Als Ergänzung und Vervollständigung der Geschichte der Heilanstalten in Hohenlychen ein Auszug aus der Geschichte des Hospitals Hohenlychen vom stellvertretenden Kommandeur dieses Hospitals, Nikolaj Kurtenok, übersetzt von Dr. Ulrich Hantke (und mit dessen freundlicher Zustimmung) vom 24.6.1993:
Nach Auskunft von Nikolaj Kurtenok waren von 1945 bis 1947 verschiedene sowjetische Sanitätseinheiten
in Hohenlychen disloziert. Sie unterhielten dort Infektionsabteilungen und unterstanden dem Stab in
Fürstenberg.
Nach dem Traditionsverständnis der im Hospital in Hohenlychen ansässigen Einheit wurde das Hospital als
sowjetisches Feldlazarett mit 200 Betten und einem Personalbestand von 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
während des Krieges am 9. März 1943 in Kostroma gegründet. Im Juli des gleichen Jahres war es in Kursk und
wurde dem Stab der Mittelfront unterstellt. Das Lazarett war seinem Profil nach ein chirurgisches, aber von
Anfang an versorgte es auch Haut- und Geschlechtskranke. Im weiteren Verlauf des Jahres 1943 befand sich das
Hospital im Kursker und Brjansker Gebiet. 1944 wurde das Militärlazarett an Orte in Weißrußland und Polen
verlegt. Vom 10. Februar bis 12. August 45 befand es sich in der Stadt Manzenberg und in Waldsieversdorf in
Deutschland. Die Zahl der Krankenbetten verringerte sich auf 100. Vom 12. August 45 bis zum 5. Juni 46 befand
sich das Hospital in Werder/Havel und wurde von dort bis zum März 47 nach Falkensee bei Berlin verlegt.
Im März 47 übersiedelte das Militärlazarett in die ehemaligen Heilanstalten in Hohenlychen. Das Hospital unterstand ab dieser Zeit dem Stab der 2. Garde-Panzer-Armee. Zunächst unterhielt das Lazarett 200 Krankenbetten. Im Januar 53 wurde eine gynäkologische Abteilung eröffnet. 1954 betrug die Bettenkapazität bereits 300. Im gleichen Jahr kam eine Kinder-Infektionsabteilung hinzu. Eine Geburtshilfestation mit 15 Betten wurde 1955 eröffnet und im folgenden Jahr eine Kinderabteilung für nicht-infektiöse Fälle mit ebenfalls 15 Plätzen. Zur besseren Versorgung der Patienten wurde 1956 eine eigene Röntgenabteilung mit transportablen Geräten geschaffen und 1968 kam eine stomatologische Behandlungseinrichtung hinzu.
1970 wurde das Hospital auf 330 Betten erweitert, 1986 auf 400. 1982 wurde für das Personal ein Neubau
mit 5 Etagen und 70 Wohneinheiten geschaffen und es entstand ein Heim für Ledige auf dem Gelände.
Im August 1993 zogen die russischen Soldaten ab, am 31.8.93 ging die sowjetisch-russische Zeit der
Heilanstalten zu Ende.
Mit der Besetzung Lychens am 29. April 1945 durch die Rote Armee war zwar der Krieg für unsere Gegend zu Ende, aber natürlich nicht die Geschichte der Heilstätten, fielen sie doch völlig unversehrt in die Hände der Sieger. Da das Lazarett nur zwei Tage vorher überhastet geräumt worden war, konnten keinerlei Geräte mitgenommen werden, denn man war froh, Verwundete und Betreuungspersonal gerettet zu haben. Man hätte meinen können, daß die Russen froh gewesen wären, für ihre Leute ein völlig intaktes Lazarett vorzufinden. Stattdessen wurden die wertvollen Geräte aus den Verankerungen herausgerissen, besonders im Lungensanatorium von Dr. Heißmeyer. Was dann noch brauchbar war, wurde mitgenommen (von den Lychenern nach dem damaligen Kommandanten "Klaukommando Nasarow" genannt).
Was in den nächsten Tagen nach der Eroberung auf dem Gelände der Heilstätten geschah, ist heute nicht mehr genau rekonstruierbar. Von den vier Personen, die die Russen in Hohenlychen erschossen, lebten vorher drei auf dem Gelände, zwei Männer und eine Frau. Zweifellos mußten sie nicht ihr Leben lassen, weil sie irgend etwas mit den Versuchen in Ravensbrück zu tun hatten, wie das einige in Lychen wissen wollen. Die Opfer hatten nach meinen Erkenntnissen mit dem gesamten Betrieb überhaupt nichts zu tun. Die beiden Männer waren Vater und Schwiegervater eines Arztes der Heilanstalten, die sich hier bei ihren Verwandten nur wegen der Bombenangriffe aufhielten. Es ist nicht einmal bekannt, wann sie erschossen wurden. Alle liegen, da sie keine Angehörigen in Lychen hatten, im Massengrab auf dem Friedhof in Hohenlychen. Als Todestag wird im Gräberbuch des Friedhofs für Frau Kelch der 29. April, also der Tag des Einmarsches angegeben, für die beiden Männer der 1. Mai. Im Sterberegister der Kirche ist für alle der 4. Mai als Todestag vermerkt.
Der erste, der sich nach dem Einmarsch der russischen Streitkräfte auf das Gelände der Heilanstalten wagte, um Kontakt zu den Siegern aufzunehmen ("Organisierer" gab es vorher schon, zumal dort riesige Mengen an Bettwäsche vorhanden waren), war wahrscheinlich der Zahnarzt Kurt Krasemann. Als ein Mann, der schon den Ersten Weltkrieg und die Zeit danach miterlebt hatte, wußte er, daß nach Kriegen Seuchen ausbrechen. Um dagegen gewappnet zu sein, ging er mit einer Helferin in die Anstaltsapotheke, um sich einzudecken, denn die Lychener Apotheke war abgebrannt und in den Heilstätten gab es genügend Medikamente. Beim Durchsuchen der Bestände wurde er von den Russen überrascht, was aber keinerlei negative Folgen für ihn hatte. Im Gegenteil, man wurde sich schnell handelseinig. Jeder sollte die Medikamente nehmen, die er benötigte. Da die Russen die Packungsaufschriften nicht lesen konnten, kam man notwendigerweise ins Gespräch, soweit das überhaupt möglich war. Da Herr Krasemann sich als "Dentist" zu erkennen gab, wurde er sofort gebeten, die Zahnstation zu übernehmen. Er sagte ebenso umgehend zu und kümmerte sich fortan um die Zähne der Besatzer. Als Bezahlung dafür gab es anfangs Lebensmittel, später wurden alle Mitarbeiter mit Alliiertengeld entlohnt. Für sich durfte er ein transportables Bohrgerät mitnehmen, so daß er auch deutsche Patienten in der Berliner Straße zahnärztlich betreuen konnte. Da nach und nach immer mehr Deutsche in Hohenlychen eingestellt wurden, bildete man einen Betriebsrat (Vorsitzender Herr Niederlag), der gleichzeitig auch eine Art deutsche Betriebsführung war.
Bedingt "durch eine Falschmeldung der Polizeiverwaltung Lychen" (wahrscheinlich verantwortlich Polizeimeister Rudolf Maass, KPD), wonach die Heilanstalten als Privatvermögen der NSDAP angegeben wurden, sind die gesamten Heilstätten "auf Grund des Befehls Nr. 124 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland am 5. August 46 enteignet und das Betriebsvermögen beschlagnahmt worden". Die Enteignungsurkunde dazu ist allerdings erst am 15. Juli 48 ausgestellt worden.
Auf Grund dieser neuen Besitzverhältnisse wurde ein "Treuhänder" für das gesamte Vermögen der Heilanstalten eingesetzt, und zwar in der Person eines Herbert Klaus (vormals eingestellt als Buchhalter in der Verwaltung der Heilstätten am 24.8.38). Da dieser eine etwas eigenartige Auffassung von treuhänderischer Verwaltung hatte (Stadtverwaltung: "Unseres Erachtens ist diese alles andere als korrekt"); wandte sich "der Gemeinderat der Stadt Lychen" am 24.8.49 an das Innenministerium des Landes Brandenburg, Abteilung zum Schutze des Volkseigentums, "um endlich einmal in dem zweifelhaften Betrieb Ordnung zu schaffen". Da nichts geschah, fand am 4.2.50 im Zimmer des Bürgermeisters Roßmann eine "Besprechung betr. Klärung der Besitzverhältnisse der Heilanstalten Hohenlychen statt", bei der merkwürdige Dinge zum Vorschein kamen. So ist "Herr Klaus zunächst von dem verstorbenen Leiter der KPD und späteren Bürgermeister Walter Liesegang als Treuhänder eingesetzt und später auch vom Bürgermeisteramt Lychen bestätigt worden. Noch etwas später erfolgte die Bestätigung durch die Landesregierung. Herr Klaus hat in seiner Eigenschaft als Treuhänder der Landesregierung gegenüber Abrechnung vorzulegen. Eine Abrechnung ist aber nach Angaben des Herrn Klaus bis zum heutigen Tag nicht erfolgt, weil es angeblich noch nicht erforderlich war". Das heißt, Herr Klaus hat 5 Jahre lang in die eigene Tasche gewirtschaftet, ohne jemals Rechenschaft abzulegen, ohne daß jemand gegen dessen "treuhänderische Tätigkeit" eingeschritten wäre. Außerdem betrieb Klaus "als Verkäufer einen selbstständigen Laden in der Stadt. Die Genehmigung hat er hierfür von dem damaligen Bürgermeister Landolf (in dieser Funktion vom 27.12.45 bis 25.10.49) erhalten. Eine Gewerbegenehmigung liegt nicht vor".
Ob auf Grund dieses Protokolls oder noch anderer Vorkommnisse zugegriffen wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls ging alles sehr schnell und aus einem Schreiben vom 21. Februar 50, also knapp 3 Wochen nach der "Besprechung", geht hervor, daß "sich in der Zwischenzeit mit Herrn Klaus, dem derzeitigen Treuhänder" einiges ereignet hat, indem er bereits hinter Schloß und Riegel saß. Es ist aber nicht bekannt, ob und wie er verurteilt wurde.
Leider war er wohl nicht der einzige , der versucht hat, im Trüben zu fischen; allein, ohne daß er von höherer Stelle gedeckt wurde, hätte er nichts erreichen können. Aus anderen Dokumenten dieser Zeit der Raubritter geht hervor, daß die damaligen Bürgermeister entweder noch rechtzeitig via Westberlin verschwanden oder - soweit sie hier blieben - nicht gerade in Ehren aus ihren Stellungen entlassen wurden. Wieweit bei diesen Unregelmäßigkeiten auch Vermögen der Heilanstalten in Mitleidenschaft gezogen wurde, läßt sich heute nicht mehr ermitteln.
Die weitverbreitete Meinung, die Stadtväter von Lychen hätten nach 1945 nichts für die Rettung der Heilanstalten unternommen, ist nicht zutreffend, zumal wenn man bedenkt, daß sie zu der Zeit einen sehr geringen Spielraum hatten. Wieviel Vorstöße unternommen wurden, ist leider nicht bekannt. Mir liegt nur einer vor und zwar vom 5. Februar 47. Um zu imponieren, wurde alles herangezogen, was Rang und Namen hatte, sowohl in der Stadt wie auch im Kreis. Für alle Unterschriften und Siegel wurden allein 1 1/2 Seiten benötigt. Adressiert wurde es auch gleich an die richtige Anschrift "Landtagsfraktion der SED in Potsdam". Man wußte wohl damals, an wen man sich wenden mußte, wenn man etwas erreichen wollte. Das Anliegen wurde gleich in der Überschrift angesprochen: "Freigabe der Heilanstalten durch die Rote Armee".
Durch die Unterzeichner wurde recht geschickt argumentiert, denn man hatte nach eigener Ansicht einen Trumpf in der Hand, der gewichtig war: Durch den Luftangriff 1944 auf Templin hatte "der Kreis Templin kein geeignetes Krankenhaus mehr, um die Kranken des Kreises auch nur einigermaßen unterzubringen" - und Lychen hatte die Lösung für dieses Problem, nämlich den Komplex der Heilstätten in Hohenlychen. Die einzige Schwierigkeit: die waren durch die Russen belegt. Blauäugig glaubten sie, "daß sich die SMA (Sowjetische Militäradministration) zweifellos nicht weigern wird, eine restlose oder teilweise Räumung der Anstalten zu prüfen und zu erwägen, wenn seitens der Regierung auf die Trostlosigkeit der Unterbringung (nämlich der deutschen Kranken) mit dem entsprechenden Nachdruck hingewiesen wird". Mit anderen Worten: Wenn ihr den Russen die schlimmen Verhältnisse nur gründlich genug darlegt, werden sie schon von sich aus auf die Heilstätten verzichten. Die geeignete Munition wollte man mit diesem Brief schon liefern.
Da man wußte, daß die Sowjets große Angst vor ansteckenden Krankheiten hatten, wurde gleich zu Anfang auf die große Anzahl von Tbc-Kranken hingewiesen. Allein im Kreis Templin seien es 1.000, "die nicht isoliert untergebracht und der Krankheit entsprechend behandelt werden können. Diese Kranken bilden die größte Gefahr für eine weitere Ausbreitung der Tuberkulose". Man schlägt nun vor, "die Heilstätten Hohenlychen mit ihren Einzelhäusern wieder für zivile Zweck zur Verfügung" zu stellen. Man empfiehlt, "sofort 1 oder 2 Stationen mit etwa 200 bis 250 Betten als neues Kreiskrankenhaus einzurichten". Eine weitere Station mit rund 120 Betten, die früher bereits als Abteilung für innere Tbc bestand, kann wieder als solche Verwendung finden. Um der Tbc- Seuche Einhalt zu gebieten, ist es weiterhin durchaus möglich, auch die anderen vorhandenen Abteilungen mit derartigem Krankengut zu belegen. Dadurch könnten weitere 600 Kranke aufgenommen werden".
Als zweites wichtiges Argument für die Räumung der Heilanstalten durch die Rote Armee wird die Arbeitslosigkeit angeführt, "da die Stadt Lychen zu 50% zerstört, ihre Industrie restlos demontiert wurde. Die in den Hospitälern der Roten Armee beschäftigten Arbeitskräfte werden bis auf wenige Spezialisten entweder nicht oder nur unzureichend oder unregelmäßig entlohnt. Werden dagegen die Anstalten wieder ein deutscher Betrieb, dann wird für die Stadt Lychen das Gespenst der Arbeitslosigkeit genommen." Um der Landtagsfraktion der SED Material in die Hände zu geben, das sie zur Argumentation gegenüber den Russen benutzen kann, wird auf die Geschichte der Heilstätten und deren Leistungsfähigkeit hingewiesen. Danach waren sie "ein Vermögensbestandteil des Volksheilstättenvereins vom Roten Kreuz, jedoch nie vollkommen eigener Vermögensverwaltung. Der Volksheilstättenverein wurde 1895 in Berlin gegründet und besaß zuletzt ein Vermögen von 1.300.000 RM, wovon 1.200.000 RM in den Heilstätten Hohenlychen angelegt worden waren. Das Vermögen des Vereins stammte aus Zuwendungen, Vermächtnissen, Stiftungen, Beiträgen und Beihilfen von Körperschaften, Sammlungen, Lotterien usw. Im Falle einer Auflösung des Vereins muß das Vermögen satzungsgemäß gemeinnützigen Zwecken zugeführt werden (demnach wären die Gebäude und Liegenschaften nicht verkäuflich). Mit dem Deutschen Roten Kreuz hatten weder der Volksheilstättenverein noch die Heilanstalten etwas zu tun." Als jährliche "Kurkosteneinnahmen" werden rund 2,5 Millionen RM angegeben.Dazu wird aufgelistet, welche Grundstücke zu den Anstalten gehören:
a) 10 klinische Abteilungen, darunter
Die Außenstation Waldfrieden kann wegen Demolierung abgeschrieben werden. In ihr konnten rund 120 Patienten untergebracht werden.
b) 6 technische Gebäude, darunter
c) 8 Grundstücke mit Dienstwohnungen
d) 1 Kapelle
e) 1 Gärtnerei mit Wohngebäude, Scheune, Schuppen, Stallungen und Treibhäusern
Neben einer großen Apotheke und einer eigenen Zahnstation unterhielt die Anstalt 2 moderne Röntgenstationen, ein Laboratorium sowie eine Bildstelle. Ein großer Sportplatz war sowohl für die Patienten wie auch für die Belegschaft angelegt worden. Die Turnhalle wurde neben ihrem sportlichen Zweck für Kinovorführungen, Unterhaltungsabende und Belegschaftsversammlungen benutzt. Am Zenssee unterhielten die Anstalten eine eigene Badeanstalt und ein Bootshaus. Die Patienten und ein großer Teil der Belegschaft wurden versorgt durchEin großer Lebensmittel-, Textilien-, Verbandsmittel-, Scheuermittel- und technisches Lager garantierte die reibungslose Weiterführung der Anstalten bei unvorhergesehenen Fällen für eine lange Zeit. Die Anstalten sind an das MEW (Märkisches Elektrizitäts-Werk) angeschlossen. Durch ein Notstromaggregat mit einem 150 PS- Dieselmotor ist sie jedoch in der Lage, bei einem Ausfall des Stromes die Anstalten mit eigenem Strom zu versorgen. Ein eigenes Wasserwerk versorgt die Anstalten und die Stadt mit einwandfreiem Trinkwasser. Mit unserer Hochdruckkesselanlage - 260 Quadratmeter Heizfläche - wurden die meisten Abteilungen durch eine Fernheizung mit Heizdampf und die Küchen mit Kochdampf versorgt.
In den Anstalten waren 850 belegungsfähige Krankenbetten und 50 Notbetten vorhanden. Bei einer wirtschaftlichen Ausnutzung aller Räume kann die Belegungsfähigkeit wesentlich erhöht werden. Beschäftigt wurden rund 370 Belegschaftsmitglieder. Während die Dampfkesselanlage, die Maschinenanlage der Wäscherei, die Dieselanlage, die Zahnstation und das Wasserwerk in Ordnung und Betrieb sind, wurde zu Beginn der Besetzung der Anstalten die gesamte Inneneinrichtung von früheren Einheiten der Roten Armee entweder mitgenommen oder zerstört. Operations- und Röntgeneinrichtungen wurden ausgebaut und weggeschafft. Die jetzt hier befindlichen Hospitäler (zum Zeitpunkt des Schreibens werden deren vier, voneinander unabhängige genannt) haben ihre Einrichtungen zum größten Teil selbst mitgebracht. Es muß also damit gerechnet werden, daß sie bei der Räumung der Anstalten, bis auf die vorher genannten technischen Einrichtungen, vor vollkommen leeren Häusern stehen". Es wird in dem Schreiben noch darauf hingewiesen, daß der gesamte Besitz des Volksheilstättenvereins entschädigungslos enteignet wurde ("wogegen Verwaltung und Betriebsrat Einspruch erhoben") und "daß die Anstalten seit langer Zeit äußerst schwach mit Kranken der Roten Armee belegt sind". Zum Schluß heißt es: "Wer nun einmal künftiger Besitzer oder wer einmal die Anstalten wieder in Gang bringen und betreiben wird, interessiert hier vorerst die Unterzeichneten nicht, wichtig und von ausschlaggebender Bedeutung ist an erster Stelle allein nur ein intensives Betreiben auf Räumung der Anstalten im Interesse der Gesunderhaltung der werktätigen Bevölkerung". Das war der Antrag der Lychener Stadtverwaltung, des Landrates, der Ärzte und aller gesellschaftlichen Kräfte vom Februar 1947 an die Landtagsfraktion der SED in Potsdam. Eine Reaktion auf dieses Schreiben ist bisher nicht aufgefunden worden. Daß es überhaupt eine gab, ist eher unwahrscheinlich. Wer die Zeit und die Umstände kennt, der weiß, daß die damals maßgebende Partei kaum fordernd an die Sowjetische Militäradministration herangetreten ist, eher hat sie die Lychener zurechtgewiesen. Für uns ist dieses Schreiben aber wichtig, zeigt es doch noch einmal in aller Deutlichkeit, was wir in Hohenlychen verloren haben.Es folgt noch die Auswertung des Personalbuches der Heilanstalten, das aus unerfindlichen Gründen als einziges Original-Material aus Hohenlychen erhalten geblieben ist und im Archiv der Stadt Lychen aufbewahrt wird. In ihm sind alle Personen aufgeführt, die in den Heilstätten beschäftigt waren; ausgenommen sind Krankenschwestern, die dem DRK angehörten. Neben Namen, Geburtsdaten, Religionszugehörigkeit, Tätigkeit, Abteilung, nächsten Angehörigen, letzter Arbeitsstelle sind noch der Beginn der Beschäftigung und der Grund der Beendigung des Arbeitsverhältnisses aufgeführt.
Das Personalbuch beginnt mit dem 1. Januar 1925 und endet mit der letzten Eintragung vom 22.10.1940. Die ersten Eintragungen sind rückwirkend, d.h. sie betreffen auch Einstellungen von vor dem 1. Weltkrieg, sofern diese Personen zu diesem Zeitpunkt noch in den Heilanstalten tätig waren. Unter ihnen waren auch so bekannte Lychener wie Wilhelm Grätz ("eingetreten als Gärtnergehilfe am 17.3.1913, jetzt Obergärtner und Leiter der Ländlichen Kolonie, Abt. VII") und Paul Sauer (Eintritt 22.5.1914 und seit 1.1.1925 Oberwärter). Unter den Ärzten sind es Prof. Dr. Eugen Kisch ("Leitender Arzt der Heilanstalten für äußere Tuberkulose in den Abt. VII, VIIb, VIIa und XV; Tag des Eintritts 1.1.1914; Grund des Austritts: seit dem Judenboykott aus Deutschland geflohen") und Sanitätsrat Dr. Adolf Koch ("Ärztlicher Direktor der Heilanstalten und Leitender Arzt des Auguste-Viktoria-Sanatoriums, Abt. XIV, seit 1.10.1918, bis 15.8.1933 in Ruhestand"). Diese beiden äußerst tüchtigen Ärzte wie auch der sehr fähige Verwaltungsdirektor Walther Neumann (seit 21.6.1919), der die Heilanstalten über die wirtschaftlich und finanziell sehr schwierige Inflationszeit brachte und ihr eigentliches Überleben sicherte, waren Opfer des von den Nationalsozialisten eingesetzten "Leiters der Verwaltung der Heilstätten" vom 1.5.1933 bis 15.11.1933 (ausgeschieden ohne Begründung, wahrscheinlich weil das Ziel erreicht war) Heinz Eduard Wehner. Dieser als Kommissar eingesetzte Nazi, an den sich in Lychen wahrscheinlich keiner mehr erinnert, denn er war nur ein halbes Jahr im Amt, hatte wohl die Aufgabe, die Heilanstalten zu "säubern". Bei Neumann heißt es wörtlich: "Durch Kommissar Wehner beurlaubt und später entlassen"). Wahrscheinlich wurde auch ein bekannter Lychener Sozialdemokrat, der Schlosser Hermann Kaatz, der zu dieser Zeit Stadtverordneter und Magistratsmitglied (Ratmann) war, von ihm entlassen (am 19.9.1933; Grund: "Wegen besonderer Vorkommnisse"). Sobald dieser "Kommissar" verschwunden war (15.11.1933), wurde Hermann Kaatz wieder eingestellt (11.12.1933). Ob noch andere Ärzte, Verwaltungsangestellte und Arbeiter von Wehners Säuberungsaktionen betroffen waren, geht aus den kurzen Notizen im Personalbuch nicht hervor. Die freigewordenen Arztstellen wurden bald durch geeignete "linientreue" Kandidaten besetzt, so ab 4.7.1933 für Kisch Dr. Kurt Heißmeyer als Oberarzt (Onkel war SS-Obergruppenführer = General; er selbst wurde wegen tödlicher Experimente an Kindern 1966 zu lebenslanger Haft verurteilt); ab 1.11.1933 für Koch als Chefarzt Dr. Karl Gebhardt (SS-Gruppenführer, wird 1947 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet).Bei weiteren Neueinstellungen achtete man auch auf die Gesinnung. So wurden eingestellt: ab 23.8.1935 Dr. Richard Schulze, Oberarzt und Dozent (SS-Standartenführer), ab 15.4.1936 Dr. Ludwig Stumpfegger (wird Leibarzt von Hitler und Goebbels, soll an der Blausäure-Tötung der Goebbels-Kinder beteiligt gewesen sein; versucht in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 aus dem Berliner Führerbunker auszubrechen, wird dabei vermutlich getötet: seine Papiere werden später nach Auffinden der Leiche nach Lychen geschickt, da hier sein letzter Wohnsitz war), ab 20.10.1936 Dr. Wilhelm Bayer, Oberarzt (in den Papieren als "alter SS-Mann" bezeichnet, SS-Ober-sturmbannführer), ab 1.5.1937 Dr. Karl Brunner, Oberarzt (SS-Obersturmbannführer), ab 1.7.38 Dr. Josef Köstler, Oberarzt und Dozent (SS-Obersturmbannführer). Den geschassten Verwaltungsdirektor Neumann löste der Ingenieur Hans Bauer (später SS-Obersturmbannführer) ab (er leitete auch die baulichen Veränderungen Hohenlychens), ihm folgte als Verwaltungsdirektor 1937 Bernhard Freuer.
Warum die Eintragungen in diesem Personalbuch im Oktober 1940 eingestellt wurden, ist unbekannt, ebenso, ob ein neues angelegt wurde - zumindest ist bis heute keines aufgetaucht. Merkwürdig ist noch eine andere Angelegenheit: Da die Räumung des Lazaretts Ende April überstürzt erfolgte, konnte natürlich nicht die Beendigung des Arbeitsverhältnisses eingetragen werden. Nur bei einer Krankengymnastin ist es der Fall: mit Bleistift ist das genaue Datum der Räumung eingetragen, der 27.4.1945. Ob das der Retter des Personalbuches getan hat?In der Biographie Professor Sauerbruchs ("Das war mein Leben", Knaur-Verlag 1993, S. 436) fand ich zu unserem Thema folgende Stelle: "In diesen Tagen (um den 20. Juli 1944, Sauerbruch wurde von der Gestapo verdächtigt, an der Verschwörung gegen Hitler beteiligt zu sein, einer seiner Söhne war deshalb auch verhaftet worden) erhielt ich eine Warnung von Gebhardt. Es war einst mein Schüler gewesen; jetzt stand er der Anstalt in Hohenlychen vor und war der SS verbunden.
Himmler war als Patient bei ihm in Behandlung, und da hatte er allerhand erfahren. Ich sollte nicht versuchen, in die Schweiz zu kommen, riet er mir eindringlich. Man wisse, daß ich Freunde dort habe (Sauerbruch lebte mehrere Jahre in Zürich), man werde mich an der Grenze aufhalten und mir die versuchte Flucht als ein Indiz für meine Mitschuld auslegen. Professor Gebhardt versprach noch, sich für mich zu verwenden. Dann hat er sich mir gegenüber außerordentlich anständig verhalten. Er überzeugte Hitler von meiner völligen Unschuld. Die Untersuchung gegen mich wurde eingestellt, auch mein Sohn Peter verließ das Gefängnis. Gebhardt wurde dann später neben anderen Ärzten, darunter auch meinem ehemaligen Schüler Brandt, in Landsberg aufgehängt. Der Aufschub der Vollstreckung dieser Todesurteile kam damals nur um einige Minuten zu spät." Soweit Prof. Dr. Sauerbruch, der damals wohl berühmteste Arzt Deutschlands, vielleicht sogar Europas. Da ich aber nirgendwo etwas über eine eventuelle Begnadigung Gebhardts finden konnte, wäre ich dankbar, wenn mir jemand eine andere Quelle als Bestätigung nennen könnte, damit keine irreführenden Legenden entstehen.Hans Waltrich
Der erste Teil in Heft 27: Gründung der Heilanstalten und Entwicklung bis 1927 + Finanzierung, Umgestaltung durch die Nationalsozialisten
Im vorherigen Heft: Der Ausbau der Heilstätten zwischen 1933 und 1937 + Auszeichnungen und Ehrungen in Hohenlychen, das Kriegsende
| zuletzt aktualisiert am 07.10.1999 - © ÖKOSTADT e. V. | ÖKOSTADT-Nachrichten |