger). Unter Narkose werden den Frauen Knochenstücke aus dem Schienbein entfernt und an anderer Stelle wieder eingesetzt, Schienbeine gebrochen und geklammert sowie Muskeln und Nerven entfernt. Diese Versuche sind zwar nicht tödlich, zerstören jedoch die Beine der Opfer.
Ein Einzelfall wird später beim Nürnberger Ärzteprozeß besonders ausführlich behandelt: Ein junger Mann (Franz Ladisch), dem ein Schulterblatt wegen einer Geschwulst entfernt wurde, soll ein neues erhalten. Dr. Fischer entfernt in Ravensbrück einer gesunden Frau das Schulterblatt, eilt mit dem verpackten Bündel zum bereitstehenden Auto, um so schnell wie möglich nach Hohenlychen zu kommen, wo im OP-Saal Gebhardt und Stumpfegger warten, um das Schulterblatt dem Patienten einzupflanzen. Noch ehe Fischer in Hohenlychen ankommt, ist die Frau schon tot, in widerlicher Weise "abgespritzt" vom Lagerarzt.
Am 9. Dezember eröffnet der amerikanische Militärgerichtshof Nr. 1 in Nürnberg den Prozeß gegen 23 Funktionäre des NS-Sanitätswesens, Ärzte und Wissenschaftler, die medizinische Verbrechen an KZ-Häftlingen zu verantworten haben. Von Hohenlychen sitzen drei Ärzte auf der Anklagebank: Karl Gebhardt, Fritz Fischer, Herta Oberheuser. Gegen den vierten an Menschenversuchen Beteiligten, Dr. Ludwig Stumpfegger, gegen Ende des Dritten Reiches Leibarzt von Hitler und Goebbels, kann nicht verhandelt werden, da er verschollen ist. Bis zuletzt im "Führerbunker" geblieben, versuchte er in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 zusammen mit anderen aus Berlin auszubrechen. Bei diesem Ausbruchsversuch ist er vermutlich umgekommen; er soll auch an der Tötung der Kinder von Goebbels mit Blausäure beteiligt gewesen sein.
Die 3 sind angeklagt wegen der Sulfonamid-Experimente sowie der Knochen-, Muskel- und Nervenversuche an 74 Polinnen und weiteren 12 Frauen anderer Nationalität im Revier Ravensbrück in der Zeit vom 1. August 1942 bis zum 16. August 1943. Gebhardt, der sich seiner Verstrickungen und Verbrechen wohl bewußt ist, weiß, daß er mit der Todesstrafe zu rechnen hat. Er weigert sich deshalb, Namen preiszugeben und andere zu belasten, nimmt sogar Fischers Schuld auf sich. Er wird am 20. August 1947 wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in einer als verbrecherisch eingestuften Organisation zum Tod durch den Strang verurteilt und am 2. Juni 1948 im Zuchthaus Landsberg hingerichtet.
Dr. Fritz Fischer, Gebhardts Assistenz, wird am gleichen Tag wegen der gleichen Delikte zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, 1951 zu 15 Jahren Haft begnadigt und im März 1954 entlassen. Er ist wohl der einzige, der das Verbrecherische seiner Taten erkennt und tief bereut. Er gibt nach der Haftentlassung seine Approbation (staatliche Zulassung als Arzt) zurück, nimmt eine Arbeitsstelle an, die ihm von amerikanischen Behörden vermittelt wird, die weit unter seiner Qualifikation liegt und verläßt sie nicht bis zum Ende seines Arbeitslebens. Dr. Herta Oberheuser wird zu 20 Jahren Haft verurteilt, 1954 entlassen und als "Spätheimkehrerin" mit 10.000 Mark "entschädigt". Auf Grund der Proteste des Ravensbrück-Komitees wird ihr von der zuständigen Ärztekammer sofort die Approbation entzogen. (Dieses Kapitel beruht nicht auf eigenen Nachforschungen, sondern hält sich eng an das Buch "Die Kaninchen von Ravensbrück" von Freya Klier. Freya Klier: "Die Kaninchen von Ravensbrück. Medizinische Versuche an Frauen in der NS-Zeit. Taschenbuch, 320 Seiten, Droemer Verlag, München 1994, ISBN 3426771624, 13,90 DM).
Ein ganz anderer Fall als der des Chefarztes Dr. Gebhardt ist der des Dr. Kurt Heißmeyer, Oberarzt für Tuberkulose in Hohenlychen. Ihn trieb ausschließlich der Ehrgeiz, sich an Dinge zu wagen, die seine Kenntnisse und Fähigkeiten überstiegen. Er litt darunter, daß Gebhardt und seine Gehilfen mit Ehren, Auszeichnungen und Beförderungen überschüttet wurden, aber er der ewige Oberarzt blieb, obwohl er doch sehr gute Beziehungen hatte; er war befreundet mit dem General der Waffen-SS Oswald Pohl, der als Chef des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes der SS für alle Konzentrationslager zuständig war, und sein Onkel, August Heißmeyer, war ebenfalls General der Waffen-SS. Kurt Heißmeyer wollte unbedingt Professor werden, wozu er aber eine wissenschaftliche Arbeit vorweisen mußte; allein daran haperte es, er war Praktiker und hatte niemals wissenschaftlich gearbeitet. Um etwa in dieser Richtung vorweisen zu können, schlug er dem Reichsärzteführer, Dr. Leonardo Conti, einen Versuch zur Bekämpfung schwerer Tuberkulose vor (allerdings nach einer These, die namhafte Forscher schon längst als falsch erkannt hatten, was aber Heißmeyer nicht wußte, da er sich mit der Tbc- Forschung noch nie befaßt hatte). Um schnell zu Ergebnissen zu kommen, sollte das Experiment nicht wie üblich zuerst an Tieren, sondern gleich an Menschen vorgenommen werden. Himmler, der alle Versuche an Menschen genehmigen mußte, war einverstanden, sie durften aber nicht in Ravensbrück durchgeführt werden, sondern an einem anderen Ort. Man einigte sich auf das KZ Neuengamme bei Hamburg, wo Heißmeyer erstmals Ende April 1944 eintraf, um die Versuche vorzubereiten.
Hier wurde in einer Baracke die "Sonderabteilung Heißmeyer" eingerichtet. Die Experimente begannen unter strenger Geheimhaltung mit erwachsenen Häftlingen, und zwar mit einem Stamm lebender, ansteckungsfähiger Tuberkelbazillen, womit gleichzeitig eine Gefahr für das Leben der Häftlinge und später für das der zu den Versuchen herangezogenen Kinder heraufbeschworen wurde.
Die ersten Versuchspersonen waren zumeist kriegsgefangene Russen. Da sie bessere Verpflegung als die anderen bekamen, meldeten sich einige von ihnen sogar freiwillig; ihre Zahl ist nicht bekannt (erhalten geblieben sind Papiere von 32 Versuchspersonen). Über den Charakter der Experimente wurde ihnen nichts mitgeteilt. Nachdem die Versuche beendet waren, wurden vier Häftlinge erhängt; anschließend sezierte Heißmeyer sie. Da er dabei feststellte, daß sich der Gesundheitszustand der meisten Häftlinge nicht nur nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert hatte, brach er diese Versuche ab und forderte 20 Kinder an, an denen er mit dem gleichen Serum die gleichen Versuche vornahm, obwohl doch die Fortsetzung der Experimente sinnlos geworden war. Die 20 Kinder, 10 Jungen und 10 Mädchen, allesamt Juden zwischen 6 und 12 Jahren, wurden aus Auschwitz herbeigebracht.
Der Transport kam am 29. November 1944 in Neuengamme an. Schon kurz vor Weihnachten waren alle Kinder schwer krank. Mitte Januar 1945 wollte Heißmeyer feststellen, ob sich in den Lymphdrüsen Abwehrstoffe gegen die Tbc-Erreger konzentriert hatten. Zu diesem Zweck befahl er einem tschechischen Häftlingsarzt, die Kinder zu operieren. Die Flaschen mit den entfernten Drüsen der Kinder wurden nach Hohenlychen geschickt, um sie zu untersuchen.
Als die Engländer immer näher an Hamburg herankamen, wurde am 20. April befohlen, alle Kinder zu töten, um unliebsame Zeugen der verbrecherischen Versuche aus der Welt zu räumen. In der Nacht wurden sie in Neuengamme abgeholt und in die Spaldingstraße nach Hamburg gebracht, später in die Schule am Bullenhuser Damm. Damit die Kinder nicht merkten, was man mit ihnen vorhat, erhielten sie eine Morphiumspritze - anschließend wurden alle im Keller dieser Schule erhängt. In der Nacht vom 21. Zum 22. April 1945 wurden ihre Leichname im Krematorium des KZ Neuengamme verbrannt.
Als nach Kriegsende die Verbrechen allmählich bekannt wurden, eröffneten die Alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher, auch gegen Ärzte. Merkwürdigerweise erging kein Haftbefehl gegen Heißmeyer. Nach seiner späteren Darstellung vor Gericht ist er am 21. April 1945 unter falschem Namen aus Hohenlychen geflüchtet. Später kehrte er zu seinem Vater nach Sandershausen zurück und half ihm eine Zeitlang in dessen Landarztpraxis. Da er noch immer nicht gesucht wurde, fühlte er sich sicher und eröffnete unter seinem richtigen Namen in Magdeburg eine Praxis als Lungenfacharzt und besaß die einzige Tuberkulose-Privatpraxis in der DDR. Er wohnte in einem schönen Haus, das ihm gehörte, angefüllt mit kostbaren Möbeln, Antiquitäten, Bildern und Teppichen. Die drei Kinder waren ausreichend versorgt. Der Vater hatte den 2 Jungen und der Tochter eigene Häuser gekauft.
Heißmeyer wäre vielleicht für seine Verbrechen an den Kindern nie bestraft worden, hätte nicht zufällig sein Name 1959 in einem Zeitungsartikel gestanden. So kam alles ins Rollen; am 13. Dezember 1963 wurde er verhaftet. Er gab zwar zu, Versuche, aber keine verbrecherischen Menschenversuche gemacht zu haben. Dafür könne er noch heute Beweise liefern, denn sein Versuchsmaterial habe er im April 1945 in einer Kiste im Garten seines Hauses in Hohenlychen vergraben! (Das ist nicht ganz korrekt wiedergegeben, denn Heißmeyer hatte als einziger Oberarzt in Hohenlychen keine eigene Villa. Er wohnte mit seiner Familie in einer Wohnung in der Klinik und unterhalb dieses Gebäudes hatte er einen Garten.) Zwei Staatsanwälte fuhren mit einem Pioniertrupp der NVA nach Hohenlychen. Heißmeyer zeigte ihnen die Stelle, wo die Kiste vergraben sei. Hier wurde sie auch ausgegraben. Neben Privatem enthielt sie den Entwurf einer wissenschaftlichen Arbeit, Fieberkurven, Dosen mit Kleinbildfilmen und Röntgenaufnahmen. Nach Begutachtung der Röntgenaufnahmen in der Charité stellte sich aber heraus, daß das kein Entlastungsmaterial für ihn, sondern Beweise für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren. Heißmeyer versuchte nun nicht mehr zu leugnen. In der Vernehmung gestand er, die Menschen als Versuchstiere angesehen zu haben.
Nach zweieinhalbjähriger Untersuchungshaft wurde Dr. Kurt Heißmeyer am 21. Juni 1965 vor dem Bezirksgericht Magdeburg der Prozeß gemacht. Die Anklage hieß nicht Mord, sondern "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Nach sechs Verhandlungstagen sprach das Bezirksgericht am 30.6.1966 das Urteil: lebenslanges Zuchthaus. Um die Todesstrafe kam er herum (möglich war sie, da sie in der DDR erst 1987 abgeschafft wurde), weil ihm nicht nachgewiesen werden konnte, daß er den Befehl zur Tötung der Kinder gegeben hatte.
Dr. Heißmeyer war damals 60 Jahre alt. Zur Strafverbüßung kam er in das Zuchthaus Bautzen. Nach einem Jahr beauftragte seine Frau einen Rechtsanwalt, ein Gnadengesuch für ihren Mann einzureichen, da er herzkrank sei. Noch bevor die Antwort eintraf, verstarb Kurt Heißmeyer an einem Herzinfarkt.
(Das Material zu diesem Artikel entnahm ich dem Buch von Günther Schwarberg, "Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm", erschienen im Steidl-Verlag Göttingen, ausgezeichnet mit dem Anne-Frank-Preis 1988. Günther Schwarberg: "Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm", Taschenbuch, 174 Seiten, Steidl- Verlag Göttingen 1994, ISBN 388243306X, 16,80 DM).
Hans Waltrich
Im vorherigen Heft: Gründung der Heilanstalten und Entwicklung bis 1927 + Finanzierung, Umgestaltung durch die Nationalsozialisten
Im nächsten Heft der dritte und letzte Teil: Einzug der sowjetischen Armee und der Antrag auf Rückübertragung
Und zum Schluß noch eine Anmerkung des Bearbeiters:
Durch meine Fotos vom heutigen Zustand der Örtlichkeiten sollen diese auf keinen Fall in direkten Bezug zu der Geschichte des Santoriums und den von Herrn Waltrich geschilderten Verbrechen gegen die Menschlichkeit gestellt werden.
F.-J. Paulus
| zuletzt aktualisiert am 07.10.1999 - © ÖKOSTADT e. V. | ÖKOSTADT-Nachrichten |